Van Morrison – 14.11.03 Berlin Tempodrom

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    raileigh

    Registriert seit: 11.05.2003

    Beiträge: 2

    „Whats wrong with this picture“?

    Diese Frage, die Van Morrisons neuestes Album überschreibt, stellte man sich auch beim Konzert des kleinen rundlichen Iren letzten Freitag im Berliner Tempodrom.
    Die schlichte, aber ehrlich Antwort lautet: „Nichts. Es ist perfekt.“
    Zu perfekt, will man meinen.

    Dem manchmal als göttliche Legende des weißen Blues glorifizierten Morrison scheint dabei doch etwas von seiner Seele abhanden gekommen zu sein, die seine Musik einst überlaufen ließ, wie einen zu kleinen Kelch. Vielleicht nimmt man seine Leidenschaft, die sicher noch irgendwo in ihm schlummert auch nur nicht mehr so richtig wahr, unter dem hochprofessionellen Ritual seiner konzertanten Öffentlichkeitsarbeit.

    Obwohl Van Morrison seit über 40 Jahren mit verschiedenster Begleitung auf den Bühnen der Welt steht, plagt ihn noch immer eine ausgeprägte Bühnenphobie. Brav absolviert er zwar sein Tourneeprogramm, doch manchmal lässt er das Publikum sein Unwohlsein spüren, welches ihn angesichts der ihn verehrenden Massen plagt. Er verlässt schon mal die Bühne vorzeitig ohne wiederzukommen. Das Berliner Publikum erinnert sich, wie er vor gar nicht all zu langer Zeit nach einer kurzen Dreiviertelstunde ein Konzert beendete und eine ratlose, nicht eben glückliche Menge zurückließ.

    Im Tempodrom dürfte das Publikum zufrieden gewesen sein. Immerhin nahm sich der Meister und seine Musiker neuzig Minuten Zeit.
    Kann man jemandem solche Exaltiertheit übelnehmen? Wenn dieser solch Manierismus pflegende Mensch Van Morrison heißt, ist das praktisch unmöglich.

    Morrison, dessen Anzüge trotz ihrer teuren Maßanfertigung nie richtig zu passen scheinen, muss nur den Mund aufmachen, um sämtliche Bedenkenträger verschämt verstummen zu lassen.
    Begnadete Badewannentenöre saufen gurgelnd ab, weil sie nie, nie und nimmer dieses ungeheure Timing hinbekommen, das Van Morrison prägt. Wenn Gott jemals zu den Menschen spricht, sagen sie sich schaumspuckend, dann nicht mit der brüchigen Stimme eines tattrigen Papstes, nein, dann singt er und wird so klingen wie Van Morrison. Selbst Mick Jagger hat sein neidvolles Zugeständnis, Van Morrison habe die bessere Stimme, bis heute nicht relativiert.

    An diesem Freitagabend präsentierten Van Morrison und seine hervorragenden Musiker vornehmlich Songs aus dem jüngsten, nicht gerade herausragenden Album „What’s wrong with this picture“. Jazzige, Rhythm & Blues betonende Stücke ohne Anflug seiner von Country und Folk geprägten Zeit.
    Zwei Bläser, eine Trompete und ein Saxophon manchmal ergänzt durch das Saxophon von Van Morrison schepperten, wie eine ganze Bigband. Die einmalige Hammondorgel, ein sperriges Monstrum übrigens, jubilierte dazu, wie eine Schar begeisterter Laienprediger. Ein etwas wirrer Bass, sowie ein Schlagzeug und eine Gitarre, damit war die Band schon raumfüllend genug. Zwar benötigten sie etwas Zeit, um mit den neueren Songs auch bis in die begeisterungswilligen Köpfe der Zuhörerschaft zu gelangen, doch Verzückung, die gab es erst, als er „Have I told you lately“ hervorkramte, jenen bereits im Schmalz erstickten Song, den er auf „Avalon sunset“ und später auf „The long black veil“ mit den Chieftains jammerte.
    „Mein Gott, es lebt“ rief begeistert der junge Mann hinter mir, der bereits den ganzen Abend verzückt aber leider unter Missachtung jeglichen Rhythmusgefühls mit den Hacken seiner Stiefel trommelte. Und in der Tat, dieser Schmalzschinken groovte jazzig und lebendig, als wäre Van Morrison frisch verliebt und fühle sich wie vierzig; erwachsen, aber nicht alt.
    Mittlerweile auf die sechzig zusteuernd, stand da ein nicht sonderlich ansehnlicher Kerl, dessen Musik aber trotzdem eine knisternde Erotik ausstrahlt. Die Songs, zum Teil mit schmutzigen Trompetenklängen und orgiastischen Hammondorgeleien untermalt, ausgeleuchtet in einem puffigen Rot, hätten meiner Großmutter mit einiger Freude die Bezeichnung „Ausziehmusik“ abgerungen.

