Velvet Underground: Sister Ray

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  • #47657  | PERMALINK

    otis
    Moderator

    Registriert seit: 08.07.2002

    Beiträge: 22,558

    Ich habe das im Forum schon einmal kurz irgendwo erzählt. Gern aber hier noch einmal.

    Es war Ende April/Anfang Mai 1971. Ich war gerade 18 geworden, der Jüngste der einzigen Abitur-Klasse eines katholischen Jungeninternates. Wir hatten am frühen Nachmittag unsere Abi-Ergebnisse bekommen. Und … shame on me. Ich war durchgefallen. Als einziger und völlig unerwartet. Hatte ausgerechnet im Abi versagt, indem ich einer Fünf in Griechisch noch eine weitere in Latein folgen ließ. Aus, vorbei. Eine Nachprüfung gab es erst im September.
    Das Internat, in dem ich meine komplette Gymnasiumszeit verbracht hatte, war mehr als hundert Kilometer vom Elternhaus entfernt. An einem solchen Tag nun konnte es natürlich nicht sein, dass ich an den folgenden überschwänglichen Feiern meiner Klassenkameraden teilnahm, und sollte deshalb noch am gleichen Abend Richtung Heimat verfrachtet werden; ob zur Linderung meiner schmerzhaften Niederlage, zum Schutz meiner Restwürde oder damit die Feiern nicht durch einen Loser verunziert wurden, kann ich heute nicht mehr sagen.
    Jedenfalls übernahm den Heimtransport ein junger Priester, der in dem Internat zwecks geistlicher Betreuung der rebellischen Jungs seinen Dienst tat. Zwischen mir, einem mittlerweile überzeugten Agnostiker, an dem offensichtlich nicht nur die Schule, sondern auch das Internat versagt hatte, und ihm war es schon zu einigen nächtelangen Gesprächen über Gott und die Welt gekommen, wobei sich eine gewisse Vertrautheit eingestellt hatte.
    Ich hatte also meine Siebensachen zu packen, diese in seinem kleinen orangefarbenen Käfer zu verstauen und dann mit ihm die Heimfahrt anzutreten.
    Es wurde eine überaus schweigsame Fahrt. Ich war nach wie vor benommen, geradezu paralysiert ob der Schande, die ich mir, meinen Eltern oder wem auch immer bereitet hatte. Unterwegs lud mich mein Begleiter zu einem Abendessen in einen Landgasthof ein. Es sollte der Aufmunterung dienen, sollte Lockerung durch Gespräch bringen, blieb aber ohne Wirkung.
    Wir fuhren weiter, es war mittlerweile kurz nach 21 Uhr, Sendezeit einer WDR2-Radioshow mit Winfried Trenkler, die zu meinem festen Wochenprogramm gehörte. Ich fragte, ob wir Radio hören könnten, es wäre mir wichtig. Selbstverständlich.
    Und plötzlich ertönte eine Musik, wie ich sie nie zuvor gehört hatte. Sister Ray. Mehr als 17 Minuten lang eine musikalisch dröhnende Offenbarung, die mein tiefstes Innere erreichte. 17 lange Minuten, in denen alle meine Gefühle derart intensiv in Musik gepackt waren, dass ich sie lauter stellte und, den scheppernden Käferlautsprecher ignorierend, einfach nur glücklich war. Gab es je eine Musik, die mich besser verstanden hätte als diese, die ein getreueres Abbild meines Seelenlebens abzuliefern gewusst hätte, als meine spätpubertären Grübeleien es je zutage gebracht hatten? Ich neigte mich weit nach vorn, um besser hören zu hören. Fragte kurz zwischendurch, ob die Musik nicht störe. Mein Begleiter ließ mich gewähren. Ich fühlte mich getragen und geläutert. Was war schon die Niederlage des Jahrhunderts gegen seine Umdeutung und Auflösung. Die Musik war nicht Trost, nicht Wärme, sie war einfach nur ein Teil von mir. Zerrissen und stolz; störrisch zwar, aber tief im Inneren zart und wundervoll; dunkel wohl, dabei aber so leuchtend schön, dass es mir den Atem raubte.
    Als wir kurze Zeit später bei meinen Eltern eintrafen, empfing uns eine ziemlich unverhohlene Trauer über die Familienschmach, der Älteste ein Versager, ein Schwächling. Ich aber fühlte mich stärker als je zuvor im Leben und hatte das unbestimmte Gefühl, eine wichtigere Reifeprüfung bestanden zu haben, als die schulische es je sein konnte.

    PS: Die Septemberprüfung war natürlich erfolgreich.

    PPS: Mein verständnisvoller Begleiter von damals ist heute Erzbischof vom Hamburg.

    --

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    #5893713  | PERMALINK

    omalley

    Registriert seit: 28.03.2003

    Beiträge: 16,451

    Großartige Geschichte! Und Du hast mich neugierig auf Velvet Underground gemacht. Sister Ray werde ich mal die Tage besorgen und ein Ohr reinwerfen.

    Ich hab sogar nach dem Bischof von Hamburg gegoogelt und ein halbwegs aktuelles Bild gefunden. ;-)

    --

    #5893715  | PERMALINK

    dr-nihil

    Registriert seit: 08.07.2002

    Beiträge: 15,357

    Ja, sehr schöner Text, otis!

    Ich werde mich nochmal auf die Suche nach der zarten Seite von „Sister Ray“ machen. Der Velvet Underground-Song, mit dem ich nie etwas anfangen konnte und der mir ein ansonsten großartiges Album immer etwas vermieste.

