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Wir schreiben das Jahr 1980. Der Ort: Das Ballhaus Spandau. Hier beginnt die Geschichte der Ärzte. Beim Ballhaus Spandau, das, wie im Thread bereits erwähnt, immer noch existiert, handelte es sich jedoch um keinen Szene-Treff. Vielmehr versuchten die Betreiber ein breites Publikum zu erreichen. Unter der Woche widmeten sich die DJs stündlichen kleinen Themenblöcken, darunter auch: Punkrock. An jenem geschichtsträchtigen Abend hingen die Jung-Punks Dirk Felsenheimer, Hussi Kutlucan und Bernd van Huizen wie gewohnt in dem Laden herum, um auf die Punk-Stunde zu warten. Gemeinsam spielten sie in der Punkband Soilent Grün, die vor kurzem ihren Gitarristen gefeuert hatte, weil der sich dummerweise die Gitarre hatte klauen lassen. Im Ballhaus fiel ihnen ein großgewachsener, braungebrannter, blonder Punk auf, der sich dann auch, als endlich die Hits von Bands wie The Clash, den Buzzcocks und Stiff Little Fingers aus den Boxen dröhnten, auf die Tanzfläche gesellte.
Die Anzahl der Punks war im spießigen Spandau überschaubar, also sprach Dirk den fremden Gleichgesinnten an, der sich als Jan Vetter vorstellte. Jan war aus dem fernen Frohnau extra nach Spandau gefahren, um einmal eine Stunde zu seiner Lieblingsmusik feiern zu können. Die beiden verstehen sich auf Anhieb blendend, vor allem Jans Humor sagt Dirk zu. Als Dirk, scheinbar beiläufig, erwähnt, dass er in einer Punkband spielt, die auf der Suche nach einem Gitarristen ist, erhält er sofort die erhoffte Antwort: „Ich spiele Gitarre“, rief Jan sofort aus. „Was maßlose Übertreibung war, aber ich hatte zumindest eine“, wie er zwei Jahrzehnte später in der (ersten) offiziellen Bandbiographie Ein überdimensionales Meerschwein frisst die Erde auf kommentieren wird.
Dirk hingegen war nach Jans ersten Proben mit Soilent Grün positiv überrascht von den Fähigkeiten des Neumitglieds. Er habe „ein für Punkrock gänzlich untypisches Fingerpicking“ gehabt, meinte Bela in der (zweiten) offiziellen Bandbiographie Das Buch Ä. „Es war ein Glück, dass er nicht vorher schon von den vielen Punk-Klischees versaut worden war.“ Nachdem Bernd van Huizen durch Roman Stoyloff ersetzt worden war, finanzierten Soilent Grün 1982 aus eigener Tasche ihre erste und einzige Veröffentlichung, Die Fleisch EP, die gleichzeitig zum Schlusspunkt der Bandgeschichte werden sollte. Während Hussi sich immer stärker von der stark politisierten Hardcore-Szene angezogen fühlte, konnten Dirk und Jan mit dem eher stumpfen Scheiß-Staat-Gestus, von dem seine Songs immer mehr geprägt wurden, nicht viel anfangen. Man entscheidet sich, aufgrund künstlerischer Differenzen getrennte Wege zu gehen. Nach einem letzten Konzert im Kreuzberger SO 36, das inzwischen zum Stammclub der Band und der Berliner Punk-Szene geworden war (und ebenfalls immer noch existiert), lösten sich Soilent Grün auf. Zu dem Zeitpunkt hatten Dirk und Jan bereits beschlossen, eine neue Band zu gründen: Die Ärzte. Hussi Kutlucan ist heute übrigens ein mit dem Grimme-Preis ausgezeichneter Filmemacher.
Hier noch der vielleicht größte „Hit“ von Soilent Grün: „FDJ Punks“, eine Nummer aus der Feder von Jan Vetter, der man durchaus anhören kann, dass es sich hier um die Vorgängerband der Ärzte handelt:
Eher weniger verwandt mit DÄ ist der die andere Seite von Soilent Grün repräsentierende Song „Ich hasse euch alle“, der hier über – eigentlich tonlose – Super-8-Aufnahmen gelegt wurde, die den allerersten gemeinsamen Auftritt von Jan Vetter (alias – Spoiler! – Farin Urlaub) und Dirk Felsenheimer (alias – das hätte niemand erraten – Bela B.) zeigen. Ein echtes Stück deutscher Musikgeschichte also. Gefilmt hat das Ganze Jans vermutlich bärenstolze Mutter:
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