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  1. #8911
    Just another pretty face Avatar von latho
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    Ich habe es auf jeden Fall bestellt, ich bin gespannt.
    "Three million refugees is not just another statistic [...]"

  2. #8912
    Keine Angst vor Musik! Avatar von Friedrich
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    Walter Kempowski - Im Block

    Ich kenne schon einiges von Kempowski. Sein erstes Buch - Im Block - stand bei mir zwar schon eine Weile rum, aber erst vor ein paar Tagen habe ich in Ermangelung anderen Lesestoffs damit angefangen. Es ist für mich fast unbegreiflich wie Kempowski schon in seinem ersten Buch seinen Stil gefunden hat. Eigentlich nur mit einer Aneinanderreihung von scheinbaren Trivialitäten zeichnet er ein Bild seiner Gefangenschaft im Gelben Elend in Bautzen in den späten 40ern und frühen 50ern. In kurzen, durch Leerzeilen voneinander getrennten Absätzen, manchmal gerade mal 3 Zeilen, selten mehr als 10 oder 15 Zeilen lang, lakonisch geschilderte Einzelheiten. Keine Erklärungen, keine Bewertung, kein Fazit. Nicht mal eine Gewichtung der einzelnen Ereignisse. Kein Gedanke. Ob es nun um das tägliche Ritual der Suppenausgabe geht, um die eigentümlichen Hobbys, denen die Mitgefangenen im Schlafsaal vor lauter Langeweile nachgehen, oder um 60 Fälle von offener Tuberkulose. Ganz beiläufig erfährt der Leser, dass unter den Häftlingen ein ehemaliger KZ-Aufseher ist. Einige Seiten später liest man ebenso beiläufig von im gleichen Saal inhaftierten jüdischen ehemaligen KZ-Insaßen.

    Vielleicht passiert das Wichtige in diesem Buch zwischen den Absätzen, denn in den Pausen setzt sich im Kopf des Lesers erst ein größeres Bild zusammen. Die zunächst lächerlich und komisch wirkenden Anekdötchen wirken auf einmal wundersam, absurd, tragisch und alles erscheint in einem ganz anderen Licht. Aber die Bewertung bleibt dem Leser selbst überlassen. Das halte ich für eine große Stärke von Kempowski.

    Bei seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1969 war Im Block ein Flop. Wahrscheinlich wollte in dieser Zeit kein Mensch was von den Erlebnissen eines Ex-Knackis aus der Ostzone lesen.
    Geändert von Friedrich (Gestern um 20:23 Uhr)

  3. #8913
    Arschmakrele Avatar von linn
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    "Im Block" war auch bei mir eine späte WK Lektüre, und es hat mir ebenfalls den Stecker gezogen. Mit seiner Deutschen Chronik hab ich nie so recht was anfangen können, aber was dieser unscheinbare Besessene ansonsten archiviert, komponiert und veröffentlicht hat, ist atemberaubend. Und der Block nimmt das tatsächlich schon voraus.
    Hä?

  4. #8914
    Keine Angst vor Musik! Avatar von Friedrich
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    Zitat Zitat von linn Beitrag anzeigen
    "Im Block" war auch bei mir eine späte WK Lektüre, und es hat mir ebenfalls den Stecker gezogen. Mit seiner Deutschen Chronik hab ich nie so recht was anfangen können, aber was dieser unscheinbare Besessene ansonsten archiviert, komponiert und veröffentlicht hat, ist atemberaubend. Und der Block nimmt das tatsächlich schon voraus.
    Die Bücher der Deutschen Chronik habe ich - glaube ich - auch fast alle gelesen. Ich fand die auch sehr gut, wenn auch vielleicht nicht alle gleichermaßen. Aber da ist meine Erinnerung jetzt auch nicht mehr die beste.

    Tadellöser & Wolf: Gibt es da nicht die kleine Szene, in der WKs Großvater nach einem Bombenangriff in Hamburg in der Zeitung liest, dass in einem Ort namens Auschwitz, bei Kattowitz, ein eifersüchtiger Ehemann seine Frau erstach? Das wahrscheinlich einzige mal, dass Auschwitz bei dem Chronisten Kempowski erwähnt wird. Dafür ist er schwer kritisiert worden. Diese Zeitungsmeldung hat es aber tatsächlich gegeben und wahrscheinlich hat Kempowskis Großvater auch nie was anderes von Auschwitz gelesen. Der Leser hingegen hat eine ganz andere Kenntnis von Auschwitz, und WK weiß das, und der Leser wiederum weiß auch, dass WK das weiß. Erst dadurch bekommt diese lakonische Erwähnung von Auschwitz beim Lesen eine ganz andere Dimension - ohne das WK dies explizit aussprechen muss.

    Das war so ein Gedanke, der mir damals beim Lesen tagelang durch den Kopf ging. Vieles wird bei WK gar nicht explizit ausgesprochen. Es spielt sich zwischen den scheinbar trivialen Anekdoten ab oder sogar zwischen dem Text und dem Leser.

    Nur ein Gedanke ...

  5. #8915
    Arschmakrele Avatar von linn
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    An der kurzen Auschwitz-Passage hat sich seinerzeit in der Tat eine hitzige Diskussion entfacht, wie man übrigens bei Gerhard Henschel sehr schön nachlesen kann. Kempowskis Anlage seiner Bücher passte einfach nicht in den damaligen Mainstream, und mich freut es ungemein, dass ihm in seinen späten Tagen und posthum die überfällige Anerkennung zuteil wurde.
    Hä?

  6. #8916
    moderator moderatus Avatar von gypsy tail wind
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    Zitat Zitat von gypsy tail wind Beitrag anzeigen
    Zu Venedig habe ich mir u.a. Röschs Buch zugelegt. Der Rezensent der FAZ ist der Betreuer (Notengeber wäre richtiger, betreut habe ich mich selbst, die Note erfahre ich erst Ende Oktober) meiner grossen Abschluss-Arbeit:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleto...-11309302.html

    Kann später mehr dazu sagen.
    Das Buch habe ich inzwischen gelesen - insgesamt sehr gut (besser als die kürzere Darstellung bei Beck in der "Wissen"-Reihe, die etwas zu stark auf Gegenwartsbezüge aus ist, wohl um das ganze etwas "sexy" zu machen für die nicht-historische Leserschaft - aber schlecht ist auch der Band nicht, würd ich sagen). Röschs Buch ist allerdings, und das merkt man leider gegen Ende, unvollendet geblieben. Es kam mir nicht so vor, als würde viel Wesentliches fehlen - es endet 1797 mit dem Ende der Republik, der Band bei Beck geht weiter) - doch hätten die letzten Kapitel etwas redigiert werden müssen, der Text wirkt da mit sehr langen Zitaten aus Quellen und etwas knappen Kommentaren dazwischen, zudem mit einigen Wiederholungen, eben: unfertig. Man hätte Sätze zusammenziehen müssen (es kommt mehrere Male vor, dass praktisch derselbe Satz zweimal kommt, jeweils mit etwas anderer Akzentuierung oder mit einem unterschiedlichen angehängen Nebensatz). Schade, aber wo die Verlage ja eh kein anständiges Lektorat mehr machen lassen, was will man da noch erwartet. Jedenfalls ein knapper, gut leserlicher Überblick, in dem soweit ich es beurteilen kann die wichtigsten Ereignisse angesprochen werden, auch manches zum Alltag (Ernährung, Rolle der Frau und sowas, wobei "Rolle" für die Situatoin der Frauen schon zuviel gesagt ist ... übrigens zirkulierten in den Salons Europas im 17. Jahrhundert Listen mit Preisen, Beschreibungen und Angaben von "Spezialitäten" der zahlreichen venezianischen Prostituierten).

    Die Darstellung scheint mir aber gut wohlüberlegt und angemessen - Rösch fällt nicht auf den Mythos bzw. die zahlreichen Auswüchse desselben herein, beurteilt die Politik nüchtern, labert nicht übermässig von "Dekadenz" und sowas (bringt das aber zur Sprache, weil es als Topos natürlich mit dazugehört, die angeblich gänzlich lebensuntüchtigen Adligen - mit denen am Ende gemäss Rösch tatsächlich kein Staat mehr zu machen war, aber die Gründe liegen nicht nur beim Spiel und der Prostitution und den weibischen Kleidern).
    "Ich bin über sieben Jahre alt. Ich weiß, was ich tue, und darum haben sich andre nicht zu bekümmern."

