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Originally posted by otis@28 Oct 2004, 22:38
Ich habe Bruckmaiers Nachruf in der SZ heute wohl etwas missverstanden. Oder hat sich noch jemand dran gestört?
Hab heute noch keine SZ gelesen. Im Netz steht dieser. Identisch ?
John Peel gestorben
VON KARL BRUCKMAIER UND REINHARD RÖDE
John Peel, legendärer Radio-DJ und Mitbegründer der BBC-Popmusikwelle „Radio 1“, ist tot. Er starb mit 65 Jahren im Urlaub in Peru an einem Herzinfarkt.
John Robert Parker Ravenscroft alias John Peel hat der Popmusik einen einfachen, aber unschätzbar großen Gefallen getan: Er hat die Musik zu den Menschen gebracht. Die ersten Punk-Platten waren in seiner Show zu hören, genauso lief es mit den nächsten musikalischen Erfindungen der Neuzeit: Reggae, Rap, Techno, Drum & Bass – John Peel war immer der erste, der die seltsamen neuen Töne in die breite Öffentlichkeit trug. Über 40 Jahre war er als Moderator bei der BBC, seit der Gründung 1967 gehörte er zum Team von „Radio 1“, des landesweiten Pop-Senders der BBC. Seine Sendungen waren über den BBC World Service in der ganzen Welt zu hören, eine Zeit lang auch bei deutschen Sendern wie Radio Eins oder Radio Bremen.
Hoffnungsvolle Bands schickten Peel stapelweise Demos zu. Aus den Bands, die er tatsächlich auf Radio 1 spielte, wurden dann oft Stars (um nur drei zu nennen: Joy Division, The Smiths und The White Stripes waren darunter). Seine Lieblingsbands bat er regelmäßig live ins Studio zu den berühmten „John Peel Sessions“. Auf der schier endlosen Liste seiner Session-Bands zu stehen, ist einer der größten Orden, die man sich in der Pop-Welt holen kann. Erstaunlich viele deutsche Bands waren übrigens mit dabei – Peel war schon früh ein großer Fan deutscher Sound-Pioniere wie Can, Kraftwerk oder FSK.
Wenn man berühmt ist wie John Peel, dann wird man regelmäßig nach diesem und jenem gefragt: Welche Platten man auf eine einsame Insel mitnehmen würde, ob man froh ist, zu den 100 berühmtesten Briten gezählt zu werden oder was man als Inschrift auf seinem Grabstein lesen möchte. John Peel hat auf letztere Frage geantwortet – wer ihn auch nur ein wenig kennt, den wundert das nicht:“Teenage dreams, so hard to beat“ aus „Teenage Kicks“, dem Song der Undertones.
Wenn sich ein 65 Jahre alter Mann mit den Träumen von Teenagern auszukennen glaubt, dann erregt das bei Jüngeren meist berechtigtes Misstrauen. Aber John Peels Lebensinhalt bestand ja nicht darin, sich in nostalgischen oder lüsternen Erinnerungen an mögliche Gefühlswallungen eines 16-Jährigen zu erinnern – dafür führte er ein viel zu abgeklärtes, seinem Alter und physischen wie finanziellen Möglichkeiten angemessenes Leben in seinem eine Stunde außerhalb von London gelegenen Haus -, sondern er sah seine Aufgabe als Diskjockey darin, diese Zeit und Klang gewordenen Teenage Dreams namens Popmusik seinen Hörern vorzustellen, ihnen einen Eindruck von einer Art Teenage-Traum zu vermitteln, der anders war als der sonst Handelsübliche im globalen Supermarkt.
John Peel war kein Moderator, sondern ein Pop-Dienstleister. „Das hier gibt es und ihr kennt es – und das hier gibt es auch, und ihr kennt es vermutlich nicht, aber es könnte euch gefallen.“ Das war John Peels Ansatz seit 35 Jahren: Dem Hörer vertrauen. Den Hörer herausfordern. Den Hörer glücklich machen. Den Hörer auch verschrecken oder verärgern. Weil man weiß, dass er zurückkommt. Denn Peel gibt es nur, wo Peel draufsteht. John Peels Perfumed Garden. John Peels Dandelion Label. John Peel auf BFPS. John Peel auf BBC. John Peels Home Truths. Und die John Peel Session, Traum jeder Band seit 30 Jahren.
John Peels anhaltender Erfolg – so erstaunlich er auch sein mag – erklärt sich aus der Vorliebe der Briten für exzentrisch wirkende Persönlichkeiten (und Peels Musik war exzentrisch, wenn schon er selbst es nur in Maßen war) und aus Peels Fähigkeit, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. In Amerika, als man verrückt nach Briten war, 1962 bis 1966. 1967 auf einem Piratenradioschiff, als es vermutlich nichts Hipperes gab. Auf BBC, als die alte Dame ihren Popsender startete, 1967. In Londons Clubs, als David Bowie und Marc Bolan groß heraus kamen. Im Rough-Trade-Laden, als Punk abhob, 1976. In den Herzen aller Popfans auf der ganzen Welt, selbst in den Herzen jener, die nie eine Minute seiner Sendungen gehört haben. Der Mann im Medium war die Message, und die Message hieß und heißt: „Teenage Dreams, so hard to beat.“
Vergesst die Sache mit dem Grabstein.
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