Tenor Giants – Das Tenorsaxophon im Jazz

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    gypsy-tail-wind
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    (Photo: Jos Knaepen)

    Ich möchte an dieser Stelle ein gutes Wort für Bennie Wallace einlegen, einen zeitgenössichen Tenoristen, dessen Spiel mir ausserordentlich gut gefällt. Als ich ihn das erste Mal hörte – es war das fanstastische Gershwin-Album von 1999 auf Enja – verliebte ich mich auf der Stelle in sein schrulliges Spiel, das von einem riesigen Ton lebt, der stark an Webster erinnert. Den altmodischen Sound, der auch stark vom Süden geprägt ist (Wallace wurde 1946 in Tennessee geboren und hat u.a. mit Dr. John gearbeitet), kombiniert er mit Linien, die an Eric Dolphys wild gestikulierendes Spiel gemahnen. Diese Mischung ist enorm schwierig hinzukriegen – bei rasanten Läufen und waghalsigen Sprüngen wird der Ton oft dünner, beweglicher, Wallaces riesigen, von starkem Vibrato geprägten Ton bei seiner Spielweise beizubehalten, ist unglaublich schwierig. Aber darum geht’s natülich nicht, blosses technisches Können allein reicht nicht aus.

    Vor ein paar Wochen fand ich endlich mal die erste seiner beiden Blue Note Platten, TWILIGHT TIME, zu einem guten Preis und in hervorragendem Zustand, sie dreht sich derzeit auch auf dem Plattenteller und inspiriert mich zu diesem Post.

    Wallace‘ Musik formte sich in den frühen 70ern in der Umgebung von Knoxville, in relativer Isolation von dem, was musikalisch zur gleichen Zeit in Zentren wie New York abging. Er spielte Blues und Bebop und studierte in Chattanooga, seiner Heimatstadt. 1971 zog es ihn nach New York, wo er sowohl mit der Loft Szene als auch Beboppern wie Tommy Flanagan oder Barry Harris in Kontakt kam. In den folgenden Jahren spielte er auch mit Monty Alexander, Sheila Jordan, George Gruntz‘ Concert Jazz Band und dem Buddy Rich Orchestra.
    Ab 1977 leitete Wallace eigene Bands, zunächst vornehmlich ein Trio, dem zu unterschiedlichen Zeiten die Bassisten Glen Moore und Dave Holland sowie die Drummer Eddie Moore, Jack DeJohnette, Elvin Jones und Billy Hart angehörten. Am beständigsten und auf einigen schönen Enja-Alben dokumentiert ist das Trio mit Eddie Gomez und Dannie Richmond. Gomez kam aus einer langjährigen Zeit bei Bill Evans, Richmond begann sich nach fast einem ganzen Leben an der Seite von Charles Mingus neu zu orientieren.

    Das Debut-Album THE FOURTEEN BAR BLUES entstand mit Gomez und Eddie Moore, auf LIVE AT THE PUBLIC THEATRE und BENNIE WALLACE PLAYS MONK sind dann Gomez und Richmond zu hören, auf letzterem zudem Jimmy Knepper, der alte Mingus-Kollege von Richmond.
    Herausragend ist das Album BIG JIM’S TANGO, für das Wallace die herausragenden Begleitern Dave Holland und Elvin Jones gewinnen konnte. Ebenfalls zu Beginn der 80er Jahre gesellte sich Chick Corea zum Trio Wallace/Gomez/Richmond, das resultierende Album MYSTIC BRIDGE kann sich ebenfalls sehen (hören) lassen.
    Mitte der 80er Begann Wallace seine Bands zu erweitern, Ray Anderson und John Scofield stiessen oft dazu, die Rhythmusgruppen änderten sich, auch wenn Gomez auf TWILIGHT TIME noch zur Band gehörte. Zwischen den beiden Blue Note LPs entstanden zwei Alben für Denon, eins mit Yosuke Yamashita, ein zweites namens THE ART OF THE SAXOPHONE mit Oliver Lake, Jerry Bergonzi, Lew Tabackin sowie dem Veteranen Harold Ashby.
    Wie schon auf TWILIGHT TIME war auch auf BORDERTOWN Dr. John am Piano der Mittelpunkt der Band, ebenfalls waren wieder Ray Anderson, John Scofield, Eddie Gomez und andere zu hören.

