Stan Getz

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    gypsy-tail-wind
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    Getz verbrachte ein paar Monate in Haft und erst im August nahm er wieder auf – die oben erwähnte zweite Session mit Chet Baker, von der ein Stück erstmals auf „Chet Baker – The Pacific Jazz Years“ erschienen war, alle drei zusammen auf der 1997er Doppel-CD „Chet Baker & Stan Getz – West Coast Live“ von Blue Note zu hören sind.

    Die erste Aufnahme für Norman Granz entstand am 8. November vor Publikum. Getz‘ wiedervereinigtes Quintett mit Bob Brookmeyer und John Williams sowie dem neuen Bassisten Bill Anthony sowie Art Mardigan am Schlagzeug wurde im Shrine Auditorium mitgeschnitten. Die Doppel-LP enthielt auf der vierten Seite zwei Studio-Einspielungen vom folgenden Tag, „We’ll Be Together Again“ und „Feather Merchant“.

    Im Shrine trat Getz‘ Band neben dem Dave Brubeck Quartet, dem Gerry Mulligan Quartet (auch mit Brookmeyer? Oder wer war da im November 1954 der zweite Bläser?) sowie der Big Band von Duke Ellington auf. Die Stimmung ist gut, Getz und Brookmeyer sind in Form, die Rhythmusgruppe ist allerdings etwas weniger erdig, auch wenn John Williams weiterhin überzeugt. Nach einem bewegten „Flamingo“ folgt die Ballade „Lover Man“, in der Brookmeyer zunächst hinter Getz liegende Linien bläst, dann wechseln sie die Rollen. Die erste Seite endet mit Johnny Mandels „Pernod“ (mit einer kontrapunktischen Präsentation, die Mulligan alle Ehre macht), auf der zweiten folgt Al Cohns „Tasty Pudding“ und dann geht es mit „I’ll Remember April“ zurück ins Standard-Territorium. Auf Seite 3 umklammern der Standard „Polka Dots and Moonbeams“ sowie Ellingtons „It Don’t Mean a Thing“ Brookmeyers „Open Country“. Manche Stücke klingen sehr gut, in „Open Country“ etwa ist Brookmeyers Sound schön zu hören, anderswo allerdings ist die Aufnahme etwas dumpf, insgesamt ist die Qualität leider etwas wechselhaft – aber die Musik macht das locker wett!

    Am nächsten Tag ging Granz mit der Band – Frank Isola sass wieder am Schlagzeug – in Los Angeles ins Studio und nahm sechs Stücke auf. Die beiden Standards „Give Me the Simple Life“ und „I’ll Remember April“ bildeten zusammen mit Brookmeyers „Oh Jane Snavely“ den Rest von Interpretations by the Stan Getz Quintet #3. Am gleichen Tag entstanden auch die beiden erwähnten Stücke, die am Ende des Live-Doppelalbums zu hören sind. Zudem wurde ein EP-Take von „We’ll Be Together Again“ und eine Studio-Version von „Flamingo“ eingespielt. Letztere ist im Hip-O-Set fälschlicherweise nicht zu hören, stattdessen findet sich da die Live-Version. Die Studio-Version erschien aber auf dem Album Stan Getz & The Cool Sounds – oben in Post #27 findet sich der Link zum MP3 der Studio-Version, die Hip-O-Select nach Einsehen ihres Fehlers zur Verfügung gestellt haben.

    Die Musik ist eine Freude – in „Give Me the Simple Life“ spielen Getz und Brookmeyer tolle kontrapunktische Linien und auch Drummer Frank Isola greift etwas ins Geschehen ein. Beide Bläser sind in bester Spiellaune und steuern ein tolles Solo nach dem anderen bei.
    Die unterschlagene Studio-Version von „Flamingo“ scheint dann wirklich der letzte Track der ersten Getz/Brookmeyer-Band gewesen zu sein – sehr schön!

    Die folgenden Monate sollten wieder bessere sein. Getz wurde von der Leserschft von Down Beat zum besten Tenorsaxophonisten des Jahres 1954 gewählt und verbrachte den Jahreswechsel auf Tour mit Count Basie – er spielte neben seinem Idol Lester Young! Offizielle Aufnahmen sind auf Birdland All Stars Live at Carnegie Hall (Roulette 2CD, 1992 – über frühere Veröffentlichungen weiss ich nichts genaues) zu finden, zudem ist bei Jazz Classics Records die Doppel-CD The Stars of Birdland On Tour erschienen, auf der ein Konzert aus Topeka, Kansas, vom Februar 1955 zu hören ist. Neben der Basie Band mit den Gästen Lester Young und Stan Getz, sowie den Sängern Joe Williams (nur Topeka) und Billie Holiday (nur Carnegie Hall) sind auch Sarah Vaughan und in Topeka zudem die Gruppen von George Shearing und Eroll Garner zu hören.

    Die Getz-Tracks auf der Carnegie Hall-CD stammen allerdings aus dem Birdland und wurden vermutlich am 16 Dezember 1954 aufgenommen – sie finden sich auch am Ende des Roost 3CD-Sets von Stan Getz (das ich nach wie vor für das eine, absolut essentielle Getz-Set halte).

    Als die Truppe Washington, DC erreichte, lernte Getz dort Monica Silfverskiöld kennen – die hübsche junge Schwedin aus bestem Hause sollte zwei Jahre später seine zweite Frau werden. Er zog in der zweiten Hälfte der 50er Jahre für längere Zeit nach Skandinavien, auch in der Hoffnung, seine Drogensucht endlich kurieren zu können – schon Ende 1955 entstand denn auch das Album „Stan Getz in Stockholm“.

    Im Januar 1955 ging die Band zum letzten Mal ins Studio – Bob Brookmeyer war allerdings endgültig mit Mulligan losgezogen. An seine Stelle hatte Getz den Trompeter Tony Fruscella geholt. Mit ihm enstanden gerade mal zwei Stücke, „Blue Bells“ und „Round Up Time“. Sie wurden ebenfalls auf Stan Getz & The Cool Sounds veröffentlicht, einem Album, das aus diversen Sessions zusammengestückelt wurde (und auch ein paar zuvor schon veröffentlichte Tracks enthielt… eine Compilation wohl für die Orthodoxen). Das Ziel des Albums – das die neue Verve 8200-Serie eröffnete – war es, Getz‘ Rolle als zentrale Figur des Cool Jazz zu betonen. Das gelang und die LP wurde zu einem der Bestseller von Verve. Das Cover bietet eye candy undd spielt auch mit dem Titel, wird das Model doch mit Wasser gekühlt, das aus einem überlaufenden Eimer herunterplätschert.

    Hiermit sei „Stan Getz & The Cool Sounds“ empfohlen! Die Scheibe ist als ganzes sehr gut gemacht. Die Einzelteile sind: #1-4: West Coast Session mit Lou Levy, 55-08-19; #5: „Flamingo“; #6-7: Fruscella-Session, s.u.; #8-9: zwei der Tracks mit Jimmy Rowles, siehe letzter Post; #10: noch ein Track mit Brookmeyer von „The Artistry of“ – #1-4 finden sich im West Coast 3CD-Set, #6-10 im Hip-O-Set, #5 müsste dort auch sein, ist es aber nicht, der einzige Grund, die „Cool Sounds“ zu behalten, falls man sie nicht auch als Album/Compilation/werweisswas schätzt, wie das bei mir der Fall ist.
    Bill Simons Liner Notes öffnen mit dem folgenden Abschnitt, bevor sie detailliert zu allen Tracks Auskunft geben:

    During the first half-dozen years of the ’50’s, „cool“ jazz style was dominant. As opposed to the fast tempi, seering sounds and general freneticism of Bop, it seemed lazy, limpid, legato and, on the whole, introspective. Its exponents enjoyed smart show tunes, with their interesting harmonies and melodies, and thereby they established a new bond with sophisticates, many of whom could never „make it“ with the more ribald and raucous forms of jazz.
    „Cool“ jazz is typified by the leading tenor saxophonist of this decade, Stan Getz. His unlimited technique, his beautiful soft-edged tone, his fertile musical mind and his personal, introspective approach to the idiom carry him far beyond most of his contemporaries, and even – in the minds of some – beyond his musical procreator, Lester Young himself. Stan has won every important jazz poll since 1950, and most by huge margins.

    Dass jemand jemals Pres überflügelt ist natürlich gar nie möglich, nicht mal denkbar, das ist ja klar… ansonsten sind ein paar Aspekte an Simons Text interessant.
    Zum ersten die Beobachtung, dass manche Cool-Jazzer in den „more ribald and raucous“ (ribald ist ein verdammt tolles Wort, muss ich endlich mal in meinen Aktiv-Wortschatz aufnehmen!) es nicht geschafft hätten. Das sagt er, obwohl seine Sätze insgesamt doch grosses Verständnis für den „Cool“ zeigen und man durchaus glauben kann, dass Simon ihn auch gerne mag. Natürlich hebt er Getz dann ab von der Masse – das der zweite Aspekt, den ich spannend finde: Getz ist auf jeden Fall eine Ausnahmeerscheinung als Musiker überhaupt und ebenso unter den Pres-Schülern. Er steht unter ihnen alleine da, ist anders, hat eine ganz klare eigene Spielweise entwickelt. Der dritte Punkt ergibt sich daraus: Getz hat jeden nur denkbaren Poll gewonnen – eine doch erstaunliche Sache für einen krassen Junkie, der immer mal wieder im Knast sass und sogar landesweit durch die Medien gezogen wurde. Was das betrifft gebührt Norman Granz wohl unendlich grosse Dankbarkeit – hätte er in den frühen 50ern nicht an Getz festgehalten, wäre er nicht hinter ihm gestanden – keine Ahnung, was mit Getz passiert wäre.
    Eine weitere Beobachtung, die spannend ist – aber am Ende doch nicht so erstaunlich, wenn man die damalige Entwicklungsgeschwindigkeit des Jazz betrachtet: Simon macht 1956 (oder wann immer die Scheibe erstmals erschienen ist) die Beobachtung, Getz sei der „leading tenor saxophonist of the decade“. Kurz darauf brachen Coltrane und vor allem Rollins über die Jazz-Szene herab und ganz andere Töne dominierten lang bevor die Dekade zu Ende gegangen war. Rollins war 1956/57 ein Musiker, der an Ideenreichtum Getz ebenbürtig oder gar überlegen war, aber eine ganz andere, viel sperrigere Konzeption pflege, die zwar auch stark von Pres geprägt war, aber auch auf andere Quellen zurückgriff. Bei Coltrane dauerte die Entwicklung zur richtig grossen Stimme noch ein paar Jahre länger aber Ende der 50er schrie kein Hahn mehr nach Cool Jazz und nach Getz. Das wiederum heisst natürlich nicht, dass aus der Ecke nichts gutes mehr gekommen wäre – aber die Zeiten hatten sich eben doch gründlich geändert, das Pendel war quasi wieder von Weiss auf Schwarz zurückgeschwenkt – und blieb, um es mal sehr polemisch zu sagen, bis zum Ende des Jazz (man könnte z.B. das Datum von Miles‘ Rückzug nehmen) dort.

