Start › Foren › Das Konzert-Forum: Wann, wer und wie › Und so war es dann › Vic Chesnutt – Berlin, Lido, 28.11.2007
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„Kommt zahlreich und bringt viel Gedächtnis mit“, lockte die Ankündigung auf der Lido-Homepage, „dieser Abend wird es wert sein.“ Ein ähnlich euphorischer Tenor war diversen Vic-Chesnutt-Konzertberichten der letzten Zeit zu entnehmen; in nahezu jedem wurde das Gefühl beschworen, „bei etwas ganz Besonderem dabei gewesen zu sein.“ Kurz gesagt: Ich war äußerst skeptisch und zugleich gespannt wie ein Flitzebogen.
Neben der ganzen Orakelei war es v.a. ein Song auf Vics Myspace-Seite gewesen, der mich zum Konzertbesuch dieses mir nahezu unbekannten Songwriters angespornt hatte, nämlich „Everything I Say“, und als die Anfangsakkorde eben jenes Songs das Set eröffneten, dachte ich noch: „Na toll, das beste wird gleich am Anfang verbraten.“ Dann machte Chesnutt den Mund auf, und ich dachte gar nichts mehr. Dieser kleine schelmische Kauz, der in seinem viel zu weiten Pullover beinahe versinkt, entpuppte sich als Meister des geschichtenerzählenden Gesangs. Sein Vortrag unterstreicht jederzeit den Inhalt des Erzählten, jedes Wort wird exakt so gesungen, wie es gesungen werden muss, ob kristallklar oder räudig, zart flüsternd oder ekstatisch schreiend. Und so entfaltet sich Song für Song ein Konzert, das eigentlich aus nur einem Song zu bestehen scheint, einem über die Vergänglichkeit, über all ihre Facetten, von Trauer und Resignation über aufbegehrende Wut bis hin zu verspielt ironischen Seitenblicken. Das meiste Material stammt vom neuen Album, schließlich ist die furiose fünfköpfige Backing Band eine abgespeckte Version derselben, die schon im Studio den einzigartigen Sound des Albums kreiert hat. Bestehend aus Mitgliedern von A Silver Mt. Zion (bzw. Godspeed You! Black Emperor) und Fugazi, stellt sie sich ganz in den Dienst der Musik, ist zumeist in blaue Schatten getaucht, während auf Vic das einzige Spotlight haftet. Akustische Songs, begleitet nur von Kontrabass oder Violine, wechseln sich ab mit Godspeed-ähnlichen Klangsphären, die ineinanderlaufen, kollidieren und explodieren; der Sound ist dabei vom ersten Ton an exzellent abgemischt. Bei „Distortion“ hebt Chesnutt sogar seine verstärkte Akustikgitarre in Hendrix-Manier zum Mund und beißt wilde Zerrtöne heraus. Vielleicht das Highlights des Abends, neben „Marathon“ und „Splendid“, aber, wie gesagt: it’s all one song.
Noch ein Wort zur Stimmung auf der Bühne; die war nämlich von ansteckender Herzlichkeit. Jessica Moss (Violine) hatte ein zauberhaftes Dauerlächeln auf den Lippen, das sich in Vics ekstatischsten Passagen noch verbreiterte, und auch zwischen Thierry Amar (Kontrabass) und Scott Gilmore (Drums) huschte ständig ein entspanntes Grinsen hin und her. Vic selbst war zuweilen in Flachslaune: Erst tat er so, als funktioniere sein Mikro nicht, und erklärte der Band: „I’ll just move my mouth a bit so they’ll think I’m singing.“ Später gab er eine Lektion in Sachen give & take: „If you buy the new album, I’ll sign it for you. And then you can give me some weed.“ Als er nach dem letzten Song ankündigte, doch noch einen weiteren zu spielen, kam aus dem Publikum die Frage: „Just one?!“ Vic konterte trocken: „Don’t get greedy, motherfucker. Goddamn…“ Als Zugabe gab es dann eine sterbensschöne, elegische, in alle Fasern strömende Version von „Ruby Tuesday“ sowie, zum Abkühlen, eine feine akustische Abschiedsverbeugung, beginnend mit äußerst programmatischen Worten: „It sucks when it’s over.“
Recht hatte er. Nach dem etwas über zweistündigen Konzert empfand ich sofort jene eigentümlich postkoitale Mischung aus absoluter Befriedigung, fiebrig nachbrennenden Nerven und Verzweiflung über die Vergänglichkeit des Ereignisses selbst. Draußen kaufte ich sofort die CD, überreicht von der immer noch bezaubernd lächelnden Jessica Moss, und ließ sie mir von Vic signieren. Ich stotterte etwas der Art thanks for the wonderful evening, worauf er nur bescheiden lächelte und erwiderte: „Yeah, it was a good show. It ain’t always like that, but tonight was really good.“ Eigentlich sagt das alles, was gesagt werden muss.--
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WerbungOh, ein neuer Fan! Wie schön!
Ich habe ihn Dortmund gesehen und ich kann dir sagen, dass das schon was ganz Besonderes war mit den Jungs von Godspeed You! Black Emperor, Verzeihung, Silver Mt. Zion, sorry, Fugazi, na, ihr wisst schon, mit der Band. Wenn er allein unterwegs ist, klingt er nicht so episch und, ich will es mal „ätherisch“ nennen.
