Re: Bright Eyes – Cassadaga

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nikodemus

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Auf geht’s nach Cassadaga. Conor Obersts neues Wunderwerk hat den tollsten seiner vielen merkwürdigen Auftakte. Es bläst und streichelt sich ein Orchester in die Höhe und die nette Dame erzählt uns am Anrufbeantworter was Nettes über Cassadaga. „Clairaudients“ ist schon mal ein toller Einstiegssong, getragen von Conors sehnsüchtiger Stimme und seine Gitarre und diesem geschwurbelten Orchester. Die Hitsingle „Four Winds“ ist dann wohl sein Protestsong, geht leicht ins Ohr und soll da auch gar nicht raus. Mystisch und böse stampft sich der Song hinfort und Conor liefert uns wieder ein paar unvergessliche Verse (the bible is blind, the torah is deaf, the qu’ran is mute, if you burned them all together you’d get close to the truth). Seine Stimme übersteuert weit weniger als auf vorherigen Alben und so findet sich eine sehr angenehme und interessante Mischung aus verzweifeltem Gesang und Texten und souveräner, gut überlegter Musik. „If The Brakeman Turns My Way“ begeistert mit dem tollen Piano-Solo Anfang, das könnte glatt so weitergehen, aber auch in der Full Band Version entfaltet der Song sein Potential. Die Ohrwürmer, die noch auf „I’m Wide Awake“ so leicht auszumachen waren, findet man hier jedoch nicht so schnell. Nach dem x-ten Hören könnte ich vermutlich keine Melodie einfach mitpfeifen, wenngleich mir jede Melodie beim Hören vertraut vorkommt. Ja, nicht einmal die Songtitel vermag ich mir zu merken, aber wozu sollte das auch wichtig sein…

„Make A Plan To Love Me“ beginnt wie ein klassisches Tom Waits Liebeslied und hätte sich sicherlich auf den „Bawlers“ sehr wohl gefühlt. So schwankt „Cassadaga“ zwischen Alternative Country und schwerer zugänglichen Chamberpop. Oder auch aus Bastarden der beiden wie in „Middleman“, welches zuerst nicht ins Ohr wollte und seine träumerische Melodie erst später entfaltet. Langweilig scheint „Cassadaga“ nicht zu werden, die Songs sind weniger greifbar im Vergleich zu „Wide Awake“ oder „Lifted“, es sticht wenig heraus oder zieht runter. Großartig ist auch seine Kriegsballade „No One Would Riot For Less“, der gute Conor scheint kürzlich ausführlich den Prinzen gehört zu haben, zumindest kommen mir bei den heranschleichenden Streichern und den umschmeichelnden Backgroundgesang sofort Assoziationen zu „The Letting Go“.

„Coat Check Dream Song“ reißt einem förmlich aus dem Strudel heraus und zieht uns in den eigenen hinein, sehr träumerisch [wie der Titel ja schon andeutet] verliert sich Oberst hier in einem sehr perkussivem Stilmix der uns am Ende in ein arabisches Klagelied führen soll. Nicht zu abgeschreckt ist „I Must Belong Somewhere“ wieder ein klassischer Bright Eyes Ohrenschmeichler, die Mandoline jodelt, Conor strotzt vor trotzigem Optimismus und das steht ihm überraschenderweise sehr gut. Im großartigen Abgesang „Lime Tree“ braucht sich Conor vor keinem der alten Haudegen mehr zu verstecken. Zeilen wie „I keep floating down the river but the ocean never comes“ klingen fatalistischer als die vorangegangen Songs und lässt „Cassadaga“ etwas unruhig enden. Conor geht in den Wald und grübelt wohl derweil über neue Schandtaten.

Inwieweit sich „Cassadaga“ auf Dauer mit seinen Großtaten „Wide Awake“ und „Lifted“ messen lassen kann, wird sich zeigen. Zumindest wird es bei mir die wohl am meisten gehörte Bright Eyes Platte werden und das spricht dann wohl auch schon für seine Qualität.

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