    Getz nahm später 1955 noch eine Reihe von Sessions für Norman Granz auf. So wirkte er an den Aufnahmen für das Third Stream-Projekt „The Modern Jazz Society Presents a Concert of Contemporary Music“ mit, spielte im August mit „Hamp and Getz“ ein gutgelauntes Album mit Lionel Hampton ein. Mit derselben Rhythmusgruppe (Lou Levy, Leroy Vinnegar und Shelly Manne) und dem Trompete Conte Candoli entstanden ein paar Tage später die Aufnahmen für „West Coast Jazz“ – Granz bemühte sich darum, Getz geschickt auf dem Markt zu positionieren, „Cool“ und „West Coast“ wurden zunehmend zu Synonymen und Getz wurde als einer der wichtigen Exponenten betrachtet. In einer dritten Session im August wurden ohne Candoli dann die fehlenden Titel für die Fertigstellung von „Stan Getz & The Cool Sounds“ eingespielt. Getz wirkte zudem an der „Benny Goodman Story“ (Capitol) mit und endete das Jahr mit seinem Umzug nach Schweden – und auch da wurde sogleich ein neues Album für Granz produziert: „Stan Getz in Sweden“ mit der feinen lokalen Begleitgruppe Bengt Hallberg, Gunnar Johnson und Anders Burman.

    Getz blieb auch in den folgenden Jahren sehr aktiv und nahm an vielen Verve-Sessions teil – All-Star-Aufnahmen wie „Sittin‘ In“ oder „Jazz Giants ’58“, Sideman-Gigs mit Herb Ellis oder Buddy Bregman, eine weitere Session mit Dizzy Gillespie (und Sonny Stitt) unter dem Titel „For Musicians Only“ (mehr dazu hier), sowie eigene Alben enstanden. Unter letzteren finden sich zwei weitere mit den West Coast Musikern (Stan Levey tritt an Mannes Stelle), eines mit Mose Allison (kenne ich leider noch nicht) und „Stan Getz with the Oscar Peterson Trio“. Ebenfalls nahm er mit Ella Fitzgerald und Gerry Mulligan auf (eins der Alben aus dessen Mulligan with… Reihe – für ein paar Stücke tauschten die beiden auch ihre Saxophone) und nahm Ende 1957 auch an einer längeren und recht dicht dokumentierten Jazz at the Philharmonic Tour in den USA teil.

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    #8074079  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Auf der obigen LP (Queen Disc Q013) finden sich drei Live-Tracks von Fruscella in Getz‘ Bandd, aufgenommen am 23. Januar 1955 im Birdland in New York. Die drei Stücke sind auch auf der Definitive 4CD-Box von Fruscella zu finden. Der Klang ist ziemlich roh, aber man hört Fruscella durchaus – und man erahnt auch die Gegenmelodien, die Getz hie und da unter seine Soli legt. Williams klingt am besten, vermutlich wurde unter dem Piano aufgenommen, jedenfalls in der Nähe des Pianos. WIr hören die Band mit „Get Happy“, „Dear Old Stockholm“ und „Pernod“ (letzteres wird in der Definitive-Ausgabe fälschlicherweise Getz statt Johnny Mandel zugeschrieben).


    (Norgran MGN 1088)


    (Verve MG-V 8029, geplant als Norgan MGN 1087)

    Die beiden obigen 12″ LPs enthielten soweit ich verstehe exakt dieselben Stücke, wie die ersten beiden Interpretations 10″ LPs (Norgan MGN 1000 und 1008), aber neu programmiert (auch über die Album-Grenzen).

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    #8074081  | PERMALINK

    alexischicke

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    Vielen Dank Gypsy du machst richtig Lust den frühen Getz wieder zu hören, habe in den letzten Monaten nur spätere Aufnahmen gehört.Schön,dass du seine Musik jetzt wieder endeckst.

    Ein richtiger Swingmusiker wie Ben Webster war er nie aber ein grandioser Balladenspieler mein Lieblingsalbum ist das mit Peterson, in der er einfach mit einer soliden Rhytmusgruppe schön aufspielt.

    Ja mitte der 50er waren die weißen durchaus führend im Jazz, denn es enstand ein Vakum nach Parkers Tod.Der West Coast Jazz ist für mich auch weiß geprägt, klingt jetzt hoffentlich nicht rassistisch?

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    #8074083  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Hm, Parker starb mitte der 50er, etwa zu der Zeit, als es mit dem Hardbop losging. Die „Krise“ war da schon langsam wieder zu Ende.

    Sind natürlich immer heikle Fragen, aber sie einfach ignorieren oder wegdiskutieren soll man eben auch nicht.

    Das Album mit Peterson kenne ich erst seit einem Jahr oder so, und ich finde es ehrlich gesagt bei weitem nicht unter den besten von Getz aus der Zeit. Die Roost-Sessions verehre ich, die West Coast Sessions sind fast ebenso gut, und die Hip-O-Box ist auch super… das Niveau der ganzen Aufnahmen ist generell enorm hoch, die Begegnungen mit Peterson und Mulligan fallen für mich da ein klein wenig unten raus (aber wir sind da immer noch bei knapp **** bzw. ***1/2).

    Getz gibt’s nicht wiederzuentdecken, der ist bei mir immer mal wieder zu hören, manchmal mit Frühem, manchmal mit Bossa, manchmal mit Seltsamem (Voices, Reflections), manchmal mit Spätem… ich hab die Hip-O-Box wegen Brookmeyers Tod angehört und bin auch von seinem Spiel in diesen Sessions sehr angetan. Wenig später – mit Giuffre und auf seinen eigenen Alben um 1957/58 – wurde er vokaler, irgendwie offener, nackter, dünkt mich. Da gefällt er mich dann grad nochmal ein gutes Stück besser.

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    #8074085  | PERMALINK

    alexischicke

    Registriert seit: 09.06.2010

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    Ich mag halt diese Alben wo ein Saxophonist begleitet von einem Trio wird.Ich kann dich schon verstehen,dass es dir vielleicht zu langweillig, weil da musikalisch wenig passiert.

    Seine frühen Aufnahmen mit Herman sind auch allererste Sahne! Sein „Early Autmn“ wunderberares melancholisches Stück.

    Schön,dass du dich jetzt mehr mit Getz beschäftigst als früher.

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    #8074087  | PERMALINK

    tejazz

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    Stan Getz ist bei mir ein „Dauerbrenner“. Einfach ein guter Musiker mit einem guten Gefühl. Die wenigen Platten, die mir nicht so liegen, gehen in seinem Werk einfach unter. COOL VELVET bzw. REFLECTIONS habe ich vor einiger Zeit mal wieder aufgelegt. Finde ich immer noch nicht besser, aber ich kann damit immer besser leben. Gibt Tage, an denen die Musik halbwegs „funktioniert“. Man wird älter.
    Ich kann ihn eigentlich immer gut hören, wenn nicht gerade eine extreme Lust auf Bebop oder Hard Bop aufkommt.
    Ähnlich wie Zoot Sims oder Lester Young.

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    #8074089  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Geht mir ganz ähnlich! Und ja, „Reflections“ funktioniert an manchen Tagen wunderbar. Die Voices hab ich auf dem CD-Twofer mit „Cool Velvet“ – muss ich mal wieder anhören… ist jedenfalls keine der Getz-CDs, nach denen ich regelmässig greife.

    Ich möchte mal die ganze Lücken in den frühen Jahren stopfen, all die Live-Sessions auftreiben (die beiden Hi-Hats mit Brookmeyer hab ich immerhin mal gefunden, die Sachen mit Raney würden mich noch mehr interessieren).

    Ansonsten ist Getz‘ Werk natürlich zu gross, um jeden letzten Krümel zu haben (und ich sag das jetzt mal so dahin: er ist nicht Coltrane… i.e. ich brauch von ihm nicht unbedingt jeden letzen Ton, bzw. es eilt mir damit gar nicht).

    Als nächstes mach ich mich wohl dann mal hinter die Columbia-Box, die bisher noch nicht angerührt worden ist…

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    #8074091  | PERMALINK

    alexischicke

    Registriert seit: 09.06.2010

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    Freu dich drauf hab das französische Boxset gibs aber jetzt auch eines vom Popmarket.Dank dir bin ich drauf gekommen.

    Aber du wirst einen anderen Getz hören, neben dem herrovorragenden Album „Captain Marvel“ mit Fusionmusik gibs auch seichtere Alben wie das Bossa Nova Album mit Gilberto und der Soundtrack von 79.

    Kann dir noch die tolle Concord Doppel CD live at Keystone empfehlen Getz spielt entspannt mit einem wundberbaren.

    Ja bei Getz gibs immer was zu entdecken.

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    #8074093  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Nachdem Getz in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre eine unglaubliche Menge an Aufnahmen gemacht hatte – manche davon in Europa – traf er 1961 wieder mit Bob Brookmeyer zusammen. Eine erste Verve-Session in New York am 13. Februar resultierte in zwei Stücken („Upper Manhattan Medical Group“ und „Just in Time“), die allerdings unveröffentlicht blieben. Die beiden wurden von Dick Katz (p), Percy Heath (b) und Connie Kay (d) begleitet.

    Eine Woche später, am 20. Februar, wurde Getz erneut von Verve aufgenommen, dieses Mal in Chicago. Das eine resultierende Stück, „Evening in Paris“, landete auf der LP „Stan the Man“, die einen Überblick der Jahre 1952-61 bot und ein paar zuvor unveröffentliche Stücke enthielt. In Chicago spielten Victor Feldman, Sam Jones und Louis Hayes mit ihm, die Rhythmusgruppe Cannonball Adderleys.
    Nur einen Tag später, zurück in New York, fand erneut eine Verve-Session statt, dieses Mal eine von voller Länge und mit exquisiter Band: Steve Kuhn (p), Scott LaFaro (b) und Pete La Roca (d). Leider blieben alle Stücke bis auf eines wieder unveröffentlicht. Nur „Airegin“ landete auf „Stan the Man“. Sehr schade, da Scott LaFaros Diskographie eh schon sehr klein ist und mich sehr wunder nehmen würde, wie Getz mit dieser Band klingt! Steve Kuhn wird von Loren Schoenberg in den Liner Notes zu „Recorded Fall 1961“ (s.u.) wie folgt dazu zitiert:

    We had recorded back in the spring with Scott, but Stan blocked the album’s release. He was unhappy with his own playing. Stan strove to get away from his clichés–when he couldn’t, he called himself the Jewish Lester Young. John Coltrane’s playing intimidated Stan at this time.

    Am 3. Juli 1961 spielte fast dieselbe Gruppe – Roy Haynes sass am Schlagzeug – ein kurzes Set am Newport Jzz Festival. Das Set besteht aus „Baubles, Bangles and Beads“, „Where Do You Go“ und „Airegin“ und ist auf CD greifbar (link), gepaart mit einem Set von 1966 aus der Berliner Philharmonie (mit Gary Burton, Chuck Israels und Haynes – vermutlich klingen die jüngeren Radio-Austrahlungen davon aber besser als die Boot-Version). Später im Juli folgte mit Arrangeur Eddie Sauter die LP „Focus“, eins von Getz‘ ganz grossen Meisterwerken.