  7. #8917
    Keine Angst vor Musik! Avatar von Friedrich
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    Zitat Zitat von linn Beitrag anzeigen
    An der kurzen Auschwitz-Passage hat sich seinerzeit in der Tat eine hitzige Diskussion entfacht, wie man übrigens bei Gerhard Henschel sehr schön nachlesen kann.
    Eigentlich völlig bescheuert, oder? Als ob Kempowski seinen Lesern Auschwitz erklären und auch noch ein Urteil darüber fällen müsste. Erstens ist Auschwitz nicht sein Thema und zweitens ist es an anderen Stellen schon ausführlich behandelt worden und allseits bekannt. Und genau davon geht Kempowski zu Recht aus.

    Kempowskis Anlage seiner Bücher passte einfach nicht in den damaligen Mainstream, und mich freut es ungemein, dass ihm in seinen späten Tagen und posthum die überfällige Anerkennung zuteil wurde.
    So ist es!

  8. #8918
    Hilft der Sonne beim Untergehen
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    Zitat Zitat von Friedrich Beitrag anzeigen
    Vieles wird bei WK gar nicht explizit ausgesprochen. Es spielt sich zwischen den scheinbar trivialen Anekdoten ab oder sogar zwischen dem Text und dem Leser.

    Nur ein Gedanke ...
    +1

    Müßig zu erwähnen, dass WK etwas dafür tun musste, damit sich das so abspielen konnte und kann. Ich bin ein Nachkriegsenkel, aber ich würde sagen, dass ich in "Tadellöser & Wolf" einen entscheidenden Teil Wahrheit gefunden habe, den ich von meinen (Groß-)Eltern so nicht hätte vermittelt bekommen können. Nicht das Schlechteste, was Dichtung bewirken kann.

  9. #8919
    Keine Angst vor Musik! Avatar von Friedrich
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    Zitat Zitat von grünschnabel Beitrag anzeigen
    +1

    Müßig zu erwähnen, dass WK etwas dafür tun musste, damit sich das so abspielen konnte und kann.
    Verstehe nicht, was Du damit meinst.

    Ich bin ein Nachkriegsenkel, aber ich würde sagen, dass ich in "Tadellöser & Wolf" einen entscheidenden Teil Wahrheit gefunden habe, den ich von meinen (Groß-)Eltern so nicht hätte vermittelt bekommen können. Nicht das Schlechteste, was Dichtung bewirken kann.
    Ich bin Kind von Eltern, die die Nazizeit und den Krieg als Kinder bzw. Jugendliche selbst miterlebt haben. Eigentlich Kempowskis Generation. Nach meiner Erfahrung haben die damals überhaupt nicht verstanden, was passierte, wurden zwar davon tief geprägt, jedoch ohne sich dessen bewusst zu sein und hatten später keine Zeit und keine Lust darüber nachzudenken. Traurig, aber nicht untypisch. Kempowski hatte vielleicht in Bautzen sehr viel Zeit sich Geschichten erzählen zu lassen und darüber nachzudenken.

  10. #8920
    Hilft der Sonne beim Untergehen
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    Zitat Zitat von Friedrich Beitrag anzeigen
    Verstehe nicht, was Du damit meinst.
    Die Auswahl und Anordnung des "Stoffes" sowie den Tonfall des Ganzen. Du hast ja trefflichst angemerkt, dass es eine - vordergründig - keinesfalls engagierte Erzählweise ist. Kein moralinsaurer Exkurs, keine Belehrung - nicht mal der Begriff "Ironie" passt hier. Es ist ja ein altes Lied: Zuweilen liegt in der Beschränkung die höchste ... - na ja, den K-Begriff mal außen vor.
    Es ist eben auch kein dokumentarischer Roman, es ist Dichtung im Sinne verdichteter Lebenswirklichkeit. Eine solche Verdichtung zu gestalten, halte ich für bemerkenswert und hervorhebenswert.

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