Mikkos LP Faves

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  • #10637539  | PERMALINK

    mikko
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    Moderator / Juontaja

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    The Trance – Farewell To A World Untorn (LP, Time For Action, 2018)

    Besetzung:

    Norb Payr – Vocals, Guitar
    Ted Snydal – Vocals, Bass
    Znarf Hoover – Organ
    Erich Mader, Mike K. – Drums

    Trackliste:

    A1 Officer Pearson
    A2 Magic Sphere
    A3 Palace Of My Dreams
    A4 Cloud 9
    A5 Femme Fatale
    B1 Why me
    B2 The Ride
    B3 Falling for you
    B4 Trance
    B5 Running from you
    B6 Magic Sphere (4-track Recording)
    B7 Officer Pearson (Reprise)

    Die Band The Trance ist wohl eines der bestgehüteten Geheimnisse der österreichischen Musikszene. Diese Band existierte nur für eine relativ kurze Zeit 1997/98. Damals erschien weitgehend unbemerkt eine CD unter dem Titel „The Trance Play Organ Pop Sounds“. 2015 dann ein Lebenszeichen der Band, wenn man so will. Eine auf 100 Stück limitierte 7“ Single „Magic Sphere“ /bw „Why Me“ wird veröffentlicht und ist binnen Tagen ausverkauft. Keine neuen Aufnahmen sind das, aber die Flipside der Single war auch nicht auf der CD damals. Gehen wir zurück in die frühen Neunziger. Norb Payr, Gitarrist, Sänger und Songschreiber, geboren in Malawi mit österreichischen Eltern, aufgewachsen dann jedoch überwiegend in Österreich, kommt 1990 nach Wien zum Studieren, gründet eine Band namens The Road, die rüden Rock spielt, aber keine Platten veröffentlicht. 1995 schließt sich Payr der führenden österreichischen Mod und R&B Band The Jaybirds an, der er mit Unterbrechungen bis heute treu bleibt. Allerdings ist die Gruppe wohl seit einigen Jahren eher inaktiv. Im Jahr 2003 gründet Payr mit anderen Musikern aus der Wiener Mod Szene The Subcandies. Diese Band existiert bis 2008. Danach veröffentlicht Norb Payr zwei Singer / Songwriter Alben unter seinem eigenen Namen. Wie passt da nun The Trance ins Bild? Nun, The Trance sind in gewisser Weise das Bindeglied zwischen Jaybirds und Subcandies. Aber diese Band ist auch noch viel mehr. Damals Ende der 90er war die Welt in mancher Hinsicht noch unschuldig, unbedarft und schlicht einfacher zu handhaben. Mit The Trance wollten sich vier Wiener Burschen musikalisch selbst verwirklichen mit einer Musik, die sie von ihren Helden aus den Sixties gelernt hatten. Hammond Orgel dominiert hier sehr oft auf dieser Platte. Aber auch die Gitarre tritt immer wieder in den Vordergrund und erinnert ein ums andere Mal an Steve Howe hier oder Jimi Hendrix dort. Bass und Schlagzeug bieten durchaus mehr als nur ein solides Grundgerüst. So führt der Bass auch hier und da die anderen Instrumente an. Und die Rolls und Fills der beiden Drummer (es wurde die Besetzung da mal gewechselt) setzen deutliche Akzente, die zum Wiedererkennen des Bandsounds nicht unerheblich beitragen. Das Songwriting wurzelt ganz eindeutig in der Flower Power Ära des Jahres 1967 mit Anleihen bei Bands wie Tomorrow, Art, Small Faces, gelegentlich auch The Who, The Animals oder Spencer Davis Group. Andererseits merkt man dem Stil und den Arrangements von The Trance auch an, dass sie Kinder des Revivals der 80er Jahre ganz genauso sind. Bands wie The Prisoners, Makin’ Time und nicht zuletzt Wiens The Vogue haben ebenfalls Spuren hinterlassen im Sound dieser Platte hier. Die LP enthält alle Aufnahmen, die es gibt von The Trance, inklusive eines bisher unveröffentlichten Tracks „The Ride“ und einer etwas raueren Demo Version von „Magic Sphere“. Das Sequencing ist anders als auf der CD von 1998. Es beginnt mit „Officer Pearson“, einem typischen Mod Psych Pop Stück, das in SciFi Welten der Seventies entführt. Neben kraftvollen R&B Mod Beat Tracks gibt es immer wieder diese Ausflüge in psychedelische Traum und Phantasie Welten, ohne all zu viel an Bodenständigkeit aufzugeben. Diese LP ist wirklich eine unglaubliche Schatzkiste für alle Freunde der Sixties inspirierten Mod und R&B Musik der Gegenwart. Die Platte ist auf 200 Stück limitiert, davon 50 in transparentem Vinyl. Man bekommt sie, wenn man sich beeilt, bei Norb Payr (über seinen Facebook Account) oder direkt beim Label. Das beste Re-Issue des Jahres! ****1/2

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    #10637547  | PERMALINK

    august-ramone
    Ich habe fertig!

    Registriert seit: 19.08.2005

    Beiträge: 49,528

    Danke @mikko, feine Zusammenfassung. Ich liebe diese LP jetzt schon!

    #10637565  | PERMALINK

    kurganrs

    Registriert seit: 25.12.2015

    Beiträge: 4,449

    mikko The Trance – Fareell To A World Untorn (LP, Time For Action, 2018) Das beste Re-Issue des Jahres! ****1/2

    D’accord, tolle Platte! :good:

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    #10668347  | PERMALINK

    mikko
    Moderator
    Moderator / Juontaja

    Registriert seit: 15.02.2004

    Beiträge: 34,426

    Ich poste das mal hier.

    Die Vinyl Alben des Jahres 2018

    Ich glaube, ich hatte noch nie so viel Zeit, mich mit der Musik zu beschäftigen, die ich wirklich mag. Da ich seit Ende August krank geschrieben bin und meine Zeit überwiegend in den heimischen vier Wänden verbringe, höre ich tatsächlich mehr Musik, die mir etwas bedeutet, als je zuvor, von meiner Sturm und Drang Zeit in den späten Sixties und späten Seventies sowie der Zeit meines eigenen Plattenladens mal abgesehen. Während meiner Arbeitszeit bei radioeins höre ich zwar auch ständig Musik, aber doch überwiegend solche, die ich nicht selbst gesucht und gefunden habe, sondern solche, die mir Plattenfirmen und Promoterinnen ans Herz legen. Oder solche, die allgemein als Programm relevant eingestuft wurde von meinen Kollegen. Damit muss ich mich dann beschäftigen. Dabei sind mitunter ja auch Platten, die ich sehr gerne höre, die ich mir dann auch als Vinyl kaufe und zuhause in Ruhe höre. Aber die letzten Monate war es anders.

    Ja, auch zuhause erreichen mich Vorschläge von außen. Aber längst nicht so viele wie am Arbeitsplatz. Daheim suche ich aktiv nach interessanter und hörenswerter Musik. Durch Recherche im Internet u.a. im Leserforum des deutschen Rolling Stone, beim Lesen verschiedener Musikzeitschriften, in diversen Blogs etc. Es kann durchaus sein, dass mir die eine oder andere Platte durch die Lappen gegangen ist. Das sehe ich jedoch recht entspannt. Man muss nicht alles kennen und gehört haben. Was mir auffällt, meine Liste meiner Lieblings-LPs 2018 unterscheidet sich doch deutlich von den Listen der gängigen Musik Magazine und Blogs. Und auch mit anderen Musikliebhabern aus den Reihen der Nutzer des RS Forums habe ich eine eher geringe Schnittmenge.

    Macht ja nichts.

