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gypsy tail windAch, ich fand Trintignant ganz okay… klar, die wirklich ideale Besetzung war er wohl nicht, und ein paar Mal schien er mir für kurze Momente etwas aus der Rolle zu fallen, aber ansonsten agiert das kleine Ensemble vorzüglich!
FifteenJugglersMagst Du das näher erläutern? Ich kann mir den Film ohne Trintignants Rolle nämlich kaum vorstellen.
Mein Kritikpunkt war nicht der Schauspieler Trintignant, sondern die von ihm dargestellte und von Rohmer so angelegte Person. Dieser verschämte Christ und Mathematiker Jean-Luis in MA NUIT CHEZ MAUD entwirft – nach dem Besuch des Sonntagsgottesdienstes – einen Lebens- und Liebesplan mit zwei Bedingungen: die Partnerin soll katholisch sein – und blond. Ich halte das für seltsam – nicht wegen der blonden Wunschfrau oder den Katholiken – sondern in Bezug auf die Liebe und den Zufall. Letzterer nimmt gewöhnlich keinerlei Rücksicht auf Konventionen, Moral, mathematische Lebensglückplanungen, persönliche Glaubensausrichtungen oder vormalige Ehestände.
Wenn man den Film ein zweites Mal sieht, wird sich die Wahrnehmung verschoben haben. Die moralische Perspektive wird eine andere sein, denn nun weiß man, dass Francoise der Grund für Mauds Scheidung war (die letzte Einstellung am Strand macht das deutlich). Der prinzipienorientierte Jean-Luis wird am Ende die Betrügerin der Betrogenen vorgezogen, sie geheiratet haben. Der Dominikaner drückt es in seiner Predigt im Film so aus: Das christliche Leben ist keine Moral, es ist Leben. Und dieses Leben, es ist ein Abenteuer.
gypsy tail windDie Bilder sind in der Tat enorm schön gestaltet und das widerspiegelt auch die perfekte Form des Filmes. Da wird nichts dem Zufall überlassen, aber dennoch wirkt alles leicht, da wird über Pascal und über die Liebe diskutiert, aber es wird auch gelacht und einfach gelebt. Ein Film wie eine perfekte Novelle.
Ja, die sechs Teile der Contes Moraux sind tatsächlich Novellen, sind très écrits. Rohmer wies darauf hin, dass er sie lange vor den Verfilmungen als literarische Werke mit einem gemeinsamen Thema (in Variationen) konzipiert, aber nie veröffentlicht hat. Sie landeten in der Schublade; viel später dann – zum Glück – auf der Leinwand.
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Eigentlich gehört dies alles eher in den erbärmlich kurzen Rohmer-Thread (mit 17 Posts in 3 Jahren).
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