Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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gypsy-tail-wind
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Frank Strazzeri Trio – Little Giant | Noch im selben Jahr, Ende November 1989, war Strazzeri wieder im Studio in Barcelona. Nachdem er bei je einem Album von Charlie Mariano und Sal Nistico mitgewirkt hatte, verbrachte er mit seiner Frau den letzten Tag vor dem Rückflug im Hotel, als Pujol anrief und meinte, er habe für den Abend nochmal ein Studio gebucht und – erneut – Horacio Fumero und Peer Wyboris angefragt. Strazzeri überlegte mit seiner Frau ein paar Stücke, dann ab ins Studio (der Flug ging am nächsten Morgen um 8) und ohne Proben oder viele Absprachen ein Album eingespielt, das praktisch nur aus first takes besteht. Das schöne am Jazz ist ja auch, dass sowas besser werden kann als ein konzipiertes, geprobtes, von langer Hand vorbereitetes Album. Und klar, das schreibe ich, weil diese zweite Runde deutlich besser als „I Remember You“ vom Januar (ob dort aber ausser dem Cover und der Grundidee was geplant war, weiss ich auch nicht). Fumero ist auf der neuen Session super, es gibt ein paar Stücke, in denen er einen fixen Part spielt bzw. zwischen einem Riff und Walking-Linien wechselt – etwa in Ellingtons „I’m Gonna Go Fishin'“ an zweiter Stelle und gleich drauf wieder in „Grooveyard“ von Carl Perkins. Diese Arrangement-Touches, die auch die Drums betreffen (und vermutlich halt jeweils direkt vor der Aufname der Stücke abesprochen wurden, ganz ohne geht sowas ja schon nicht), führen dazu, dass das Trio oft sehr tight klingt und zu einer echte Einheit wird. Dass Gigi Gryces „Minority“ den Einstieg macht, ist auch toll – also schon in den ersten Minuten super Repertoire. Die Bebop-Nummer „Conception“ von Shearing, Brubecks „In You Own Sweet Way“, „Una mas“ von Dorham, der alte Klassiker „There Is No Greater Love“ und der Closer „U.M.M.G.“ von Strayhorn sind allesamt bekannter, dazwischen gibt es aber auch noch „Don’cha Go ‚Way Mad“ (Mundy-Stillman), „She Was Too Good to Me“ (Rodgers-Hart) und „I Don’t Want to Cry Anymore“ (Schertzinger – hat Billie Holiday eingespielt, aber so richtig bekannt ist der Song nicht, oder? „[S]He was Too Good to Me“ schaffte immerhin z.B. bei Thad Jones den Wechsel in den instrumentalen Jazz). Das einzige, was weniger rund ist, ist dass Wyboris im Mix zu weit hinten platziert ist (Treble hochdrehen nützt etwas, man kriegt dann wenigstens etwas mehr von den Becken mit). Was den dreien auch immer wieder gelingt, ist Funk völlig ohne Klischees – nur aus Gesten, der Phrasierung oder ein paar gut platzierten Basstönen heraus – Strazzeri schrammt da und dort am Vokabular von Wynton Kelly vorbei (was ich bei „I Remember You“ nicht hörte), aber das bleibt fast völlig klischeefrei und umso effektiver. Fein!

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