    Nach dem 1987 erschienenen BORDERTOWN wurde es für einige Jahre ruhig um Wallace. 1993 erschien auf AudioQuest ein schönes Album mit dem passenden Titel OLD SONGS, das Wallace im Trio und Quartett mit Bill Huntington (b), Alvin Queen (d), sowie Lou Levy (p) präsentierte. Auch die Zusammenerarbeit mit Enja wurde fortgesetzt und Ende der 90ern erschienen sowohl auf Enja wie auch auf AudioQuest zwei hervorragende Quartett-Alben: SOMEONE TO WATCH OVER ME ist die erwähnte Gershwin-Hommage, mit Mulgrew Miller, Peter Washington und Yoron Israel. BENNIE WALLACE ist vielleicht das schönste Album in Wallace‘ bisherigem Schaffen. Begleitet von Tommy Flanagan, Eddie Gomez und Alvin Queen präsentierte Wallace ein Programm aus Ellington/Strayhorn-Titeln und Standards, zumeist von der weniger bekannten Sorte. 1999 trat er zudem mit George Cables, Peter Washington und Herlin Riley am JazzFest Berlin auf – auch diese Aufnahme wurde auf Enja veröffentlicht, sie enthält u.a. eine tolle Version von „It Is Only a Paper Moon“.
    In den folgenden Jahren entstanden einige weitere Alben, darunter MOODSVILLE mit Miller, Washington und Lewis Nash, sowie 2004 die bisher letzte Veröffentlichung, erneut vom JazzFest Berlin: im Nonett präsentierte Wallace seine Hommage an Coleman Hawkins, in der Band spielten alte Gefährten wie Ray Anderson und Alvin Queen neben jüngeren Musikern wie Brad Leali, Jesse Davis und Danton Boller, der mit Wallace einige Jahre live unterwegs war. Die Aufnahme wurde 2007 von Enja veröffentlicht.
    Was Wallace in den seither vergangenen Jahren getrieben hat weiss ich nicht. 2002 spielte er auf Solomon Burkes tollem DON’T GIVE UP ON ME, 1999 spielte er zudem auf Eric Watsons hervorrandem FULL METAL QUARTET (mit Ed Thigpen und Mark Dresser). Bis 2008 ist er jedenfalls häufig live aufgetreten für 2009 und 2010 führt seine Website nur wenige Gigs, neuere Lebenszeichen sehe ich keine.

    Ein paar Links:
    Homepage
    Interview zu DISORDER AT THE BORDER

    Video-Interviews (kann man auch auf seiner Website anschauen, dort findet sich noch weiteres):
    Über Einflüsse und Mentoren (kurze Erwähnung von Fred Jackson am Ende!)
    Die Tenor Giants
    Über NYC (Monty Alexander, Wilbur Ware)
    Über sein erstes Leader Date
    Zum Finden des eigenen Sounds
    My approach on tenor
    Die Arbeit im Trio
    Die Zusammenarbeit mit anderen Musikern
    Improvisation
    Über sein Leben
    Tommy Flanagan

    mit Danton Boller (b) & Alvin Queen (d)
    Thangs (Wallace‘ Variante über „All the Things You Are“)
    Body & Soul

    Brugge 2006 mit Steve Nelson (vib), Boller (b) & Queen (d):
    Pt. 1 & Pt. 2 (ist das „Pannonica“? Jedenfalls Monk…)

    Mit einer grösseren Band:
    In a Sentimental Mood

    Mt. Fuji Blue Note Jazz Festival 1987 mit Charnett Moffett (b) & Dannie Richmond (d):
    It Has Happened to Me

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    #7844145  | PERMALINK

    alexischicke

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    Dem habe ich vor zwei Jahren in der unterfahrt gesehen.Hab mir damals eine schöne SACD gekauft.

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    #7844147  | PERMALINK

    alexischicke

    Registriert seit: 09.06.2010

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    Jetzt um 22:00 kommt eine schöne Sendung über Gene Ammons auf WDR3.

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    #7844149  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    von hier zusammengetragen:

    redbeansandriceHarold Land In New York

    katharsisViel Spaß mit den CD’s. Die Land-Aufnahmen sind mir irgendwie mit die liebsten von ihm.
    Hast Du „West Coast Blues“?

    redbeansandriceja, find es aber schwer, was dazu zu sagen… unter den Alben, die bei mir noch nie so ganz richtig gezündet haben, ist es sicher eins der stärksten ;-) Harold in the Land of Jazz war mein erstes, das find ich wohl neben The Fox noch immer das beste. Wer ist „ihm“?

    katharsisMit „ihm“ meinte ich Land, mir ist die Dopplung nicht aufgefallen. „West Coast Blues“ ist vielleicht das irgendwie konventionellste, daher fällt es im Vergleich zu „Eastward Ho“ auf jeden Fall ab. Trotzdem ist es eine starke Platte, wobei Land aus meiner Sicht nichts durchschnittliches gemacht hat. Sogar „Jazz Impressions of Folk Music“ bietet trotz der langweiligen Songauswahl mit die beste Musik von Land und Carmell Jones.
    „Harold in the Land of Jazz/Grooveyard“ ist dagegen das einzige Album, das ich immer noch nicht kenne und bei „The Fox“ habe ich irgendwie immer noch meine Probleme…

    gypsy tail windLand… ich mag ihn am allerliebsten auf „Study in Brown“ – da klingt er wie von einem anderen Stern, wunderbar lyrisch, altmodisch mit grossartigem Ton… mit „West Coast Blues“ geht’s mir ähnlich wie redbeans, „Eastward Ho“ hat mich auch noch nicht vollends umgehauen (und „In the Land of Jazz“ find ich etwa wie „West Coast Blues“ eine Spur schwächer als „Eastward Ho“).
    Seltsam, eigentlich mag ich ihn ja sehr gerne, aber am liebsten auf „The Fox“, auf Hampton Hawes‘ „For Real!“ und mit Brown/Roach – sonst kommt für mich nichts ganz an diese heran.

    Allerdings hab ich „Eastward“ und „West Coast“ nicht wirklich… muss sie mir mal kaufen, bevor die OJCs ein Vermögen kosten.

    redbeansandriceEastward Ho‘ ist bis jetzt nur in der Post… For Real ist mir irgendwie ein bißchen zu dicht, sicher kein schlechtes Album… bei den 70er Sachen mit Hutcherson fehlt mir noch heillos der Überblick, aber irgendwas wird dort auch richtig gemacht, was vorher gelegentlich schief lief, ist alles ein bißchen luftiger, flächiger, was weiß ich (auf San Francisco etwa)

    gypsy tail windJa, aber der besondere Zauber, den Land früher hatte (in den 50ern) ist verschwunden. Ich hoffe nail sieht das nicht, aber der vermaledeite Coltrane-Einfluss (ja, Land ist selber schuld, Coltrane kann nichts dafür) ist daran wohl schuld… ich mag einfach Lands Spiel in den 50ern am besten.
    Das Hutcherson Mosaic-Select fehlt mir noch, aber das meiste was drin ist hab ich vor längerem mal gehört. Allzu grosse Erwartungen habe ich nicht (was soviel heisst wie: ich gehe nicht davon aus, dass die Alben als Gruppe an jene aus den 60ern heranreichen werden).

