Mikkos LP Faves

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    mikko
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    22 Pistepirkko – The Kings Of Hong Kong (LP, Bone Voyage, www.22-pistepirkko.net)

    Die drei Burschen aus dem nordfinnischen Utajärvi gehören ja schon seit bald 25 Jahren zu meinen Lieblingsfinnen. Vor längerer Zeit angekündigt, machen sie nun ernst mit der Wiederveröffentlichung ihres Back-Katalogs auf Vinyl. Die erste Langspielplatte der Marienkäfer erschien zwar bereits 1983 in finnischer Sprache, aber die zählt hier in diesem Zusammenhang nicht. 1986 hatten sie ein erstes Lebenszeichen von sich gegeben, nachdem sie monatelang in der Klausur einer einsamen Waldhütte, mit Sauna und Scheune zum Proben, die Werke der Ramones, Beach Boys sowie unzählige Pebbles Sampler studiert und verinnerlicht hatten. Die 7“ EP „Ou Wee“ erschien auf dem kleinen Pygmi Label in Helsinki. Dorthin waren die Jungs inzwischen auch gezogen, weil man da doch wenigstens ein bisschen näher am musikalischen Geschehen ist, und sei es auch nur am finnischen. Schon bald nach dem Erscheinen der EP und ersten positiven Reaktionen in der einschlägigen finnischen Musikpresse und sogar aus dem Ausland ging die Band daran, ihre Debüt LP aufzunehmen, ihre englischsprachige Debüt LP wie gesagt. Pygmi Records war eine kleine Firma und auch bereits so gut wie pleite, als die ersten Studio Sessions anstanden. Dementsprechend chaotisch ging es zunächst zu. Man stand ständig unter Zeitdruck und musste Studio Zeit nutzen, wenn gerade welche günstig zur Verfügung stand. Etwas entspannte sich die Situation, als Euros Records in die Bresche sprang und Riku Mattila, ein damals bereits erfahrener finnischer Musiker und Produzent, für die Zusammenarbeit gewonnen werden konnte. Und so wurde die Produktion der Platte im Frühjahr 1987 erfolgreich abgeschlossen. Die drei Musiker, die Brüder P.K. (Gitarre, Gesang) und Asko (Bass, Keyboards) sowie ihr Schulfreund Espe (Schlagzeug, Gesang), machten während dieser Zeit enorme Fortschritte, d.h. sie lernten ständig hinzu, probten zum Teil wie die Besessenen, und sie entdeckten andauernd neue Klänge und Spielweisen. Die LP „The Kings Of Hong Kong“ ist einerseits noch stark von Sixties Garage Beat geprägt. Asko war gerade dabei, die käsigen Töne seiner Farfisa Orgel voll auszukosten. Andererseits weist die Platte aber bereits weit über den Garage Horizont hinaus. Mit „Don’t Try To Tease Me“ findet sich eine gelungene Hommage an Hank Williams Senior, dessen Platten P.K. gerade erst kennen gelernt hatte, am Ende der ersten LP Seite. Und Espes „Motorcycle Man“ kann den Einfluss der Velvet Underground nicht leugnen. Was die LP zu etwas Besonderem macht, das ist die unglaubliche Spiel- und Entdeckungsfreude der drei Musiker, die von Anfang an begierig waren, neue Dinge zu probieren, unbekannte Wege zu beschreiten und dabei ständig Musikhistorie auf- und abzuarbeiten. Der LP Titel ist übrigens der Tatsache geschuldet, dass damals in Finnland (und vermutlich nicht nur dort) viele Dinge des täglichen Gebrauchs „Made in Hong Kong“ waren. Die Band fand das lustig. Und sie selbst waren demzufolge „The Kings Of Hong Kong“. ****

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    22 Pistepirkko – Bare Bone Nest (LP, Bone Voyage)

