Traditional, minimalistic and psychedelic tunes – tugboats faves

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  • #61205  | PERMALINK

    tugboat-captain

    Registriert seit: 20.03.2008

    Beiträge: 2,826

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    Nach langem Überlegen habe ich mich dazu durchgerungen einen eigenen Fave-Thread zu eröffnen. Diesen will ich weniger dazu nutzen, um meine absoluten Lieblinge vorzustellen und in einer Rangliste zu listen, sondern will ich mich drei wichtigen Hauptaspekten nähern, die wohl immer schon meinen Musikgeschmack ausmachen und auch in andere Kulturbereiche einwirken, die ich sonst sehr schätze – letztlich wohl in psychologischer Hinsicht wohl sogar meine Person bestimmen. Trotz dieser Gedanken um die eigene Umlaufbahn versuche ich die kommenden Texte nicht allzu persönlich zu halten, erspare euch Analysen meines Lebens und reite sicherlich nicht nur auf den in der Überschrift genannten Wörtern herum.
    Vorstellen will ich dabei nicht nur über lange Zeit lieb gewonnene Favoriten, sondern auch aktuelle Schallplatten, die ich für dringend empfehlenswert halte. Dann auch kleine Formate, also EPs oder Singles.

    Ein paar Worte zu meiner Idee und damit wohl generell einen Einblick in die tugboat’schen Hirnströme: Wenn jemand behauptet, dass er in allen Musikbereichen sein Zuhause habe und damit ein offenes Buch für alle Strömungen zu sein scheint, dann kann ich mich dem nur selten anschließen. Zwar kann ich mich auch in vielen Bereichen unfallfrei bewegen, doch stört und ärgert mich vieles mehr, als ich z.B. hier im Forum öffentlich zugeben will. Ich habe an sich, vergleiche ich mich mit einigen anderen Musikenthuasiasten, kein Gespür für Popmusik, verstehe mich nicht darin breite Inszenierungen oder Glamourwelten (und vieles mehr) von dem letztlich erschienenen Produkt Musik zu abstrahieren, verharre in meinen Ideologien und bleibe bockig und stur. Der Musikzirkus ist mir zu neunundneunzig Prozent zuwider, da ich hinter jeder zweiten LP verlogenen, fremdbestimmten Mist wittere.
    Dennoch habe ich nicht das Gefühl, dass ich mir damit selbst ein Bein stelle. Denn das was mit in der Musik wichtig ist, schneidet sich anscheinend nicht (mehr) mit massentauglichen Vorlieben – ein Fakt der mich immer wieder erstaunt.
    Vor ein paar Jahren noch hatte ich den Begriff „Lo-Fi“ für mich gepachtet und alles unter diesem „Genre“, letztlich in Verbindung mit Folk und/oder Rock’n’Roll (oder auch anderen Stilrichtungen), zusammengesucht. Doch musste ich auch hier in meinem Paradies an wahrhaftiger Seelenmusik, die nicht nur der bloßen Unterhaltung dient, die Spreu vom Weizen trennen. Mir fiel auf, dass ich nur bestimmte Spielweisen ernst nahm bzw. konnten nur bestimmte Herangehensweisen mein Epizentrum erreichten. Damit ist Lo-Fi und alles was sich darum scherte in gewisser Weise für mich gestorben – wenn auch der Grundgedanke von Authentizität weiter an mir nagt.

    Aspekt Nummer Eins: Was verstehe ich unter Minimalismus? In Gesprächen mit Freunden und Bekannten fiel mir auf, dass unter Minimalismus nicht das verstanden wird, was ich in erster Linie meine. Verstanden wurde oft Reduktion, Abstraktion oder Verringerung des produktions- und aufnahmetechnischen Aufwandes. Zwar bin ich auch für solche Gedanken frei empfänglich, nicht umsonst bin ich damals mit so viel Euphorie dem Lo-Fi hinterhergedackelt, doch meine ich mit Minimalismus vor allen Dingen die ständige Wiederholung. Diese Hingabe eine Melodie oder einen Rhythmus immer und immer zu wiederholen. Simpel und monoton, weit entfernt von technischer Brillanz, mit hintergründigen Veränderungen, die nur schemenhaft wahrgenommen werden. So wie es klassische Minimalisten wie Terry Riley oder Steve Reich in aller Offenheit und mit Bestimmtheit tun, so erfinden/erfanden Folk-Artisten wie James Yorkston oder John Fahey den Minimalismus im Kleinen neu.

    Aus diesem Grundgedanken der Wiederholung, Gedankenverloren- und Selbstvergessenheit und erwächst letztlich das Psychedelische, also Aspekt Nummer Zwei, womit ich nicht in erster Linie drogenumnebelte, bodenlose Hardrock-Orgien, hinausgezögert auf zwanzig Minuten, meine. Sondern einen Freiheitsaspekt in den Songstrukturen, (meist) atmosphärisch und experimentell. Dies auch wieder im Kleinen oder Großen, so dass gewisse popmusikalische Einflüsse auch hier ihren Platz finden. Aber finden sich in letzter Zeit, um eine andere Seite zu beleuchten, immer mehr Bezüge zum Jazz, den ich auch mit den durch die Aspekte gefärbte Augen betrachte.

    In den Monaten und Jahren in denen ich nun versuche meinem wirklichem Interesse an Musik und anderen Künsten auf die Schliche zu kommen, merke ich, dass ich trotz meines Wunsches nach Freiheit und Experiment gleichzeitig Traditionalist bin und es nicht wirklich zu schätzen weiß, wenn z.B. Folk(lore) seiner Tradition enthoben und bezugs- und respektlos entfremdet wird. Und damit ist wohl auch der letzte Aspekt genannt, dem ich mich in diesem Thread widmen will.
    Immer wieder finde ich es spannend zu hören, dass Musiker es schaffen, alle diese von mir geschätzten Faktoren unter einen Hut bringen, ohne sich zu verbiegen. Mir ist es ein Anliegen LPs dieser Machart vozustellen, aber auch Platten, die nur einen der genannten Inhalte im Vordergrund haben.

    Ich hoffe, dass ich es irgendwie geschafft habe mein Anliegen plausibel zu machen. Der Thread soll auf keinen Fall dazu dienen, um abgeschlossene Meinungen meinerseits zu präsentieren. Alle diese Gedankengänge und mein „Geschmack“ bleiben work in progress. Und ich versuche tagtäglich ein wenig weiter nach unten zu graben.

    In dachte mir, dass ich diesen längeren Einstiegstext erst einmal wirken lasse und dann in den kommenden Tagen mit dem ersten Text rausrücke.

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    detours elsewhere
    Highlights von Rolling-Stone.de
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    #7056149  | PERMALINK

    flatted-fifth
    Moderator

    Registriert seit: 02.09.2003

    Beiträge: 6,028

    Tolles Vorhaben tuggy und eine sehr schöne Bestimmung Deiner musikalischen Koordinaten. Ich freue mich schon sehr auf Deine Texte!

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    You can't fool the flat man!
    #7056151  | PERMALINK

    herr-rossi
    Moderator
    -

    Registriert seit: 15.05.2005

    Beiträge: 68,024

    Diese programmatischen Vorüberlegungen finde ich sehr interessant. Du führst ja vorsichtig den Begriff „Geschmack“ wieder in die Diskussion ein, der hier doch eher ungelitten ist wegen der Diskussionen ausweichenden Formulierung „ist doch alles Geschmackssache“ oder geschmäcklerischen Aussagen wie „geschmackssicher“ oder „guter/schlechter Geschmack“. Aber man kann „Geschmack“ ja auch als individuelles (und subjektives, klar) ästhetisches Wertesystem verstehen und das formulierst Du gut nachvollziehbar. Es steht meinem diametral gegenüber, gleichwohl bin ich sehr gespannt auf Deine Texte und Deine Faves.

    --

    #7056153  | PERMALINK

    malibu

    Registriert seit: 12.12.2005

    Beiträge: 3,243

    Bin sehr neugierig, was hier passieren wird, also hoffentlich geht es hier bald los. Viel Spaß dabei (Je mehr Spaß du hast, desto mehr wird hier passieren..)!

    Mal sehen, ob du mich von meiner momentanen Folk-Müdigkeit abbringen kannst. Für das Minimalistische und Psychedelische bin ich eh sehr offen.

    --

    #7056155  | PERMALINK

    hat-and-beard
    dial 45-41

    Registriert seit: 19.03.2004

    Beiträge: 19,962

    tugboat captainIch habe an sich […] kein Gespür für Popmusik, […] verharre in meinen Ideologien und bleibe bockig und stur.

    Hey, Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.

    Spaß beiseite, man merkt, dass sich hier jemand Gedanken über die eigene Musik/Kunst-Wahrnehmung macht, sehr lobenswert. Werde diesen Thread mit Interesse verfolgen, es gibt hier sicher was zu entdecken.

    --

    God told me to do it.
    #7056157  | PERMALINK

    atom
    Moderator

    Registriert seit: 10.09.2003

    Beiträge: 17,137

    Hat and beardWerde diesen Thread mit Interesse verfolgen, es gibt hier sicher was zu entdecken.

    Auf deine Vorstellungen, Skizzierungen und Empfehlungen freue ich mich ebenfalls. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, was auf uns zu kommt.

    --

    read it in a book or write it in a letter
    #7056159  | PERMALINK

    latho
    No pretty face

    Registriert seit: 04.05.2003

    Beiträge: 30,349

    tugboat captain[…]
    In dachte mir, dass ich diesen längeren Einstiegstext erst einmal wirken lasse und dann in den kommenden Tagen mit dem ersten Text rausrücke.

    Klingt doch schon mal gut. Wir warten gespannt.

    --

    If you talk bad about country music, it's like saying bad things about my momma. Them's fightin' words.
    #7056161  | PERMALINK

    Anonym
    Inaktiv

    Registriert seit: 01.01.1970

    Beiträge: 0

    tugboat captainImmer wieder finde ich es spannend zu hören, dass Musiker es schaffen, alle diese von mir geschätzten Faktoren unter einen Hut bringen, ohne sich zu verbiegen.

    Das wird bestimmt spannend wenn du erzählst, wann sich ein Künstler verbiegt und wann nicht. Bis dahin hör ich noch ein paar überproduzierte Scheiben… ;-)

    --

    #7056163  | PERMALINK

    tugboat-captain

    Registriert seit: 20.03.2008

    Beiträge: 2,826

    Danke für euer Feedback. Ich wollte eigentlich schon längst mit dem ersten Text rausgerückt haben, aber gerade diese Woche läuft vieles neben der Spur. Somit vertröste ich euch und mich auf’s Wochenende.

    --

    detours elsewhere
    #7056165  | PERMALINK

    vega4

    Registriert seit: 29.01.2003

    Beiträge: 8,667

    Bin schon sehr gespannt! Dürfte ein durchaus interessanter thread werden…

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    Der Teufel ist ein Optimist, wenn er glaubt, dass er die Menschen schlechter machen kann. "Fackel" - Karl Kraus
    #7056167  | PERMALINK

    sommer
    Moderator

    Registriert seit: 10.10.2004

    Beiträge: 7,966

    Wow tolle Leistung, Sommer. Den Thread habe ich eben erst entdeckt. Dabei wurde er von mir so heiss erwartet. Bin jedenfalls sehr gespannt was hier so passieren wird. Der Einleitungstext war schon einmal schön zu lesen.

    #7056169  | PERMALINK

    otis
    Moderator

    Registriert seit: 08.07.2002

    Beiträge: 22,557

    SommerWow tolle Leistung, Sommer. Den Thread habe ich eben erst entdeckt. Dabei wurde er von mir so heiss erwartet.

    Verstehe ich das richtig, dass dieser Verschreiber einen eigenen Thread ankündigt?! ;-)

    Tugboat, liest sich sehr gut, werde weiter mitlesen. Stimme Rossi zu, was er oben über „Geschmack“ und ästhetisches Wertesystem schrieb.
    Frage mich wie John Bill, was das mit dem Verbiegen auf sich haben könnte. Aber da du hier ja nur „unverbogenene“ Künstler zu Gehör bringen wirst, wird sich dies nicht leicht klären lassen.
    Ist der Fuchs von Marc oben der Versuch einer Verbildlichung deiner musikästhetischen Voreinstellungen?

    --

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    #7056171  | PERMALINK

    sommer
    Moderator

    Registriert seit: 10.10.2004

    Beiträge: 7,966

    otisVerstehe ich das richtig, dass dieser Verschreiber einen eigenen Thread ankündigt?! ;-)

    War ja kein Verschreiber. Ich wollte auf meine Langsamkeit beim „Wahrnehmen“ des Threads hinaus. ;-)

    #7056173  | PERMALINK

    otis
    Moderator

    Registriert seit: 08.07.2002

    Beiträge: 22,557

    Also ein Verleser, Sommer. Aber nur zu.

    --

    FAVOURITES
    #7056175  | PERMALINK

    tugboat-captain

    Registriert seit: 20.03.2008

    Beiträge: 2,826

    Jack Rose – Kensington Blues
    Label: VHF
    Release: 30. August 2005
    Format: LP
    Wertung: * * * * ½

    „All songs selected are 1st takes“ (Jack Rose)

    Vertretene Musiker:
    Jack Rose (6/12 string guitar)

    Tracklist:
    1. Kensington Blues
    2. Cross The North Folk
    3. Cathedral Et Chartes
    4. Rappahanock River Rag (for William Moore)
    5. Sunflower River Blues
    6. Now That I’m a Full Grown Man II
    7. Flirtin‘ With The Undertaker
    8. Calais To Dover

    Es kommt wohl dem Gefühl gleich, mit einem Brecheisen eine fest verriegelte Falltür aufzubrechen. Unsicher und gleichzeitig erwartungsfreudig blickt man nach unten ins schwarzverhangene Dunkel, ohne zu wissen was sich dahinter verbirgt. Übertragen auf den Musikzirkus öffnen sich ganze Welten, schaut man auf die vielen Kinder John Faheys. Damit meine ich nicht die tatsächliche Verwandtschaft des im Jahre 2001 verstorbenen Amerikaners, sondern alle die, die sich von seinem Schaffen haben offenkundig inspirieren lassen. Traditionellem Ragtime und Delta Blues nacheifernde Fingerpicker. Psychedelische Klangschaffende, frei von melodischen Zwängen. Künstler, die diese beiden Elemente miteinander vereinen. Sogenannte Avant-Rock-Bands wie zum Beispiel Sonic Youth. Melancholische Singer und Songwriter mit versierter akustischer Gitarrenbegleitung. Atmosphärische Ambient- und energetische Drone-Musikalisten. Und genau wie ihr Heroe, treten auch die allermeisten Inspirierten weiterhin im Dunkeln. Denn das was sie musikalisch zutage bringen, war und ist für die breitere Öffentlichkeit ein kleines Nischenprodukt. Im schlimmsten Fall unter dem horriblen Sammelbegriff Instrumentalmusik (, die nicht Jazz ist) zusammengefasst.

    Man schlägt sich also irgendwie durch als Instrumentalmusiker, so wie es Fahey zu Beginn der 80er tun musste. Verarmt, vergessen – und doch mit dem Drang weitere Songschöpfungen auf Tonträger zu bannen. Damals war es ihm auf Grund seiner finanziellen Situation nur im Homerecording-Verfahren möglich (man höre sein vielfach unterschätztes Album „Let Go“ von 1984). Was seiner Fähigkeit zu faszinieren keinen Abbruch getan hat. Letztlich wurde er vielleicht unter diesen Bedingungen seiner eigenen Maxime, dem American Primitivism, am ehesten gerecht.
    Es bedeutet für mich also immer wieder einen großen Überraschungsfaktor, welche Masse an Künstlern und Bands aus diversen Löchern kriechen, die Fahey als ihren geistigen Vater nennen. Gleichzeitig aber sind dessen Platten nur mit Mühe und manchmal auch Not zu ergattern. Und die Hoffnung, dass sich ein vernünftiges Label den vergessenen Aufnahmen annimmt, will und will einfach nicht eintreten. Man vergnüge sich also mit einem seiner Nachfolger, um dem Tag X gut unterhalten entgegenzustreben. Einer der besten und auch eigenständigsten ist Jack Rose.
    Während Fahey, der seine ersten Tracks 1959 veröffentlichte, erst Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger alle Songstrukturen flöten ließ und seine durchgängig experimentellen Jahre begannen, war es bei Rose genau umgekehrt. Mitglied der Gruppe Pelt zu sein, mit der Rose 1995 zum ersten Mal auf der Bildfläche erschien, hieß verzerrte, dröhnende und langgezogene Klanggebilde erschaffen, basierend im entferntesten Sinne auf amerikanischem Mountain-Folk und Südstaaten-Blues, mit einem entsprechend altmodischen wie uramerikanischem Instrumentarium. Erst mit dem Beginn dieses Jahrtausends wurde offenbar welch großartiger Gitarrist hinter Rose steckte, der als Teil von Pelt nie wirklich als Einzelperson in Erscheinung trat, die Band aber mit seiner Wandlung hin zum tragenden Minimalismus wohl am meisten beeinflusste.

    Roses erstes Soloalbum war gezeichnet durch eine unbeirrbare Konsequenz, die sich darin zeigte, dass er alle Experimente von Pelt in den Wind schoss und Ragtime, Bluegrass und Delta Blues der 20er Jahre spielte, mit seinen eigenen Kompositionen. Nicht umsonst erschuf Rose das Pseudonym Dr. Ragtime, das er jüngst wieder auf seinem 2008er-Album „Dr. Ragtime & Pals“ verwendete, einer bewussten Rückkehr zu seiner Anfangszeit als Soloartist. Auf den Folgealben zu seinem Debüt „Red Horse With Mule“ stach dann aber in kleinen Teilen immer wieder das durch, was erst mit „Kensington Blues“ die volle Entfaltung fand. Eine veränderte Herangehensweise an diese Traditionen amerikanischer Musik, die auch Fahey (und ein Artverwandter wie Robbie Basho noch mal mehr) erst Mitte Sechziger Jahren vollends und erstmals durchgängig auf die Spitze trieb. Beeinflusst durch indische und indianische Mystikthematiken in Musik und Geschichte, ergab sich ein völlig neues Klangbild. Nicht falsch verstehen: Damit sind keine verzwirbelten Verzauberungsgesänge gemeint, wo Menschen mit Masken um ein Feuer tanzen und spontan Eingeworfenes langsam ein passendes Klangbild ergibt. Von scheinenden Experten wird diese Herangehensweise damals wie heute eher der Avantgarde bzw. der zeitgenössischen Musik zugerechnet. Wahrscheinlich ist hier auch der Grund dafür zu finden, dass die Berührungsängste immer noch groß sind und Künstler wie Rose nur in kleinen Kreisen Fuß fassen können. Ein Fehler, wie ich finde, und deswegen ist es mir auch ein dieser Stelle ein großes Anliegen die Materie näher zu beleuchten.

    „Cross The North Folk“ lässt sich Zeit. Jede einzelne Saite der 12-string-guitar wird von oben nach unten mit schnellen Hieben angeschlagen. Ein Schnaufen aus dem Hintergrund offenbart, dass der Musiker ebenfalls anwesend ist und dass das Kommende Mühe kosten wird. Weniger die Mühe, die dazu dienlich ist die Gitarre zu bedienen, sondern mehr das was aus der Hingabe erwächst, die dem Hörer in den nächsten Minuten offenbar wird. Aus dem Wall an akustischen Schlägen bildet sich eine rhythmisch klar abgestecktes Fingerpicking in Moll. Folk und Blues dienen als Grundlage, aber eben nur als Grundlage. Über Minuten hält sich die rhythmische Vorgabe, wird dann aber langsamer, dann schneller, noch schneller und verändert sich grundlegend – mehrmals. Ein brodelndes, dunkles, schwer zu stoppendes Feuer. Dies alles geschieht in einem reinen Fluss, die Übergänge sind praktisch nicht wahrnehmbar. Wenn ich mich selbst auf diese Veränderungen hin überprüfe, dann fehlt mir der Bezug zum Anfang. Was mich wiederum sehr glücklich macht.
    Ein Journalist nannte Roses und letztlich damit auch Faheys Schaffen einmal etwas unbedarft acoustic trance. Das mag zwar in gewisser Weise stimmen, dennoch ist mir das zu kurz gedacht und sagt nichts über die Traditionen aus, die der Musik zugrunde liegen und die in jeder Sekunde deutlich vernehmbar sind. Auch sind damit die subtilen Veränderungen, die spurlos über den Hörer einbrechen außen vor gelassen. Acoustic trance suggeriert ein monoton andauerndes Etwas, was weit entfernt steht von der Feingeistigkeit des „Kensington Blues“.
    Melodien, im Sinne von einprägsamen Erinnerungen gibt es nur selten. Jeder, der sich „Cross The North Folk“ und andere seiner Kompositionen zu Gemüte geführt hat, wird sich an Tonlage und Grundstruktur erinnern können und in der Lage sein den Track von anderen Tracks zu unterscheiden. Doch ist Roses Musik nicht auf einzelne Melodien ausgelegt. Manches Mal mag man dem Gefühl unterliegen, dass er dem nahe sei, doch schrammt er in seinem minimalistischen Fluss immer wieder daran vorbei. Und das ist u.a. die Kunst, die ich bei Rose so zu schätzen weiß und die es manch anderem Hörer mitunter schwer macht ihm Folge zu leisten: Dass man diesen Halt geboten bekommt, der doch nicht ganz griffig ist. Dass man ein Stück weit von sich selbst geben und auch für kurz aufgeben muss, um dieser Musik volle Konzentration und eben Hingabe entgegen zu bringen. „Cross The North Folk“ ist vordergründig ein ewig andauernder und sich filigran transformierender Rhythmus, ist Selbstvergessenheit, ist unmittelbare Introspektion ohne Gesang. Alles Weitere, wie weit man diesem epischen und doch simplen Songs folgen will, bestimmt der Hörer selbst. Als bloßer Betrachter von außen, der nicht bereit ist sich einzuwühlen und fallen zu lassen, wird man mit dieser Art von Musik nicht glücklich.

    Und dann gibt es die Sekunden in denen dieser Fluss plötzlich zu Ende ist, die Gitarre nochmals wie bereits zu Anfang mehrmals disharmonisch angeschlagen und man selbst auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird. Rose hält für kurz inne und spielt im Anschluss eine sehr kurze, schlichte, nur auf einzelnen Töne bedachte Melodie. Ein unglaublich bewegender Moment, dieser prägnante, eingängige Augenblick von Reduktion, so als sei der Musiker aus einem traumlosen Schlaf erwacht, um uns daraufhin die Quintessenz seiner, im Fluss der Saitensprünge entstandenen Gedanken zu präsentieren.
    Dieses Stilmittel der abschließenden Umschwungs auf den kleinsten aller Nenner verwendet Rose gleich noch einmal. Der anschließende Track „Cathredal Et Chartes“, der nebenbei gesagt mein liebster Rose-Track überhaupt ist, gibt sich im Gegensatz zum dunklen Monolithen „Cross The North Folk“ bittersüß und weitaus versöhnlicher, ohne die disharmonischen Anfangs- und Endsequenzen. Besonders ins Auge fällt das Gefälle zwischen hellen und dunklen Tönen, die Rose (nochmals auf der 12-string-guitar) wie zuvor in einer Art hypnotischem Mantra in unterschiedlichen Rhythmen gleichzeitig anschlägt. Auch versucht er zwischendurch etwas freier zu agieren. Die melodische Essenz entfaltet sich hier nicht nur zum Schluss, sondern mehrmals während des Songverlaufs. Obwohl ähnlich strukturiert, erscheint sie vollmundiger, breiter arrangiert und gehört zu den liebevollsten Momenten, die Rose je komponiert hat.

    Ich möchte an dieser Stelle meinen Text langsam zum Ende führen. Es geht mir weniger darum, jeden Songs bis zum Erbrechen zu würdigen (keine Sorge, das wird noch kommen) und damit meine oben stehende Wertung zu rechtfertigen, sondern erschien mir „Kensington Blues“ in seiner intensiven und konsequenten Spielart ein Paradebeispiel zu sein, um das Wesen des American Primitivism, dass John Fahey sozusagen ins Leben gerufen hat, näher zu beleuchten. Das sah wohl auch Jack Rose selbst so, der sich auf diesem Album mit einer tiefgehenden Version des „Sunflower River Blues“, die sehr am dem Original gespielt wird, für die Inspiration und Geisteshaltung bedankt. Um somit eine Herangehensweise zu würdigen, die nicht darauf ausgelegt ist technisch zu brillieren (mit Primitivism ist in gewisser Weise „ungelernt“ gemeint), sondern die freiheitlichen Aspekte des Gitarrenspiels, der Musik in den Vordergrund zu stellen und was daraus entwachsen kann. Mit „Kensington Blues“ veröffentlicht Jack Rose nicht nur sein bestes, am dichtesten gestricktes Album, sondern schafft es auch, bar jeder Logik, durch die Verneidung vor Fahey sich zu einem der eigenständigsten, versiertesten und schlichtweg interessantesten Künstler der Gegenwart zu mausern.

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    detours elsewhere
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