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Ein wirklich schöner Thread. Ich möchte mich auch einbringen.
Gegen Ende der 60iger hab ich angefangen, bewusst Musik zu hören, so mit 13, 14, also relativ spät. Zuerst Schlager, aber kurze Zeit später weitgehend englische Musik. Geld für Platten hatte ich wenig, ich kaufte mir vielleicht eine bis maximal 2 Singles im Monat. LPs waren zu teuer und eigentlich noch nicht meine Sache. Ich bevorzugte die Singles und da oft sogar nur die A-Seite. Da ich mir vorstellte, dass ein LP überwiegend aus B-Seiten Songs besteht, war mir rätselhaft, wie das jemandem gefallen konnte.
Highlight im Hörfunk war die Sendung „Hallo Twen“ von Manfred Sexauer mit den Charts jeden Freitag. Ich habe meistens alles auf Kassette aufgenommen und während der Woche angehört. Die allerliebsten davon hab ich mir dann als Single gekauft. Sonntags gab es im SWF3 ebenfalls eine Charts Sendung mit Frank Laufenberg. Ich kann mich noch an Ihre Kinder mit „Würfelspiel“ und Reinhard Mey „ankomme Freitag, der 13“ erinnern, die ich von daher kannte.
Meine ersten großen Favs waren CCR, bei denen stetes A und B Seite voll meinen Geschmack trafen. Für mich waren sie die klar beste Single Band. Meine erste LP war Abbey Road von den Beatles, ich bekam sie zu Weihnachten. Überraschung für mich: LPs können ja doch viel mehr A-Seiten Songs enthalten.
Kurze Zeit später hab ich mir vom hart ersparten Taschengeld einen großen Luxus geleistet, und die ersten beiden LPs von Led Zeppelin gekauft, die in einer Sonderpressung zusammen wie ein Doppelalbum zu DM 35 erhältlich waren. Zuerst war ich etwas enttäuscht, weil eben nicht alles wie „whole lotta love“ oder „living loving maid“ klang. Für die langsamen Blues und die langen Experimentalnummern wie „dazed and confused“ oder „you shock me“, war ich noch nicht reif, dazu brauchte ich noch ein, zwei Jahre. Ich musste sie etwas später wiederentdecken.
Über Austausch mit Freunden bin ich auch zu weiteren LPs gekommen, wie The Who, Doors, Cream, Canned Heat und die Stones. Die hab ich dann fleißig getaped. Wir legten viel Wert darauf, dass die eigene Musik nicht als zu kommerziell galt. Das war nämlich ziemlich out in meinem Freundeskreis. Sachen wie „Sugar, Sugar“ von den Archies durften einem daher nicht gefallen. Die Beeinflussung war nicht gering. Pop war so out, dass es mich lange geprägt hat.
Tolle Erlebnisse im Kino: „Easy Rider“ – was für eine Wahnsinnsmusik. – Steppenwolf, Jimi Hendrix, the Band. Mir wurde immer mehr bewusst, dass die Charts Singles nicht der Weisheit letzter Schluss sein können. Als weiteres Highlight – Woodstock. Hatte mich sehr beeindruckt, vermutlich auch musikalisch beeinflusst.
Die erste Platte, die ich von Pink Floyd wollte, war „Atom Heart Mother“. Ich wünschte sie mir zu Weihnachten, aber meine Mutter schenkte mir was anderes und meinte, sie könne doch keine Platte kaufen, auf der Kühe drauf sind. Die Musik wäre bestimmt fürchterlich schlecht. Mit was man so alles zu kämpfen hatte….
Meine wohl intensivstes Musikerlebnis hatte ich eines sonntags morgens – ich lag noch im Bett und hörte SWF3. Sie stellten gerade die neuste Platte von Pink Floyd vor – the dark side of the moon! Die Platte lief komplett durch und ich war glücklich, alles auf Tape mitgeschnitten zu haben. Welch eine unglaubliche Musik! Ich war absolut hin- und hergerissen, von diesen Effekten und Klangbildern. Fand ich so richtig progressiv und eben total unkommerziell, damals. Aus dem heutigen Blickwinkel reichlich naiv. Trotzdem: diese Scheibe wird bei mir immer einen Ehrenplatz behalten.
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