    Elvis Costello hat eine hoch gelobte neue Platte gemacht, nachdem er von seiner Krebserkrankung genesen ist. Auch Paul Wellers letztes Werk wird viel gerühmt. Beide LPs habe ich mir angehört und für ok befunden. Haben muss ich sie nicht. Und auch die Platten von Greta Van Fleet (den neuen Led Zeppelin, wie es heißt) auf der einen Seite und von Liela Moss (der früheren Sängerin von The Duke Spirit, die ich immer sehr mochte) auf der anderen, habe ich mehrfach angehört und letztlich für zu leicht befunden für mich ganz persönlich.

    Ich zähle hier die 25 LPs auf von 25 bis 1, die mir im vergangenen Jahr am besten gefielen. Das ist eine Momentaufnahme und die Liste kann in ein paar Monaten durchaus schon anders aussehen.

    25. THE ORANGE KYTE – Says Yes!
    Das bereits zweite Album dieser Band aus Vancouver (Kanada) war ja mein Album des Monats im September. Mehr dazu dort.

    24. ROLLING BLACKOUTS COASTAL FEVER – Hope Downs
    Aus Melbourne stammt diese Band, die in guter Tradition, von The Go-Betweens bis zu The Chills inspiriert, australischen Indie Rock fabriziert. Eine solide Platte, wie wohl ich die ganz große Begeisterung Einiger nicht teile.

    23. THE CREATION FACTORY – The Creation Factory
    Garage Pop Band aus Los Angeles, die wirklich sehr nach 1966/67 klingt und dabei leider zu oft die zündenden Songideen vermissen lässt. Dennoch allemal hörenswerter als das Gros sonstiger Veröffentlichungen des Jahres.

    22. THE THIRD SOUND – All Tomorrow’s Shadows
    In Berlin ansässige Psychedelic Rock Band mit Wurzeln in Island. Wird von Anton Newcombe unterstützt und empfohlen. Zu Recht, wie ich finde.

    21. CARI CARI – Anaana
    Ein Duo aus Österreich, auf das ich tatsächlich durch radioeins aufmerksam wurde. Ihr Debüt klingt wie eine Mischung aus Surf Sound, Sixties Film Musik und modernem Elekronik Kram.

    20. MAGIC SHOPPE – In Parallel
    Der Kollege Dirk von radiostone.fm hat mich auf diese Band gebracht. Aus Boston kommt sie, und dies ist bereits das dritte Album der überzeugten Psychedeliker, die von den 13th Floor Elevators bis zu den Black Angels diverse Facetten abdecken.

    19. THE USCHI OBERMAIER EXPERIENCE – Trouble
    Dieses Album der Pub Rock Band aus Bielefeld war mein Album des Monats im August. Mehr dazu an entsprechender Stelle.

    18. JOHNNY MARR – Call The Comet
    Sehr feines Album des früheren The Smiths Gitarristen. Sein bestes Solo Werk bislang, finde ich.

    17. SLOAN – 12
    Die Band aus Halifax (Kanada) gibt es schon seit 1991 und dies ist bereits ihr zwölftes Studioalbum. Ich kannte die Combo bislang nicht. Diese Platte zwischen Byrds Jangle und Big Star Power Pop gefällt mir sehr gut.

    16. LITKU KLEMETTI – Taika tapahtuu
    Litku Klemetti ist der Bandname, aber auch die Sängerin und Organistin dieser Gruppe aus dem Nordosten Finnlands. „Taika tapahtuu“ (Zauber geschieht) ist bereits ihr drittes Album und m.E. das bisher beste. Musikalisch zwischen Glam und Wave mit Vorbildern in den Seventies.

    15. WEDGE – Killing Tongue
    Ein Hard Rock Trio aus Berlin, das auch Acid Rock nicht verachtet. „Killing Tongue“ ist bereits das zweite Album der Jungs.

    14. MYSTIC BRAVES – The Great Unknown
    Garage Pop Band aus Los Angeles mit ihrem bereits vierten Album ganz in der Tradition des psychedelischen Pop der späten Sixties.

    13. THE MOURNING AFTER – The 10th Century
    Auf Heavy Soul erschien dieses vierte Album der psychedelisierten Garage Rocker aus Sheffield. Seit über 20 Jahren ein Garant für guten straighten Rock’n’Roll mit Mod Attitüde.

    12. SHAME – Songs Of Praise
    Zu Beginn des Jahres kam das Debüt dieser jungen Band aus London raus. Live sind sie eine Wucht im wahrsten Sinne des Wortes. Voller positiver Energie und Spielfreude. Die LP hat nicht ganz diese Wirkung, überzeugt aber dennoch mit ungehobeltem Charme.

    11. THE BEVIS FROND – We’re Your Friends, Man
    Kurz vor Jahresende brachte Nick Salomon dieses neue Doppel-Album seiner Band raus. Überraschungen gibt es dabei keine, nur den gewohnt soliden typischen Bevis Frond Sound.

    10. THE CORAL – Move Through The Dawn
    Die Band aus Liverpool mit einem recht eingängigen modernen Gitarren Pop Album. Musikalisch überzeugend, das Cover gewinnt dagegen keinen Preis.

    09. THE FERNWEH – The Fernweh
    Die Entdeckung des Jahres und mein Album des Monats im Dezember (siehe dort).

    08. THE HANGING STARS – Songs For Somewhere Else
    Wunderbar atmosphärisch, Country Pop mit psychedelischen Untertönen.

    07. THE MORLOCKS – Bring On The Mesmeric Condition
    Die Band wurde ursprünglich 1984 in San Diego gegründet als typische Eighties Garage Rock Band. Sänger Leighton Koizumi ist der Einzige, der von damals noch übrig ist. Er hat die Band mehrfach reformiert und lebt inzwischen in Deutschland. Und hier entstand auch das aktuelle Album mit hiesigen Musikern. Soundmäßig hat sich nicht wirklich viel verändert.

    06. THE AR-KAICS – In This Time
    Noch eine sehr stilsichere typische Garage Pop Band. In diesem Fall mit ihrem zweiten Album, das bei Wick Records rauskam. Die Band stammt aus Richmond (Virginia), und auch hier ist das Cover eher einer Goldenen Himbeere würdig.

    05. BEECHWOOD – Inside The Flesh Hotel
    Glam Rock, Power Pop Trio aus New York mit seinem dritten Album. Irgendwo zwischen Detroit Rock und New York Dolls ist der Sound dieser Band zu finden.

    04. PAUL COLLINS – Out Of My Head
    Paul Collins war Mitbegründer der Nerves Mitte der 70er. Danach gründete er die Power Pop Band The Beat (auch bekannt als Paul Collins‘ Beat). Er hat zahlreiche tolle Power Pop Platten unter seinem Namen veröffentlicht. Und auch diese aktuelle ist wieder eine Fundgrube für großartige Melodien und wunderbare Riffs.

    03. THE DAMNED – Evil Spirits
    Formidables Comeback Album zwischen Psychedelia, Art Rock, Glam und Punk.

    02. BIGFEET & LALA – Pet Me!
    Auch zu diesem grandiosen Album aus Finnland wurde bereits alles Notwendige in der Rubrik “Album des Monats” geschrieben.

    01. THE GRIP WEEDS – Trip Around The Sun
    Album des Monats im November und natürlich Album des Jahres! Eine der besten und unterbewertetsten Bands aller Zeiten!

    In meiner Guitars Galore Sendung vom 27.12.2018 habe ich die ersten 16 dieser LPs mit jeweils einem Track vorgestellt. Wer das nachhören möchte, wird bei Mixcloud fündig.

    5 Sterne bekommt nur Platz 1, bis Platz 12 dann 4 1/2, danach 4 Sterne

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    #10742753  | PERMALINK

    mikko
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    Moderator / Juontaja

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    Beiträge: 34,426

    The Legendary Golden Vampires – World’s Greatest Sinner (LP, Exile Records, 1990)

    Besetzung:

    Olaf Kraemer – vocals
    Justice Hahn – guitars
    Thomas Fricke – guitars
    Oliver Huzly – guitars
    Sven Kuester – drums
    Lou – bass

    Trackliste:

    A1 Luke The Drifter
    A2 Dancing Bottle
    A3 I’ve Been Down So Long
    A4 Waitin‘ Round To Die
    A5 Her Brother The Jukebox
    B1 Wasted Years
    B2 Last Of A Dying Breed
    B3 Lonesome Town
    B4 On Your Own Again
    B5 King Minus

    Die Berliner Band The Legendary Golden Vampires gehört zu den ersten Bands in Deutschland, die sich bewusst auf den US Garage Rock der 1960er Jahre bezogen und mit ihrer eigenen Musik bemüht waren, weitestgehend Vergessenes und Verkanntes wieder aufleben zu lassen. Das klang am Anfang im Jahr 1982 noch recht krude. Die Band nannte sich zunächst Die Goldenen Vampire, und ihre erste Veröffentlichung „Hinter der grünen Tür“ ist eine 6-Track 12“ EP (oder ein mini-Album, wie man das damals nannte). Diese Platte erschien 1982 auf Zensor. Gesungen wurde auf Deutsch. Musikalisch war jedoch schon erkennbar, wohin die Reise gehen sollte. Nämlich zurück zu den Wurzeln des Rock’n’Roll und des Rhythm & Blues und zu eher abseitigen, ja mitunter gefährlichen Pfaden dessen, was man heute gerne Americana nennt. Zur Besetzung der Band gehörten damals Johann Lampe am Schlagzeug, Kristof Hahn und Oliver Huzly an den Gitarren und Olaf Krämer am Mikrofon. Einen Bass gab es nicht im Line-Up. Die ersten Live Auftritte der Band fanden in den üblichen Berliner Clubs statt, meist in eher düsterer Atmosphäre. Nach einer Sixties Garage Band klang das eigentlich nicht. Vielleicht ein bisschen wie Nick Cave. Was vermutlich eine gewisse Unsicherheit war, wirkte auf den Zuschauer arrogant. Besonders bei Frontmann und Sänger Olaf Krämer. 1985 erschienen dann in kurzer Folge zwei Singles auf Exile Records in Berlin unter dem neuen Namen The Legendary Golden Vampires, den die Band bei Konzerten nun schon länger benutzte. Inzwischen wurde Englisch gesungen, Man coverte auf den B-Seiten Klassiker wie „Train Kept A-Rollin‘“ oder obskure Garage Songs wie „Rebel Woman“. Der Sound war nun deutlicher von den zahlreichen US Sixties Garage Samplern inspiriert. Die Besetzung war im Prinzip noch dieselbe, allerdings gab man sich nun Genre affine Künstlernamen. Eine Organistin vervollständigte das Line-Up. Ein Bass fehlte noch immer. Es folgte eine 10“ EP auf Exile im Jahr 1986, die den Sound noch etwas verfeinerte aber im Prinzip die Linie weiter verfolgte, die Bands wie The Cramps oder Tav Falco’s Panther Burns vorgaben. 1986 sind nur noch Huzly und Krämer von der Originalbesetzung übrig. Dafür gibt es nun eine kompetente Rhythmusgruppe aus Bass und Schlagzeug und einen neuen Lead Gitarristen. Krämer singt inzwischen selbstbewusster und hat seinen Stil gefunden. Diese EP muss sich hinter keinen internationalen Vorbildern verstecken. Wer Sixties Garage Punk pur will, wird die Singles vorziehen.

    Sprung ins Jahr 1990. Die Band hat Internationale Tourneen hinter sich. Die Besetzung ist fast identisch mit der von 1986, allerdings ist Kristof „Justice“ Hahn wieder dabei an der Lead Gitarre. Oliver Huzly ist nun vor allem für die Produktion und für Songwriting verantwortlich, wie übrigens auch schon bei der 10“ EP vier Jahre zuvor. Zwölf Songs werden aufgenommen im Winter 1989/90 in Berlin, meistens nachts bis in den frühen grauen Morgen. Zwei der Tracks sollen als Hommage an Elvis Presley nur als 7“ Single vorab erscheinen, „Heartbreak Hotel“ /bw „Flaming Star“. Die restlichen zehn Tracks werden zu gleichen Teilen auf zwei LP Seiten verteilt und sollen 1990 unter dem Titel „World’s Greatest Sinner“ auf Exile veröffentlicht werden. Von beiden Platten gibt es jeweils um die 50 Testpressungen. Zur offiziellen Veröffentlichung kommt es dann jedoch nicht. Die Band ist in Auflösung begriffen und steht für Live Auftritte nicht zur Verfügung, geschweige denn für eine geplante Tournee. Der VÖ Termin wird zunächst auf 1991 geschoben, dann auf 1992. Schließlich zieht Label Boss Wolfgang Doebeling endgültig die Notbremse und stoppt alle weiteren Vorbereitungen. Ein offizielles Cover der LP (und der Single) gibt es nicht. Entwürfe verschwinden im Archiv. Die Testpressungen werden an die beteiligten Musiker verteilt. Einige wenige gehen wohl auch schon an Journalisten. Ein Teil bleibt im Archiv des Labels. Inzwischen sind LP und Single so etwas wie der Heilige Gral für Exile Records Afficionados.

    Das Album wird eröffnet von „Luke The Drifter“, einem Song den die Vampires nach eigener Aussage auf einem Album von Lenny Kaye fanden und zumindest musikalisch neu bearbeiteten. Das Album ist „I’ve Got A Right“ von Lenny Kaye Connection und erschien 1984. Und Luke The Drifter ist natürlich Hank Williams. Im Jahr nach seinem Tod 1953 erschien ein Album mit Songs und Geschichten, die Williams als Luke The Drifter geschrieben und aufgenommen hatte. Entsprechend erinnert der Track der Vampires durchaus auch an Hank Williams. Countryfizierter Garage Rock, falls es sowas gibt. Weiter geht es mit „Dancing Bottle“, einem Song über die Gefahren des Trinkens und über korrektes Benehmen in schrägen Situationen. Musikalisch erinnert das an Rockabilly Balladen, an Shanties sogar und an „Heartbreak Hotel“ in einer wiederholten Referenz im Text. „I’ve Been Down So Long“ strahlt nicht gerade vor überbordender Lebensfreude, doch die Musik zu dem etwas missmutigen und letztlich eher trotzigen Text wirkt dann doch erfreulich positiv und sogar locker mit Slide Gitarren, Banjo und kleinen Breaks und Rhythmuswechseln. Mit „Waitin‘ Round To Die“ folgt einer der bekanntesten Songs von Townes Van Zandt und zugleich sein erster ernsthafter überhaupt. Die Version, die uns die Vampires hier bieten, ist ziemlich kurz und recht freundlich arrangiert und vorgetragen. Die erste LP Seite wird beschlossen von „Her Brother The Jukebox“. Eine fast poppige Uptempo Nummer, mit flottem Rhythmus, eingängiger Melodie und abwechslungsreichen Twang Gitarren Sounds. Sehr schön. Seite 2 beginnt mit „Wasted Years“, einem textlich eher depressiven Song, der durch das musikalische Arrangement mit Dur-Akkorden und glockenhellen Gitarrenklängen viel positiver wirkt, als er ist. Auch eine Art seine negativen Erfahrungen und Gefühle zu verarbeiten. Bei der Melodie musste ich einen Moment an David Bowie und „Golden Years“ denken – schräg. „Last Of A Dying Breed“ folgt dann als „just another gunfighter ballad”, wie es in den Liner Notes zur LP heisst. Tatsächlich eine schöne Country Garage Rock – ich sträube mich, „Ballade“ zu schreiben – eine feine Aufnahme mit zweifachem Tempowechsel und freundlicher Anmutung. Vielleicht ja doch eher sarkastisch. „Lonesome Town“, im Original von Ricky Nelson, ist dann aber wirklich eine melancholische Ballade, die den existenziellen Liebeskummer der ganzen Welt von der „Lonely Street“ über die „Desolation Row“ bis ins „Blue Hotel“ besingt. Musikalisch kongenial umgesetzt mit klagenden Gitarren und einem sehr verhaltenen Rhythmus Backing, das sich nur zur Mitte des Tracks hin mal kurz aufbäumt. Auch „On Your Own Again“ besingt die Erinnerungen nach der Trennung von der Geliebten und redet sich ein, dass es so nun viel besser ist. Musikalisch flotte Country Rockabilly Klänge. Kurz und prägnant. Feine Gitarren. Der letzte Track des Albums ist „King Minus“, eine Art „King Midas In Reverse“ revisited. Ein bisschen griechische Mythologie zum Schluss also. Eine countryeske Folk Ballade mit rockigem Touch. Sehr einfallsreich arrangiert mit akustischen und elektrischen Gitarren. Slide und Strumming, und immer wieder wechselnder Rhythmus. Der vielleicht ambitionierteste, auf jeden Fall schönste Track des Albums. ****

    Mit dieser LP nehmen The Legendary Golden Vampires einiges vorweg, was dann ein paar Jahre später von Max Decharnés Flaming Stars in London zur Vollendung gebracht wird. Obwohl letztlich ein direkter Vergleich beider Bands auch nicht wirklich passt. Schade, dass „World’s Greatest Sinner“ nie offiziell veröffentlicht wurde. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

    zuletzt geändert von mikko

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    #10742771  | PERMALINK

    jjhum

    Registriert seit: 30.08.2007

    Beiträge: 2,019

    Sehr schöne Besprechung einer Platte,die leider kaum einer hat.

    Zaunpfahlwink.

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    #10742833  | PERMALINK

    ianage
    Ianage

    Registriert seit: 08.09.2018

    Beiträge: 595

    Schöner Text!

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    #10743333  | PERMALINK

    mikko
    Moderator
    Moderator / Juontaja

    Registriert seit: 15.02.2004

    Beiträge: 34,426

    Vielen Dank! Ich hab‘ übrigens ein paar kleine Korrekturen vorgenommen, aufgrund einer Info-Mail des Label Chefs.

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    #10743715  | PERMALINK

    gipetto

    Registriert seit: 04.02.2015

    Beiträge: 7,818

    Ein ganz feines, mit viel Liebe zum Detail aufbereitetes Review. Vielen Dank! Hat mich extrem neugierig auf die Band gemacht. :good:

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    "Really good music isn't just to be heard, you know. It's almost like a hallucination." (Iggy Pop)
    #10743809  | PERMALINK

    mikko
    Moderator
    Moderator / Juontaja

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    Besorg‘ dir die Platten, die es gibt. Das sind zwei Singles und eine 10″ EP auf Exile; alle zu erschwinglichen Kursen bei Discogs zu haben. Die werden dir gefallen, denke ich. Die 12″ auf Zensor mit den auf Deutsch gesungenen Tracks kann ich zwar auch empfehlen. Sie ist aber schon anders und auch teurer.
    Die LP wird ja vielleicht doch noch irgendwann erscheinen. Und falls das passiert, wird die Band wohl auch für ein paar Gigs wieder zusammen kommen. Ich glaube, die Mehrzahl der Beteiligten möchte das durchaus. Und ich hoffe, sie kommen möglichst bald zu Potte.

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