Mikio Naruse

Ansicht von 15 Beiträgen - 1 bis 15 (von insgesamt 29)
  • Autor
    Beiträge
  • #38711  | PERMALINK

    fifteenjugglers
    war mit Benno Fürmann in Afghanistan

    Registriert seit: 08.07.2002

    Beiträge: 10,997

    Naruse Mikio (1905–1969) zählt zu den großen Meistern der japanischen Filmgeschichte. In seiner Schaffenszeit zwischen den 1930ern und 1960ern hat er nahezu 90 Spielfilme gedreht und war als Drehbuchautor und Produzent tätig. Anders aber als seine Zeitgenossen Kurosawa Akira, Mizoguchi Kenji und Ozu Yasujirô ist er außerhalb Japans weitaus seltener gespielt und gewürdigt worden.

    Nachdem es lange Zeit rechtliche Probleme und keine in westlichen Sprachen untertitelte Kopien gab, hat die Japan Foundation anlässlich des 100. Geburtstags von Naruse zahlreiche neue 35mm-Kopien mit englischen Untertiteln gezogen und auf Welttournee geschickt. Den Auftakt bildeten verschiedene Stationen in Kanada und den USA, in Europa tourt die Reihe u.a. in Paris (Maison de la Culture du Japon à Paris), Köln (Japanisches Kulturinstitut), München (Filmmuseum), Berlin (Kino Arsenal), Frankfurt Deutsches Filmmuseum), Wien (Österreichisches Filmmuseum) und Zürich (Filmpodium).

    […]

    Die Reihe zeigt 31 herausragende Werke, die zwischen 1933 und 1967 entstanden sind, und wird bis Februar 2007 fortgesetzt.

    Falls jemand schon den einen oder anderen Naruse-Film gesehen hat, bitte ich um Kommentare. Ansonsten werde ich mich bemühen, demnächst die eine oder andere Empfehlung und vielleicht auch mal eine Rezension folgen zu lassen.
    Die vollständige Liste der in Köln im November und Dezember gezeigten Filme gibt es auf http://www.jki.de – ebenso wie die Vollversion des obigen Textes.

    Korrektur: Laut Programmheft wird „Tabi Yakusha“ am 23.11. gezeigt, nicht am 20.11.

    --

    "Don't reach out for me," she said "Can't you see I'm drownin' too?"
    Highlights von Rolling-Stone.de
    Werbung
    #5373349  | PERMALINK

    fifteenjugglers
    war mit Benno Fürmann in Afghanistan

    Registriert seit: 08.07.2002

    Beiträge: 10,997

    Nach bisher acht gesehenen Filmen ist es Zeit für ein erstes Zwischenfazit.

    Der typische Naruse-Film ist weniger durch eine sofort wiedererkennbare Bildsprache als durch die häufig wiederkehrenden Themen identifizierbar. Sein Milieu ist das der einfachen Leute, der Arbeiterklasse oder der unteren Mittelschicht. Insbesondere in den Filmen von Ende der 30er bis Mitte der 40er Jahre ist daneben eine starke Konzentration auf verschiedene japanische Bühnentraditionen auffällig.
    Die Geschichten sind meist alltäglich, es geht um Beziehungen, die nicht funktionieren, um unerwiderte Liebe, existenzielle Sorgen, bisweilen um den täglichen Kampf ums nackte Überleben.
    Während in den Filmen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hier und da noch ein wenig Optimismus, bisweilen gar Subversivität aufblitzt (Paradebeispiel ist hier der wunderbare „Wife! Be Like A Rose!“), sind die Nachkriegsfilme fast durchweg von Pessimismus gekennzeichnet. Die Figuren mögen zwar bisweilen gegen gesellschaftliche Zwänge rebellieren, am Ende bleibt jedoch in der Regel nur das Weitermachen. Eine Katharsis in Verbindung mit einer eintretenden Kathastrophe ist eher die Ausnahme.
    Diese späten Filme zeigen den „reifen“ Naruse, der seinen Stil und sein Thema gefunden hat. Fast neorealistisch in der Anmutung, bisweilen mit Hang zum großen Melodram, zeichnen sie sich durch präzise Beobachtung und genaue Charakterzeichnung aus. Wie schon in vielen Vorkriegsfilmen stehen im Mittelpunkt häufig starke Frauenfiguren – allerdings auf eine Weise stark, die so mancher Feministin kaum gefallen dürfte: leidensfähig, das Schicksal und die gesellschaftlichen Zwänge akzeptierend, aber eben in der Regel auch gesegnet mit einer großen Zähigkeit sowie dem unbedingten Willen zum Weitermachen.