    katharsisEs sieht wohl so aus, als bräuchten wir einen Land-Sternethread.
    Land ist zusammen mit Booker Ervin bei mir enorm gewachsen, daher kann ich keine Aussetzer erkennen, oder zumindest eine Session nennen, die mir wirklich weniger gefällt, als all die anderen, die ich kenne.
    Eine der besten Sessions, an die ich mich bislang gar nicht erinnert hatte, ist „The Peace-Maker“. Vielleicht nehme ich mir mal die Zeit, für den Thread…

    Ich finde, dass Land den Coltrane-Stil sehr passend assimiliert hat und dadurch enorm gewonnen, respektive sich einfach zeitgemäß weiterentwickelte. Das macht den Stil weiterhin zeitlos für mich. Ein großer Klassiker ist da übrigens noch „Hear Ye!!!“.

    gypsy tail windJa, hast wohl schon recht. Ich kann auch keine schlechten Alben von Land erkennen, er war – auch das ist irgendwie old school – enorm konsistent. Vielleicht irgendwie ähnlich wie Billy Mitchell, einfach eine Spur moderner (und ohne dessen langjährige Big Band Tätigkeit).

    Muss mir die Alben mit Hutcherson mal wieder vornehmen, zumindest „Spiral“/“Medina“ (die Conn-CD) hab ich schon als recht stark in Erinnerung (und auch als eine Spur besser als das Album der Band mit James Spaulding and Lands Stelle).

    „Hear Ye!“ – klar! Und auch die anderen Sachen mit Carmell Jones, die Du ja grad am Hören bist. Alles sehr schön. Das mit „Study in Brown“ ist wohl einfach meine persönliche Sache… „Land’s End“ und ein paar andere Stücke machen bei mir innert Sekunden Gänsehaut, das ist die absolute Magie!

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    #7844151  | PERMALINK

    katharsis

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    Ich hab‘ in letzter Zeit ein bißchen den Überblick verloren, da sich einiges angesammelt hatte, auf dem Land vertreten ist. Es ist schon sehr verwunderlich, dass er als „unsung hero“ gilt, da er mit unglaublich tollen Bands gespielt hat. „Study in Brown“ habe ich nur vereinzelt gehört, aber sie steht auf meiner Liste. Bislang habe ich nur die Incorporated-Aufnahmen als LP und kann daher wiederum wenig dazu sagen. Land passt aber enorm gut in diese Band hinein, die einfach den aufbrechenden Hard Bop in seiner Blüte präsentiert und von Lands ruhigem, galantem Ton enorm profitiert.
    Nicht verwunderlich ist da vielleicht, dass er in Folge häufig an der Seite von Carmell Jones zu hören war, dessen Bands irgendwie ähnlich-unähnlich waren. Fraglich ist nur, warum er aus der Brown-Roach-Band nicht mit noch mehr Engagements und Plattenaufnahmen rausgegangen ist.

    Insgesamt hatte er wohl ein gutes Händchen für Trompeter. Von Clifford Brown oder Kenny Dorham über Joe Gordon, Dupree Bolton bis hin zu Carmell Jones hatte er stets tolle Musiker in seinen Bands. Sogar Martin Banks (der mir sonst nur wenig sagt und auf Gordon’s „Resurgence“ nicht besonders gefällt) passt gut in diese Liste und gibt „Take Aim“ wieder eine ganz andere Note.

    Land schätze ich deswegen, da er an so unterschiedlichen, hochklassigen Sessions beteiligt war, die er irgendwie immer zusammenhält und einen roten Faden knüpft. Auch „The Peace-Maker“, welches am ehesten einem Coltrane-Ripoff gleich kommt, ist ein typisches, unglaublich treibendes Album, auf dem Land den Ruhepol einnimmt und gleichzeitig antreibt. Irgendwie fasziniert mich das an Land, sowie sein unglaubliches Geschick, musikalische Wendungen und Solos mit Aussage zu spielen. Nie too much, nie uninspiriert…

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    "There is a wealth of musical richness in the air if we will only pay attention." Grachan Moncur III
    #7844153  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Du machst mir richtig Lust auf Land!

