Antwort auf: Der letzte Film, den ich gesehen habe (Vol. II)

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Gestern spät im Kino: Víctor Erice – Abbas Kiarostami: Correspondencias (ES/IR 2007) – Zehn filmische „Briefe“, die die beiden innert einer Woche geborenen Regisseure sich in den Jahren 2005 bis 2007 schicken – sie beziehen sich auf die eigenen und des Anderen Werke, spinnen verspielt Fäden fort … und heraus kommt in der Montage der zehn sehr unterschiedlich langen Kapitel ein mäandernder, aber enorm poetischer Film. Erice besucht das Quittenbäumchen wieder (die Enkelkinder von López malen es ab und klar, es beginnt zu regnen), Kiarostami filmt eine Kuh von ganz Nah … verweigert sich erst dem Gesprächsfaden, blickt nicht wie Erice auf das eigene Werk zurück – die zwei haben unterschiedliche Vorstellungen vom Kino als Imaginationsraum. Erice besucht auch eine Grundschule in der Extremadura, in der die Lehrer Unterrichtsmaterialien für „Where Is the Friend’s House?“, den Film Kiarostamis aus dem Jahr 1987 entwickelt haben. Er filmt die Reaktionen der Kinder, die Antworten auf die Fragen des Lehrers. Danach spinnt Kiarostamei den Faden fort mit einem poetischen Kurzfilm über eine Quitte – Erice sei bei der Konzentration auf López beim Filmen gar nicht aufgefallen, dass ein Zweig über die Mauer reichte und die über der Strasse hängende Frucht daher gemäss dem Brauch im Iran allen gehöre. Zwei Jungen schiessen aus dem Off mit Steinen eine Frucht vom Baum. Als das endlich gelingt, rollt die Frucht einen Hang hinab in einen Bach, und zu generischem Swing à la Glenn Miller verfolgt die Kamera minutenlang, wie die Frucht durch das Wasser hüpft und schliesslich von einem Schäfer eingefangen und gemeinsam mit seinen Schafen verspeist wird. Den Faden wiederum greift Erice auf, indem er einen Schafhirten besucht und diesem – auf dem iPod – den Film vorspielt (der Schäfer meint, der Kollege mache alles falsch und hält die Quitte für eine Zitrone – das Display war ja bloss 4 oder 5 Centimeter breit). Später fährt Kiarostami mit dem Auto fort – und filmt den im Iran seltenen Regen durch die Windschutzscheibe, mal als Video, dann als Montage von Fotos – auch das minutenlang, dazu klassische Musik (Bach?). Zum Abschluss schickt Erice – er reist seinerseits auf eine Insel – dem Kollegen dann einen Brief in einer Flasche, und den langen ersten Teil dazu spinnen die beiden weiter fort: noch einmal das Objekt im Wasser bei Erice (der Faden von der Quitte im Bach), Fischer, die die Flasche finden (bei beiden), am Ende öffnet sie jemand im Iran und der Brief wird ungelesen vom Wind davongetragen – das Geheimnis bleibt bewahrt. Unverhofft Toll! Einzelne Segmente (v.a. das Segment mit der Quitte im Bach und die Autofahrt im Regen) sind für sich genommen eigenständige Kurzfilme geworden.

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