    Auch bei der nächsten Session im September waren Steve Kuhn und Roy Haynes wieder mit dabei, am Bass ist John Neves zu hören, und in der Frontline als Co-Leader Bob Brookmeyer. Das resultierende Album Recorded Fall 1961 (Verve V[6]-8418, auf CD 2002 in der Verve Master Edition erschienen) ist sui generis, ein ganz eigenes und besonderes Album, das voller frischer und ungewöhnlicher Musik ist.
    Das Album öffnet mit dem ersten von drei Brookmeyer-Originals, „Minuet Circa ’61“, ein wundervoller Walzer, der vom ersten Beat an mächtig swingt. Die AABA-Form ist in 16, 24, 16 und noch einmal 24 Takte aufgeteilt. Brookmeyer spielt schon im Thema kontrapunktische Linien unter Getz – wie in besten Zeiten, als die beiden regelmässig gemeinsam gespielt hatten. Was die Session hier auszeichnet ist aber ein breiterer Swing, eine lineare Spielweise, die stark auf den Jazz von Kansas City zurückgreift – der Heimat Brookmeyers, aber auch von Getz‘ grossem Vorbild Lester Young. Drummer Haynes hatte mit Pres und Bird gespielt, auch da die KC-Connection. John Neves spielt einen fetten Bass, nimmt seine Rolle viel konventioneller wahr als Vorgänger LaFaro, aber sein Sound mischt sich perfekt mit Haynes zu einem Fundament, wie es sich jeder Solist wünscht. Brookmeyer bläst das erste Solo des fast elfminütigen Stückes, in langen, eigenartigen Phrasen, die viel mehr an der Linie und dem Swing interessiert scheinen als an den Changes. Getz öffnet mit einem leichten Growl, spielt dann kürzere Linien mit Pausen dazwischen, hat seinen Spass mit kleinen Motiven, die er verdreht, repetiert, verändert und zu einem wunderbaren Solo zusammensetzt. Nach Kuhns schönem Piano-Solo folgt eine Passage, in der Brookmeyer und Getz gemeinsam spielen, ihre Linien sich zu einem dichten Netz verweben. Und das immer über diesen fetten Swing mit Haynes‘ hellem Snap-Crackle-Sound.
    Eine ganz besondere Überraschung ist die zweite Nummer, „Who Would Care“. Das Stück beweist, dass Brookmeyer ein Balladen-Komponist allererster Güte war – Nat Hentoff fordert in seinen originalen Liner Notes, dass jemand Worte zum Stück komponieren müsse, „preferably a latter-day Lorenz Hart, if such still exists.“ Getz und Brookmeyer präsentieren das Thema abwechselnd, mit sich überlappenden Phrasen, als eine Art lyrischen Dialog. Wieder soliert Brookmeyer zuerst, bleibt in den tiefen Lagen seines Instruments, sein Ton warm und rund, eine Spur Vibrato. Getz übernimmt, bläst ein ruhiges Solo, bevor die beiden das Stück gemeinsam beenden.
    Die erste Seite endet mit dem Gershwin-Klassiker „Nice Work If You Can Get It“, das in einer 33-taktigen Form gespielt wird – am Ende wird ein Takt angehängt (im Thema sind’s eigentlich zwei, wobei da nur noch ausgehalten wird). Diese eigenartige Form behalten sie auch in den Soli bei, natürlich ohne zu straucheln. Wieder ist auffällig, wie toll sich Neves‘ dunkler Bass mit Haynes hellen Drums vermischt. Kuhn folgt nach Getz als dritter Solist, bevor die beiden Leader das Thema beenden.
    Die zweite Seite öffnet mit Brookmeyers „Thump, Thump, Thump“ mit einer ABCA-Form. Wie schon in der Gershwin-Nummer hält die Rhythmusgruppe, besonders Haynes, die Begleitung stets abwechslungsreich und spannend. Brookmeyer übernimmt das erste Solo, relaxt und swingend. Getz gelingt ein grossartiger Einstieg, der fast schon eine Verweigerung ist. Dann werden seine Linien länger, verdrehter, aber seine Phrasierung ist unendlich entspannt – man ahnt Spuren von Pres, aber auch von Al & Zoot – doch man hört unverwechselbar: Getz. Es folgt ein Solo von Kuhn und dann ein paar Runden Exchanges der Bläser mit Roy Haynes, über jeweils acht Takte.
    Mit „A Nightingale Sang in Berkeley Square“ folgt eine weitere wunderschöne Ballade. Brookmeyer übernimmt anfangs die Hauptrolle, singt förmlich. Getz legt Gegenlinien, setzt ein und wieder aus, und übernimmt dann mit einem wunderbaren Solo, in dem man hie und da auch Anleihen ans Vokabular Ben Websters erahnen kann. Es folgt wieder Brookmeyer, dann wieder Getz – eine sehr gute Idee, um die Musik Abwechslungsreich zu halten, und auch ein Mittel, das sehr schön zeigt, wie perfekt die beiden Leader aufeinander abgestimmt sind. Nach Getz‘ letzter Runde folgt erneut Kuhn, sein Anschlag ist präzise, sein Ton wunderbar – neben Coltranes Begleiter McCoy Tyner vielleicht damals der frischeste Pianist des Jazz, und bis heute verkannt.
    Als Closer hören wir das beschwingte „Love Jumped Out“ von Buck Clayton – noch ein Gruss nach Kansas City. Neves spielt halftime, Haynes swingt und Getz bläst ein flüssiges Solo mit luftigem aber festem Ton. Eine langestoptime-Passage folgt in der Mitte des Solo, danach honkt er fast wie Pres, bevor er wieder typische Getz-Phrasen bläst und dann Raum für Brookmeyer macht, der sogleich media in res ist. Er animiert Haynes zu einigen Fills, bevor auch bei ihm eine lange stoptime-Passage zu hören ist.
    Das Album stand damals wohl ziemlich quer in der Landschaft, was auch seinen vergleichsweise geringen Bekanntheitgrad erklären dürfte. Kansas City Swing, entspannter moderner Mainstream Jazz erster Güte Anfang der 60er Jahre – wer mochte sowas schon hören? Nicht einmal schlaue Bebop-Tricks kriegt man zu hören… stattdessen Musik von grossen (um nicht zu sagen: alten) Meistern, ein wunderbares Statement von grösster musikalischer Reife, das aber zugleich auch zeigt, wie es Getz über die Jahrzehnte hinweg gelang, frisch zu bleiben, seinen eigenen Klischees immer wieder zu entgehen. Brookmeyers Name könnte wohl als Antonym von Klischee verwendet werden – sein Spiel ist wie immer völlig eigen, lyrisch, persönlich.

    Am 27. November 1962 fand eine weitere Verve-Session mit Brookmeyer statt, die leider wieder im Kasten blieb. Neben Steve Kuhn waren Bassist Tommy Williams, Drummer Morris Mark und Brookmeyers Vorgänger in Getz‘ Band der Fünfziger, Gitarrist Jimmy Raney, dabei. Dieselbe Band mit Clark Terry hatte ein paar Tage zuvor auch schon für AudioFidelity aufgenommen – auch die Session blieb unveröffentlicht. In der Zwischenzeit hatte Getz seine erste Bossa-Platte, „Jazz Samba“, sowie „Big Band Bossa Nova“ eingespielt. Bei letzterer sass Brookmeyer auch in der Band, arrangiert hat allerdings Gary McFarland. Mit Raney, George Duvivier und Ed Shaughnessy hatte Getz zudem eine LP für die Reihe „Music Minus One“ aufgenommen: auf der einen Seite ist die ganze Band zu hören, auf der zweiten Seite dann nur die Rhythmusgruppe – Minus One eben, damit man mitspielen kann.

    Im Februar und März 1963 folgten „Jazz Samba Encore“ und „Getz/Gilberto“, erstere der musikalische, letztere der kommerzielle Höhepunkt von Getz‘ Bossa-Zeit. Ebenfalls im März entstand die vielleicht am wenigsten bekannte Bossa-Scheibe mit Laurindo Almeida an der Gitarre, der immerhim mit Bud Shank in den 50ern die allerersten Jazz/Brasil-Fusionen unternommen hatte. Auch das eine sehr schöne Scheibe. Im Herbst folgte mit „Reflections“ eine etwas kommerziell ausgerichtete aber durchaus hörenswerte Scheibe mit grösserer Band (arrangiert von Claus Ogerman und Lalo Schifrin), aus dem Frühjahr 1964 erschienen viel später zwei schöne Dokumente: „Live in London“ aus dem Ronnie Scott’s präsentiert Getz mit der Hausband um Stan Tracey, „Nobody Else But Me“ ist die rare Verve-Session, die mit Jahrzehnten Verspätung dann doch noch erschienen ist und präsentiert Getz mit seiner neuen Band: Gary Burton (vib), Gene Cherico (b) und Jim Hunt (d). Eine Session vom 22. April mit derselben Gruppe (Chuck Israels für Cherico) sowie Bill Evans blieb im Kasten, die Mai-Sessions mit Evans, Israels und Elvin Jones hätte man vielleicht auch lieber nicht veröffentlicht, oder nur einzelne Tracks daraus. Im Mai folgte mit „Getz Au Go Go“ noch eine Bossa-Scheibe, im Herbst entstand dann eine EP für den Film „Get Yourself a College Girl“ – die Skihütten-Szene mit Astrud, dem Mädchen von Ipanema, verlinke ich immer wieder gerne. Im Oktober trat die ganze Getz/Gilberto-Package auch in der Carnegie Hall in New York auf. Ausschnitte daraus sind auf „Getz/Gilberto #2“ dokumentiert, einer weiteren schönen Scheibe. Die CD aus den 90ern enthielt einige lohnenswerte Bonustracks, die leider auf der „Verve Originals“ wieder fehlen (dasselbe gilt fürs Getz/Almeida-Album, dort handelt es sich aber nur um ein Stück).

    Im Mai 1964 entstand in zwei Sessions im New Yorker 30th Street Studio von Columbia ein weiteres Album mit Bob Brookmeyer, Bob Brookmeyer & Friends (Coumbia C 9037), erschienen 1965. Neben Getz‘ wichtigstem Begleiter Gary Burton fanden sich Herbie Hancock und Ron Carter von Miles‘ Band sowie Elvin Jones von Coltranes Gruppe im Studio ein. Die Scheibe wurde 2005 mit drei Bonustrcks auf CD vorgelegt, auf „Day Dream“ ist Tony Bennett zu hören.
    Der Opener „Jive Hoot“ stammt von Brookmeyer. Elvin Jones‘ Rhythmen formen einen starken Kontrast zu Haynes auf dem Album von 1961. Er spielt noch dichter, aber zugleich leichter, weniger deckend – klingt dabei völlig anders als mit Coltrane, ist aber doch deutlich erkennbar. Die Stimmung des Stückes kann als eine Art Country-Folk-Jazz beschrieben werden – Musik, wie Brookmeyer sie mit Jimmy Giuffre und auch auf eigenen Alben hin und wieder gemacht hatte.
    Die Stücke sind insgesamt kürzer gehalten, ausführliche Kommentare zu jedem sind keineswegs vonnöten, aber es muss festgehalten werden, wie gut Getz und Brookmeyer auch hier wieder harmonieren, etwa im gemeinsam präsentierten „Misty“. Zudem, wie erfolgreich Hancock und Burton gemeinsam begleiten, beide sparsam und lyrisch – ihre Linien verschmelzen oft zu einer gemeinsamen Stimme.
    In „Wrinkle“ taucht wieder Stoptime auf – und Burton glänzt mit einem tollen Solo. Er war ursprünglich nicht für die Session vorgesehen – in seinen Liner Notes zur CD-Ausgabe von 2005 berichtet er ausführlich, wie es dazu kam, dass er doch mitspielte. Auszüge:

    I was working with Stan Getz’s band, and I got a late-night call from Stan. He had just come from a recording session with Brookmeyer and he was unhappy. He said there was a lot of tension at the session and he wanted me to come the next day for moral support. […]
    I still didn’t understand why Stan was uncomfortable at the session and I tried to talk him out of bringing me along unannounced the next day, but he was insistennt that he wasn’t going back unless I went too. You can probably imagine how awkward I felt walking into Columbia’s 30th St. Studio, a former church and a legendary New York studio. Waiting for us were Brookmeyer, Herbie Hancock, Ron Carter, Elvin Jones and producer, Teo Macero. And, there I was lugging in a vibraphone. There were several quizzical faces staring at me and I left it to Stan to explain to Bob that he had invited me to join the sessions. I half-expected a few glares given that my presence was going to complicate everything. The music had been written for a quintet, and now there was a sixth player and no parts for me to play. […]
    Brookmeyer was terrific about it. He welcomed me with open arms and quickly re-did some of the parts, splitting up things originally intended for piano or the horns and figuring out what parts to assign to the vibes.

    ~ Gary Burton: Bob Brookmeyer, Liner Notes zu „Bob Brookmeyer & Friends“, Columbia/Legacy 520374 2, 2005

    Das Stück „Bracket“ entstand, genau wie „Day Dream“ mit Bennett, an der ersten Session, noch ohne Gary Burton. Brookmeyer spielt ein wunderbares Posaunensolo. Getz honkt später wie ein besessener – bestimmt nicht sein bester Moment, aber ob man die Anspannung fühlen kann? Die Exchanges der Bläser mit Elvin Jones, die auf Hancocks kurzes Solo folgen, wirken jedenfalls entspannt und locker.
    Wunderschön ist die Interpretation von Hoagy Carmichaels Klassiker „Skylark“. Getz bläst die Melodie sehr verhalten, nachdem Hancock einen ganz feinen Teppich ausgerollt hat und ihn auch im Thema vorzüglich begleitet. Brookmeyer übernimmt dann die zweite Hälfte, während Getz unter ihm anfangs noch weiterspielt. Burton setzt dann ein, spielt die Melodie, während Getz ganz leise zu solieren beginnt. Brookmeyer übernimmt bald wieder, mit stärkerem Sound, während Burton aus der Melodie fällt und begleitet. Carter/Jones deuten doubletime an, Jones fällt manchmal auch kurz ins schnellere Tempo, aber die Atmosphäre wird nie gebrochen.
    Dann folgt das beschwingte „Sometime Ago“, ein Original des jugoslawischen Bassisten und Komponisten Sergio Mihanovich, das längst zum Standard geworden ist. Da ist wieder der knackig-swingende 3/4 wie in Brookmeyers „Minuet“ von 1961 – aber mit Elvin Jones und Ron Carter ganz anders akzentuiert. Nach Brookmeyers und Getz‘ Soli übernimmt Herbie Hancock und spielt ein aussergewöhlich tolles Solo.
    Mit „I’ve Grown Accustomed to Her Face“ folgt eine weitere wunderschöne Ballade mit grossartigem Brookmeyer und ihn fein umgarnenem Getz, bevor das Album mit dem siebenminütigen und längsten Stück, dem Gershwin-Song „Who Cares“, sehr beschwingt endet.
    Es folgen auf der CD drei Bonustracks: Da ist zuerst „Day Dream“ mit Tony Bennett – sehr gelungen, finde ich. Getz wollte gemäss Burton schon lange mit ihm aufnehmen, es wurde gemäss der Bennett-Diskographie (wo „Day Dream“ fehlt) auch „Danny Boy“ eingespielt in der Session vom 25. Mai 1964 – wie „Day Dream“ ohne Burton, aber mit Brookmeyer, der allerdings nur ganz am Rande mitwirkt. Getz ist ein toller Begleiter und macht einen guten Job.
    Der zweite Bonustrack heisst „Time for Two“ und stammt von Margo Guryan. Getz und Burton öffnen gemeinsam, dann fällt die Rhythmusgruppe hinter ihnen ein und Brookmeyer übernimmt die zweite Hälfte des Themas. (Burton schreibt, das Stück stamme von Brookmeyer… vielleicht hat Guryan auch nur einen Text dazu verfasst?) Getz und Brookmeyer lösen sich wieder mit kurzen symbiotischen Soli mehrmals ab und auch Burton ist zwischendurch kurz zu hören.
    Den Abschluss der CD macht ein letztes Brookmeyer-Original, „Pretty Girl“ – eine weitere wunderchöne Ballade, in der auch Gary Burton noch einmal mit einem schönen Solo glänzen kann.

