Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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Gene DiNovi – Renaissance of a Jazz Master | Auch die Japaner waren nicht immer gründlich – jedenfalls übersahen sie in den Siebzigern DiNovi, den 1928 in Brooklyn geborenen Eugene Salvatore Patrick DiNovi, der neben George Wallington, Dodo Marmarosa oder Joe Albany zu denjenigen Pianisten gehört, die eigene Wege zwischen Swing und Bebop beschritten. DiNovi zog 1972 nach Toronto und war wohl nicht aufzufinden, als die Japaner herumzogen – und natürlich auch Marmarosa nicht fanden … das waren halt nicht die Leute, die sie im Blick gehabt haben, vermute ich.

DiNovi hörte Basie, Ellington und die anderen Swing-Bands, Teddy Wilson und Art Tatum waren frühe Einflüsse, dann Nat Cole – aber nicht Earl Hines. Schliesslich entdeckte er Bud Powell und Thelonious Monk, interessierte sich auch für den Ansatz von Lennie Tristano. Daraus formte er bald einen eigenen Stil – er spielte schon als Kind und Jugendlicher mit Jerry Jerome, Boyd Raeburn, Buddy DeFranco und anderen und wirkte dann bei einer der Aladdin-Sessions von Lester Young mit. DiNovi pflegt einen klar modernen Stil, aber mit dem Glow von Wilson und derselben Eleganz der Detroiter (Flanagan, Harris) – ich höre bei ihm aber mehr alten Jazz und eine grössere Wärme, ein stärkeres Gewicht der Klangfarben im Klaviersound, der hier, am 31. März 1993 in den Phase One Studios in Toronto, wirklich unfassbar schön eingefangen ist.

Nach den schnellen Anfängen ging DiNovi einen anderen Weg als all diejenigen in seinem Umfeld, die lichterloh brannten und früh starben (Berman, Navarro, Gray, Parker…) – er heiratete, gründete Familie … und begleitete Sänger*innen, um einen stabilen Lebenswandel führen zu können: Peggy Lee, Tony Bennett (auch aus Brooklyn), Lena Horne, Anita O’Day. Von da ging es nach Hollywood in die Studios, die Freundschaft mit Hornes Ehemann Lennie Hayton öffnete ihm Türen und Johnny Mercer fand einige von DiNovis Melodien gut genug, um Texte zu schreiben. In den Sechzigern leitete er eine Gesangsgruppe, zog wie erwähnt in den frühen Siebzigern nach Kanada. In den Achtzigern zog es ihn – er machte nur gelegentlich mal eine Aufnahme – wieder zurück in den Jazz. 1990 reiste er nach Japan und daraus ergab sich ein erstes Trio-Album. Es wurden rasch drei daraus, alle bei Marshmallow erschienen und mir bisher unbekannt.

Alan Bates hörte 1992 ein Tape aus Montréal und nahm ihn unter Vertrag. „Renaissance“ ist das Ergebnis davon, eine Reise nach Europa ergab sich dann auch noch … und es zeigte sich, dass DiNovi jung geblieben war, auch verfolgt hatte, was sich im Jazz der letzten Jahre getan hatte. Seine Phrasierung ist klasse, sein Touch wie gesagt wirklich toll, und sein Beat unfehlbar. Die tiefe Kenntnis der Songbooks vom Broadway und aus Hollywood führt zudem zu einem Repertoire voller selten gehörter Songs, unter ihnen Perlen wie „A Cockeyed Optimist“ von Rodgers/Hammerstein II, mit dem das Album öffnet, ohne „Bill“ von Kern/Wodehouse/Hammerstein II. Dazwischen spielt DiNovi ein paar eigene Stücke (darunter „Have a Heart“ das Mercer vertextet hat – und ausgerechnet in seiner „Elegy“ wird er zwischenzeitlich auch mal ein klein wenig funky) und Carisis „Springsville“ und auch ein paar bekanntere Songs wie „It Never Entered My Mind“ und „My Old Flame“, als Closer gibt es dann „Speak Low“. Mit Dave Young und Terry Clarke hat DiNovi die besten Leute hinter sich, die es damals in Kanada gab … das ist schon ein Prä-Evans-Trio, aber die Begleiter sind ziemlich aktiv und vor allem sehr souverän.

Das Album ist pure delight – eine warme Empfehlung für alle, die irgendwas zwischen Haig und Flanagan mögen … ich hab noch ein Trio-Album – und das dringende Gefühl, dass ich da noch tiefer schürfen sollte.

PS: DiNovi summt oft leise mit – eigentlich singt er … oft verschmilzt das praktisch ganz mit dem Piano und klingt wie ein leises Echo – mich berührt das ziemlich. Jedenfalls alles andere als störend (und möglicherweise das nächste am Erlebnis, das ich mit dem späten McCoy Tyner hatte, der das recht ähnlich aber noch leiser auch tat).

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00: #170 – 19.02.2026, 20:00; #171 – 10.03.2026, 22:00; #172 – 14.04.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba