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Thema: kramers LP Faves

  1. #1
    Young, Gifted and Black. Avatar von kramer
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    kramers LP Faves

    Ich möchte einen Versuch starten und meinen Singles-Thread um einen LP-Thread erweitern. Ich werde zwar nicht in der Lage sein, hier jede Woche eine neue LP zu besprechen, möchte aber in halbwegs regelmäßigen Abständen einige meiner liebsten Alben vorstellen und würde mich natürlich über Feedback und Nachahmer freuen!

    NEIL YOUNG "On The Beach" (Reprise, 1974)



    Walk On
    See The Sky About To Rain
    Revolution Blues
    For The Turnstiles
    Vampire Blues
    On The Beach
    Motion Pictures
    Ambulance Blues


    Als Neil Young 1974 "On The Beach" veröffentlichte, realisierten weder die Kritiker noch sein Publikum, in welch völlig neue Richtung Neil Young sich bewegte und erst recht nicht, was er seinem Publikum mitteilen wollte. Nicht wenige sahen in ihm damals einen von Selbstmitleid und Depressionen zerfressenen Langweiler, der seine Verbindung zum Publikum, ja sogar zum "normalen" Leben, längst verloren hatte. Weitgehend unbeachtet blieb die oft humoristisch/satirische Grundhaltung des Albums oder der trotzig vorausschauenden Text von “Walk On”. Ein eindrucksvolles Beispiel für die Irritationen, die dieses Album offenbar auslöste, lieferte damals angeblich der NME, der in seinem Review zunächst von einem “suicide vibe” schrieb, diesen Review jedoch nur kurze Zeit später revidiert haben soll und das Album schliesslich als ein Meisterwerk bezeichnete.

    Mit “On The Beach” demonstrierte Neil Young die störrisch-ironische Art, mit der er seiner Umgebung, speziell auch der Musikindustrie und seinen Kritikern begegnet, um sie im gleichen Zug mit schonungsloser Offenheit (oder auch indirekt, wenn er sie zum Beispiel als "pimps" bezeichnet) zu beschreiben, zu analysieren und abzuwatschen - und das angesichts damals rückläufiger Verkaufszahlen! Vorbei die Zeiten bittersüß-romantischer Lyrics, wie etwa auf "Harvest". Die Texte auf “On The Beach” wirken teilweise eher wie eine Art Eigentherapie durch persönliche Schilderungen und Beobachtungen um den Depressionen der Vergangenheit zu entkommen; wie etwa im Titelsong: “Though my problems are meaningless, that don´t make them go away.” (Paul Williams ging in seinem damaligen Review sogar noch einen Schritt weiter und beschrieb "On The Beach" als "a suitable sequel to After The Gold Rush and Harvest" und "together these three albums tell us more about the current self-image of the American male between the ages of 20 and 40”). “On The Beach” ist deutlich autobiographisch gefärbt und scheint von einem für Neil Young ungewöhnlichen Selbsterklärungswunsch durchzogen zu sein, der in zahlreichen Textzeilen deutlich wird. (Fraglich bleibt hier nur, wem genau Young etwas erklären möchte). Hier werden keine Verbesserungen oder Lösungen angboten, hier wird lediglich dokumentiert und er vielzitierte Spiegel vorgehalten, bzw. selbst hineingeschaut. Der einzige Song des Albums, der sowohl musikalische als auch thematisch deutlich herausfällt, ist der clevere Rundumschlag “Revolution Blues”, der aufgrund seiner Charles Manson-Bezüge bekannt wurde und textlich deutlich düsterer und satirischer ausfällt, als die restlichen Songs auf “On The Beach”.

    Für mich ist “On The Beach” seit langer Zeit das faszinierndste aller Neil Young Albem, was zum Teil natürlich an der Musik, in erster Linie aber an den ungewöhnlichen Texten und Eigenbeobachtungen Youngs liegt, der sich zu diesem Zeitpunkt mit dem Dasein als Superstar auf höchst kritische Weise auseinandersetzt und einige seiner großartigstenTexte voller Anspielungen mit vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten geschrieben hat. Mega!
    Geändert von Napoleon Dynamite (21.01.2010 um 13:03 Uhr)

  2. #2
    liebt Max Roach's "Freedom now suite" Avatar von Vega4
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    Ich finde diese Idee sehr gut! Ich selber bin ja viel mehr der Album Hörer. Singles spielen bei mir nur eine Nebenrolle. Gleich die erste Platte die du vorstellst besitze ich auch. Sie ist mir ans Herz gewachsen und ich halte sie für eine seiner schönsten Werke. Ich werde sie mir heute wieder einmal zu Gemüte führen. Bin schon gespannt welche Scheibe hier noch so auftaucht....
    Geändert von Vega4 (09.03.2006 um 14:24 Uhr)
    Der Teufel ist ein Optimist, wenn er glaubt, dass er die Menschen schlechter machen kann.

    "Fackel" - Karl Kraus

  3. #3
    Moderator Avatar von Sommer
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    Klasse, kramer! Ein sehr schöner Text zu einem der schönsten Alben aller Zeiten. Guter Einstieg und bitte unbedingt weiter machen!

  4. #4
    Avatar von Wischmop
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    Ja, sehr gute Thread-Idee + Rezension und ein Grund, mir das Album mal wieder anzuhören. Stand bei mir bislang immer im Schatten seines Meisterwerks "Tonight's the Night". Welches der beiden wurde eigtl. zuerst aufgenommen?
    Eine Durststrecke ist der Weg von einer Kneipe zur nächsten.

  5. #5
    Warm Like The Evening Sun Avatar von Prodigal Son
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    Zitat Zitat von Wischmop
    Welches der beiden wurde eigtl. zuerst aufgenommen?
    Meines Wissens "Tonight's The Night".
    If you try acting sad,
    you'll only make me glad.

    Hold On Magnolia

  6. #6
    Avatar von Wischmop
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    Könnte stimmen, hab nämlich auch mal gelesen, dass TTN bereits 1973 aufgenommen wurde und erst 1975 veröfftl. wurde.
    Eine Durststrecke ist der Weg von einer Kneipe zur nächsten.

  7. #7
    Young, Gifted and Black. Avatar von kramer
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    Zitat Zitat von Wischmop
    Ja, sehr gute Thread-Idee + Rezension und ein Grund, mir das Album mal wieder anzuhören. Stand bei mir bislang immer im Schatten seines Meisterwerks "Tonight's the Night". Welches der beiden wurde eigtl. zuerst aufgenommen?
    Exactly. Tonight's The Night wurde vorher aufgenommen (1973), aber erst 1975 veröffentlicht. Interessanterweise existieren Acetates mit einer unveröffentlichten Version des "Tonight's The Night"-Albums, auf denen neben bisher unveröffentlichten Songs auch "Walk On" und "For The Turnstiles" zu hören sind.

  8. #8
    Moderator mit finnischem Hintergrund Avatar von Mikko
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    Feine Idee, kramer. Und ein würdiger Auftakt!
    Mal sehen, vielleicht greife ich das Beispiel auf.
    Twang-Bang-Wah-Wah-Zoing!
    Die nächste Guitars Galore Rundfunk Übertragung ist am Mittwoch, 22. Mai 2013 von 16-17 Uhr auf der Berliner UKW Frequenz 88,4 Mhz, im Berliner Kabel 92,6 Mhz oder als Livestream über www.alex-berlin.de mit neuen Platten aus meinem Fundus.

    Die nächste Guitars Galore Sendung auf radio stone.fm ist am 21. Mai von 20 bis 21 Uhr mit Lost In The Ozone, album tracks from the past!

  9. #9
    Roll, Spirit, Roll Avatar von dock
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    sehr schöner Thread und auch mein liebstes Young Album neben Tonight's The Night

  10. #10
    Yeah I know Avatar von Big Muff
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    Toller Thread! Hab' bereits deinen Singles Thread mit Begeisterung gelesen und freu mich nun auf die anstehenden LPs, da ich ein Albenkäufer bin und Singles nicht soviel abgewinnen kann. Deine Albumkritik macht auf jeden Fall neugierig und ich werd' nachher gleich mal reinhören, wenn ich zu meinem Plattenhändler lauf. Hab bisher leider erst 3 Neil Young LPs (After the goldrush, Harvest und Rust never sleeps).

  11. #11
    Young, Gifted and Black. Avatar von kramer
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    TIM BUCKLEY "Starsailor" (Straight, 1970)



    Come Here Woman
    I Woke Up
    Monterey
    Moulin Rouge
    Song To The Siren
    Jungle Fire
    Starsailor
    The Healing Festival
    Down By The Borderline



    "The greatest thing he ever did, "Starsailor", was also his disaster" (Jeff Buckley)

    Bei “Starsailor” handelt es sich um eine avantgardistische Mischung aus Chaos, Unruhe und einer bisweilen fast geisterhafter Stimmung, die von einem jammmernden, jodelnden, schreienden, Tiergeräusche nachahmenden, wimmernden Buckley und zahlreichen technischen Spielereien, wie etwa sechzehnfachen Gesangsdoppelungen, wechselnden Tempi, wechselnden Kanälen und diversen anderen Effekten unterstrichen wird. Diese Stimmung zieht sich durch das gesamte Album, ausgenommen von “Moulin Rouge” und “Song To The Siren”, ein Stück, dass bereits 1968 entstand (und in der letzten Folge der Monkees TV-Show von Buckley gesungen wurde), aber zunächst auf Eis gelegt wurde, um nach einigen deutlichen Veränderungen schliesslich wieder auf “Starsailor” aufzutauchen.