    Zwischen April und Juni 1965 nahm Getz Eddie Sauter den Soundtrack für den Film „Mickey One“ auf. Die erneute Zusammenarbeit ist gelungen, erreicht aber nicht ganz das Niveau von „Focus“. Das Quartett mit Burton war viel unterwegs, im Sommer 1965 etwa in Japan. Bis im Jahr darauf spielte Getz im Quartett mit Burton, im November tourte Getz in Europa und trat u.a. in Berlin und Paris auf, vom Konzert in der Salle Pleyel liegt ein offizieller Mitschnitt vor, der zuletzt in der „Jazz in Paris“-Reihe von EmArcy/Universal Frankreich wiederaufgelegt wurde.
    Hancock und Carter waren mit dabei, als Getz mit Claus Ogerman das Album „Voices“ aufnahm – eins der seltsameren Experimente. Langsam scheint Getz der Kompass abhanden zu kommen, doch 1967 folgt mit „Sweet Rain“ eine weitere Grosstat, ein wunderbares Album mit Chick Corea, Carter und Grady Tate. Es folgen u.a. ein Bacharach-Album, aber auch – 1969 – eine Tour mit Stanley Cowell, Miroslav Vitous, Jack DeJohnette sowie Flora Purim, von der leider keine offiziellen Aufnahmen vorliegen.
    1971 nimmt Getz in Europa das tolle „Dynasty“ auf – mit René Thomas, Eddy Louiss und Bernard Lubat hat er eine exzellente Band hinter sich, die Orgel passt erstaunlich gut. Es folgen in der Zeit verschiedene Alben mit grossen Orchestern, darunter auch das leidlich gelungene „Communications 72“ mit Michel Legrand (ebenfalls in der „Jazz in Paris“-Reihe auf CD) und 1972 beginnt auch sein Columbia-Vertrag. Diese Alben sind ja neulich in zwei Boxen neu vorgelegt worden.

    In den späten 70ern war Getz dann mit einer Working Band unterwegs, zu der Keyboarder Andy Laverne viel beitrug, mit seinen Synthesizer-Klängen und Kompositionen die prägende Figur war. Neben Getz und ihm bestand die Gruppe aus Bassist Mike Richmond und Billy Hart, später Jeff Brillinger am Schlagzeug, sowie dem Perkussionisten Efraim Toro. Mit Brillinger war die Gruppe 1978 unterwegs, als Bob Brookmeyer wieder einmal dazustiess. Am 26. März 1978 entstand ein Mitschnitt in Berlin (Volksbühne) und am 9. April wurde ein langes Konzert in Warschau aufgezeichnet, das auf zwei Bootlegs dokumentiert ist: Stan Getz & Bob Brookmeyer Sextet – Academy of Jazz (COD024) ist ein Reissue des möglicherweise legalen Albums Poljazz SX0681, die zweite Hälfte des Konzertes ist bei West Wind erschienen unter dem Titel Utopia (WW 2076). Die Jazz View CD gibt übrigens „Europe 1970“ als Ort und Datum an – ach was lieben wir unsere Bootlegger!
    Die Begleitung ist längst nicht so frisch und vielschichtig wie früher, aber Getz und Brookmeyer haben sich ihre Frische bewahrt und spielen schöne Soli. Die Stücke sind allerdings lang und das Zusammenspiel wesentlich weniger verzahnt. Die Band ist mehr auf Grooves aus als auf komplexe, dichte Musik – Getz versuchte krampfhaft mit der Zeit zu gehen. Aber er und Brookmeyer überragen die musikalische Umgebung immer wieder und ragen mit schönen Statements aus dem Klangbrei hinaus. Laverne bedient die Keys und den Synthesizer zudem mit grad etwa genügend Geschmack, dass das ganze nicht zum Debakel wird… aber das hier sind bestimmt die letzten Getz/Brookmeyer-Aufnahmen, die man haben muss!
    Schade, dass niemand auf die Idee kam, in den 80ern, als Getz wieder wunderbare Musik machte und auf elektrische Instrumente verzichtete, ihn und Brookmeyer noch einmal zusammenzubringen!

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    #8074095  | PERMALINK

    alexischicke

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    Oh ja Getz live at Ronnie Scoots ist eine herrliche Platte! Diese Platte mit Emil Mangelsdorff groovt richtig schön.

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    #8074097  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Biomasse

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    Ich weiss jetzt nicht, was Du meinst… Getz in London:

    Stan Getz (ts), Stan Tracey (p), Malcolm Cecil (b), Ronnie Stephenson oder Allan Ganley oder Jackie Dougan (d) (die beiden letzteren auf jeweils 2 der insgesamt 9 Tracks)

    Kein Mangelsdorff in Sicht…

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    #8074099  | PERMALINK

    alexischicke

    Registriert seit: 09.06.2010

    Beiträge: 1,776

    richtig gypsy hab das wohl verwechselt meinte das Konzert von 71 aus der Verve-Originalsreihe, da war ein französisches Trio dabei.

    Da ist ein Stück von Albert Mangelsdorff dabei!

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    #8074101  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

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    Ach so – grad nachgeschaut: „Mona“ am Ende von CD1.
    Ich hab mir von „Dynasty“ blöderweise kurz vor Erscheinen der Originals-Ausgabe die alte Doppel-CD von 1989 gekauft – die enthält auf CD2 den Bonustrack „I Remember Clifford“ – und ich stelle grad mit Schrecken fest, dass der Schaumstoff, der in der alten dicken Doppel-CD-Hülle anstelle des Bookets in der hinteren Hälfte eingelegt ist, sich halb in die zweite CD eingefressen hat – was für eine Scheisse ist das denn? Hätte ich das Teil doch bloss rausgenommen und weggeworfen!

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    #10305681  | PERMALINK

    clau
    Coffee Bar Cat

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    Da es keinen Getz Sterne-Thread gibt: Welches sind die 12 besten Stan Getz Lps?

    --

    How does it feel to be one of the beautiful people?
    #10306601  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

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    Wenn ich wieder zuhause bin gern …

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