Re: Gute Texte – mit Begründung!

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Gang of One

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„Famous Blue Raincoat“ und „Weißes Papier“ gehören natürlich in diesen Thread, aber bei „Blinde Katharina“ bin ich mir nicht so sicher. Der Refrain kommt mir nicht besonders kunstvoll vor und beruht auf einem albernen Wortspiel mit „Sehen“ und „Einsehen“: „Nur weil ich vermute, daß ich sehend bin, brauch‘ ich doch nichts erkennen“. Freilich, aber Gehör und Tastsinn, mit denen Katharina sich orientiert, haben auch nicht mehr mit Erkenntnis zu tun (einem Akt des Denkens) als der Gesichtssinn – und was immer man von Katharina lernen kann, hat nichts damit zu tun, dass sie „im Dunkeln gehen“ kann. Der Gegensatz und die Umkehrung (die „Blindheit“ des Sehenden, der von der Blinden lernt, wie man „sieht“) funktionieren nur über dieses uralte Sprachbild der „Einsicht“, die Gewohnheit, Erkenntnis mit visuellen Metaphern zu umschreiben. Das ist kein origineller Einfall und es ist auch nicht besonders „erhellend“. Wenn man darauf einen Song aufbaut, steht der auf schwankendem Grund.

Und in der letzten Strophe kann ich nicht viel Sinn erkennen – vielleicht ist es doch eher die Musik, die „ergreifend“ ist und nicht der Text?
„Blinde sind wie Kinder, deren Herzen man zerbricht, sie wollen auch im Winter nur ans Licht, nur ans Licht.“
Also: Kinder, deren Herzen man zerbricht, wollen auch im Winter nur ans Licht, und Blinde sind genauso. Die Frage ist, was das heißen soll. Wörtlich verstanden, ist es nur banal: Klar wollen auch Blinde mal raus in die Sonne und gerade im Winter ist es wichtig für das Wohlbefinden, dass man genügend Tageslicht bekommt; das hat aber nichts mit Kindern in Not zu tun und gilt nicht nur für Blinde. Also muss man das „Licht“ irgendwie anders verstehen. Wenn es um das „Licht der Erkenntnis“ gehen soll – und die anderen Strophen legen es nahe, an dieses uralte Sprachbild zu denken -, dann bleibt die Frage, wie der Winter ins Spiel kommt – das Streben nach Erkenntnis hat nichts mit Jahreszeiten zu tun. Und falls es nicht in erster Linie um die Aussage geht, sondern um das poetische Bild (das ist bei einem Songtext anzunehmen), dann sind diese Zeilen einfach nicht gut: Das „Licht im Dunkeln“ ist so ziemlich das älteste Klischee, das man auftreiben kann – daran haben sich schon die alten Propheten gewärmt („In der Dunkelheit scheint ein helles Licht“, Jesaja). Solche Sprachbilder gehören in einen Salzstock eingelagert und nicht in einen Songtext. Zumal hier auch noch die Kitsch-Warnlampe flackert, wie immer, wenn „Kinder“ und „Herzen“ im selben Satz auftauchen – das ist nur noch erlaubt, wenn es um Kardiologie geht.

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To Hell with Poverty