    Zu seinen Aufnahmen mit Brown/Roach: auch wenn Sonny Rollins am Ende wohl ein ungleich waghalsigerer und inspirierterer Musiker war – für einmal ist mir da Harold Land viel, viel lieber, und Du beschreibst sehr schön, warum. Weil er diese Ruhe ausstrahlt, diesen schönen altmodischen Sound hat. „Galant“ find ich ein tolles Wort dafür!

    Und auf „Study in Brown“ ist das meiner Meinung nach noch schöner zu hören als auf „Brown-Roach Inc“ – aber beide sind hervorragend, und für mich beide einigermassen deutlich vor den Basin Street Aufnahmen mit Rollins an Lands Platz.

    Allerdings muss auch gesagt werden, dass Rollins später dann der perfekte Saxophonist, der auch in die neue Richtung mit Roach weitergehen konnte, über die Hardbop-Anfänge hinaus, als die Musik aufgeladener, nervöser, getriebener wurde.

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    #7844155  | PERMALINK

    katharsis

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    Rollins (den ich übrigens um einiges weniger mag) hat vielleicht die Zeit eher genutzt und seinen eigenen Sound frühzeitig schnell vorangetrieben und ihn weiterentwickelt. Ich glaube auch, dass Rollins sehr durch das häufige Fehlen des Klaviers profitieren und seinen Klang so schärfen konnte.
    Land war zur selben Zeit vielleicht noch zu sehr in der opulenten und galanten (;-)) Klangästhetik von Coleman Hawkins zu Hause, konnte das aber trotzdem mit einer sehr eigenen, hardboppigeren Note etwas persönlicher verkaufen und den Parker-Stil erfolgreich, aber zurückhaltend einfließen lassen.

    Daraus entsteht für mich diese Mischung aus ruhend und klangschön, aber trotzdem melodiereich und stets spannend-innovativ.
    Den durchschlagenden Coltrane-Einfluss höre ich persönlich dann erstmals auf „The Peace-Maker“ und „Take Aim“. Aber auch da ist der Sound irgendwie weniger schroff, sondern erdiger und gleißender.
    Etwas spiritistisch würde ich behaupten, dass Coltrane stets das suchend-verletzliche und damit authentische im Klang hatte. Land dagegen nahm die Technik in sein Spiel auf und verband sie mit seinem in-sich-ruhenden Stil – auf seine Art auch sehr authentisch und daher mehr als bloß ein Epigone.

    Mir ist vorhin übrigens schon wieder nicht mehr eingefallen, dass Land ja auch mit dem Curtis Counce Quintet spielte. Das sind auch alles wunderbare West Coast-Alben und die Harmonie in der Band ist großartig.

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    "There is a wealth of musical richness in the air if we will only pay attention." Grachan Moncur III
    #7844157  | PERMALINK

    vorgarten

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    katharsis
    Etwas spiritistisch würde ich behaupten, dass Coltrane stets das suchend-verletzliche und damit authentische im Klang hatte. Land dagegen nahm die Technik in sein Spiel auf und verband sie mit seinem in-sich-ruhenden Stil – auf seine Art auch sehr authentisch und daher mehr als bloß ein Epigone.

    es war das solo von dem mir bis dahin völlig unbekannten land, das mich beim querhören dieser (auch insgesamt sehr schönen) cd sofort elektrisiert hat – eine live-aufnahme mit dem hutcherson-land-quintett in ljubliana 1970 (nr. 4, THE CREATORS, das original befindet sich auf hutchersons NOW!).

    für mich hat das gar nichts mit coltrane zu tun, „gleißend“ trifft es, was seinen ton angeht, ziemlich gut, finde ich. vielleicht ist dieses solo aber auch für land „outstanding“, wie allmusic sagt. danach habe ich jedenfalls den hardbop-land ausprobiert (THE FOX und HAROLD IN THE LAND OF JAZZ), später die ganzen hutcherson-land-aufnahmen. ich mag das alles und lands ton insbesondere, den ich ohne vergleich finde – aber ich mag vor allem die verbindung (bis in die 80er) mit hutcherson und wollte schon immer mal was über musikalische partnerschaften im jazz lesen oder schreiben, z.b. über das „gemeinsame atmen“, das dorham mal bei sich und joe henderson gespürt hat. also z.b. über brubeck/desmond, shepp/parlan, hutcherson/land, dorham/henderson, coleman/cherry…

    letztlich hat mich aber nichts von land mehr so begeistert wie das ljubljana-solo, vom ton abgesehen. mir ist das zu sehr gesetzt in schön bewegten konventionalitäten, langweilig vielleicht auch, von jemand in die welt gesetzt, ohne viel zu wollen. vielleicht ist einfach etwas in ihn gefahren an diesem abend in ljubljana…

    gerade habe ich CIRRUS von hutcherson entdeckt, die ich sehr mag und ziemlich unterbewertet finde. aber vor allem NOW! ist eine tolle späte blue-note-platte, mit einer session mit orchester und einer mit gesangsensemble, durch cuscunas reissueproduktion schließlich auf einer cd vereint.

    ich hatte immer mal lust, lands sachen systematisch zu hören – ich fürchte aber, dass ich dadurch noch deutlicher merke, dass ich mit seiner spielerpersönlichkeit nicht so recht warm werde.

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    #7844159  | PERMALINK

    katharsis

    Registriert seit: 05.11.2005

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    Ich finde das sehr schön, was Du beschreibst. Insbesondere macht der Text Lust auf das Stück, werde mich mal danach umhören.

    Du schreibst außerdem, wenn ich Dich richtig verstehe, dass Du von Land „The Fox“ und „Harold in the Land of Jazz“ sowie die Hutcherson-Aufnahmen kennst. Damit geht Dir aber ein sehr großer Teil von Land verloren, da mich z.B. „The Fox“ auch nie sonderlich gepackt hat. Möglicherweise solltest Du dazwischen noch ein paar andere Sessions probieren, insbesondere vielleicht „Study in Brown“, „The Peace-Maker“ (mit Hutch), „Jazz Impressions of Folk Music“ und Carmell Jones‘ „Business meetin“ (die mir besser gefällt als „Remarkable“).

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    "There is a wealth of musical richness in the air if we will only pay attention." Grachan Moncur III
    #7844161  | PERMALINK

    redbeansandrice

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    bin jetzt zweimal mit Eastward Ho durch und sehr begeistert, definitiv ein Kandidat für den Platz 2 hinter The Fox… muss die Alben mal systematisch hören, um der Sache mit dem veränderten Ton auf den Grund zu gehen… diese Unflexibilität, die ein Coltrane Einfluss oft mit sich bringt, hör ich bei Land bisher eher nicht…

    Cirrus hab ich auch neulich entdeckt, muss ich auch noch mehr hören, ist aber sehr schön

    am Rande, vom (vergriffenen?!) Carmell Jones Mosaic Select gibt es zb bei amazon.com einige bezahlbare Exemplare (gebraucht ab ca 30$), 3 CDs mit 5 Alben, vier davon mit Land…

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    #7844163  | PERMALINK

    thelonica

    Registriert seit: 09.12.2007

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    katharsisIch glaube auch, dass Rollins sehr durch das häufige Fehlen des Klaviers profitieren und seinen Klang so schärfen konnte.

    Ich mag Rollins sehr, aber dann eigentlich nur mit richtig guten Pianisten (Monk, Silver, Kelly etc.), ganz klassisch also. Er hat sich ja leider irgendwann anders entschieden, wollte nur noch ohne Pianisten – auch gut. Einen „zweiten Leader“ in der Band hätte er wahrscheinlich auch nicht auf Dauer halten können. Ein klassisches Quartet/Quintet mit Kenny Drew, den er seit seiner Kindheit kannte, wäre natürlich toll gewesen. Weiter mit Harold Land.

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    #7844165  | PERMALINK

    vorgarten

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    katharsis
    Du schreibst außerdem, wenn ich Dich richtig verstehe, dass Du von Land „The Fox“ und „Harold in the Land of Jazz“ sowie die Hutcherson-Aufnahmen kennst. Damit geht Dir aber ein sehr großer Teil von Land verloren, da mich z.B. „The Fox“ auch nie sonderlich gepackt hat. Möglicherweise solltest Du dazwischen noch ein paar andere Sessions probieren, insbesondere vielleicht „Study in Brown“, „The Peace-Maker“ (mit Hutch), „Jazz Impressions of Folk Music“ und Carmell Jones‘ „Business meetin“ (die mir besser gefällt als „Remarkable“).

    THE PEACE-MAKER kenne ich und wurde nicht recht warm damit, wahrscheinlich, weil ich es irgendwo mal zwischengeschoben und nicht im kontext gehört habe. das album ist ja nicht so anders wie die unter hutchersons namen (genau wie bei dorham und/oder henderson). ansonsten kenne ich land-bei-roach nur verstreut (und mochte das sehr), wie ich aber auch rollins-bei-roach nur verstreut kenne (das sind so meine hadbop-lücken, weshalb ich ja auch auf deinen bft warte…). und die anderen sachen, die du erwähnst, müssen tatsächlich mal nachgeholt werden, genauso wie auch die spätphase, die ja bis zum todesjahr 2001 geht, immer mit vielversprechenden mitspielern und einem interessanten repertoire – kennt ihr davon eigentlich was?

    eigentlich wollte ich aber darauf hinaus, dass der 60er-land kein coltrane-epigone war, sondern seine spielweise ins offenere überführte, vielleicht auch in neue, andere konventionen, das müsste man mal überprüfen. aber da, wo es funktionierte, kam etwas ganz eigenes dabei heraus…

    LIVE AT THE FESTIVAL ist wirklich eine ganz große empfehlung, da kann man bill evans mit tony oxley hören, eine fantastische ROUND-MIDNIGHT-version von karin krog und einen sehr gediegenen archie shepp. aber hutcherson und land sind der klare höhepunkt.

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    #7844167  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 9,866

    THELONICAIch mag Rollins sehr, aber dann eigentlich nur mit richtig guten Pianisten (Monk, Silver, Kelly etc.), ganz klassisch also. Er hat sich ja leider irgendwann anders entschieden, wollte nur noch ohne Pianisten – auch gut. Einen „zweiten Leader“ in der Band hätte er wahrscheinlich auch nicht auf Dauer halten können. Ein klassisches Quartet/Quintet mit Kenny Drew, den er seit seiner Kindheit kannte, wäre natürlich toll gewesen. Weiter mit Harold Land.

    dazu nur ganz kurz: die aufnahmen mit hawkins und cherry und hall finde ich absolute höhepunkte in rollins‘ karriere. (auch mit hancock ging das gut – wäre das standard-album vernünftig produziert worden).

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    #7844169  | PERMALINK

    thelonica

    Registriert seit: 09.12.2007

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    vorgartendazu nur ganz kurz: die aufnahmen mit hawkins und cherry und hall finde ich absolute höhepunkte in rollins‘ karriere.

    Das glaube ich gerne, kenne die Aufnahmen noch nicht. Coleman Hawkins war ja außerdem immer gut für eine Überraschung, kannte die richtigen Leute (Monk u. Barry Harris z.B.), und er war ja für Rollins sehr wichtig gewesen.

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    #7844171  | PERMALINK

    redbeansandrice

    Registriert seit: 14.08.2009

    Beiträge: 11,832

    vorgartenweshalb ich ja auch auf deinen bft warte…).

    der ganze post ist lesenswert, aber hier liegt der hase im pfeffer :-)

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