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Jimmy Rowles / Red Mitchell / Donald Bailey – Trio | Es passt zu Jarretts Zeitdiagnose („pathetically discontinuous“ sei unsere Zeit, schrieb er – noch vor dem Internet für die Massen und lang vor den Streichelwanzen), dass ich als nächstes – 11./12. August 1988, Sage & Sound, Hollywood – ein Album höre, das wieder aus einer anderen Zeit stammt. Einer anderen auch als das von John Hicks, und doch sehr frisch klingt. Das hat damit zu tun, dass das Programm zur Verweigerung von Routine praktisch eingebaut ist, wenn man Jimmy Rowles UND Donald Bailey für eine Session bucht. Dazu kommt Red Mitchell am Bass, ebenfalls immer noch ziemlich agil … und dazu kommt ein Konzept, in dem die drei wirklich als Co-Leader agieren, wie schon im Opener klar wird, „Have You Met Miss Jones?“ von Rodgers/Hart. Es gib insgesamt drei Mitchell- und ein Rowles-Original, dazu Ellington/Strayhorn („Day Dream“) und weitere zumeist bekannte Standards: „Crazy He Calls Me“, „Yes Sir, That’s My Baby“, „My One and Only Love“, „What Am I Here For“ als Closer, und direkt davor der eine weniger bekannte Son, „My Silent Love“ (Edward Hetman/Dana Suesse) – möglicherwiese die erste Instrumentalversion davon, während der Song unter Sänger*innen recht beliebt gewesen ist (es gibt Aufnahmen u.a. von Dick Haymes, Connee Boswell, Billy Eckstine, Peggy Lee, Sue Raney, den Mills Brothers oder Della Reese) – und tatsächlich eins der vielen Highlights hier.
Bailey ist natürlich wegen Hampton Hawes dabei. Red Mitchell hat ihn 1956 in Pittsburgh gehört (Mitchell mit Hawes, Bailey mit Jimmy Smith), später fragte Rowles Hawes bei einem Gewerkschaftstreffen nach dem besten Drummer für ein Trio, und die Antwort war „Without a doubt, Donald Bailey! Get him!“ – das dauerte noch eine Weile, da Bailey mit Esther Phillips unterwegs war und die ihn nicht hergeben wollte. „He’s my favorite drummer. Always has been, since the first time I worked with him!“, sagte Rowles später. Er hatte einen Gig im Playboy Club, den er mit Bailey und Buster Williams bestritt: „Gad! We played straight through without a break, just because we were enjoying ourselves to much we forgot the time. The club owner had to tell us it was quitting time!“.
Zu Aufnahmen kam es allerdings erst Jahre später, eben im August 1988, auf Mitchells Anregung hin, der aus seiner neuen Heimat Schweden nach Kalifornien an die International Society of Bassists‘ Convention reiste. Nach dem Opener glänzt der Bassist in „Day Dream“ im Lead, in Rowles‘ „After School“ spielt Bailey eine Art Marsch-Trommel-Beat, über den Rowles und Mitchell einen bluesigen Dialog führen. Rowles‘ Piano hat diesen Glow von Wilson, er spielt mit unglaublich schönem Ton wie üblich – und bringt z.B. „Crazy He Calls Me“ wirklich zum Glänzen. Wie sich hier ein durchaus aktives Trio (in der Evans-Tradition des Interplays) mit älterem Jazz verbindet, ist wirklich toll zu hören. Wenn hier etwas Wehmut aufkommt, dann höchstens, weil hier eine Kunst zelebriert wird, die es nicht mehr lange geben sollte (auch nicht bei Flanagan oder Jones, die ja noch länger unterwegs waren – Rowles bleibt für meine Ohren ein Solitär).
Auch das ein Album, das ich nur dank Guy Kopelowicz‘ Grosszügigkeit schon fast 20 Jahre kenne, aber die letzten Jahre viel zu selten hervorzog. Nur knapp am Favoritenkreis vorbei.
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