Startseite › Foren › Fave Raves: Die definitiven Listen › „Sterne an“ – das nüchterne Bewertungsforum › Track by Track: Alben unter der Lupe › The Kinks – Arthur Or the Decline and Fall of the › Re: The Kinks – Arthur Or the Decline and Fall of the
Nachdem ich gerade zum dritten Mal in 24 Stunden „Arthur“ höre, ist mir Einiges klargeworden. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere, dass ich versucht hatte, den aus heutiger Sicht harmlosen, aber damals heftig umstrittenen britischen Rock’n’Roll der 1950er Jahre als Wunsch nach Teilhabe am Wohlstand der britischen Nachkriegsgesellschaft zu verstehen. Jugendliche verfügten über mehr Geld als ihre Vorgängergeneration, die im zweiten Weltkrieg gefallen war und sie strebten nach eigenen Ausdrucksformen. Mit anderen Worten: Diese Jugendlichen (wie Cliff Richard) waren politisch nicht interessiert, sie waren auch nicht per se gesellschaftskritisch, sie erregten hauptsächlich dadurch Aufsehen, dass sie anders waren. Dass sich hinter der Aufregung konservative Werte lagen, verdeutlicht die weitere Karriere von Richard ja ganz deutlich.
Die Zeiten hatten sich 1969 vollkommen gewandelt. Teilhabe am materiellen Wohlstand genügte nicht mehr. „Shangri-La“ ist ja eigentlich nichts anderes als eine bitterböse Satire politischer Indifferenz und scheinbaren materiellen Wohlstands. Jetzt, da man sich ein Auto leisten kann und nicht mehr zum Kacken in den Garten gehen muss, ist man eigentlich ganz zufrieden in dem eigenen Gefängnis, das man sich erschaffen hat.
Now that you’ve found your paradise
This is your Kingdom to command
You can go outside and polish your car
Or sit by the fire in your Shangri-la
Here is your reward for working so hard
Gone are the lavatories in the back yard
Gone are the days when you dreamed of that car
You just want to sit in your Shangri-laPut on your slippers and sit by the fire
You’ve reached your top and you just can’t get any higher
You’re in your place and you know where you are
In your Shangri-la
Sit back in your old rocking chair
You need not worry, you need not care
You can’t go anywhere
Shangri-la, Shangri-la, Shangri-la
Aber die Situation ist keineswegs so rosig, wie sie erscheint:
The little man who gets the train
Got a mortgage hanging over his head
But he’s too scared to complain
‚Cos he’s conditioned that way
Time goes by and he pays off his debts
Got a TV set and a radio
For seven shillings a week
Shangri-la, Shangri-la, Shangri-la, Shangri-la, Shangri-la, Shangri-laAnd all the houses in the street have got a name
‚Cos all the houses in the street they look the same
Same chimney pots, same little cars, same window panes
The neighbors call to tell you things that you should know
They say their lines, they drink their tea, and then they go
They tell your business in another Shangri-la
The gas bills and the water rates, and payments on the car
Too scared to think about how insecure you are
Life ain’t so happy in your little Shangri-la
Shangri-la, Shangri-la la-la-la-la-la-la-la-la
Eigentlich ist das ganze Album eine heftige Anklage gegen die Generation der Eltern, die sich in ihrer kleinen Welt bequem eingerichtet hat und – aus Sicht von Ray Davies – die Realität nicht mehr wahrnehmen will, weil sie von den Medien und der Gesellschaft so konditioniert ist. Auf dem vorigen Album hat Ray Davis noch den Verlust englischer Traditionen und Identität beklagt. Er stand dabei knietief in relativ harmloser Nostalgie und milder Satire. Musikalisch war das natürlich brillant, aber „Arthur“ geht viel tiefer.
Es seziert genüsslich die guten alten Zeiten („Victoria“), gesellschaftliche Hierarchien („Yes Sir, No Sir“), die Schrecken des modernen Krieges („Some Mothers Son“), die Abgehobenheit der englischen Oberschicht („Drivin’“, „Princess Marina“), die er in nicht geringem Maß für den Niedergang des Landes verantwortlich macht. Dann folgen die Anklagen der Banalität individueller Lebensentwürfe („Brainwashed“, „Australia“, „Shangri-La“). Entscheidend ist aber das Gefühl der Distanz zwischen Eltern und Kinder. Beide Generationen haben sich nichts zu sagen („Nothing To Say“) – sie leben in verschiedenen Welten. Ihre Errungenschaften erschöpfen sich in banalem Materialismus, sogar „Britain’s finest hour“, der 2. Weltkrieg, kann vor Davies nicht bestehen („Mr. Churchill Says“).
Und dann ist da das Titelstück, in dem Davies letztlich seine eigene Generation auffordert, nicht so zu enden, wie die Eltern, trotz ihrer Bemühungen kaum vorangekommen sind und von der Welt überholt wurden. Davies sympathisiert mit Arthur und seinem Versuch, ein bequemes, harmonisches Leben zu führen, aber er erklärt auch, dass das niemals funktionieren wird. Die wirklich Mächtigen in der Gesellschaft halten die Fäden in der Hand und der „kleine Mann“, wie Arthur kann sich ihnen nicht erwehren. Am Ende prophezeit Davies Arthur nur zerstörte Träume, vergebliche Hoffnungen und am schlimmsten: ein Shangri-La. Das Besondere an dieser pessimistischen Weltsicht ist, dass es keinen erkennbaren Ausweg gibt, sobald die Erkenntnis „the world’s gone and passed you by“ eingetreten ist: „You can cry all night, but it won’t make it alright.“ Liebe und Hilfsangebote anderer können vielleicht helfen, werden daran aber letztlich auch nichts ändern, weil sie es nicht verstehen.
--
Ohne Musik ist alles Leben ein Irrtum.