Startseite › Foren › Die Tonträger: Aktuell und Antiquariat › Aktuelle Platten › Queen + Paul Rodgers: The Cosmos Rocks › Re: Queen + Paul Rodgers: The Cosmos Rocks
laut.de vergibt 2 von 5 möglichen Punkten:
„The Cosmos Rocks“. Ach nee. Was Roger Taylor und Brian May wieder alles wissen. Beeindruckend. Ein Wunder, dass sie uns nicht noch an ihren Gedanken zum neuen Teilchenbeschleuniger LHC teilhaben lassen. Wäre doch zumindest für den frisch diplomierten Physiker Brian May ein Kinderspiel gewesen.
Dass die Albumtitel „The Party Ain’t Over Yet“ und „Riffs“ schon an Status Quo vergeben waren, muss das neue Queen-Trio May, Taylor und Mercury-Novize Paul Rodgers ziemlich geschmerzt haben. Dafür scheint May wenigstens für das grausige Cover-Artwork noch mal seine Doktorarbeit über Licht und interplanetaren Staub rausgekramt zu haben.
Die Queen-Fangemeinde weiß es bereits seit 2005: Rund 300 Millionen verkaufte Platten und eine beispiellose Rock-Karriere sind keine schlüssigen Ruhestandsargumente für Musiker, die sich wie May und Taylor als Getriebene bezeichnen. Am Anfang folgten sie nur dem Lockruf der Bühne; dort angekommen, war das Aufnahmestudio nicht mehr weit.
„The Cosmos Rocks“, das erste Queen-Studioalbum seit 1995, ist zweifellos ein mutiger Schritt, den alle Beteiligten als Neuanfang verstanden wissen wollen. Selbstverständlich ist das ambitionierte Projekt Freddie Mercury gewidmet und an den ehemaligen Basser John Deacon gehen explizit „special thanks“ raus.
Dass man mit dem reunionresistenten Deacon nicht auf Kriegsfuß steht, soll die Geste verdeutlichen, dass man ihm auch ein Exemplar der Platte zukommen ließ, welches aber „ganz sicher unkommentiert bleiben wird“, wie May im Mojo Magazin dann doch süffisant anmerkt.
Die dort geäußerten O-Töne der Bandmitglieder – endlich wieder Spaß am Musikkreieren, insgesamt eine völlig neue, motivierende Erfahrung, Pauls Stimme Impulsgeber für den Kompositionsprozess – schüren trotz erhöhten Floskelaufkommens tatsächlich sowas wie ängstliche Vorfreude – und plötzlich röhrt „Cosmos Rockin'“ los, mit einer verfremdeten Roboterstimme wie weiland im „Kind Of Magic“-Opener „One Vision“. Neues Bandkapitel, soso.
Ganz sicher nicht neu, stattdessen erschreckend altbacken gestaltet sich die nun losholpernde, mit Handclaps gestützte Hardrock-Popnummer, die nicht nur aufgrund des Altmänner-Backgroundchors und erschreckend flachen Lyrics („We got the whole house rockin'“) den eingangs erwähnten Status Quo in nichts nachsteht.
Derweil setzt Rodgers – unabsichlich oder nicht – alles daran, Freddies unvergessene Stadionshouts zur Stimmungssteigerung zu nutzen. „Come down, let’s rock this place“ oder „Suck it to me“; da bleibt kein Allgemeinplatz unbesetzt. Merke: Rock’n’Roll never die! Music makes the world go round!
Beängstigend ist allerdings, dass sich diese Plattitüden dem Gesamtsound nahtlos anfügen. Denn fraglos enthält das Album Ingredienzien, die Queen-Fans seit Jahr und Tag elektrisieren. Doch wo die Band zu Mercury-Zeiten auf einen Vorkämpfer zählen konnte, der noch den übertriebensten Melodien-Kitsch und bodenständigste Rock-Arrangements locker abfing, klafft heute bei Queen-typischen Songs wie „Still Burnin'“ und „Some Things That Glitter“ eine tiefe Lücke, die es quasi unmöglich macht, den Oldies einen Freifahrtschein auszustellen.
Man will nicht glauben, dass die drei über alle Songwritingkünste erhabenen Herren wirklich ein pathetisches Schmonzstück wie „We Believe“ mit reinem Gewissen absegnen, das alle verdrängten Eigenheiten einer hymnischen 80er-Ballade inklusive Keyboardknödeln und emphatischem Friedensappell auffährt. Fehlt eigentlich nur die Refrainzeile: „Is this the world we created?“
Dabei gehts auch anders: Eine schöne, unprätentiöse (!) Atmosphäre gelingt dem Dreier im von Akustikgitarren dominierten „Small“, wo sie erstmals frei vom Legendendruck aufzuspielen scheinen. Daran kann man anknüpfen: Das lässige „Voodoo“ erinnert von Mays Gitarrenbehandlung an Santana, hier und da lugt auch Gary Moore durch. Rodgers‘ vielseitiges Organ rundet den gelungenen Song ab.
Und sonst? Das Single-Riff des spektakulär schwachen „C-lebrity“ geht in Ordnung, auf „Say It’s Not True“ darf jedes Bandmitglied mal ans Mikro und „Still Burnin'“ featuret ein kurzes, rhythmisches „We Will Rock You“-Intermezzo. Für die Fans. Für die Vergangenheit. Für Freddie. Am besten gleich die Special Edition mit der Live-DVD besorgen, die Band live in Japan, randvoll mit Queen-Songs. It’s a kind of tragic.