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Gene Harris & The Three Sounds – Live at the ‚It Club‘ / Live at the ‚It Club‘ Volume 2 | 1996 erschien beim wiederbelebten Blue Note in der Rare Groove Series die erste CD (und mit 5 der 8 Tracks auch eine LP) mit dem ausführlichsten Live-Dokument der späten Three Sounds, zu der Zeit mit Henry Franklin und Carl Burnett. Die Band wurde am 6. März 1970 im It Club in Hollywood dokumentiert. Den Club, der von den frühen Sechzigern bis in die frühen Siebziger existierte, leitet John T. McLain, damals der Ehemann von Dorothy Donegan – „so he must have had a refined ear and great taste, and he knew who was good for the club“, so Bob Belden in den Liner Notes. Monk wurde 1964 im Club dokumentiert, oft waren Celebrities im Publikum, aber auch Studenten, Hippies und Jazzfans. Wenn Miles Davis oder Dizzy Gillespie auftraten, warteten die Leute auch im Regen, um reinzukommen, und natürlich konnte man „the latest fashions worn by the ‚beautiful people‘ clientele“ studieren – oder, wie Belden es summiert: „All in all it was quite a scene.“ McClain mochte Pianisten wie Tatum, Silver oder Newborn, der eine Weile der „intermission pianist“ im Club war. Gene Harris lebte zu der Zeit an der Westküste und nachdem seine erste Woche im Club ein Erfolg war, stand ihm die Tür immer offen.
Die CD dokumentiert den neuen Sound des Trios, immer noch mit starken Blues- und Gospel-Wurzeln, aber rhythmisch viel näher am Puls der Zeit, mit modernem, oft funky Beat, für den Burnett ein Spezialist war, der 1968 Donald Bailey abgelöst hatte. Burnett brachte alle nötigen Jazz-Skills mit, aber eben auch den funky Groove, den man hier hören kann. Ende 1969 verliess auch Andy Simpkins das Trio und Henry Franklin war sein Ersatz. Die Band war zwar nur bis kurz nach diesen Aufnahmen zusammen, aber sie ist sehr tight, eine echte Working Band, die Abend für Abend zusammen spielte. Belden spekuliert 1995, dass Blue Note vielleicht ein Doppelalbum geplant hatte, wie „Live at the Lighthouse“ von Lee Morgan oder Grant Green) und weiss 2000 dann: „Higgins had actually sequenced two LPs worth of material (most of which is contained in this release, Volume 2) which never saw the light of the day. He even overdubbed percussion parts in the studio for the planned releases. They actually only dampen the live msuic and were not used for this CD“ (weiser Entscheid) – jedenfalls nahm das Label damals auffällig oft live auf. Zuletzt hatte Harris drei orchestrale Alben herausgebracht, aber die liefen auf dem Markt nicht wunschgemäss. Belden meint, er sei damals von Herbie Hancocks Musik beeinflusst gewesen und habe sein Publikum vergrössern, mehr junge Leute ansprechen wollen. Das führte im Fall von Harris zu „more of a produced sound“, wie Belden es nennt.
Das Trio spielt Stücke von Harris und Monk Higgins, der für die beiden Orchesteralben „Elegant Soul“ und „Soul Symphony“ verantwortlich gezeichnet hatte (als Rhythmusgruppe agierten auf dem ersten noch Simpkins und Burnett, auf dem zweiten dann Franklin und Burnett), von Harris selbst, aber es gibt auch noch einen alten Standard im neuen Gewand, „On Green Dolphin Street“ (nur auf der CD), eine Version von „Love for Sale“ über einen interessanten, irgendwie gegenläufigen Beat, und als Closer den Traditional „John Brown’s Body“ (ebenfalls nur auf der CD). 2000 legte Blue Note ein zweites Album mit neun weiteren Stücken vom selben Abend nach – eins davon, „Get Back“, war davor auf der Compilation „Blue Beat“ erschienen, das mittlere der drei Lennon/McCartney-Stücke am Ende der CD. Davor ist fünfmal Monk Higgins zu hören (dreimal mit Bernyece Leena, einmal mit Harris) – und es gibt noch ein Jazz-Tune, „Girl Talk“ von Neal Hefti“. Es geht hier aber auch in den Jazz-Tunes nicht um Soli und niemals um Virtuosität: das Trio rifft, reitet gemeinsam die Grooves, Burnett variiert die Beats, Franklin legt einen oft auch funky Boden, spielt fast immer Riffs statt Walking Bass-Linien (ganz toll etwa im fast 11minütigen „Eleanor Rigby“ auf Vol. 2 – bin ja kein Beatles-Cover-Fan, aber die drei hier sind super, die folgenden sind ein kurzes „Get Back“ und ein funky „Come Together“), die eh nicht zu den binären Beats passen würden. Es gibt natürlich die Highlights – etwas „Tammy’s Breeze“ (ausgerechnet das dritte Stück, das auf der LP fehlt) von Harris, mit einem tollen Beat auf den Trommeln, dazu etwas Hi-Hat … erinnert ein wenig an das Jamal Trio von zehn Jahren früher, aber im tagesaktuellen Gewand gewissermassen. Es geht nicht um das grosse Solo – bis es dann eben doch eins gibt – in „John Brown’s Body“ etwa, wo Harris all das rauszulassen scheint, was davor in den funky Stücken nicht gefragt war. Und tatsächlich finde ich Vol. 2 mit – mehrheitlich – Material, das Higgins damals herausbringen wollte, ein ganzes Stück besser als die erste CD. Jedenfalls zwei Stunden tolle, atmosphärische Musik eines funky Trios, das echt gut eingespielt ist und noch aus den einfachsten Riffs etwas macht – in Stücken wie Higgins/Harris‘ „Apollo 21“ mit geradezu hypnotischem Effekt.
Ich hab die beiden CDs erst seit 2022 – Three Sounds (auf Blue Note, Rest geht auf CD ja eh kaum) ohne Gäste vertiefen war ein kleines Pandemie-Projekt, das mir überraschend viel Freude bereitet hat … ich hab die CDs hier jetzt alle erwähnt, nur „Black Orchid“, „Live at the Lighthouse“ und die zwei orchestralen-Alben mit Higgins hatte ich schon lange, „Standards“ war der Start zur Vertiefung, „Babe’s Blues“, „Introducing“, „Moods“, „Vibrations“ und die beiden hier kamen eins ums andere dazu, aktuell warte ich noch auf „Bottoms Up“ (zusammen „Hope for Tomorrow“ von Don Friedman und „Hanky Panky“ von Hank Jones aus Japan unterwegs).
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba