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@ nail
Daß Schwule zu diskriminieren, dumm ist und es nicht gerade für die Jamaikaner spricht, wenn sie sich einen Dancehall-Freizeitspaß daraus machen, Abfälliges über den battyman zu reimen, dürfte eigentlich klar sein. Das bitte nur mal fürs Protokoll.
Ich möchte mir jedoch von einem Volker Beck, der in seinem ganzen Leben keine zehn Minuten Dancehall-Musik gehört hat, erstens nicht die jamaikanische Gesellschaft erklären und zweitens nicht sagen lassen müssen, was ich hören darf und was nicht (vgl. hierzu Monika Griefahns Kampf gegen deutschen Rap mit gefaketen Zitaten Marke „Ich fick dich in die Urinblase“).
Die, die am lautesten schreien, haben in der Regel am wenigsten Ahnung von jamaikanischer Musik, und das ärgert mich an dieser Diskussion.
Zudem finde ich es extrem verlogen, wie sich die Wahrnehmung von früherem Reggae (als harmlose Feel-Good-Musik für die Grillparty oder den Nachmittag am Baggersee) zum heutigen Dancehall (extremistische Haßtiraden mit Schaum vor dem Mund und fieseste Mordaufforderungen am laufenden Band) schlagartig gewandelt hat.
Was war denn wohl früher mit dem herbeigesehnten Zusammenbruch Babylons gemeint, hm?
Rudeboy-Reggae war immer schon in höchstem Maße politisierte Musik, die Polizei, Kirche, Gesellschaft, Obrigkeit usw. ständig in den Lyrics angreift. Selbst bei Bob Marley haben damals schon (textlich) die Kirchen gebrannt, und dem Papst wurde sonstwas an den Hals gewünscht. Das gibt es nicht erst seit gestern.
Nur, warum zum Geier bei den Jamaikanern Schwule immer in einem Atemzug mit Polizisten, Priestern, Polizeispitzeln usw. genannt werden, wenn es darum geht, wem man das Fell über die Ohren zielen soll, das sollten wir uns mal fragen. Oder noch besser natürlich: die Jamaikaner würden sich das endlich mal selbst fragen. (Beenie Man hat sich dazu mal in einem Interview Gedanken gemacht. Natürlich fühlt er sich von den schwullesbischen Interessenverbänden zu Unrecht gebrandmarkt und verfolgt, denn seine Musik sei ja gar nicht schwulen- und lesbenfeindlich, sondern er prangere damit nur den Mißbrauch von Ghetto-Kindern und -Jugendlichen in seiner Heimat an. Zitat: „In Jamaika sind Schwule Vergewaltiger. Wohlhabende Männer gehen mit ihrem Geld in die Ghettos und holen sich dort diese jungen Kinder, die nichts besitzen. Und dann geben sie ihnen Geld und mißbrauchen sie. […] Bei uns im Jamaika ist es nicht so wie in England, wo zwei Männer zusammenleben.“ Was in seiner kruden Logik zumindest einigermaßen Sinn macht, denn dann sind es die Schwulen aus der Oberschicht, die in den Texten gekillt werden. Ich heiße das alles jetzt nicht gut, ich wollte nur mal einen Beitrag hier in den Thread stellen, der versucht, etwas Objektivität in die Sache zu bringen und auch die andere Seite beleuchtet, weil ich die Jamaikaner verstehen will statt sie nur aus meiner hohen Warte heraus zu verurteilen.)
Ich möchte jedenfalls als mündiger Bürger der Europäischen Union weiterhin Bounty Killer und die anderen üblichen Verdächtigen hören dürfen, wenn mir danach der Sinn steht und bin deshalb nicht gut auf Herrn Beck zu sprechen, wenn er mir dieses Recht nehmen möchte und deren Kunst kriminalisiert wird. Genauso wettere ich aber auch schon seit Jahren gegen die Bundesprüfstelle und das Prozedere der Indizierung, Beschlagnahmung etc. von Horrorfilmen, Computerspielen und Rap-CDs.
Nachtrag:
Das alles hat doch nichts mit ein paar Fehlgeleiteten zu tun, die zufällig aus Jamaika kommen und Musik machen, sondern Schwulenhaß ist ein gesamtkaribisches Problem an sich. Das muß man doch mal sehen.
Jamaika ist eben nicht das problemfreie Paradies unter der Sonne aus dem Bilderbuch für weiße Sehnsuchtstouristen, sondern die Leute da schlagen ihre Kinder, treten ihre Hunde und hassen Schwule wie anderswo auch. Und das werden wir als Europäer auch nicht ändern, nur weil wir uns empören.
Wenn wir denen Auftrittsverbote erteilen und ihre CDs vom Markt nehmen, weil einer von 20 Songs darauf uns bedenklich erscheint, dann wird das eher eine „Jetzt erst recht“-Mentalität fördern, als daß es deshalb zu der Einsicht kommt: „Stimmt, gegen Schwule zu singen, war doof von mir. Der Deutsche hat Recht. Ich entschuldige mich.“ Sondern dann hauen die statt dessen hinterher nur noch mehr auf die Kacke und fühlen sich umso unverstandener von denen „da oben“ (in dem Fall: reiche weiße Westeuropäer), die sich in die Probleme der Rudeboys nicht hineindenken können.
Und wenn es selbst die PNP als nicht angemessene Einmischung ansieht, wenn international Kritik geäußert wird an der Menschenrechtslage und dann noch behauptet wird, daß Homophobie kein Problem im Land sei, oder (noch härter) daß eine vernünftige Schwulenrechtsbewegung die konservativen und sozialen Werte des jamaikanischen Volkes verletzen würde, dann ist das nichts, was man mit einem mal eben locker beschlossenen Verbot von Musik beheben könnte.
Ich bleibe somit dabei: Wer verbietet anstatt sich auseinanderzusetzen, macht es sich zu leicht. Deshalb Diskussion statt Verbot. In diesem, wie in jedem anderen Fall auch.