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Brad Mehldau – The Art of the Trio Volume One / Live at the Village Vanguard: The Art of the Trio Volume Two | Bei mir ist leider Migräne-Tag – hören geht, aber lang in den Bildschirm gucken nicht. Mehldau, Runde 2 und 3, jetzt unter der „Art of the Trio“-Überschrift – da hatte wer einen Plan (Mehldau und sein Produzent Matt Pierson, nehme ich an). Das Trio kommt schon im ersten Album zur vollen Blüte, der Leader kokettiert mit „Blame It On My Youth“ zum Einstieg, es folgen drei Originals und drei weitere Standards („I Didn’t Know What Time It Was“, „I Fall in Love Too Easily“ und „Nobody Else But Me“) sowie Lennon/McCartneys „Blackbird“ – ein Vorbote künftiger Pop-Song-Interpretationen. Das Interplay ist grossartig, Rossy höchst vielseitig, Grenadier stets übergangslos zwischen Solo, Kommentar und Begleitung unterwegs, mit tollem Ton und superbem Beat. Statt Liner Notes dieses Mal eins von Rilkes Orpheus-Sonneten in englischer Übersetzung. Dazu ein paar Fotos vom jungen Mann, der die Zeit (aber nicht sich) vergessen hat sowie Studio-Schnappschüsse (4./5. September 1996 in den Mad Hatter Recording Studios in L.A., Bernie Kirsh nahm auf, James Faber machte danach anderswo den Mix). Im Vanguard dann für meine Ohren die erste echte Sternstunde von Mehldau – schon im Opener, „It’s Alright with Me“, ziehen die drei alle Register und so geht es durch ein tolles Programm weiter: „Young and Foolish“, „Monk’s Dream“, „The Way You Look Tonight“, „Moon River“ (Pop-Songs …) und als Closer nochmal Coltranes „Countdown“ vom Debut-Album. Im Booklet ein Gespräch von Brad mit Mehldau (oder Florestan und Eusebius?) – „Like a dog that loves to eat its own shit“, so in Kürze die Zeitdiagnose vom Stichwortgeber, während der Haupt-Laberer die Fackel der Originalität hochhält – Romantik, Geniekult, aber auch deutliche Worte in Richtung der musealen Junglöwen der ersten Welle: „When this kind of chauvinistic ideology and myth step into the foreground, there arises a tendency toward a sort of musical fascism, steeped in the conservative, with a sensibility inclined towards the downright reactionary. The music will at best achieve a sort of banal correctness, informed by an impotent lack of the spontaneous“ – das ist natürlich nicht konkret adressiert im Text, den ich jetzt auch nicht ganz wiedergelesen habe … immerhin ist er im Gegensatz zu späteren noch auf zehn Seiten im Booklet so gedruckt, dass man ihn mühelos lesen kann. Aufgenommen wurde das Album zwischen dem 29. Juli und dem 3. August 1997 von James Farber und John Bates. Das wäre doch mal was für ein Box-Set nächstes Jahr, falls es die USA (und uns) dann noch gibt?

Jason Moran Presents The Bandwagon | Mehldau führt seine Revolution aus dem Innersten der Tradition durch, Moran setzt anderswo an, Hip Hop, Funk, Superhelden, Achterbahn, aber auch Romantik (Moran spielt Brahms‘ Intermezzo Op. 118/2) – 29./30. November 2002, auch im Village Vanguard (Kurt Lundvall nahm auf und mischte, Moran produzierte selbst). Tarus Mateen spielt seine eingesteckte akustische Bassgitarre, und Nasheet Waits ist in der Zeit schlicht der beste Drummer. Die Musik geht von Rag Time („Out Front“ vom ähnlich eklektizistischen und doch so eigenen Lehrer Jaki Byard) zu No Time, von Brahms zu Samples (eine Stimme, die in „Ringing My Phone“ vom Sampler dazugespielt wird). Die drei finden traumhaft sicher den Weg durch die unterschiedlichen Landschaften (Levels des Games?), glänzen mal mit Eleganz, dann mit explosivem Punch. Ich wollte Moran eigentlich nach der Neunziger Strecke wiederhören und hab grad nur die CDs von ihm (und Osby) greifbar, die ich damals nachkaufte (diese und „All Rise“), im Vanguard 2016 war ich ja schon, das hier ist derselbe jährliche Gig zu Thanksgiving, 14 Jahre früher und noch beim langjährigen Label Blue Note.

Tethered Moon – Experiencing »Tosca« | Und dann noch die letzte Runde mit Masabumi Kikuchi (mit einbandagierter linker Hand), Gary Peacock und Paul Motian und ihrem angeketteten Mond, bevor ich wieder Pause mache und hoffe, der Kopf lässt es zu, nachher Bach zu hören (ich hab eine Karte für Schaghajegh Nosrati, die das erste Buch des Wohltemperierten Klaviers aufführt). Hit Factory, NYC, 14./15. Dezember 2002, und Peacock übernimmt gleich den Lead im ersten Teil (von dreien), nach dem kurzen Prolog. Motian ist oft zupackend drauf, spielt drum rudiments auf der Snare, während Kikuchi denkt, in einer Oper müsse doch auch wer laut singen. „Homage to Puccini“ (vom Trio), „Ballad“ (Kikuchi), „Blues for Tosca“ (Trio) folgen, dann Part IV. Den Prolog und die vier „Parts“ haben die drei von Puccinis Musik adaptiert. Nach dem einfachen Material der Piaf-Hommage ist das ein Abschied mit Knall, ein letzter karger, kantiger Rausch.
Ich bin froh, ist kein Tethered Moon-Ranking gefragt, denn hinter dem Weill-Album liegt irgenwie gefühlt alles gleich auf …
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba