Antwort auf: Das Piano-Trio im Jazz

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Hampton Hawes Trio – The Seance / Hampton Hawes – I’m All Smiles | Hampton Hawes, Red Mitchell und Donald Bailey live am 30. April un 1. Mai 1966 im Mitchell’s Studio Club in Los Angeles. Im Club (kein Bezug zum Bassisten) hatte es davor nie Live-Musik gegeben, zum Zeitpunkt der Aufnahmen spielte das Trio laut Hawes‘ Liners zu „The Seance“ (auf den 17. Oktober 1969 datiert, wohl kurz vor das Album herauskam) seit neun Monaten dort. Er erzählt auch, wie er 1956 zusammen mit Mitchell erstmals Bailey gehört habe: Jimmy Smith sorgte damals für Aufsehen und die beiden gingen ihn anhören. Schon da habe er beschlossen, Bailey irgendwann in sein Trio zu holen. Acht Jahre später sei der dann nach L.A. gezogen und so klappte das irgendwann auch tatsächlich. Hier klappt auch musikalisch so ziemlich alles, der spontane, dem Album den Titel leihende Blues zum Einstieg ist jedenfalls schon mal sehr gut, danach gibt es Rollins‘ „Oleo“ – ein Stück, das das Trio laut Hawes wenigstens einmal pro Abend spielte und das Bailey den Raum für ein längeres Solo gibt: „Donald, to me, is the most underrated drummer today, and is long overdue for recognition“ – die Folge der Dünkel gegenüber Orgeljazz. In „Easy Street“ ist dann zu hören, wie tight das Trio auch in ausgestecktem Territorium ist. Der Bass wird ins Arrangement eingebunden, die Drums sind sehr eigenwillig in ihren Kommentaren. Teil  zwei beginnt wieder mit einem Original, das nach einem eigenartigen Intro – einem Paso doble? – für die Soli in einen Blues wechselt. Bailey ist superb hier mit seinem präzisen Spiel auf der Snare, im Thema und auch danach hinter Hawes‘ Solo, in dem ich ein paar Mal an Jarrett später im Standards Trio denken muss (dass dieser/dieses nicht aus dem luftleeren Raum fiel ist eine meiner Erkenntnisse der letzten Wochen – war ja eigentlich schon klar, aber nachgehorcht hab ich da halt bisher nie). Dann folgt gebündelt das Balladensegment, es gibt „For Heaven’s Sake“ und „My Romance“. Das erste Stück habe er bei Billie Holiday zuerst gehört und seit damals spielen wollen – er ändert hier kaum was, schreibt er, das Stück sei „so complete harmonically“, dass er kaum was dran gemacht habe, nur nach den besten Voicings gesucht und „a few substitutes added just flavor“. „My Romance“ kommt dann im mittelschnellen Bill-Evans-Bounce-Tempo daher (das Jarrett auch wieder pflegte), der Bass in Zwei, die Drums im Thema fast still. Fast zehn Minuten dauert das Stück und zeigt nochmal, wie entspannt das Trio in diesem Rahmen agierte. Fast etwas zu entspannt vielleicht, als dass daraus ein wirklich hervorragendes Album hätte werden können? Ich geniesse das als Dokument sehr, aber da und dort scheint es etwas an Fokus zu mangeln?

Runde zwei wurde 1972 nachgelegt (Hawes‘ Liner Notes sind auf den 12. Oktober 1972 datiert) … Top-20-Material bei @vorgarten, neu für mich (von „The Seance“ hatte ich schon eine Behelfsausgabe, gekauft habe ich beide erst in den letzten Jahren, als es hier um Bailey bei Hawes ging und ich mal Lücken schliessen wollte, „Here and Now“ und „High in the Sky“ kamen auch damals in die Sammlung – „I’m All Smiles“ hatte der Vorbesitzer für AUS$ 19.95 im Virgin an der Pitt Street in Sydney gekauft, am 16. Dezember 1991, wie ich einer kleinen Etikette entnehme, die vorn auf der Hülle klebt, und em Preisaufkleber auf der Rückseite). Das Titelstück, mit dem das Album öffnet, habe Chuck Israels bei den Aufnahmen zu „Here and Now“ ins Studio mitgebracht – Hawes suchte damals nach neuem Material, das Stück spielten sie dann aber nicht ein, Hawes musste erst einen Weg finden, es so anzupassen, dass es ihm lag. Und ja, ich bin hier auch begeistert – ein tolles Album, auf dem alles stimmt: das Material ist toll, das Trio erklimmt mal zu mal irre Höhen, der mangelnde Fokus ist höchstes im Blues ein (Rand-)Thema – und der steht hier nicht am Anfang sondern am Ende. Dass das „second helping“ besser ist als die erste Auswahl zeigt vielleicht, dass Künstler nicht immer die (ihre) besten Redaktoren sind. Bailey ist auf „Manha de Carnaval“ wirklich klasse – und gerade so gut ist seine Trommel-mit-Filzschlägeln-Begleitung in „Spring Is Here“, wo Mitchell so dialogisch unterwegs ist, wie das aus dem Evans Trio bekannt ist – Hawes‘ wichtigster Sideman gegen Ende der gemeinsamen Zeit. Hawes schreibt zur Wahl von „Spring Is Here“, dass er zwischen drei Takes wählen konnte und fügt eine Beobachtung an, die sein Verständnis von Musik auf den Punkt bringt: „This particular take was selected out of three of the same tune because we felt it was the best feeling-wise. To me feeling is paramount; technique is secondary, although important.“

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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169: Pianistinnen im Trio, 1984–1993 – 13.01.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba