Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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Steve Kuhn Trio – Life’s Magic
Steve Kuhn – The Vanguard Date

Ich bleibe nochmal im Jahr 1986, weil ich gerade den Vergleich von Jarrett/Peacock/DeJohnette mit Kuhn/Carter/Foster haben möchte. Das fängt mal damit an, dass hier ein viel weniger offener Aufnahmesound zu kriegen ist – kein grosser, leerer Konzertsaal (wie ihn ECM auch bei den 1983er Studio-Sessions suggeriert, und ja eigentlich ah immer), sondern eben der Club im Keller, wo alles von den Wänden reflektiert, enger wirkt. Damit hängt vielleicht zusammen, dass das noch stärker an Bill Evans und seine Trios erinnert, die ja im Club oft aufgenommen wurden. David Baker (mit Unterstützung von Jim Anderson) hat den Sound an diesen Abenden vom 28. bis 30. März 1986 natürlich im Griff, Carters Bass ist sehr gut erträglich, nur Fosters Becken fehlt es ein wenig an Brillanz und Höhe. Was die drei hier mit dem Material anstellen, ist super. Es gibt von fliessender Eleganz bis zum federnden Funk von „Trance“ eine grosse Bandbreite, Carter und Foster sind aktive Mitglieder des Trios, nicht blosse Begleiter, sie gestalten den Ablauf mit, der nicht vorabgesprochen wurde, wie Stanley Crouch in den Liner Notes berichtet: nur die Stücke sei man durchgegangen, alles andere – auch Tempi, Wechsel von Metren (in „Jitterbug Waltz“ improvisiert Kuhn in 4/4) sei spontan im Club entstanden. Aus den Liner Notes:

Stanley Crouch
Kuhn isnt‘ interested in hot chorusses“ that are only superficially held together, nor is he one who likes to drop phrases into a rhythm section the way messengers push piles of letters down the mouths of mailboxes. What he prefers is the compositional sense of improvising that allows for thematic variations and orchestral contributions from each player, eliminating the dated idea of foreground and background. In this music, you hear players inventing with a logic and an attentiveness to the subtleties of structure only the finest composers could equal.

Es gibt etwas mehr eigenes Material von Kuhn als beim Jarrett Trio: „Two by Two“ und „Ulla“ als Intro zu „The Trance“ sowie „Mr. Calypso Kuhn“ auf dem ersten Album, „Clotilde“, „The Little Zoo“ und Lullaby“ auf dem zweiten, erst 1991 nachgereichten Album, das auch noch Ron Carters „Little Waltz“ enthält – das man heute als Standard zu bezeichnen kann, ob das 1986 schon ging weiss ich nicht. Dazu kommen diverse alte Songs, etwa der famose Opener „Little Old Lady“, „Never Let Me Go“ (wie bei Jarrett) und „Softly as in a Morning Sunrise“ sowie das obskurere „Yesterday’s Gardenias“ auf dem ersten, „I Thought About You“, „Dance Only with Me“ (auch eher obskur), Tadd Damerons „Superjet“ sowie „Music Prayer for Peace“ (von Phil Perry, der das mit Ernie Watts eingespielt hat – sagt mir nichts). Das Trio klingt phantastisch, es hat wirklich die von Crouch erwähnte Gestaltungsfähigkeit, was immer wieder für Überraschungsmomente sorgt. Die Texturen und Klangpaletten, über die alle drei Verfügen, sind auch immer wieder toll zu hören. Calypso spielt Foster einen mitreissenden Beat und Kuhn lässt das Klavier fast wie ein E-Piano klingen – um es direkt danach im kurzen „Never Let Me Go“ umso schöner singen zu lassen. Auf der zweiten CD finde ich das Segment mit „Little Waltz“, „The Zoo“ und „I Thought About You“ ein Highlight.

Ich habe noch ein Dutzend weitere Trio-Alben von Kuhn, die ich gerne mal wieder hören würde, aber das wird aus Zeitgründen nichts … als Favoriten (nach dem Trio hier) im Hinterkopf habe ich neben „Oceans in the Sky“, über das @vorgarten bereits geschrieben hat, vor allem „Countdown“ (Reservoir, 1998 mit David Finck und Billy Drummond) und „Live at Birdland“ (Blue Note, 2007, wieder mit Carter/Foster) abgelegt, aber auch „Looking Back“ (tatsächlich auf Concord, 1990 mit Finck und Lewis Nash), „Dedication“ (Reservoir, 1997 auch mit Finck und Drummond) und „Porgy“ (1988 auf Evidence/JazzCity mit Buster Williams bzw. Eddie Gomez, Foster und Gastsängerin Luciana Souza) erinnere ich alle auch als gut bis sehr gut. Die ECM-Alben („Remembering Tomorrow“, „Wisteria“) ebenfalls, aber die schafften es damals nicht in meine ECM Top 150, wo Kuhn nur mit „Playground“ drin war – und klar, es gibt auch was, was nicht im Trio ist (Karin Krog, Sheila Jordan 2002 auf HighNote nochmal, mit Finck/Drummond und Tom Harrell, und auch ECM).

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