    --

    #5893717  | PERMALINK

    hausmeister_p

    Registriert seit: 22.01.2005

    Beiträge: 2,343

    Das ist wirklich sehr gut geworden – klasse. Und als erster Text im Forum funkelt er nun, mögen viele folgen.

    --

    #5893719  | PERMALINK

    nail75

    Registriert seit: 16.10.2006

    Beiträge: 41,664

    Fantastische Geschichte, Otis. Danke, dass Du sie hier gepostet hast.

    --

    Ohne Musik ist alles Leben ein Irrtum.
    #5893721  | PERMALINK

    rene

    Registriert seit: 22.06.2004

    Beiträge: 2,242

    Toll otis, ganz großes Kino!
    Ich hab‘ jetzt noch ’ne Gänsehaut, die Deine Schilderung der damaligen für Dich so prägenden Ereignisse verursachte!

    Und…Danke!

    --

    Let The Music Play - It Makes A Better Day !!!
    #5893725  | PERMALINK

    whole-lotta-pete

    Registriert seit: 19.05.2003

    Beiträge: 17,435

    Eine feine Geschichte, Otis! Da wagt man zu hoffen, dass noch weitere solche in diesem neuen Forumsabteil folgen mögen. Vielleicht fällt mir auch mal eine ein.

    --

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    #5893727  | PERMALINK

    mikko
    Moderator
    Moderator / Juontaja

    Registriert seit: 15.02.2004

    Beiträge: 34,426

    Schöne Geschichte, otis.
    „Sister Ray“ wird mir dadurch ein klein wenig sympathischer. Und ich kann, glaube ich, doch ganz gut nachvollziehen, wie es Dir damals ging.

    --

    Twang-Bang-Wah-Wah-Zoing! - Die nächste Guitars Galore Rundfunk Übertragung ist am Donnerstag, 19. September 2019 von 20-21 Uhr auf der Berliner UKW Frequenz 91,0 Mhz, im Berliner Kabel 92,6 Mhz oder als Livestream über www.alex-berlin.de mit neuen Schallplatten und Konzert Tipps! - Die nächste Guitars Galore Sendung auf radio stone.fm ist am Dienstag, 17. September 2019 von 20 - 21 Uhr mit US Garage & Psychedelic Sounds der Sixties!
    #5893729  | PERMALINK

    wa

    Registriert seit: 18.06.2003

    Beiträge: 22,661

    Whole Lotta PeteEine feine Geschichte, Otis! Da wagt man zu hoffen, dass noch weitere solche in diesem neuen Forumsabteil folgen mögen.

    So ist es.
    Vielleicht kommt es ja auch zu einem Mitgliederzuwachs, z.B. durch das Hamburger Ordinariat.

    --

    It used to go like that, now it goes like this.
    #5893731  | PERMALINK

    otis
    Moderator

    Registriert seit: 08.07.2002

    Beiträge: 22,558

    Danke für die Kommentare.
    Eure letzten Posts waren Anlass, Sister Ray noch einmal aufzulegen, und immer noch hat es diesen unglaublichen Reiz für mich. Was war späteres Industrial gegen diese Großartigkeit? Das „Zarte“, Nihil, höre ich überall, vor allem in der Orgel im ersten Viertel.
    Diese brutal unfiligranen Rhythmen fangen alle kaputten Nervenenden auf und bündeln sie. Und Reeds Gitarre, weiß oft nicht aus noch ein. Hilflos und stark zugleich.
    Dann aber kommt irgendwann im letzten Viertel diese unvergleichliche Stelle, man wartet die ganze Zeit unbewusst drauf, wenn man es einmal gehört hat, an der Lou Reed singt: I’m searching for my sail(?)line, couldn’t hit it sideways. Wunderbar zart.
    Definitiv auch heute noch einer meiner All Time-Fave-Tracks.
    Mit Waiting For My Man hatte ich einige Jahre zuvor ein zwar etwas weniger existenzielles, aber für mein Musikverständnis mindestens so einschneidendes Erlebnis.

    --

    FAVOURITES
    #5893733  | PERMALINK

    nikodemus

    Registriert seit: 07.03.2004

    Beiträge: 20,146

    Otis, wenn das Erlebnis annähernd intensiv war, wollen wir das jetzt aber auch hören. ;-) Sehr schöne Geschichte zu „Sister Ray“, die du in ähnlicher Form ja schon mal gepostet hattest. Wo war „Sister Ray“ bloß zu meiner Schulzeit?

    --

    and now we rise and we are everywhere
    #5893735  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

    Beiträge: 30,528

    Schön, sehr schön! Bei Gelegenheit folge ich.

    --

    If you talk bad about country music, it's like saying bad things about my momma. Them's fightin' words.
    #5893737  | PERMALINK

    rolf

    Registriert seit: 20.12.2005

    Beiträge: 849

    Sehr schöne,rührende Geschichte,habe ich eben erst gelesen.So spielt das Leben.

    --

    #5893739  | PERMALINK

    negative-approach

    Registriert seit: 17.03.2009

    Beiträge: 1,595

    Hab diese Geschichte hier im Forum grad am Freitag gelesen und mir dann mehr oder weniger grad ein „Sister Ray“ Wochenende gemacht.
    Hab den Song in den 4 verschiedenen Versionen (3xQuine Tapes Live+“White Light White Heat“ Studio) die ich habe, bestimmt insgesamt 10x durchgehört die 3 Tage. Ich liebe den Song so wie nur wenig andere, besonders auch die 38 Min. Version von den Quine Tapes, eine unglaublich geniale Spannung wird da aufgebaut. Und stimmt der letzte Viertel des Songs hat wirklich einen fast schon zarten Teil.

    --

    I'm talkin' 'bout love who are the mystery girls?
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