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Ich ärgere mich gelegentlich darüber, wenn Rundfunkmoderatoren wie Stuart Maconie von der BBC im Zusammenhang mit Synthpopstücken aus den 80ern, die ich persönlich als zeitlos schön empfinde, von einem „dated sound“ vsprechen. Das zeigt, dass hier ganz unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden.
In obigem Fall wird Zeitlosigkeit als Begriff für Stücke verwendet, deren INstrumentation oder Produktion sich schlecht zeitlich einordnen lässt. Dies wird dann in der Regel bei klassischem Pop/Rock der Fall sein, der auf Standardaufnahmetechniken zurückgreift und das klassische Rockinstrumentarium einsetzt. Als Qualitätsbegriff halte ich das für problematisch, da dadurch ja jede Art von Innovation im Bereich der Soundtechnologie zunächst einmal in einem eher negativen Licht erscheint. Selbst wenn es sich um Innovationen handelt, die weiterentwickelt werden und nicht nur kurzfristig von Bedeutung sind, kann man doch davon ausgehen, dass sie irgendwann dennoch als „überholt“ gelten werden und sich die Soundtechnologie immer weiter entwickelt.
Mein Begriff der Zeitlosigkeit spiegelt eher eine andere Sichtweise wieder. Zeitlos ist ein Stück dann, wenn ich es selbst nach 20 Jahren usw. immer noch aus musikalischen Gründen und nicht aus purer Nostalgie schätze, weil es in mir etwas Magisches auszulösen vermag. Es transportiert mich sozusagen in einen anderen Raum oder eine andere Dimension, und Zeit spielt dann keine Rolle. Dabei spielt es dann keione Rolle mehr, ob diese Synthiesounds heute nicht mehr benutzt werden. Moden kommen und gehen, aber das hat damit nichts zu tun (Im übrigen werden ja alte Synthiesounds heute wieder benutzt, und viele sagen, dass sie bessere Klänge erzeugen als das moderne Equipment. Wenn irgendwelche Klänge in einer Ära nicht mehr auftauchen, heisst das ja nicht, dass sie notwendigerweise überholt sind. Das kann der Fall sein. Aber man kann sich auch irren. Oder man sucht nach Abwechslung, ehe man das Alte wiederentdeckt).
Ein dritter Begriff konzentriert sich auf Texte und die Frage, ob sie deutlich in einem zeitlichen Kontext verankert sind oder nicht. Gibt es z. B. Anspielungen auf Ereignisse oder spezifische soziale Kommentare? Oder sind die Texte sehr offen und abstrakt? Ich denke, gerade im Bereich der Texte gibt es viele, die Zeitlosigkeit dann eher als negatives Merkmal ansehen, insbesondere wenn sie Songs als mögliche Ausdrucksform zur STellungnahme zu sozialen Zuständen ansehen. Für mich ist dies aber nicht der Zugang zu Musik. Generell lege ich nicht so großen Wert auf die Texte. Und einen zeitlosen, offenen Text, der in vielen Situationen Anwendung erfahren kann, empfinde ich durchaus als positiv.
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