    Die Filme im einzelnen:

    „Yogoto no yume“ („Nightly Dreams“, 1933):

    Im Mittelpunkt dieses späten Stummfilms stehen drei Personen: Die alleinerziehende Omitsu (Sumiko Kurishima), die in einer Bar arbeitet, um sich und ihren Sohn Ayabo (Teruko Kojima) ernähren zu können, sowie ihr Mann Mizuhara (Tatsuo Saito), der die beiden vor längerer Zeit verlassen hat, nun aber plötzlich wieder auftaucht und entschlossen ist, trotz seiner geringen körperlichen Belastbarkeit für den Unterhalt der Familie zu sorgen.
    Der Film ist zwar glaubhaft, wirkt aber ein wenig unentschlossen zwischen der Darstellung von Alltagshärte und Tragik einerseits und eingeflochtenen komischen Elementen andererseits. Allerdings liefert er ein paar hübsche Beispiele für ausgefallene Schnitttechniken wie Match Cuts und dergleichen. Das herausragendste Beispiel: Ein aufziehbares Spielzeugauto fährt über einen Tisch, bis es über die Kante fällt, unmittelbar auf die Kamera zu. Schnitt. Die Tür geht auf, eine Masse Menschen stürmt herein: Ayabo ist soeben von einem Auto angefahren worden.
    Dieser Unfall löst eine Ereigniskette aus, die einer unaufhaltsamen Abwärtsspirale gleicht. Das Ende wirkt in seiner – insbesondere verbalen – Härte verstörend, ist aber andererseits in seiner Aufforderung zum Weitermachen allertypischster Naruse.
    Insgesamt nicht völlig perfekt, hinterlässt aber dennoch einen sehr starken Eindruck.
    Bewertung: 7/10.

    „Futarizuma, tsuma yo bara no yoni“ („Wife! Be Like A Rose!“, 1935):

    Kimiko (Sachiko Chiba), eine aufgeweckte junge Frau, berufstätig, Großstadtkind, versucht Vater und Mutter wieder zusammen zu bringen. Zu diesem Zweck reist sie in ein weit entferntes Dorf in den Bergen, in dessen Umgebung der Vater (Sadao Maruyama) nach Gold sucht. Dieser lebt seit längerem mit einer anderen Frau (Yuriko Hanabusa) zusammen, mit der er, wie sich herausstellt, auch zwei Kinder hat. Die Annahme, diese Frau, Oyuki, sei nur hinter dem Geld des Vaters her, stellt sich als völlig falsch heraus. Das Gegenteil ist richtig: Nicht nur sorgt sie für den Unterhalt des erfolglosen Goldsuchers, sie schickt auch noch dessen Familie regelmäßig anonym Geld zu. Der Vater läßt sich überreden, nach Tokyo zu reisen, um Kimikos bevorstehender Hochzeit seinen Segen zu geben. Schnell stellt sich heraus, dass ein Zusammenleben mit seiner ehemaligen Frau (Tomoko Ito) nicht mehr möglich ist. Die illegitime Beziehung zu Oyuki trägt den Sieg davon.
    Wunderbare Komödie mit melancholischen Momenten und nachdenklichen Untertönen, die das traditionelle japanische Gesellschaftsmodell gleich in mehrfacher Hinsicht auf den Kopf stellt.
    Bewertung: 8/10.

    „Tsuruhachi Tsurujiro“ („Tsuruhachi And Tsurujiro“, 1938):

    Der Film erzählt die wechselhafte, von Reibereien geprägte Beziehung zwischen einem Shinnai-Sänger (Kazuo Hasegawa) und einer Samisen-Spielerin (Isuzu Yamada). Obwohl durchaus eine gegenseitige Zuneigung besteht, bleibt die Beziehung ausschließlich auf die Bühne begrenzt. Die erste Stunde des Films ist ganz passable, mit Humor gewürzte Unterhaltung und eigentlich nicht weiter von Belang. Um so interessanter ist die letzte halbe Stunde. Nach der Trennung von seiner Begleiterin befindet sich „Tsurujiros“ Karriere im freien Fall, wofür Naruse ein paar wundervolle Bilder findet. Durch das Einwirken eines gemeinsamen Freundes läßt sich „Tsuruhachi“, die inzwischen verheiratet ist, schließlich zu einer Wiedervereinigung überreden. Was dann passiert … Nur soviel sei verraten: Das Ende hält eine überraschende Wendung parat.
    Bewertung: 5/10.