    Van Morrison krönte den Abend mit „It’s all over now“. Angesichts dieser Interpretation kann ich Mick Jagger nur bedauern. Tut mir leid. Dagegen sind die Stones dann doch bloß eine Provinzposse.

    Zugaben gab es nur eine. Eine geplante. „Gloria“ lieferte er ab. Auch schon uralt, aber immer reifer geworden, zuletzt mit John Lee Hooker kurz vor dessen Tod noch einmal abgeschmeckt und für ziemlich genießbar gehalten. Danach war Schluss. Abgewürgt durch den Veranstalter blieb keine Zeit für „Bravo“ und „Zugabe“. Licht an, Tonbandmusik an, Türen auf. Raus Leute, sollte es heißen. So endete ein solider, angenehmer und anständiger Arbeitstag für Berufsmusiker. Ohne Komplikationen, aber auch ohne allzugroßen Erinnerungswert.
    „Wo waren wir? Berlin? Aha!“

    Also „Whats wrong with this picture?“

    Nichts. Es ist perfekt. Zu Perfekt.

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    #1241521  | PERMALINK

    dougsahm
    Moderator

    Registriert seit: 26.08.2002

    Beiträge: 17,778

    @raileigh:

    Falls selbst geschrieben: Respekt !!!

    Falls kopiert: Danke und nach Möglichkeit das nächste Mal die Quelle angeben.

    Weiter so
    dougsahm

    --

    #1241523  | PERMALINK

    wa

    Registriert seit: 18.06.2003

    Beiträge: 22,462

    Kann ich nur zustimmen. Sehr gut geschrieben, von wem auch immer. Ich war zwar auf keinem Konzert der diesjährigen Tournee, aber das Unbehagen bei gleichzeitiger Verehrung, das einem bei so manchem Van-Konzert beschleicht, ist hervorragend elaboriert (ich kann auch Fremdwörter!).
    Van-Fan sein heißt leiden!

    --

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    #1241525  | PERMALINK

    beatlebum

    Registriert seit: 11.07.2002

    Beiträge: 8,108

    Sehr schön geschrieben. :twisted:
    Van Morrison Konzerte sind wohl sehr von der Tagesform abhängig. In Amsterdam spielte er drei Tage hintereinander. Wenn den Ohrenzeugen zu trauen ist, war der erste Abend katastrophal, der zweite in Ordnung und der dritte phänomenal. (Beitrag mit garantiert einem Fremdwort garniert) :D

    --

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    #1241527  | PERMALINK

    lostblues

    Registriert seit: 10.07.2002

    Beiträge: 903


    So endete ein solider, angenehmer und anständiger Arbeitstag für Berufsmusiker.

    Genau das ist es, was mich in den letzten 4 Jahren an Van & Band stört. Ziemlich genau auf den Punkt gebracht.

    --

    Life is unfair, kill yourself or get over it...
    #1241529  | PERMALINK

    vanfan

    Registriert seit: 03.11.2003

    Beiträge: 394

    Danke, obwohl ich von der Kritik (nicht dem Konzert!) weniger begeistert bin. Wieder einmal jede Menge abgeschriebener Vermutungen und Halbwahrheiten, weil die so schön in das „aber früher war er viel besser“-Bild passen.
    Von teuren schlecht sitzenden Anzügen, über die geringe Körpergröße und den Status als weißer Bluesmusiker bis zum Verlust der Leidenschaft. Es ist alles dabei. Statt Clairyoyance / Luzidität nur das Aufwärmen sämtlicher Klischees.

    Ha, auch Fremdwörter untergebracht. :lol:

    P.S. Das Konzert gehörte zu seinen besseren, wie die CD auch.

    --

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