    Das Album beginnt mit “Come Here Woman” fast ruhig, hypnotisch und drohend mit einem tief intonierenden Buckley, um dann plötzlich Stimmung und Melodie in der Mitte des Songs komplett zu ändern: hier sind zumindest ansatzweise Ähnlichkeiten mit späteren Songs auf “Greetings From L.A.” vorhanden, natürlich weitaus weniger straightforward und experimenteller, aber ähnlich sexuell drohend. Der zweite Song, “I Woke Up”, zeichnet sich durch die abstrakten Lyrics von Larry Beckett ("Now the sun sits on my hand / O where are you ? / Walking the wind I fly above the shore of the town / To the hills where I can hear / The harbor bells ring slavery") und eine musikalische Begleitung, die gestrandete Wale symbolisieren soll, aus und mündet mit “Monterey” in einen musikalisch relativ simplen aber dennoch vielschichtigen Song, der in erster Linie durch Buckleys Gesang irgendwo zwischen Crooner, Waldschrat und Tierimitationen auffällt. Die erste Seite endet schliesslich mit den oben bereits erwähnten Songs “Moulin Rouge” und “Song To The Siren”. Eine gut gewählte Abwechslung, denn die komplizierteren Songs des Albums befinden sich auf der zweiten Seite: “Jungle Fire” beginnt ruhig, fast bedächtig mit impressionistischen Zeilen (“When I lost my easy gods to the harlem insect laws / I heard your baited moans and the passing cars and the swirling / Songs and the black man’s bones“), um dann, eingeleitet von einem fast jodelnden Buckley, plötzlich in einen Jam im 5/4 Takt auszubrechen, bei dem Buckley mit sich selbst um die Wette zu singen scheint. Für mich ist “Jungle Fire” der beste und erstaunlichste Song auf “Starsailor” - sowohl musikalisch, als auch gesangstechnisch. Darauf folgt mit dem Titelsong ein gespenstischer, komplett von Buckleys Stimme getragener Song, bei dem anscheinend alle damals zur Verfügung stehenden Spuren für Buckleys Gesang genutzt wurden. “The Healing Festival” ist musiklaisch ähnlich vertrackt wie “Jungle Fire” und entstand mit Unterstützung der Gardner Brothers im herausfordernden 10/4 Takt. Dieser Track zeigt Buckleys Liebe zur Avantgarde des Jazz wohl am deutlichsten. “Starsailor” endet mit dem groovenden “Down By The Borderline”, das deutlich von Buckleys grandiosem Scat-Gesang dominiert wird.

    Auch wenn "Starsailor" sicherlich kein kommerzieller Erfolg war, so zeigten sich zumindest große Teile der Presse dennoch beeindruckt und das Jazz-Magazin "Down Beat" vergab in seiner Kritik sogar die Höchstwertung.

    Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als ich "Starsailor" zum ersten mal hörte: Eine mir damals unbekannte Mischung aus Ungläubigkeit, Faszination und Begeisterung, die süchtig macht und die ich später höchstens noch einmal bei "Tilt" oder "Ascension" erlebt habe. Schwer zu sagen, ob "Starsailor" Buckleys bestes Album ist. Sein aufregendstes auf jeden Fall.
    Geändert von Napoleon Dynamite (21.01.2010 um 12:53 Uhr)

  12. #12
    Georg-Ringsgwandl-Apologet Avatar von uncle meat
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    -Chapeau ; sehr schöne Beschreibung über ein Album welches mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.
    Ich habe mal vor einigen Jahren Bunk Gardner auf das Album angesprochen , er hat mir damals erzählt , dass Cohen die Jazz-Einflüsse überhaupt nicht schätzte und bei "Greetings from L.A." dann ziemlichen Druck ausgeübt habe.
    Nous vivons médiocres, aujourd'hui, quand de telles leçons musicales nous sont données par les jeunes gens du passé. Merci Frank!!

  13. #13
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    Ein Album, das ich gern hätte, leider ist es sehr schwer zu bekommen.

    Toller Text kramer, thx!
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    Hold On Magnolia

  14. #14
    Moderator Avatar von weilstein
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    Zitat Zitat von Sebastian Frank
    Toller Text kramer, thx!
    Yeah! (Zu On The Beach natürlich auch) Wußte allerdings nicht, daß Starsailor so schwer zu bekommen ist, wo liegt sie preislich (mint) ?

  15. #15
    Young, Gifted and Black. Avatar von kramer
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    50 Euro dürften für ein Original realistisch sein. Es gibt auch preislich günstigere Nachpressungen. (U.a. mit völlig anderem Cover auf dem italienischen Billiglabel "Charterline").

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