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Wenn ich mich nicht täusche, ist MTC eine politische Platte über das Gefühl der Beunruhigung nach 9/11, speziell in New York. Das Album erinnert daran und setzt der Bedrohung die Schönheit seiner Musik entgegen. Die verkörpert eine Art Zufluchtsort vor dem Unbehagen an der Welt. Zugleich handelt das Album genau davon: von der Beunruhigung und den Versuchen, ihr auszuweichen oder mit ihr umzugehen.
Im Opener taucht etwas am Himmel über Manhattan auf, aber es sind keine entführten Flugzeuge, es ist die fabelhafte Katze Morph. Sie ist vielleicht eine Art Morpheus, der den Städtern Morphium und andere Beruhigungsmittel bringt; zugleich wird sie als formlos (amorph) beschrieben. Die Musik dazu kommt smooth, lässig und laid back daher und verbreitet erst einmal Behagen (elegant, jazzig und sophisticated ist sie sowieso, das sind wir ja von Steely Dan gewohnt). Und sie hat etwas Beruhigendes, ja. „It makes you feel all warm and cozy.“ Der Song ist melodisch eingängig und hat einen hübschen Text. Darauf folgen mit „H Gang“, der melodisch starken Single, und „What I do“ die beiden schönsten Songs, wie ich finde. „H Gang“ hat ein Stück Kulturleben zum Thema, vielleicht als mögliche Ablenkung von den unangenehmen Seiten der Welt. Das Lied erzählt von einer fiktiven Band aus toughen Frauen, deren Geschichte im Nachhinein verfilmt werden soll. Hoffentlich war ihre Musik genauso gut wie die von Fagens Band. Zu „What I do“, meinem Lieblingstrack, will ich gar nichts sagen; da will ich einfach nur glücklich seufzen.
Besonders diese ersten Tracks sind Wohlfühlmusik auf höchstem Niveau. Ich fühle mich rundum verwöhnt beim Hören, hach. Lauter gute Grooves und toller Sound. Die Tracks nehmen sich Zeit, strecken sich aus, räkeln sich – für diverse Soli ist immer Platz. Das gilt für die gesamte Platte. Die Gitarren treten auf diesem Album oft in den Vordergrund, aber auch Sax, Trompete, Mundharmonika und Keyboards dürfen solieren und für Abwechslung und Farbe sorgen. Dazwischen sorgt Fagens Stimme dafür, dass es nicht zu gefällig wird.
Mit „Brite Nitegown“ verdüstert sich erstmals die Stimmung. Es ist das Lied über die Begegnung mit dem Sensenmann (durch Krankheit, Gewaltverbrechen, Drogen). Mein erster Eindruck war: Der Track ist viel zu lang; er will und will nicht enden. Aber recht bedacht hat die Länge Sinn: Der Gedanke an den Tod nagt an der Gemütsruhe, lässt einen nicht los. Gerade deshalb kann man „Brite Nitegown“ als Kommentar zu den übrigen Stücken verstehen: Die Wohlfühlmusik ist nicht zuletzt dazu da, den Gedanken an den Tod abzuhalten, aber dies gelingt nicht auf Dauer – er packt einen doch.
„The great Pagoda of Funn“ ist ein weiterer Schlüsselsong. Die Bedrohung, die das Bedürfnis nach Wohlfühlmusik hat akut werden lassen, wird im Zustand der Welt ausgemacht. Das Lied belässt es bei Andeutungen („poison skies, severed heads, pain and lies“, „dirty bombs“ usw.); die Reaktion darauf ist der Rückzug ins Private, in die Zweisamkeit, die das eigene Leben angenehm machen soll. Die Musik dazu lässt den Versuch des Paares als bereits geglückt erscheinen: Sie ist schön. Die Aufnahme ist einfach toll arrangiert und gespielt, speziell das Trompetensolo empfinde ich als guten Einfall und gut ausgeführt (alles andere aber auch).
„Security Joan“ greift direkt das Thema Terrorismus und verschärfte Kontrollen auf und macht daraus eine kleine Komödie um einen Fluggast, der sich in ein Mitglied des Sicherheitspersonals verliebt. Darüber zu scherzen ist auch eine Art, mit beunruhigenden Situationen umzugehen. Ein halbwegs eingängiger Refrain, ein flotter Rhythmus und schiere Spielfreude helfen dem Song auf die Sprünge (im Prinzip ist das „Ohne Filter„-Musik). „The Night belongs to Mona“ erzählt dann von einer offenbar selbstmordgefährdeten Frau, die ihre Wohnung nur noch für die notwendigsten Einkäufe verlässt. Sie tröstet sich mit Musik, zu der sie nachts alleine tanzt. „Was it the fire downtown that turned her world around?“ Vielleicht ist es auch ein anderer Grund als 9/11, aber die Möglichkeit steht im Raum. In „Mary shut the Garden Door“ wird das Gefühl der Bedrohung auch musikalisch greifbar. Ein einprägsames Bassmotiv treibt den Track voran, der angespannt, rätselhaft und leicht verdüstert wirkt. Den Text fasst Fagen so zusammen: „Paranoia blooms when a thuggish cult gains control of the government“. Zum Glück kommt die Katze Morph jetzt erneut nach Manhattan, um das Behagen zum Ausklang wiederherzustellen.
MTC ist mein Album des Jahres bisher. Es ist sehr gut (* * * *); das Konzept des Albums überzeugt mich. Die Melodien dürften gern noch etwas einprägsamer sein; das könnte das Wohlgefühl noch steigern. Nicht jeder Song ist memorabel und nicht alles hier kann mich begeistern. Einen schwachen Track wird man allerdings vergeblich suchen.
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To Hell with Poverty