Re: The Class of ’82

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mistadobalina

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Joachim Hentschels zentrale Aussage, dass das Jahr 1982 der „Zungenkussmoment“ war, in dem die Avantgarde und das Banale im Gleichgewicht waren, bringt es auf den Punkt, worum es damals ging. Natürlich hatte alles schon früher begonnen, nämlich 1980 mit „Ashes To Ashes“ Bowies Abgesang auf die 70er Jahre, sein „kaltes Goodbye“ wie Hentschel schreibt. Genauso habe ich das auch empfunden.

Ich zog Ende 1980 mit ein paar Möbeln, einem Berg LPs und einem Haufen Mixtapes von Göttingen nach München, um meinen ersten Job in der Musikbranche anzutreten. Eins dieser Tapes war in den ersten Münchner Tagen mein engster Begleiter, darauf enthalten „Ashes To Ashes“, OMD, Talking Heads, XTC, Ultravox, Magazine, The Feelies, Echo & the Bunnymen, The Cure, Simple Minds, The Associates. Das waren die Bands, die mich damals interessierten, die neu und aufregend klangen. (Punk war fand ich als Phänomen interessant, habe an der Uni ein längeres Referat dazu verfasst, aber ich war einfach schon zu alt – emotional hat mich Punk nie erreicht).

Die nächsten Jahre verbrachte ich im Musikbusiness, wo man Bands und ihre Werke „Produkt“ nennt. Ich hatte mich als A&R-Manager zwangsläufig für alles zu interessieren, – weil das mein Job erforderte, aber es entsprach auch meinem Naturell. 1982 war ich mal wieder auf Geschäftsreise in London und brachte „The Lexicon Of Love“ mit nach München, die ich in einem Plattenladen am Piccadilly Circus gekauft hatte. Ich habe mich in die Platte regelrecht verliebt: was für eine großartige Produktion, welche Eleganz, welch betörenden Klänge!

Die 80er Jahre verbrachte ich komplett in der Musikbranche, zwischen aufregenden neuen Tönen und Marketingstrategien, in Kunst und Kommerz. Es war genauso wie Hentschel Dave Rimmer zitiert: „New Pop ist nicht rebellisch. Er hat sich dem mit dem alten Star-System arrangiert. Er verwischt die Grenze zwischen Kunst, Geschäft und Unterhaltung. Er interessiert sich vor allem für Verkäufe, Umsätze und Dollarkurs, und um die Sache noch schlimmer zu machen: Er hat nicht mal ein schlechtes Gewissen dabei“. Es war eine tolle Zeit, aber dann war es auch gut, dass ich meinen Hut nahm und ab 1990 etwas anderes machte. Manchmal denke ich, dass ich mir nur so meine Liebe zur Pop-Musik habe erhalten können.

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When I hear music, I fear no danger. I am invulnerable. I see no foe. I am related to the earliest time, and to the latest. Henry David Thoreau, Journals (1857)