Re: BB’s cineastisches Hinterzimmer

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blitzkrieg-bettina

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Bully (Bully – Diese Kids schockten Amerika), 2001, Larry Clark

Larry Clark, der in den Siebzigern mit Fotobänden wie „Tulsa“ die Lebenswelt Jugendlicher in einer bis dato ungesehenen Direktheit dokumentierte ( Martin Scorsese war dies übrigens Inspiration für „Taxi Driver“) – später folgten dann „Teenage Lust“ und „Perfect Childhood“ – sorgte mit seinem Debütfilm „Kids“ von 1995 für einiges Aufsehen. Die drastische Sprache, relativ freizügige Szenen und die Thematisierung von AIDS entzweiten die Kritik und machten den Streifen zum Kultfilm.
Noch ein paar Schritte weiter ging er 2001 mit „Bully“ und 2002 mit „Ken Park“.
Während in „Kids“ vieles noch vergleichsweise dezent daherkam – die Sexszenen, die jugendliche Langeweile, der pubertäre Sexismus – wird in diesen Filmen keinerlei Wert auf Subtilität gelegt, bis an die Grenzen zur Satire, die Filme werden quasi aufs wesentliche skelettiert, um ohne Umschweife zu Clarks Lieblingsthemen Sex, Gewalt, Hoffnungslosigkeit des Teenagerdaseins und Ausgeträumtsein des „American Dream“ zu kommen.
Das mag man in seiner Plakativität für überzogen, effekthascherisch oder gar albern halten, doch ich denke Clark ist jemand der zumindest für Diskussionen (und sei es ob man seine Filme überhaupt ernst nehmen soll) immer gut ist.
„Bully“ um den es hier gehen soll handelt von der wahren Geschichte des eines Mordes welcher 1993 in Florida von einer Clique Jugendlicher begangen wurde. Im diesem Fall nun heissen die Hauptfiguren Bobby Kent (Nick Stahl) und Marty Puccio (Brad Renfro). Bobby, der titelgebende Bully (was soviel wie Halbstarker, Schläger bedeutet) terrorisiert seinen Freund Marty bei jeder sich bietenden Gelegenheit, vergewaltigt dessen Freundin und lässt ihm noch unzählige weitere Demütigungen zukommen. Selbstverständlich platzt bei Marty irgendwann die Hutschnur und er sucht sich Leute zusammen um Bobby zu töten, wobei ihnen auch der Gangster Derek Kaufman behilflich ist. Nachdem dem zweiten Versuch gelingt der Mord endlich und Bobbys Leiche wird – da der Mord am Strand geschieht – den Flusskrebsen zum Frass vorgeworfen. Die Mordhandlung wirkt um einiges abstossender als es normalerweise im filmischen Zusammenhang zu beobachten ist da die Jugendlichen den Mord in völliger Kaltblütigkeit und Selbstverständlichkeit ausführen, womit Clark sicher so etwas wie eine Abstumpfung der heutigen Jugend durch übermässigen Medienkonsum aufzeigen oder gar kritisieren wollte. Beispielhaft einer der Mittäter – ein den ganzen Tag diverse „Killerspiele“ zockender Computernerd – welcher als er erfährt das Bobbys Leichnam von den Flusskrebsen vollständig verzehrt wird den sagenhaften Ausspruch macht: „Die Natur ist Scheisse!“ Ich denke extremer kann man den Widerspruch zwischen künstlich geschaffener Realität und „der Welt da draussen“ nicht auf den Punkt bringen.
Im darauf folgenden „Ken Park“ sollte Clark die Elemente die „Bully“ ausmachen dann ins Extrem führen.

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Man hatte uns als Kindern das Ende der Welt versprochen, und dann bekamen wir es nicht.