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Berlin, Komische Oper im Schillertheater – 01.01.2026
Neujahreskonzert
Ulrich Matthes Programm und Moderation
James Galligan Dirigent
Kiril Gerstein Klavier
Orchester der Komischen Oper Berlin
WOLFGANG AMADEUS MOZART
Sinfonie Nr. 36 in C-Dur KV 425 »Linzer Sinfonie« (1. Satz)
GEORGE GERSHWIN
Klavierkonzert in F-Dur
—
ARVO PÄRT
Sinfonie Nr. 4 »Los Angeles« (1. Satz)
ROBERT SCHUMANN
Sinfonie Nr. 2 in C-Dur op. 61 (3. Satz)
LEONARD BERNSTEIN
Symphonic Dances aus West Side Story
Wann höre ich schon mal klassische Musik? Und wann gehe ich schon mal ins Konzert? Der Konzertbesuch war die Idee meiner Freundin und ich habe mich mal gerne darauf eingelassen.
Die Komische Oper bespielt wegen Sanierung des Stammhauses aktuell als Ausweichquartier das Schillertheater, einen schlichten eleganten, gelassen und großzügig wirkenden Bau der 50 Jahre. Das Publikum nicht ganz so gemischt wie ich es vor einiger Zeit schon mal in der KO erlebt habe. Aber auch hier älter Paare, die offenbar schon seit 40 Jahren ein Abonnement haben, ein bisschen queeres Volk, ein bisschen Boheme, ein paar Familien mit Kindern, Normalos und in diesem Gewusel meine Freundin und ich. Etwas vermisst habe ich die älteren Damen mit dem billigen Parfüm.
Der Schauspieler Ulrich Matthes hat das Programm persönlich zusammengestellt, moderiert geistreich und witzig, aber auch mal nachdenklich auf 2025 zurückblickend, mal Zuversicht verbreitend für 2026. Am Anfang des Konzerts erlaubt er sich den Scherz, unter dem Vorwand, der Dirigent sitzt noch in der U-Bahn fest, selbst aufs Podest zu steigen und das Orchester zu dirigieren. Mit fliegendem Wechsel steigt dann James Galligan ein.
Als mit Pop und Jazz Sozialisierter kann ich eigentlich nicht viel mit Klassik anfangen. Mozart und Schumann lasse ich gefällig an mir vorbeiziehen und erfreue mich am Klangreichtum der Musik und dem Spektakel auf der Bühne. Interessanter wird es für mich in den Randbereichen und bei aktuellerer Musik. Gershwins Klavierkonzert in F-Dur ist ein funkensprühendes Feuerwerk. Häufige Wechsel von Motiven, Tempi und Dynamik. Gegensätze prallen aufeinander. Das Manhattan der 20er Jahre vor dem Börsencrash wird wieder lebendig. John Dos Passos und F. Scott Fitzgerald sind wieder auferstanden. Pralle Lebenslust, tiefe Sentimentalität, von allem zuviel. Manchmal wirkt es fast grotesk, wie Kiril Gerstein rasend schnell über die Tasten wirbelt. Zwischendurch denke ich: Gershwin war der John Zorn der 20er Jahre! Der wirft respektlos-respektvoll die verschiedensten Dinge in einen Topf (oder in verschiedene Töpfe auf dem gleichen Herd) und schafft daraus eine Collage, die viel mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile. Oder andersrum: Warum gibt es eigentlich kein Album der Reihe Great Jewish Music mit Stücken von Gershwin?
Nach der Pause Arvo Päärt als totales Kontrastprogramm. Ruhig schwebend im Raum hängend, ernst, sakral, meditativ. Man hält minutenlang fast den Atem an. Ulrich Matthes erzählt, dass er gezögert hatte, dieses Stück mit ins Programm zu nehmen. Will man das neue Jahr so nachdenklich und melancholisch beginnen? Andererseits: Hat das nicht auch was sehr tröstliches? Ergreifend!
Mit Leonard Bernstein sind wir wieder mitten im prallen Leben. Dass eins von Bernsteins Vorbildern George Gershwin war, ist offensichtlich. Hier wird klassische Musik mit Cha-Cha, Mambo, Jazz und manch anderem auf dem gleichen Teller serviert. Mittendrin die sehnsüchtige Melodie von „Somewhere“. Die West Side Story im Schnelldurchlauf. Szenisch aufgebaut, auch hier dramatische Wechsel von Themen und Dynamik. Hier himmelhoch jauchzend, da abgrundtief betrübt, eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Ja, irgendwie hat das auch was von Zirkus und Rummelplatz, von Spektakel – Gershwin ja auch! Es wirkt auf mich sowas von amerikanisch: Hybrid, grenzüberschreitend, Dinge miteinander kombinierend, die eigentlich nicht zueinander passen, voller Gegensätze aber gerade dadurch spannend, keine Angst vor dem scheinbar Trivialen und vor allen eins: Auf gar keinen Fall langweilig!
Dirigent James Galligan tanzt fast auf dem Podest. Einmal dreht er sich sogar um die eigene Achse. Orchester und Publikum haben erkennbar riesigen Spaß. Als Zugabe wird mit der Ouvertüre von My Fair Lady noch mal eins drauf gesetzt.
Allen ein gutes, gesundes und friedliches neues Jahr 2026!
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“There are legends of people born with the gift of making music so true it can pierce the veil between life and death. Conjuring spirits from the past and the future. This gift can bring healing—but it can also attract demons.” (From the movie Sinners by Ryan Coogler)