Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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gypsy-tail-wind
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The Don Friedman Trio – Invitation | Eine Compilation mit Musik (oder ein Mugshot mit Musik?), die Don Friedman am 30. August 1978 für Progressive (Gus Statiras) im Downtown Sound Studio in New York mit George Mraz und Ronnie Bedford machte. Die Verwirrung hatte ich schon mal aufzuschlüsseln versucht:

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… verwirrende Ausgaben übrigens, ich habe „The Progressive Don Friedman Trio„, „The Don Friedman Trio“ und die US-Compilation „Invitation„, auf der Stücke der Alben „The Don Friedman Trio“ und „The Way We Were“ sowie Alternates zu finden sind, beide LPs und die Outtakes von einer einzigen Session; die erste „The Don Friedman Trio“ ist dabei eine andere LP als die zweite: die erste erschien 1979 in Japan und ist mit Luther/Hart, die zweite dann mit George Mraz/Ronnie Bedford und erst 1981 herausgekommen, damals natürlich auch nur in Japan … ich hab gebraucht, bis ich das gecheckt habe, was nicht einfacher wurde dadurch, dass „The Way We Were“ bei Discogs bei den Friedman-Einträgen nicht angezeigt wird … und seltsam dabei ist, dass auf „Invitation“ zwar ganze sieben Alternate Takes zu finden sind, aber dafür von den 20 Master Takes nur deren acht – es fehlten also eh diverse Stücke und sieben anderen gibt es andere Takes als auf den beiden japanischen LPs.)

Hier geht es jetzt um die gefettete Compilation, die 1993 herauskam. Die zwei Original-LPs sind wohl wieder nur in Japan erschienen:

Von der linken LP stammen die ersten zwei Stücke, „You Stepped Out of a Dream“ und „Gone with the Wind“, später noch „Invitation“, „I Can’t Get Started with You“ und „What Is This Thing Called Love“, fünf weitere Stücke fehlen. Von der rechten LP stammen „Little Boat“, „You Got to My Head“ und „It Could Happen to You“ und ganze sieben weitere Stücke fehlen – dafür kriegen wir hier noch vier Alternate Takes, die es anderswo nicht gibt 8von „Little Boat“, „It Could Happen to You“, „Invitation“ und „What Is This Thing Called Love“). Echt seltsame Idee, zu der Statiras sich in seinen Liner Notes natürlich nicht äussert … lieber berichtet er über einen Abend, an dem er mit Friedman durch Greenwich Village zog, von Club zu Club tingelte, und überall hätten die Musiker ihn gebeten mit ihnen zu spielen: „It was enlightening to listen to this genius of the keyboard move chameleon-like from jazz style to jazz style, challenged but never defeated. This exciting, creative improvisor was and still is absolutely incredible. Don plays with acute sensibility and his uncanny insight guides him to quickly perceive where his musical companions are coming from and going. When I had the opportunity to record Don, those traits made choosing compatible musicians easy.“

Statiras gesellte ihm im August 1978 wie gesagt George Mraz und Ronnie Bedford bei, einen Lieblingsbassisten und einen sehr kreativen Drummer. Das Material habe Friedman ausgewählt – den etwas dünnen, manchmal fast scheppernden Klang seines Klaviers vermutlich nicht … ich kenne nur die CD und weiss nicht, ob LPs besser klingen, vermute aber eher, dass das Problem wirklich an der Aufnahme an sich liegt. Musikalisch ist das trotzdem sehr schön, Mraz manchmal etwas aufdringlich (und auch nicht besonders gut aufgenommen – Treble rausdrehen hilft ein klein wenig), aber das sind feine Interpretationen von – mehrheitlich – wohlbekannten Standards, nicht zuletzt der Forumsfavorit, der dem Album den Namen gibt … und dann ist da „Little Boat“ von der Musik für den Film „Black Orpheus“. Ein Highlight ist die fast neunminütige Ballade „You Go to My Head“, der Alternate Take ist hier eineinhalb Minuten kürzer. Die Länger der Stücke lässt vermuten, dass die 20 Master nicht annähernd auf einer CD Platz gefunden hätten (die hier ist mit 13 Stücken schon 70 Minuten lang) und das vielleicht die Erklärung für die seltsame Idee hinter der CD ist, man die vier „previously unreleased anyhwere“ Alternate Takes damals auch als Verkaufsargument sah? Jedenfalls hat man quasi eine LP mit Material der beiden japanischen LP zusammengestellt und dann noch sowas wie 27 Minuten Alternate Takes beigegeben.

Wo ich jetzt fast mit meinen Friedman-Alben durch bin (zwei mit grösseren Besetzungen überspringe ich ebenso wie die drei frühen mit Attila Zoller, das zweite „The Don Friedman Trio“ steht gleich noch an) frage ich mich aber – leider: Hat er nach den steilen Anfängen nie das richtig rundum gelungene Album hingekriegt, zumindest nicht im Trio (solo erinnere ich das ACT-Album von 2005 als hervorragend)? Ethan Iverson schlägt „My Favorite Things“ von 2003 mit George Mraz und Lewis Nash vor bzw. greift Ted Pankens Empfehlung dafür auf. Vielleicht gebe ich dem mal noch eine Chance. Bis dahin bleibt Friedman ein Faszinosum: ein Pianist mit wunderbarem Touch und einer grossen Gabe, immensem Können … das ich auf seinen eigenen Alben übrigens überhaupt nicht chamäleonartig empfinde sondern sehr klar. Vielleicht eine Art moderne, offenere und in gewisser Hinsicht noch poetischere Fortschreibung der Detroiter Trias (Harris, Jones, Flanagan) … und ich höre irgendwie eine Verwandtschaft zu Steve Kuhn, nicht nur wegen der Anfänge im Schatten/Schlepptau von Bill Evans. Von Kuhn habe ich noch vieles auf dem Stapel, der blühte ja auch in den Neunzigern nochmal richtig auf bzw. kriegte endlich ganz viele Gelegenheiten, Platten aufzunehmen. Bei Friedman ist der späte Katalog auf viele Label verstreut, die meist nicht leicht zu finden sind – und die ich schlecht einschätzen kann …

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba