Es wurde ein Big Band Thread gewünscht. Hier ist er.
Vorausschicken möchte ich, dass ich kein Bigband-Spezialist bin. Trotzdem habe ich einen gewissen Zugang dazu gefunden. Der Auslöser war an sich banal: So um 1980 rum hatte ich meine erste Hifi-Anlage, die dieses Wort auch verdient. Zeitgleich bin ich auf einige aktuelle Count-Basie LP’s gestossen. Und es ist schon ein Erlebnis eine sauber im Studio produzierte Bigband mit ausschliesslich natürlichen Instrumenten über eine feine Anlage zu hören. Gibt’s mit klassischer Musik ebenso. Aber ich bin nun mal bei der Bigband als Referenz für die Anlagenqualität gelandet.
Die Folgejahre habe ich mich sowohl mit den Wurzeln der Bigbands immer wieder mal beschäftigt als auch aktuelle Entwicklungen punktuell (ich betone punktuell) verfolgt.
Allgemein wird eine Bigband eine größere Besetzung von mindestens 10 Musikern gesehen. Als die Musiker noch billiger und die Zeiten noch schlechter waren konnten es auch schon mal 30 werden. Sehr oft wird der Bigband ausschliesslich mit grossen Orchestern der 20er bis 50er assoziiert, was natürlich oberflächlich ist. Ich möchte mal folgende Schubladen einrichten, die meiner eigenen Kategorisierung entspringen und natürlich diskutierenswert sind.
1. Der Ursprung – die 20er bis 50er
Dies Zeit als der Bigband-Swing noch als DIE Variante des Swing galt, hat mich nie gepackt. Das liegt zum einen daran, dass die Aufnahmequalität meist nur historischen Charakter hat und mir der musikalische Bezug zu dieser weit zurückliegenden Zeit fehlt. Prominente Beispiele wären z.B. Fletcher Henderson, Benny Goodman, Duke Ellington (mit alten Aufnahmen) oder Jimmie Lunceford.
2. Typische Bigband-Alben in der zweiten Jahrhunderthälfte
Als der Bebop auf der Matte stand und später sich dann Blues und Rock bereits weiterentwickelt hatten UND eine superbe Aufnahmequalität erreicht werden konnte, beginnt für mich der Reiz von Bigbands. Ich mach einfach mal Namedropping von einigen Scheiben, die ich wirklich für zeitlos und perfekt halte. Dabei versuche ich mich auf Studioalben zu konzentrieren, weil diese eben meist perfekter klingen als Live-Aufnahmen. Ganz ohne Live-Aufnahmen kommt man aber nicht aus, weil doch zunehmend Usus wurde aus finanziellen Gründen eher ein Live-Album innerhalb 2 Stunden aufzunehmen als aufwendige Studio-Sessions zu entlohnen.
Die Nahtstelle zwischen den 40er/50ern und der Neuzeit:
Count Basie
Beispiele:
88 Basie Street (1984)
Prime Time (1977)
Farmers Market Barbecue (1982; war meine Erste frisch nach Erscheinen und Liebste)
Basie’s Beatle Bag (1966; ausschliesslich Beatles-Titel; für Denjenigen, der gewohnte „Melodien“ zum Einstieg braucht)
Duke Ellington (ohne die klassischen Aufnahmen in mässiger Aufnahmequalität)
Duke Ellington Meets Count Basie (1962) incl. den BEIDEN Orchestern. Duke Ellington Orchestra im rechten Kanal. Count Basie Orchestra im linken Kanal. Bigbandiger geht es nicht.
Ella And Duke At The Cote D’Azur (Live 1966 2CD)
Max Greger (jaaa!)
European Jazz Sounds (1963)
Maximum (1965)
Peter Herbolzheimer
Z.B. Fat Man 2, Fatman Boogie, Bigband Bebop oder irgendwelche Zusammenstellungen, die es inzwischen geben dürfte.
The United Jazz & Rock Ensemble (finde ich aber zu technisch und seelenlos – zumindest meistens)
Buddy Rich: z.b. Swinging New Band (1966)
The Ernie Wilkins Almost Bigband: z.B. Montreux, On The Roll, Selftitled
Jeannie & Jimmy Cheatham: Bei uns sooo unbekannt und dabei soooo gut an der Nahtstelle zwische Bigband Jazz und Blues, aber wesentlich näher am Bigband-Jazz. Meist 10 Personen. Ab und zu nur 8 Personen, ab und zu 14 oder mehr. Folgende CD’s habe ich und die sind alle perfekt: Back To The Neighborhood, Basket Full Of Blues, Blues And Boogie Masters, Homeward Bound, Luv In The Afternoon (mein Tip)
Dizzy Gillespie:
One Night In Washington
Dizzy Gillespie Y Machito: Afro Cuban Jazz Moods
3. Bigband-Aufnahmen mit südamerikanischen Elementen
Letztgenanntes Album gehört bereits dazu, aber auch folgende Interpreten sind mit ihren Bigband-Aufnahmen nahezu uneingeschränkt hörenswert und kaufenswert:
Machito (z.B. And His Salsa Big Band 1982)
Tito Puente (z.B. El Rey, Mambo Diablo, Royal T)
Stan Getz – Big Band Bossa Nova (1962)
Conexion Latina (z.B. Calorcito); Exil Südamerikaner aus München, bei denen man musikalisch aber nichts europäisches erkennen kann. Hierzu muss ich glatt eines der besten Cover-Fotos einstellen, die ich kenne.
4. Bigband-Aufnahmen mit Vokalisten im Vordergrund
Jon Hendricks And Friends – Freddie Freeloader (absolute Empfehlung !!! )
Ella Fitzgerald, z.b.
Ella And Duke (Ellington) At The Cote D’Azur (Live 1966 2CD)
Ella swings brightly with Nelson (Riddel and his Orchestra)
Sarah Vaughn – Sings The Mancini Songbook
Nancy Wilson – Welcome To My Love
Nancy Wilson - Sings The Hits
5. Innovative ungewohnte Bigband-Klänge
Sowohl Bengt Berger & His Bitter Funeral Beer Band (Skandinavier der afrikanische Einflüsse verarbeitet – so was mag ich an sich überhaupt nicht – aber er schafft es grandios) als auch das Willem Breuker Kollektief (z.B. Bob’s Gallery) verbinden neue Ideen geglückt mit Humor.
Die Carla Bley Band schätze ich mehr, wenn sie knapp unter Bigband-Besetzung bleibt, wie auf der formidablen Social Studies.
Unbedingt genannt werden müssen auch noch das Vienna Art Orchestra mit Matthias Ruegg und das Sun Ra Orchestra. Mit diesen beiden kann ich jedoch aufgrund der starken Experimentierfreude wenig anfangen. Vielleicht habe ich auch von Sun Ra noch nicht das Passende gehört.
Alle genannten Alben stehen entweder als LP oder CD in meinen Regalen. Alle sind uneingeschränkt empfehlenswert. Vieles davon ist als Reissue auch heute zu vernünftigen Preisen zu erhalten.
So. Das dürfte mal fürs Erste reichen.



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