Antwort auf: Der letzte Film, den ich gesehen habe (Vol. II)

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Gestern gab’s Runden 6 und 7 beim Stummfilmfestival – weiterhin grossartig!

Ein Wiedersehen mit The Navigator (Buster Keaton, Donald Crisp, USA 1924) am Nachmittag, davor als Vorfilm Back Stage (Roscoe «Fatty» Arbuckle, USA 1919), auch schon mit dem Böster (den meine Schwester liebt, klar – klick.)

Die Musik kam vom bewährten Duo Gabriel Thibaudeau (Piano) und Silvia Mandolini (Violine), die ich auch schon in Bologna (wo Mandolini im Orchester spielt, sie sind aber beide aus Kanada und kennen sich von dort) hörte und super fand – vor allem drum bin ich gestern hin, war aber auch toll, weil in der 15-Uhr-Vorstellung viele Kinder sassen, die einen unglaublichen Spass am Film hatten, in der grossen Schluss-Szene, dem Kampf gegen die „Kannibalen“, Keaton und Kathryn McGuire lautstark anfeuerten.

Das Abendprogramm war dann ganz dem Charleston gewidmet und kam in zwei Teilen. Zuerst begleiteten Constanza Pellicci (Stimme, Electric Tap Dance) und Steve Buchanan (Electric Tap Dance – heisst er hatte „Pads“ auf denen er tanzte, mit Dutzenden Utensilien verkabelt, auch einem Sampler, von dem er auch mal passende Musik dazu einspielte) zwei kürzere Filme: Fatal Footsteps (USA 1926, 22 min) von Charley Bowers und Sur un air de Charleston (FR 1927, 21 min) von Jean Renoir. Bowers, der hier obsessiv für einen Charleston-Wettbewerb übt, kannte ich noch gar nicht – scheint eine grosse Lücke zu sein! Und der Film von Renoir war dann wirklich der Clou: der erste (?) afro-futuristische Film, ein afro-amerikanischer Schauspieler, Johnny Hudgins, mit Blackface (der trat anscheinend oft so auf, und das scheint Renoir schon 1927 nicht geheuer gewesen zu sein), reist im Jahr 2028 in einer fliegenden Kugel von Afrika in ein postapokalyptisch versehrtes Europa (Terra Incognita steht auf seiner Karte), landet in Paris, wo der Eiffelturm geknickt im Hintergrund steht (die Schlussszene von „Planet of the Apes“ quasi). Dort tantz eine Indigene, die in einer Litfass-Säule lebt und von einem Affen (ein Mensch in Kostüm) begleitet wird, den Charleston … der Forscher telefoniert nach Hause, um mitzuteilen, dass er den Tanz seiner Ahnen lernen wolle. Es gibt eine irre Tanz-Szene und am Ende, nach erfüllter Mission, fliegt er mit der Frau davon. Die Begleitung war passend, allerdings hörte man von Pelliccis Tanz praktisch nichts (da stand nur ein Mikro in der Nähe der Füsse, sie hätte Plattten und Stepptanz-Schuhe gebraucht, um sich gegen die teils sehr lauten – aber ziemlich tollen – Sounds von Buchanan behaupten zu können … vielleicht hat sie sich auch darum im Renoir-Film viel stärker auf die Stimme konzentriert?

Der Hauptfilm kam dann mit der besten Stummfilmkapelle des Monats und war Skinner’s Dress Suit (USA 1926) von William Seiter, eine Komödie im kleinbürgerlichen Vorstadt-Amerika. Skinner pendelt täglich zur Arbeit, seine sozial ehrgeizige Frau fragt, wann er denn endlich seine Beförderung kriege. Die kriegt er nicht, aber sie gibt, ohne das zu wissen, schon das ganze Geld aus, das er in den kommenden ein, zwei Jahren dank der Beförderung erst verdienen werde. Mit Frack und neuem Kleid steigen sie in die bessere Gesellschaft ihres Schlafstädtchens auf, Bridge-Abende, Bälle etc. Skinner lässt sich derweil bei der Arbeit den neuesten Tanz beibringen – den Charleston natürlich. Den bringt er am Telefon seiner Frau bei und ein paar Tage später beim grossen Ball werden die beiden tanzend zur Sensation ihre Ortes. Der Aufstieg gelingt so schnell, wie die Schulden steigen, und bald stehen die Möbelfirma und der betrogene Schneider vor dem Haus. Skinner wird entlassen, doch er führt – der Zufall, das Drehbuch – den abgesprungenen schwerreichen Kunden seiner alten Firma, in die Gesellschaft ein. Dieser ist ihm so dankbar, dass er ihm ein unschlagbares Angebot macht, was die ehemaligen Bosse dazu bringt, Skinner, jetzt als Juniorpartner, wieder in ihre Firma aufzunehmen. Begleitet wurde das von Camila Nebbia (Tenorsax), John Edwards (Bass) und Hamid Drake (Schlagzeug, Perkussion) – und klar, die Musik war da am Ende (wie im Herbst 2023, als Drake schon mit William Parker, Luís Vicente und John Dikeman „The Phantom of the Opera“ begleitet hatte) das wenigstens so wichtige Ereignis und wirklich toll – wenngleich oft nicht wirklich auf den Film abgestimmt.

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba