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Den Film von Grimonprez sah ich im Herbst 2024 und war ebenfalls begeistert!
Hier, gestern Nachmittag im Kino (früh in den Weihnachtsurlaub verduftet):
El sol del membrillo (ES 1992) – ich kannte ja die zwei grossen Klassiker und den neusten Film von Víctor Erice, aber die Kurzfilme sind eine echte Offenbarung, und das gilt auch für diesen Film – was ist das überhaupt, ein Spielfilm ist es so wenig wie ein Dokumentarfilm und ein Essay ist es auch nicht … ein Kinofilm! Der Maler Antonio López will ein Ölbild des Quittenbaums anfertigen, den er ein paar Jahre früher in den kargen Hof seines Hauses gepflanzt hat. Er stellt Anfang Oktober Stäbe auf, spannt Schnüre, besonders eine horizontale für seine Augenhöhe, hängt auch ein Lot auf und beginnt, die Abmessungen auf die Leinwand zu übertragen, markiert fortlaufend Früchte und Blätter, die immer tiefer hängen, damit er ihren Stand nachträglich korrigieren bzw. im entstehenden Gemälde den Zustand von Tag 1 festhalten kann. Er überlegt, ob er die Morgen-, die Mittag- oder die Abendsonne einfangen will. Seine Frau arbeitet auch im Haus, ebenfalls ein weiterer Künstler, gleichzeitig sind drei Maurer aus Polen mit Umbauarbeiten beschäftigt. Die Töchter schauen vorbei (bringe Kleider und Schuhe zum Anprobieren), Freunde schauen vorbei, besonders Enrique Gran, der gegen Ende der sich wegen schlechten Wetters hinziehenden Arbeiten auch mal Zweige halten muss, damit López sie malen kann, wie sie fünf, sechs Wochen früher ausschauten. Irgendwann stellt er das unfertige Ölbild in den Keller, es geht nicht mehr weiter, und natürlich kann er ein Jahr später nicht weitermalen, weil die Blätter und Früchte dann natürlich anders hängen. Er fertigt stattdessen als zweites – verkehrte Reihenfolge, auch für ihn – eine Bleistiftzeichnung des Baumes an. Dazwischen schwenkt die Kamera über die Häuser rundherum, die vorbeiratternde Bahn, die Strasse, begleitet López und seine Frau, wenn sie das Haus verlassen, rückt die Polen beim Arbeiten, Pause machen, Spanisch lernen ins Bild, den Hund des Hauses ein paar Aufnahmen von Madrid, dem Fernsehturm, Gegenstücke zu Aufnahmen von draussen in die Häuser, in denen abends im Dunkeln die Fernsehgeräte blau flackern.
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"Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #169 – 13.01.2026, 22:00 | Slow Drive to South Africa, #8: tba | No Problem Saloon, #30: tba