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Go1
Und in der letzten Strophe kann ich nicht viel Sinn erkennen – vielleicht ist es doch eher die Musik, die „ergreifend“ ist und nicht der Text?
„Blinde sind wie Kinder, deren Herzen man zerbricht, sie wollen auch im Winter nur ans Licht, nur ans Licht.“
Also: Kinder, deren Herzen man zerbricht, wollen auch im Winter nur ans Licht, und Blinde sind genauso. Die Frage ist, was das heißen soll. Wörtlich verstanden, ist es nur banal: Klar wollen auch Blinde mal raus in die Sonne und gerade im Winter ist es wichtig für das Wohlbefinden, dass man genügend Tageslicht bekommt; das hat aber nichts mit Kindern in Not zu tun und gilt nicht nur für Blinde. Also muss man das „Licht“ irgendwie anders verstehen. Wenn es um das „Licht der Erkenntnis“ gehen soll – und die anderen Strophen legen es nahe, an dieses uralte Sprachbild zu denken -, dann bleibt die Frage, wie der Winter ins Spiel kommt – das Streben nach Erkenntnis hat nichts mit Jahreszeiten zu tun. Und falls es nicht in erster Linie um die Aussage geht, sondern um das poetische Bild (das ist bei einem Songtext anzunehmen), dann sind diese Zeilen einfach nicht gut: Das „Licht im Dunkeln“ ist so ziemlich das älteste Klischee, das man auftreiben kann – daran haben sich schon die alten Propheten gewärmt („In der Dunkelheit scheint ein helles Licht“, Jesaja). Solche Sprachbilder gehören in einen Salzstock eingelagert und nicht in einen Songtext. Zumal hier auch noch die Kitsch-Warnlampe flackert, wie immer, wenn „Kinder“ und „Herzen“ im selben Satz auftauchen – das ist nur noch erlaubt, wenn es um Kardiologie geht.
Auch dann, wenn der Salzstock vielleicht gar nicht dicht ist und nur aufgrund gefälschter Gutachten…. äh, Entschuldigung.
Ich habe sehr gelacht, Go1. Auch wenn es Amadeus schmerzen mag, der Text verdiente es, auseinandergenommen zu werden. Gerade an den letzten Zeilen ist etwas unechtes, etwas, das mich vermuten lässt, dass hinter diesem Song keine echten Erlebnisse oder Erfahrungen stehen, sondern hier nur ein mit Emotionen behafteter Topos verarbeitet wird: Blinde erregen Mitleid bei Sehenden – und davon handelt dieses Lied. Mit Blinden oder Blindsein hat das nichts zu tun.
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Ohne Musik ist alles Leben ein Irrtum.