Antwort auf: Umfrage: Die 20 besten Tracks von Frank Sinatra

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punchline

mozza

punchlineMir wird jetzt als Laie immer klarer, daß man wissen muß, daß Sinatra ja vom Jazz (Crooning) kommt. Und alle die Jazz hören, verstehen natürlich ihn dann besser.

Das denke ich nicht, aber den Jazz-Hörern hast du damit sicherlich den Bauch gepinselt.

Hm… Ich habe mal versucht zu verstehen was Frank Sinatra auszeichnet. Versucht seine Wurzeln zu finden.
Er begann mit Swing, und als Sänger in einer Big Band. Eine Unterart von Jazz. Der Name Tommy Dorsey, Bandleader fiel.
Alles begann bereits Anfang der 1940er Jahre. In den U.S.A. War schon ziemlich populär. (Durfte man das schon Pop nennen?)
(In Deutschland gab es zu dieser Zeit diese Musik sowieso noch offiziell nicht, da hatten wir Krieg und die Nazis.)
Als ich also 1966 zum erstenmal „Strangers In The Night“ hörte, war es für mich kein Pop, eher so eine Art „Adult Music“.
Da war ich 12 und hörte Beatles, Stones, Beach Boys, Dave Dee usw. Ich war ein „Beatboy“. Hatte versucht mir die Haare etwas länger wachsen zu lassen und trug Schlaghosen u.ä.
Mit Frank Sinatra und Swing wußte ich damals noch nichts anzufangen.
Für mich war es Musik für Erwachsene und ich wollte mich als Teenager nicht mit Erwachsenen identifizieren.
Die Neugierde zu Swing kam erst viel später als ich selbst Erwachsen war. Über den Jazz. Weil ich nicht nur Rock und Pop hören wollte.
Da Du ja wenig mit Jazz am Hut hast, wie ich glaube, nimmst Du Sinatra vielleicht eher als Popmusik war?
Ich glaube Titel wie „My Way“ oder „Strangers In The Night“ sind längst auch in die Popmusik „eingegliedert“ worden. Ich kann hier nicht Swing und Pop trennen.
Der Gesang vom „neueren“ Frank Sinatra gefällt dir vielleicht besser, weil er reifer war, Zeit seine Stimme zu verbessern. Dann wurden ja auch die techn. Möglichkeiten besser.
Zuguterletzt war er ja in den 40ern noch ein ganz junger Sänger in einer großen BigBand, der noch davor war Erfahrungen zu sammeln.
Später als er sich einen Namen gemacht hatte, konnte er vermutlich bei den Produktionen mehr mitreden.

Es ist noch etwas komplizierter … ich ergänze und kommentiere ein Bisschen, wenn Du gestattest: Swing war in den Dreissigern die vorherrschende Spielart des Jazz – und sie wurde in recht vielen Fällen so formelhaft, dass sie kaum noch als „Jazz“ bezeichnet werden kann, sondern tatsächlich schon sowas wie Pop-Musik wurde – in erster Linie bei Tanzanlässen gespielt (auch zweifellos dem Jazz zuzurechnende Bands wie die von Count Basie oder Duke Ellington spielten zum Tanz auf, noch bis in die Sechziger, und oft sind Aufnahmen von solchen Auftritten interessante Ergänzungen zu den Studio-Produktionen: die Bands waren nicht an die 3-Minuten-Limite der 78 rpm 10″-Schellack-Platten gebunden, das Spiel oft etwas lockerer, freier, bei Ellington, der eh nicht die diszipliniertesten Leute um sich scharte, manchmal geradezu schludrig … aber dann gibt’s halt ein Solo oder irgendwas, was alle herausreisst).

