Antwort auf: Der Big Band Thread

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gypsy-tail-wind
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Ich schliesse noch rasch Harry James ab … eine Compilation mit Columbia-Aufnahmen habe ich auch noch irgendwo, aber die lief vor ein paar Monaten schon mal. Gestern gab’s noch das Album mit der Filmmusik von „Young Man with a Horn“, in dem Harry James im Hintergrund die Musik spielt, die Kirk Douglas auf der Leinwand, als eine an Bix Beiderbecke angelehnte Figur, darstellt. Doris Day singt ein paar Nummern (auch mal mit Orchester, nicht mit James‘ Big Band) … und im Film wirken auch Beiderbeckes Freund Hoagy Carmichael und Lauren Bacall mit … hab gestern zu rekonstruieren versucht, wann ich den Film gesehen haben könnte und festgestellt, das keins der beiden Studiokinos in der Stadt ihn je gezeigt hat – vermutlich also nur synchronisiert im Fernsehen. Eindruck hinterliess er trotzdem.

Die nächste Station bei Capitol war eine Single, Anfang November 1957 aufgenommen. Dazwischen war die Band von James u.a. bei der Ed Sullivan Show zu Gast und mit einer Package von Norman Granz auf Europa-Tour. Zurück in L.A. dann der Gang ins Studio für die kommerzielle Single „Andrea“ b/w „Vuelva“. Eine kitschige Melodie mit singender Trompete, dann etwas Faux-Exotica mit Akkordeon, Gitarre (Laurindo Almeida), Mandoline und einer gepfiffenen Melodie – und erst nach einer Minute wieder James‘ Trompete. John McDonough im Booklet der Mosaic-Box: „Despite such performances, James resented the ‚commercial‘ rap bitterly. ‚The trouble with some of the so-called jazz critics,‘ he told John Tynan in Down Beat, ‚is that they remember only the ballads. They forget all the great jazz thing we did. They closed their ear to Duke’s and Kenton’s ballads, but … they put us down.'“ Ein paar Tage später trat die Band – mit Buddy Rich – in der TV-Show von Patti Page auf.

Vom 31. März bis 2. April 1958 war die Band dann wieder dreimal hintereinander im Studio und nahm das nächste Album für Capitol auf, „The New James“. Willie Smith ist immer noch dabei und öfter zu hören, Jackie Mills sitzt am Schlagzeug. Die Soli am Tenor übernimmt Sam Firmature, an der Posaune ist vermutlich Ray Sims mal zu hören, die Rhythmusgruppe vervollständigen Pianist Jack Perciful, Gitarrist Dennis Budimir und Bassist Russ Phillips (auf „More James in Hi-Fi“ war Joe Comfort dabei, vergass ich zu erwähnen). Drei oder vier der neun neuen Arrangements stammen von Ernie Wilkins (hier sind die Credits unklar, McDonough schreibt vier, aber Wilkins hat drei der Stücke [co-]komponiert), je eines von Bill Holman und Neal Hefti, der Rest von Jay Hill. Das ist wieder mittelschnell swingender Jazz à la Basie, der mehr an die Tänzer*innen denkt, als das 1958 längst üblich war – aber das funktioniert, wie die Musik von Basie aus der Zeit – natürlich auch zum hören sehr gut. Da ist immer viel gute Ensemble-Arbeit dabei, die Band hat Punch und weiss um die Kraft, die in der Zurückhaltung und dem gekonnten Einsatz der Dynamik liegt – und wie James‘ Trompete vorbereitet wird ist immer sehr effektiv … und seine Soli eh immer überzeugend, oft hervorragend. Es gibt nur eine Ballade, „Warm Blue Stream“, in dem Smith ein Solo à la Hodges spielt, den er ja 1951/52 bei Ellington ersetzt hatte – und hier ist auch Dennis Budimir kurz zu hören, der sonst eine klassische Rhythmusgitarre spielt.

Am 9. Juni und 1. Juli geht die exakt gleiche Band zum letzten Mal für Capitol ins Studio und nimmt „Harry’s Choice!“ auf – gleiches Schema wie bei den zwei Vorgängern, aber für einmal sind fast nur Standards dabei: bei der ersten Session werden zwei Wilkins-Charts eingespielt, „Blues for Sale“ und „Just for Fun“. Das sind wieder hervorragende Arbeiten voller Drama und dynamischer Kontraste, mit glänzender Trompete, Sims‘ Posaune und einem tollen Sax-Ensemble im ersten, einer kleinen Stop-Time-Figur und Soli von James, Smith und Firmature (der wieder alle Tenor-Spots kriegt) im zweiten. Bei der zweiten Session wurden sieben Klassiker eingespielt: „Willow Weep for Me“, „Moten Swing, „I Wand a Little Girl“ (alle auch von Wilkins arrangiert), „Do You Know What It Means to Miss New Orleans“, „You’re My Thrill“ (alle drei von Jay Hill arrangiert) und „The New Two O’Clock Jump“ (von Neal Hefti arrangiert – den „Two O’Clock Jump“ hatte James mit Goodman auf Basis von Basies „One O’Clock Jump“ 1939 eingespielt, hier kriegen alle drei Credits für die Komposition). „Moten Swing“ war bei Basie nach dem Krieg aus dem Repertoire gefallen – 1956 schreib Wilkins ein neues Arrangement, das auch hier bei James zu hören ist, und das eins von Ray Coniff ersetzte, das James über ein Dutzend Jahre gespielt hatte (er kam Basie mit der Aufnahme zuvor, der erst ein Jahr später eine Aufnahme des neuen Wilkins-Arrangements machte). In „Do You Know …“ ist James die meiste Zeit mit der Rhythmusgruppe allein und erinnert – passend zum Stück – an Louis Armstrong. Die letzte Einspielung ist Heftis Arrangement aus dem Jahr 1950 – aber ohne die Vokal-Einlagen, die früher dazu gehörten. Das Sax-Riff, das als Kern des Stückes betrachtet werden kann, ist übrigens älter als Basies Stück, war es doch schon im September 1929 in „Six or Seven“ von den Chocolate Dandies zu hören. 1959 wechselte James zu MGM, später zu London. Immer wieder wollten die Label seine alten Stücke im neuen Gewand aufnehmen, James hörte irgendwann auf, neue Arrangements in Auftrag zu geben, hielt aber die Standards hoch bis Ende der Siebzigerjahr. Als Rich 1966 endgültig ging, übernahm Basie-Drummer Sonny Payne den Job am Schlagzeug (bei Basie halfen Louie Bellson, Ed Shaughnessy oder Irv Cottler aus, bis 1968 Harold Jones auftauchte, der wieder länger blieb).

Ich habe diese Alben seit vielen Jahren nicht mehr angehört und bin gerade sehr positiv überrascht – besonders von den dreien aus der Zeit, als die Band gar nicht mehr als solche dauerhaft existierte (sondern eben als Oktett – schade, dass es davon keine Aufnahmen gibt … Granz hätte sich das sicher nicht entgehen lassen, aber er hatte James halt nie unter Vertrag – bei Capitol haben ihn F.M. Scott und Bill Miller produziert, der erste bis 1956 die fixe Band, der zweite die drei danach folgenden Alben und die Single).

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