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Ich höre mich mal weiter durch meine 90er Bestände – einer muss es ja tun. Hier ein Musiker, der tatsächlich in den 90ern erstmals auf der Szene erschien. Das Album mag nicht besonders repräsentativ sein, aber es ist das einzige von James Carter, das ich habe.
James Carter – The Real Quietstorm (1995)
Titel und Cover sagen es schon: Es wird schmusig! JC spielt hier vor allem Balladen und Bluesiges, insgesamt neun Stücke, davon 7 Titel von u.a. Monk, Sun Ra (!), Don Byas, Ellington und Jackie McLean, dazu 2 Eigenkompositionen. Ein ganz schön breites Spektrum also, das aber nur mit Ellingtons Stevedore’s Serenade und Don Byas’ 1944 Stomp etwas Fahrt aufnimmt. Für Abwechslung ist aber gesorgt, da JC hier mit Bariton-, Tenor-, Alt-, und Sopransaxofon, Bassklarinette und Bassflöte antritt.
Musik fürs candlelight dinner? Nicht ganz, denn James Carter spielt sich zu sehr in den Vordergrund, als dass sich das als reine Hintergrundmusik eignen würde. Virtuos, gefühlvoll, manchmal melodramatisch, auch mal zupackend, manchmal etwas dick aufgetragen. Und er kann offenbar alles abrufen, was ein halbes Jahrhundert Jazzgeschichte hergibt. Man fühlt sich abwechselnd in eine Bar in Kansas City der 30er, in einen Jazzclub im Harlem der 40er, in ein Etablissement in Chicago in den 50ern und ich weiß nicht wo und wann versetzt – aber immer nach Mitternacht. Man kann sich dabei fragen: Wer ist das eigentlich, dieser James Carter? Er kann ja offensichtlich in jede beliebige Rolle schlüpfen. Ist mal Ben Webster, mal Gene Ammons oder jemand anderes und immer auch ein bisschen Rahsaan Roland Kirk. Denn neben der Beherrschung all dieser Stile und Instrumente (wenn auch nicht gleichzeitig) bietet JC auch einige Akrobatik, z.B. wenn er einen Ton scheinbar endlos dehnt, bis man sagen möchte: „Toll machst du das, James, aber jetzt lass mal gut sein!“ Ein Showman, der alle seine Tricks zeigen will. Auf diese Show muss man sich halt einlassen.
Als sidemen u.a. Craig Taborn (p), Dave Holland (b) und die beiden ungewöhnlichen drummer Leon Parker und Tani Tabbal.
Hatte die Platte laaange nicht gehört und sie lag auch schon auf dem „Kann das weg?“-Stapel. Gestern Abend hat das Hören aber Spaß gemacht. Kann erstmal bleiben!
Hier das Sun Ra-Stück:
Hier das Original aus den späten 50ern:
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„Etwas ist da, was jenseits der Bedeutung der Worte, ihrer Form und selbst des Stils der Ausführung liegt: etwas, was direkt der Körper des Sängers ist, und mit ein- und derselben Bewegung aus der Tiefe der Stimmhöhlen, der Muskeln, der Schleimhäute, der Knorpel einem zu Ohren kommt, als wenn ein und dieselbe Haut das innere Fleisch des Ausführenden und die Musik, die er singt, überspannen würde.“ (Roland Barthes: Die Rauheit der Stimme)