Ich fand es ein bisschen schade, dass sie (fast?) nur Songs vom neuen Album gespielt haben, aber die Band hatte wohl keine Zeit, die alten Sachen zu lernen.--
C'mon Granddad!Live spielt er immer nur höchsten 1-2 ältere Stücke…
Intro war vom Dortmunder Auftritt nicht so begeistert:
http://www.intro.de//content/content.printview.php?item=23045511
Schöner Bericht Elston!
--
(We Don't Need This) Fascist Groove ThangkrauspopLive spielt er immer nur höchsten 1-2 ältere Stücke…
Intro war vom Dortmunder Auftritt nicht so begeistert:
http://www.intro.de//content/content.printview.php?item=23045511
Ein Traditionalist … Mir gefiel gerade das, was er einen „Ambientteppich“ nennt, weil ich es so gar nicht erwartet hatte. Auch auf Platte klingen die Stücke anders. Er hat schon recht, dass eine der Gitarren von den Jungs zu laut war … Ich war kurz davor, zu dem Menschen am Soundboard zu gehen und ihn darauf hinzuweisen. Aber dass Chesnutt selbst „überdeckt“ worden wäre, finde ich nicht.
Ich fand das Konzert aus einem anderen Grund nicht so gut. Ich hatte das Gefühl, dass es Vic nicht gutging. Die Stimmung war nicht so herzlich wie noch vor ein paar Jahren in Bochum. Ich würde das Dortmund-Konzert unter „Routine-Gig“ klassifizieren. Was heißt, dass es sehr gut war, aber nicht so überragend wie in Berlin oder auch Heidelberg. Jedenfalls wenn man nach dieser Rezension geht:
brokenearhttp://www.regioactive.de/story/5922/vic_chesnutt_ruehrte_zu_traenen.html
Grüße
:)--
C'mon Granddad!Hat er in Dortmund wirklich nur eine Stunde gespielt? Das mag dann tatsächlich an der Gesundheit gelegen haben…
Kleiner Nachtrag: Das Lido war etwa zur Hälfte gefüllt; bin schlecht im Schätzen, aber ich sag mal um die 300 Leute.
Mal ne Frage: Welche Platte eignet sich denn als Einstieg in den „traditionellen“/folkigen Chesnutt am besten?
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300 Leute? Wow! Das ist ’ne Menge.
Ich kann nicht genau sagen, wie lange er in Dortmund gespielt hat. Ich hatte auf 1 1/4 Stunden getippt, habe aber nicht auf die Uhr geguckt.
Übrigens stimmt das mit dem „andächtig“: Ich habe selten ein so ruhiges Publikum gesehen/gehört. Da wurde nicht geredet, da wurde gelauscht. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, wenn nicht ausgerechnet die Bar ihren Lagerraum zwischen Bar und Konzertsaal gehabt hätte (wer plant so idiotisch?) und die leise Musik immer wieder durch Flaschenklirren und Kästenschieben gestört worden wäre.Was den Einstieg in seine Musik betrifft … Hör auf jeden Fall mal vorher rein. Das Konzert war — rein soundtechnisch — wirklich nicht repräsentativ für das, was er sonst macht. Aber wenn du schon mal in das neue Album reingehört hast, hast du den Unterschied ja sicher schon bemerkt. Seine Solosachen sind sehr viel kruder, aber nicht minder interessant (wie ich finde).
Zum Thema Einsteigeralbum gibt es unterschiedliche Ansichten. Auch auf die Gefahr hin, heftigen Widerspruch zu ernten, würde ich jetzt mal aus dem Bauch raus West of Rome sagen. Aber dazu solltest du besser mehrere Meinungen einholen.
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C'mon Granddad!300 Besucher ist wirklich eine Menge…. die letzten Male in Hamburg hat er vielleicht vor 50 Leutchen gespielt, wenn es hoch kommt… Diese Tour bin ich nicht dabei gewesen, da ich nicht ins „Ü&G“ gehe…
Als Einstieg würde ich auch „West Of Rome“ oder „Ist The Actor Happy“ empfehlen.
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(We Don't Need This) Fascist Groove Thangaus prinzip nicht ins ü+g?
wenn der laden nicht gerade rappelvoll ist, ist das doch eine sehr angenehme location.gestern: sehr schönes konzert, knapp zwei stunden, etwa 150 besucher.
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@katsche
ich habe lieber festen Boden unter den Füssen….
Ausserdem stört mich, dass dem zahlenden Publikum im besten Fall mit Desinteresse begegnet wird…--
(We Don't Need This) Fascist Groove Thanggestern im übel & gefährlich:
vic chesnut und bandDAS HIGHLIGHT DES JAHRES
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@ Benno:
Wenn Du jetzt auch noch verrätst, in welcher Stadt das „Übel und Gefährlich” (Hamburg?) liegt und warum es das „Highlight des Jahres“ war, wird aus Deinem kurzen Post auch für diejenigen gewinnbringende Lektüre, die das Konzert nicht gesehen haben.
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„Weniger, aber besser.“ D. Rams -
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