Antwort auf: Der letzte Film, den ich gesehen habe (Vol. II)

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motoerwolf

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Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn (Birds of Prey (and the Fantabulous Emancipation of One Harley Quinn), Cathy Yan, 2020)

Die vielen schlechten Kritiken, die der Film bisher erhalten hat, kann ich nicht nachvollziehen. BoP ist sicher nicht in der gleichen Liga wie Joker, aber das kann doch niemand ernsthaft erwartet haben. Zwar basieren beide auf DC-Comicfiguren, aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Schon lange ist der Joker auch in den Comics viel mehr als nur der Clownprinz des Verbrechens. Er wird als tragische und zerrissene Persönlichkeit dargestellt, für mich übrigens immer noch am besten in Alan Moores The killing Joke. Die Figur bietet sich daher für einen Film an, der ein klassisches Drama und kaum noch als Comicverfilmung erkennbar ist. Bei Harley Quinn sieht die Sache etwas anders aus. Entworfen wurde die Figur für Batman: The Animated Series. Schon der Stil dieser Serie macht deutlich, wie viel weniger ernst sie sich nimmt. Sie ist viel stärker comichaft und kein bisschen Graphic Novel. Der Joker dagegen hat seine Form zuletzt eher in letzteren gefunden.
Dementsprechend ist auch der BoP-Film geworden. Seinen Ursprung im Comic erkennt man jederzeit. Der Film ist quietschbunt, schrill und trotz des Emanzipationsthemas alles andere als ein ernstes Drama. Dennoch ist der Film keine endlose Aneinanderreihung von Kalauern, die Pointen sind größtenteils gut gesetzt, und zwar sowohl die verbalen als auch die optischen. Dazu wurden allerdings bis auf Harley selbst alle aus den Comics bekannten Figuren mehr oder minder stark modifiziert. Huntress, Montoya und Black Mask sind normalerweise deutlich weniger humorig. Cassandra Cain wurde sogar komplett verändert in Bezug auf ihre Originstory, ihre Fähigkeiten und sogar ihre Unfähigkeit zu sprechen wurde gestrichen (wobei ich zugeben muss, schon lange keine aktuellen Comics gelesen zu haben, daher weiß ich nicht, ob der Charakter nicht seit New52 offiziell so gestaltet ist).
Wie auch immer, der gesamte Cast scheint mit viel Spaß dabei gewesen zu sein. Besonders Robbie und McGregor gehen in ihren Rollen voll auf. Bei Robbie nerven allerdings ihre Off-Texte ein wenig, aber von so diesem Stilmittel bin ich eh kein Fan.
Ein paar Worte noch zum Thema Emanzipation. Diese besteht in erster Linie aus Harleys Loslösung vom Joker, also leider wieder nur in der Negation einer Beziehung zu einem Mann und damit mit diesem als einzigen relevanten Bezugspunkt. Das ganze wird aber wirklich nur unter dem komödiantischen Aspekt betrachtet. Der englische Originaltitel mit seinem schönen Neologismus führt da eher auf die richtige Fährte als der verkürzte deutsche. Dankenswerterweise aber übernimmt Harley immerhin nicht wie so oft einfach die Verhaltensweisen des Mannes, sondern passt diese (zwar mit Mühe und erst nach geraumer Zeit) an „typisch weibliche“ Wesenszüge an. So übt sie zwar Gewalt aus, tötet aber im Gegensatz zu ihrem Ex nicht sinnlos bzw. besonders lustvoll, zumindest keine Good Guys. Außerdem entwickelt sie so etwas wie einen Mutterinstinkt gegenüber Cassandra.
Fazit: der Film ist kein Meisterwerk, macht aber viel Spaß und wird mir sicherlich länger in Erinnerung bleiben als die meisten MCU-Filme. Und das obwohl (oder vielleicht weil) der Film nicht wie eine einzige SFX-Orgie daherkommt.

7/10

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And all the pigeons adore me and peck at my feet Oh the fame, the fame, the fame