    „Hataraku ikka“ („Working Family“, 1939):

    Gezeigt wird der alltägliche Kampf einer Arbeiterfamilie ums Überleben. Damit alle satt werden, müssen alle Söhne im arbeitsfähigen Alter zum Unterhalt beitragen. Als Kichi (Akira Ubukata), der älteste Sohn, den Vater (Musei Tokugawa) damit konfrontiert, dass er die Familie verlassen werde, um ein selbstfinanziertes Studium zu beginnen, führt dies zu Konflikten.
    Der Film an sich ist nur solide, wirkt aber insgesamt durchdachter und auch etwas lebendiger als sein unmittelbarer Vorgänger „Tsuruhachi And Tsurujiro“. Wichtiger noch ist aber, dass er in seiner Alltagsschilderung und seinem Realismus bereits ein Stück weit das Nachkriegswerk Naruses vorweg nimmt.
    Bewertung: 5/10.

    Besprechung der übrigen Filme folgt.

    --

    "Don't reach out for me," she said "Can't you see I'm drownin' too?"
    #5373351  | PERMALINK

    p77a

    Registriert seit: 27.10.2006

    Beiträge: 42

    Gerade laufen in Hamburg Teile der Retrospektive, leider sind es nur 6 Filme, alle aus der Nachkriegsperiode. Habe bisher 4 davon gesehen und ohne behaupten zu wollen dass ich damit schon einen repräsentativen Eindruck hätte, bin ich doch etwas überrascht von deiner Aussage, die Nachkriegsfilme wären „pessimistisch“. Ich hatte bisher nicht wirklich diesen Eindruck.
    Wäre deshalb sehr dran interessiert, auch noch deine Eindrücke der anderen Filme zu erfahren.

    --

    Man is born crying. When he has cried enough, he dies. Japankino
    #5373353  | PERMALINK

    fifteenjugglers
    war mit Benno Fürmann in Afghanistan

    Registriert seit: 08.07.2002

    Beiträge: 10,997

    p77aWäre deshalb sehr dran interessiert, auch noch deine Eindrücke der anderen Filme zu erfahren.

    Ja, ich bemühe mich. Schön zu wissen, dass hier jemand mitliest. Welche Filme hast Du denn gesehen?

    Btw: Wäre wohl einer der Moderatoren so nett, die Threadüberschrift in ein schlichtes „Mikio Naruse“ zu ändern?

    --

    "Don't reach out for me," she said "Can't you see I'm drownin' too?"
    #5373355  | PERMALINK

    p77a

    Registriert seit: 27.10.2006

    Beiträge: 42

    Inzwischen hab ich auch den fünften aus der Reihe gesehen: When a Woman Ascends the Stairs. Davor: Mother, Husband and Wife (Fûfu), Summer Clouds, Late Chrysanthemums. Nächste Woche kommt noch Yearning, und danach werde ich mal mein persönliches Fazit ziehen.

    --

    Man is born crying. When he has cried enough, he dies. Japankino
    #5373357  | PERMALINK

    p77a

    Registriert seit: 27.10.2006

    Beiträge: 42

    Nachdem ich jetzt alle sechs in Hamburg gezeigten Naruses gesehen habe, möchte ich nun ein kurzes Fazit ziehen. Mir ist klar, dass es vermessen wäre, einen Regisseur, der 90 Filme gedreht hat, anhand von 6 Filmen zu beurteilen, noch dazu wenn alle diese Filme aus einer Schaffensperiode stammen (hätte zu gerne auch den einen oder anderen Vorkriegsfilm gesehen, insbesondere den bereits erwähnten „Wife! Be like a rose“ oder vielleicht auch den einen oder anderen aus seiner sogenannten Schaffenskrise von 1936-51).

    Aber einige Dinge erscheinen mir doch typisch. Dazu gehört, dass sich die Geschichte um eine Frau, in vielen Fällen um eine Witwe, entwickelt. Dabei gibt es keine Handlung, keinen Plot im klassischen Sinne, die Geschichte entwickelt sich ganz aus den handelnden Charakteren, ihren Beziehungen zueinander und den (alltäglichen) Problemen, mit denen sie konfrontiert sind. Ein entscheidender Unterschied etwa zu Kenji Mizoguchi. Naruses Frauen sehen sich immer mehreren Konflikten gleichzeitig ausgesetzt: Der Kampf ums Überleben (die Geschichten spielen fast immer in einem ärmlichen Milieu, Geldsorgen sind allgegenwärtig), Verpflichtungen gegenüber der Familie, Erwartungen auf Grund sozialer Normen, Beziehungssorgen. Außer im Falle von „Yearning“ fand ich die Filme trotz all der Probleme und unerfüllten Hoffnungen aber nicht pessimistisch. Das lag daran, dass Naruse es in herausragender Weise versteht, verschiedene Handlungsebenen miteinander zu verweben und eine ganze Reihe von Personen (oft verschiedene Familienmitglieder) in die Geschichte einzubeziehen und deren Geschichten mitzuerzählen. Diese zeigen dann oft neue Perspektiven oder Auswege auf, so dass zwar die Hauptfigur vielleicht in einer Sackgasse endet, aber am Beispiel der einen oder anderen Nebenfigur gezeigt wird, dass das Leben mehr bieten kann (etwa in „Summer Clouds“ oder „When a Woman ascends the stairs“).

    Dabei gelingt es Naruse immer, direkt ins Leben hineinzugreifen. Das waren für mich oft die schönsten Momente, wenn er mit einem winzigkleinen Detail liebevoll eine Nuance zur Persönlichkeit eines Charakters hinzufügt.

    Wie fifteenjugglers schon geschrieben hat, fällt ein Naruse nicht durch einen bestimmten visuellen Stil auf, aber es gibt bei seinen Filmen eine ganze Reihe von Motiven, die immer wieder an entscheidenden Stellen auftauchen. Die Eröffnungssequenzen beispielsweise zeigen fast immer Straßen, und zwar die verwinkelten kleinen Gassen des alten Japans, und die daran angrenzenden kleinen, engen Holzhäuser. Die Schlussszenen bestehen häufig aus einer oder zwei Personen, die eine Straße entlanggehen. Überhaupt finden wichtige, richtungsweisende und Beziehungen prägende Gespräche oft unter freiem Himmel statt, auf Brücken oder in Parks, wenn die Charaktere gewissermaßen ihren alltäglichen Sorgen für einen Moment enthoben sind und sich über die wichtigen Dinge im Leben klar werden können.

    Von den sechs Filmen die ich gesehen habe, sind „Mother“ und „When a woman ascends the stairs“ meine Favoriten, beides sind großartige Filme die jeder Cineast gesehen haben sollte. Auch die anderen vier waren wirklich gut! Ich bin kein einziges Mal enttäuscht aus dem Kino gekommen und kann jedem, der die Gelegenheit hat, einen Naruse zu sehen, nur empfehlen, diese wahrzunehmen!

    --

    Man is born crying. When he has cried enough, he dies. Japankino
    #5373359  | PERMALINK

    p77a

    Registriert seit: 27.10.2006

    Beiträge: 42

    Mother (Okâsan)

    Okâsan schildert den harten Kampf einer Mutter (Kinuyo Tanaka) um den Fortbestand ihrer Familie aus der Sicht ihrer ältesten Tochter Toshiko (Kyoko Kagawa).
    Okâsan ist in meinen Augen eine nahezu perfekte Demonstration von Naruses Fähigkeit, das Leben so wie es ist darzustellen und den Zuschauer mitten hinein zu ziehen. Der Geschmack des Lebens besteht nun mal aus süßen und bitteren Momenten, und Naruse lässt uns beides kosten.

    Eine ausführlichere Besprechung findet sich in meinem Blog:

    --

    Man is born crying. When he has cried enough, he dies. Japankino
    #5373361  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

    Beiträge: 33,012

    FifteenJugglersJa, ich bemühe mich. Schön zu wissen, dass hier jemand mitliest. Welche Filme hast Du denn gesehen?
    […]

    Ich hab den Thread jetzt erst gesehen! Schön, sehr schön – ich hätte Dich beizeiten sowieso nachNaruse gefragt (der steht jetzt bei mir auch an).

    Kannst Du Naruse schon von Ozu abgrenzen?

    --

    If you talk bad about country music, it's like saying bad things about my momma. Them's fightin' words.
    #5373363  | PERMALINK

    fifteenjugglers
    war mit Benno Fürmann in Afghanistan

    Registriert seit: 08.07.2002

    Beiträge: 10,997

    lathoKannst Du Naruse schon von Ozu abgrenzen?

    Nein. An Ozu mache ich mich, wenn die Naruse-Reihe durch ist. Also in ca. zwei Wochen.
    Von Naruse dürfte es nichts Besseres geben als „When A Woman Ascends The Stairs“ (obwohl man da bei rund 90 Filmen vorsichtig sein muss).

    --

    "Don't reach out for me," she said "Can't you see I'm drownin' too?"
    #5373365  | PERMALINK

    ashitaka

    Registriert seit: 17.01.2006

    Beiträge: 2,414

    Freue mich schon auf Deine abschliessende Auswertung der Retrospektive!

    --

    "And the gun that's hanging on the kitchen wall, dear, is like the road sign pointing straight to satan's cage."
    #5373367  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

    Beiträge: 33,012

    FifteenJugglersNein. An Ozu mache ich mich, wenn die Naruse-Reihe durch ist. Also in ca. zwei Wochen.

    Da bin ich sehr gespannt.

    FifteenJugglers
    Von Naruse dürfte es nichts Besseres geben als „When A Woman Ascends The Stairs“ (obwohl man da bei rund 90 Filmen vorsichtig sein muss).

    Das ist aber schon mal ein guter Tip.

    --

    If you talk bad about country music, it's like saying bad things about my momma. Them's fightin' words.
    #5373369  | PERMALINK

    p77a

    Registriert seit: 27.10.2006

    Beiträge: 42

    Kannst Du Naruse schon von Ozu abgrenzen?

    Fühle mich jetzt einfach mal auch angesprochen und gebe meinen Senf dazu… Auch wenn ich bei weitem nicht so viele Filme der beiden gesehen habe, wie ich gerne hätte, denke ich doch, dass eine Reihe von Unterschieden auf verschiedenen Ebenen klar erkennbar sind.

    1. Ästhetik: Naruse hat keinen klar erkennbaren,konsequenten visuellen Stil wie Ozu, seine Filme sind eher durch wiederkehrende Motive gekennzeichnet

    2. Charaktere: Das Leben in Naruses Filmen konfrontiert seine Charaktere ständig mit externen Problemen und Herausforderungen (Geldmangel, gesamtgesellschaftliche Veränderungen). Diese spielen bei Ozu kaum eine Rolle, da seine Charaktere aus einer anderen Gesellschaftsschicht stammen (so dass sie weniger anfällig für extern induzierte Krisen sind)

    3. Thematik: Ozus Filme behandeln die stille aber aufrechte Akzeptanz des Schicksals (die oft in Zusammenhang mit der Idee des mono no aware gesehen wird), bei Naruse steht sehr viel mehr der (vergebliche) Kampf mit dem Schicksal im Vordergrund, seine Charaktere versuchen, ihrer Bestimmung zu entfliehen und scheitern dabei; bei Ozu kommen sie erst gar nicht auf diese Idee

    --

    Man is born crying. When he has cried enough, he dies. Japankino
    #5373371  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

    Beiträge: 33,012

    Schön gesagt, p77a. Zu Naruse kann ich natürlich noch nichts sagen, den „Ozu-Teil“ hast Du m. E. sehr gut beschrieben. Das mono no aware, grob übersetzt mit ergebener Fügung ins Schicksal ist bei Ozu zentral.

    --

    If you talk bad about country music, it's like saying bad things about my momma. Them's fightin' words.
    #5373373  | PERMALINK

    ashitaka

    Registriert seit: 17.01.2006

    Beiträge: 2,414

    Schöner Artikel von Midnight Eye!

    --

    "And the gun that's hanging on the kitchen wall, dear, is like the road sign pointing straight to satan's cage."
    #5373375  | PERMALINK

    p77a

    Registriert seit: 27.10.2006

    Beiträge: 42

    @ Ashitaka

    cooler Link, danke!

    --

    Man is born crying. When he has cried enough, he dies. Japankino
Ansicht von 15 Beiträgen - 1 bis 15 (von insgesamt 29)

Du musst angemeldet sein, um auf dieses Thema antworten zu können.