Die Sänger*innen waren in den Big Bands meistens primär für die Balladen zuständig – sie sangen in den späten Zwanzigern oder frühen Dreissigern – es gab sie schon vor dem Swing und auch in kleineren Bands (die Standard-Besetzung mit 4-5 Trompeten, 3-4 Posaunen, 5 Saxophonen und 4 Rhythmus – Piano, Gitarre, Bass, Schlagzeug – kristallisierte sich eh erst in den späten Dreissigern langsam heraus, davor gab es auch oft 3-3-4 oder noch weniger Bläser) – auch gerne einen „vocal chorus“ (stand dann so auf dem Plattenlabel) mittendrin, nicht als Hauptattraktion am Anfang und am Ende. Dazu kamen noch Novelty-Nummern (filmaffine kennen Lauren Bacalls Auftritt mit „And Her Tears Flowed Like Wine“ in „The Big Sleep“ – da kriegt man auch noch den Chorgesang, den es bei solchen Bands oft auch noch gab … in Maximal-Variante ein 3-4köpfiges Gesangsensemble – meistens nur Frauen oder nur Männer – plus Sängerin und Sänger, von denen vielleicht eine*r den Lead im Ensemble übernahm) oder in den „race“ Bands auch mal ein Blues. Meistens waren die Stücke mit Gesang aber die Kitsch-Nummern im Repertoire, oft waren die Sänger*innen (es gibt in der Rolle recht oft Sänger) auch nicht besonders gut – Fans von altem Jazz nehmen den Anteil von Tracks mit Gesang gern als Entscheidungsgrundlage, um etwas nicht zu kaufen, wenn zu viel Gesang dabei ist. „Race music“ war das Etikett für die afro-amerikanischen Bands, die oft besser waren, aber oft auf den Billig-Reihen der Label publiziert wurden, nur die zweit- oder drittklassigen Songs abkriegten, schlechter (z.B. länger akustisch statt elektrisch) aufgenommen wurden usw.. Die Platten kosteten weniger, waren für einen anderen Markt vorgesehen. Das war lange Zeit alles streng segregiert (in der Artie Shaw Big Band taucht dann mal Roy Eldridge auf, oder Billie Holiday als Sängerin; bei Goodman waren zwar schon recht früh Afro-Amerikaner dabei, aber in der Regel nicht in der Big Band sondern nur in den kleinen Combos – also nicht beim grossen Tanz-Gig im Ballsaal; möglicherweise war die damals bedeutende Band von Charlie Barnet die erste, in der Schwarze Platz fanden?).

Sinatra ist nun quasi der Ausnahme-„Songbird“ unter den Sängern der weissen Bands jener Zeit. Und Tommy Dorseys Band eine derjenigen, die tatsächlich kaum Jazz-Charakter hatte, auch wenn wie in den meisten namhaften Bands der Zeit einige gute Leute dabei waren, die auch mal ein Solo beisteuern konnten, das über die elegante Posaune des Leaders hinaus ging (für formelhaften Swing ist wohl Glenn Miller die Nummer 1). Aber auch da dürfte die Schnittmenge von Jazzfans und Sinatrafans sich noch recht in Grenzen halten. Und ob Crooning vom Jazz kommt bzw. eher als Fremdkörper über die Bandsänger halt neben dem Jazz, den die Bands auch spielten, koexistierte … da müsste ich mich weiter einlesen (bei Will Friedwald vielleicht – hat @vorgarten dazu mal eine gute Einordnung aufgeschnappt?)

Es gibt auch den Standpunkt, dass Sinatra in den Vierzigern (mit Dorsey) ein Jazzsänger war, in den Fünfzigern dann nicht mehr … ich finde solche Abgrenzungen, wenn sie sich auf den Gesang an sich und nicht die Musik drumherum abstützen, unglaublich schwierig – würde bei Sinatra aber eher sagen: für meine Ohren war er wohl gar nie ein richtiger Jazzsänger (oder eben so halb, wie Dorseys Band so halb eine Jazzband war).

Die Elternmusik aber den mittleren Sechzigern oder so, die hat dann mit Jazz eben auch musikalisch nicht mehr viel zu tun. Aber Leute wie Nelson Riddle, Billy May oder Gordon Jenkins auch nur am Rand. Die hatten den Sound halt auch drauf und wussten, wie man für Sänger gute Arrangements schreibt (oder ganze Alben einrichtet). Die Capitol-Alben höre ich grundsätzlich also auch als Pop-Alben – halt mit einem vom Jazz geprägten Sound, der aber auch in den Fünfzigern weitere Einflüsse einbezieht, bevor die Jazz-Elemente im Lauf der Sechziger und Siebziger immer unwichtiger werden. Was alles nicht hiesst, dass nicht swing als Stilelement (vs. Swing als Jazzepoche, siehe oben) zum Einsatz kommt, dass Sinatra nicht da und dort mal jazzy phrasiert (sein Timing war ja eh aussergewöhnlich gut).

Das einfach, um verkürzte Verknüpfungen wie Crooning = Jazz ein wenig einzuordnen … die meisten Jazzfans kriegst Du nämlich ganz schnell aus dem Raum, wenn Du Crooner laufen lässt. Viele auch dann, wenn es Sinatra ist, der croont.

Wo ich hier endlich zum Schreiben komme auch noch Dank nachgereicht für die Kommentare von @herr-rossi und @vorgarten von neulich – kann ich allem Folgen, auch dem Camp-Aspekt. „My Way“ finde ich halt auch recht lahm, spricht mich überhaupt nicht an … und zu meiner Liste würde ich nicht nur die #2 nennen, wenn es um den swing geht, den Sinatra eben hatte – und swag auch, das Selbstbewusstsein, das er dabei verströmt, finde ich oft zwiespältig (heute würde man sagen: Verdacht auf Spuren toxischer Männlichkeit) – drum sind dann einige Balladen definitiv auch im Favoritenkreis angebracht.

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba