Antwort auf: Die wunderbare Welt der Oper

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friedrich

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Philip Glass – 1000 Airplanes On The Roof

Schon vor einigen Tagen in der Neuköllner Oper gesehen und gehört. Ja, in Berlin-Neukölln gibt es eine Oper!

Ich wollte immer schon mal ein Werk der amerikanischen Minimalisten Terry Riley, Steve Reich oder Philip Glass live hören. Diese werden aber leider nur selten aufgeführt. Zufällig entdeckte ich aber, dass Philip Glass’ und David Henry Hwangs sci-fi space opera 1000 Airplanes On The Roof in der Neuköllner Oper aufgeführt wurde. Die Neuköllner Oper befindet sich in einem ehemaligen Ballsaal in einem gründerzeitlichen Gebäude. Da hat man eine Tribüne für etwa 200 Zuschauer reingestellt, man schaut also auf die Bühne herab und sitzt den Akteuren fast auf dem Schoß. Off-Theater.

1000 Airplanes ist eigentlich mehr Sprechtheater mit Musikbegleitung als Oper. Es spielen auch nur 2 Personen mit, von denen eine sogar stumm bleibt und die andere nur etwas wortlosen Gesang beisteuert. Inhaltlich geht es um eine Person, nur M. genannt, die von Außerirdischen entführt wird und verwandelt auf die Erde zurückkehrt. Die Handlung bleibt etwas unscharf, surrealistisch, fast wie ein Traum. Klingt langweilig? Das war es zum Glück überhaupt nicht. Regisseurin Paige Eakin Young und Performerin Mara Snip verlegen die Handlung ins gegenwärtige Neukölln. M. arbeitet in einem Café in Neukölln und fährt mit der U-Bahnlinie 8. Die Darstellerin und Transfrau Maria Snip färbt die Geschichte autobiografisch und kehrt von ihrer Entführung als die Person zurück, die sie wirklich ist oder eigentlich sein will. Nur mit einem Nachthemd begleitet, setzt sie sich fast allein auf der Bühne den Blicken des Publikums aus und hat dabei die Präsenz und die Ausstrahlung, es über die gesamte Zeit zu fesseln und mitzunehmen. Die Musikerinnen werden erst im Verlauf des Stückes hinter einem transparenten Vorhang sichtbar. 3 Bläserinnen und 2 Keyboarderinnen, was tauch der von Glass vorgesehenen Besetzung entspricht. Die Musik funktioniert wie eine Art Filmmusik, schafft Atmosphäre, changiert zwischen Hinter- und Vordergrund. Manchmal vergisst man sie fast, dann fallen einem immer wieder die für Glass typischen repetitiven Muster auf. So unspektakulär das ist, so gut ist es auch.

Begeistertes Publikum. Toller Abend!

Ergänzend: Wie wohltuend es ist, einen solchen Abend an einem solchen Ort zu erleben! Die Neuköllner Oper liegt in einem Hof an einer der belebtesten Straßen Neuköllns, zwischen Döner-Imbissen, Läden für Gemüse, Brautmode und Shisha-Zubehör – und natürlich auch Cafés. Das historische Haus hat Charisma, die Räumlichkeiten selbst sind etwas improvisiert aber mit Stil und Charme, was eine gleichzeitig elegante und gelassene Atmosphäre schafft. Und wenn M. von ihrem Job im Café und der U8 erzählt wird das Stück auch sehr schön im Hier und Jetzt verankert.

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