Re: BB’s cineastisches Hinterzimmer

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blitzkrieg-bettina

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Obsluhoral jsem anglického krále (Ich habe den englischen König bedient), 2006, Jiri Menzel

„Ich habe den englischen König bedient“ ist eine Art filmischer Schelmenroman über den Aufstieg und Fall des kleinwüchsigen Hotelpagen Jan Díte in den Wirren des 2. Weltkriegs.

Jan beginnt seine berufliche Laufbahn in einer Kleinstadtpommesbude, steigt aber schon bald zum Oberkellner des vornehmen Hotels „Pariz“ auf, und bedient unter anderem den Kaiser von Abessinien. Jan ist fasziniert von der mondänen Atmosphäre, da er schon von klein auf keinen grösseren Wunsch hat als zu Reichtum zu kommen.
Da er durch sein unglaubliches Glück schnell Karriere macht, trifft ihn der Neid seiner Kollegen, doch er findet auch die Liebe der Sudetendeutschen Lisa, blondbezopft von Julia Jentsch dargestellt. Lisa ist eine glühende Verehrerin von Adolf Hitler, und bejubelt selbstverständlich die Besetzung der Tschechoslowakei durch deutsche Truppen.
Obwohl er Tscheche ist wird Jan dazu auserwählt der Samenspender für Lisas arische Zuchtpläne zu werden, und sie heiraten schliesslich. Von ihrem Dienst als Krankenschwester an der Front bringt sie Briefmarkensammlungen mit, die sie deportierten jüdischen Familien entwendete, und plant diese als Startkapital für einen Neuanfang nach dem Krieg zu verwenden. Jan bedient in der Zwischenzeit in einem Lebensborn blonde Schönheiten.
Alles scheint optimal zu verlaufen für das Ehepaar Díte, doch dann wird Lisa von sowjetischen Bomben getroffen, Jan führt zwar nach dem Krieg sein eigenes Hotel, wird allerdings nach Machtübernahme der Kommunisten für 15 Jahre inhaftiert.

Jiri Menzel versteht es meisterhaft die Absurditäten der Geschichte einzufangen, auch erzähltechnisch hervorragend, die oben erzählte Handlung wird regelmässig mit Szenen die den alten Jan Díte inmitten seiner ehemaligen Mithäftlinge zeigen kontrastiert. Gerade weil Menzel auf ein erwachsenes Publikum vertraut, und er auf die Kunst der Subtilität setzt auf jeden Pathos verzichtet welcher Filmen zu dieser Thematik ja häufig zu eigen ist, entdeckt man in vielen Szenen gleichzeitig einen leisen Humor und eine groteske Absurdität. Als Beispiele seien genannt als Jan den Geschlechtsakt mit Lisa vollzieht um einen potentiellen Übermenschen in die Welt zu setzen, er bekleidet mit dem Orden den er vom äthiopischen König verliehen bekam, sie andächtig auf ein Hitlerbild starrend. Oder auch Jan im Lebensborn: Zuerst umringt von nackten, nordischen Schönheiten, welche darauf warten dem neue Soldaten gebären zu dürfen, und die in dem sie bedienenden kleinen Tschechen eine Art Maskottchen sehen, und danach- nach Kriegseinbruch – im selben Schwimmbecken ebenfalls nackte Kriegsinvalide mit fehlenden Armen und Beinen. Auch Lisa ist ja eindeutig als Karikatur angelegt, mit ihren blonden Zöpfen, ihrer absoluten Ergebenheit dem „Führer“ gegenüber, und ihrer ziemlich seltsamen Liebesbeziehung zu Jan.

Ich habe mich jetzt nicht so mit dem Thema befasst, aber ich könnte mir vorstellen das es Menzel, (beziehungsweise Bohumil Hrabal, dem Autoren der Romanvorlage) auch darum ging anhand der Figur des Jan eine Art Parabel auf das Verhalten vieler Tschen und Slowaken während der NS-Beatzungszeit zu finden. Oder vielleicht vielmehr auf Pragmatismus, Mitläuferei und Gewinnstreben bei gleichzeitigem Hinwegsehen über jede moralische Grenzen generell. Sollte dem so sein wäre hier wieder der Pluspunkt das er dermassen subtil vorgeht das man einerseits nie zum Komplizen von Jan wird, andererseits doch eine gewisse Grundsympathie bleibt. Jan Díte tritt wie eingangs erwähnt die Nachfolge der klassischen Helden von Schelmenromanen an, dazu gehört wohl auch das er sich persönlich nicht verändert, sondern vielmehr zum Spiegel seiner Zeit, seiner Gesellschaft wird. Figuren wie Lisa sind handelnd und treiben die Story aktiv voran, Jan kommt weiter obwohl er selber kaum etwas beiträgt. Eine sehr interessante Erzählweise, die hier ideal zum Tragen kommt, da Jan in den einzelnen Systemen (die Dekadenz eines Luxushotels, die NS-Zeit, die Schikanen durch die neuen Machthaber) fast ohne jede Eigeninitiative auf- und absteigt, das Publikum kann sich mit wie gesagt mit ihm identifizieren, bleibt aber trotzdem auf Distanz da Jan auf seltsame Weise nicht wie eine wirkliche Figur erscheint.

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Man hatte uns als Kindern das Ende der Welt versprochen, und dann bekamen wir es nicht.