Re: SOUNDS Nr. 2/08 (Rebellen)

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der-hofacker

Registriert seit: 07.04.2005

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Tach allerseits,

prima, dass SOUNDS Nr. 2 offenbar im Großen und Ganzen gefällt! :-)

Wir haben uns bei der Themenauswahl und der Umsetzung bis aufs Blut gestritten, und das hat dem Heft sichtlich gut getan. Ziel war es, für die üblichen Verdächtigen unter den Rebellen, also diejenigen, die in einem solchen Heft unvermeidbar sind (Elvis, Cobain, Morrison etc.), neue bzw. originelle oder nicht ganz so ausgelatschte Ansätze der Betrachtung zu finden. Gleichzeitig wollten wir auch überraschende Themen und Figuren (Lady Bitch Ray, Genya Ravan, Lydia Daher etc.) einbringen und Autoren finden, die mehr können als nur Biografien runterbeten, was mit Koryphäen wie Bruckmaier, Phillips und Leitner gelungen ist.
Es liegt in der Natur der Sache, dass der eine oder andere Kunde müde abwinkt und das alles uninteressant findet. Andere wiederum lassen sich gerne überraschen…

Ein paar Anmerkungen zu einzelnen Kritikpunkten:

1. Semmelrogge: Wir wollen gelegentlich auch mal über den Tellerrand des Musikmagazins hinausschauen. Im Fall Semmelrogge, unstrittig ein schillerndes enfant terrible der einheimischen TV- und Filmszene, fand ich das lohnend, da es tatsächlich einige interessante Parallelen zwischen ihm und Lemmy gibt. Außerdem fanden wir es spannend, den Blick eines „Fachfremden“ auf einen Rockhelden zu erkunden und drittens ist die Semmelrogge-Lesung des Buches nach kurzer Eingewöhnungszeit (die Stimme kann man zunächst kaum mit Lemmys Visage verbinden) echt klasse.
Im Übrigen verstehe ich all die Vorurteile gegen Semmelrogge nicht. Wir sollten froh sein, dass sich in der doch eher langweiligen und von glatten Gesichtern dominierten deutschen Schauspieler-Szene auch ein paar unangepasste Verrückte tummeln. Jedenfalls find ich Semmelrogge als Künstler zehnmal interessanter als Heino Ferch oder Jan Josef Liefers…

2. CD: Ich kann zwar verstehen, dass manche von der CD enttäuscht sind. Allerdings sollte man sich ein paar Dinge klarmachen: Man braucht für jeden Track (bis auf die, die älter als 50 Jahre sind) eine Lizenzgenehmigung. Und die rücken die Rechteinhaber bei Katalog-Material nur im absoluten Ausnahmefall raus (es sei denn, man zahlt sich dumm und dämlich), da sie da nicht unbedingt ein Promotion-Interesse haben. Insofern ist es kaum möglich, eine Art Rebellen-Best-Of zu machen, zumal es illusorisch ist, dafür Tracks von Promis wie z.B. Zappa, Nirvana oder Doors zu bekommen. Auch eine CD zum Thema DDR-Rock wäre unter den gegebenen Umständen nicht zu realisieren gewesen.
Genya Ravan übrigens hat den vorliegenden Track selbst ausgewählt und vorgeschlagen, an ihrem originalen Studiomaterial aus den 70ern hat sie selbst leider die Rechte nicht.
Charlie Feathers und Junior Walker sind auf der CD, weil diese Tracks Elvis in seiner Frühphase stark beeinflusst haben.
Lange Rede, kurzer Sinn: Wir bemühen uns, die Heftinhalte auf der CD ein bisschen zu illustrieren für diejenigen, die aus dem jeweiligen Genre oder von dem Künstler womöglich gar nichts kennen. Mehr ist leider nicht möglich, und nicht jedes Heftthema lässt sich ähnlich logisch auf der CD präsentieren wie die schwarze Musik.
Vielleicht müssen wir die Intention des CD noch etwas deutlicher vermitteln. Jedenfalls kann man von einer solchen Heftzugabe (nichts anderes ist sie: eine Gratis-Zugabe) realistischerweise nicht auch noch eine discographische Sternstunde mit Super-Sonder-Premium-Material und hohem Sammlerwert erwarten. Das wäre naiv.
In fact: Wir müssen um jeden einzelnen Track kämpfen und denken auch schon mal darüber nach, ob dieses Heft ohne CD nicht auch funktionieren könnte (Meinungen dazu?).

3. Grundsätzlich habe ich kein Verständnis dafür, dem Springer-Verlag Verrat an alten Rebellen-Träumen oder sonstwas nachzusagen, nur weil er heute, ein Vierteljahrhundert nach dem durchaus nachvollziehbaren Ende des originalen SOUNDS-Magazins, ein neues Heft herausbringt, das a.) ein völlig anderes Konzept hat, b.) keineswegs journalistisch anspruchslos ist und c.) vollkommen legitim den Titel SOUNDS trägt, da dieser im Rahmen völlig normaler Transaktionen schon vor vielen Jahren in den Besitz unseres Hauses gelangt ist.
Klar, bei Menschen, deren Weltsicht noch von den politischen Dispositionen der 70er Jahre geprägt ist, hat der Springer-Verlag kein gutes Image. Andererseits: Es ist ein ganz normaler Verlag, in dem auch politische Statements, die denen von BILD diametral gegenüberstehen, ohne weiteres möglich sind.
Ich finde, man sollte die gute alte SOUNDS-Leiche in Frieden ruhen lassen. Der Golf ist heute auch ein völlig anderes Auto als 1975. Und ein Publikum unter 40 interessiert die ganze Diskussion ohnehin nicht.

So viel von meiner Seite – ich freue mich auf die weitere Diskussion!
Noch was: Abgekanzelt wird hier niemand, und die ganze Redaktion freut sich über jedes einzelne Leser-Statement, auch die kritischen.
Wir sind schließlich noch am Anfang mit diesem Heft und müssen mit dem einzigartigen Konzept logischerweise bei den Lesern und auf dem Markt erst mal Erfahrungen sammeln.

Grüße an alle!

Ernst

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