    Auf ihrer zweiten internationalen LP waren die Marienkäfer zur Blues Combo mutiert. Aber natürlich nicht im traditionellen Sinn Blues wie bei Muddy Waters, Lightnin’ Hopkins oder Captain Beefheart. Die Jungs übernahmen jedoch diese hypnotische, vorwärts drängende Spielweise, dieses sich wiegende Auf und Ab solcher Songs wie „I Wish You Would“. Mit der Blues Adaption der britischen Musiker in den 1960er Jahren hat das hier auch recht wenig zu tun. Nach eigener Aussage konnten die Finnen das Spartanische, die archaischen Geschichten der alten Blues Songs und diese raue Melancholie, zuweilen Tristesse, aufgrund ihrer Herkunft aus der einsamen Kargheit des finnischen Nordens gut nachvollziehen. Obwohl diese Songs von einem anderen Kontinent stammen, waren sie rein gefühlsmäßig gar nicht so weit weg, sagt P.K. Beim Spielen der Blues Gitarre fühlt sich P.K. ausgesprochen wohl, wie man hört. Doch treten bei ihm diverse andere Elemente hinzu. Das Sir Douglas Quintett hatte in den 1980er Jahren mal in Oulu gespielt, und Asko war dort und fasziniert von Sound und Spieltechnik der Band. Speziell sein Orgel und Synthesizer Spiel auf dieser LP hier ist vom Cajun und Texmex Sound zumindest inspiriert. Die LP entstand im Winter 1988/89 wieder in enger Zusammenarbeit mit Riku Mattila, der auch bei dem einen oder anderen Track an der Gitarre aushalf. Wieder ist eine sehr vielschichtige, vielseitige Platte entstanden. Neben dem Blues gehört Country zum Repertoire dieser Platte, sowie allerlei exotische Klänge von Tablas, Congas und vorproduzierten Tape-Loops. Der Opener „Frankenstein“ wurde damals zu einem richtigen kleinen „Indie“ Hit – auch hier in Berlin dank Radio 100. Die ätherische Country Ballade „Shot Bayou“ ist überirdisch schön. Und die wilde Entschlossenheit solcher Tracks wie „Save My Soul“ erinnert in der Tat an die Kompromisslosigkeit des leider kürzlich verstorbenen Captain Beefheart. Höhepunkt dieser Kompromisslosigkeit ist der Titelsong „Bare Bone Nest“ am Ende der LP. Eine an Sonic Youth geschulte Klangcollage aus Feedback und Fuzz Kaskaden. Alles mit Gitarren und ihren Verstärkern und Effektgeräten erzeugt. Lediglich die Marseillaise und das Star Spangled Banner wurden vom Band zugespielt. Grandios! Die LP erschien 1989 auf dem eigens von Universal Finnland für solche Zwecke gegründeten Label Spirit. Die Re-Issues auf Bone Voyage wurden übrigens von den analogen Originalbändern gemastert. Covergestaltung und Liner Notes sind neu, die originalen Cover als Faksimile beigefügt. Bare Bone Nest LP ****1/2

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    mikko
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    Califone – Roots & Crowns (LP, Thrill Jockey Records, www.myspace.com/califonemusic)

    Auf diese Band und diese LP bin ich durch einen Film gestoßen. Jack Ketchums „The Lost“ ist ein anti-Woodstock Horror Thriller, der einen psychopathischen fast noch jugendlichen Killer in einer Kleinstadt in New Jersey im Jahr 1969 porträtiert. Der Film ist wirklich sehenswert. Aber darum geht es hier nicht. Die Musik in diesem Film ist nämlich ebenfalls durchweg hörenswert. Und während der Abspann läuft hört man ein melancholisch folkiges Stück, das ganz vorzüglich die Leere widerspiegelt, die man nach dem Ende des Films empfindet. Dieses Stück Musik konnte ich schließlich als „3 Legged Animals“ identifizieren von der LP „Roots & Crowns“ der Band Califone aus Chicago. Califone ist die Band des Musikers und Filmkomponisten Tim Rutili. Eigentlich ist es mehr oder weniger sein Solo Projekt, auch wenn es inzwischen wohl eine richtige Band gibt, die auch live auftritt. Es gibt eine ganze Reihe Veröffentlichungen unter dem Namen Califone auf verschiedenen Labels seit 1998. Die LP „Roots & Crowns“ ist die bislang vorletzte LP der Gruppe um Tim Rutili. Das Album erschien 2006, im gleichen Jahr wie der Film „The Lost“. Rutilis erste Band war Red Red Meat, eine alternative Punk Blues Rock Band, die wohl nicht sonderlich erfolgreich wurde. Mit Califone bemüht sich Rutili, an traditionelle amerikanische Musik wie Blues und Folk anzuknüpfen, sie mit modernen Mitteln von Elektronik und Collage zu bearbeiten. Außerdem nimmt er Einflüsse solcher Bands wie Current 93 oder Psychic TV auf. „The Orchids“ auf dieser LP hier ist ein Psychic TV Cover. Aus all dem entsteht eine wirklich seltsame Atmosphäre, die einen beim Hören auf eine absurde Weise beruhigt und mit Befriedigung erfüllt, obwohl die besungenen Inhalte eigentlich viel mehr beunruhigen und erschrecken sollten. Andererseits sind die Songs aber auch zum Teil recht esoterisch und ziemlich surreal. Die Melodien sind mitunter wirklich Pop von der Art, die auch Brian Wilson hätte schreiben können. Ich bin weit davon entfernt zu verstehen, was Tim Rutili und seine Band hier wirklich mitteilen wollen. Doch die Melodien, diese verfremdete Folk Musik üben einen eigentümlichen Reiz aus, dem ich mich nicht entziehen kann. Ich kenne bisher nur diese LP der Band. Und ich weiß nicht, ob ich noch weitere Platten der gleichen Art unbedingt hören will. Diese Platte jedoch ist wirklich schön auf eine ganz eigene Art. ***1/2

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    original LP

    Re-Issue 2011

    The Matadors – s/t (LP, Supraphon, CSSR 1969) The Matadors – Get Down From The Tree (DoLP, Munster Records, 2011)

    Als jemand, der in Berlin geboren und aufgewachsen ist, bin ich natürlich auch von den Auswirkungen westlicher Beatmusik in den Ländern des real existierenden Sozialismus nicht verschont geblieben. Und ich muss sagen, nicht alles dort war peinlich oder vollkommen indiskutabel. 1969 bekam ich von einer in Ostberlin lebenden Tante die LP der führenden tschechischen Beat Band The Matadors geschenkt. Es ist ihre einzige LP geblieben. Aber für mich war diese LP damals eine Offenbarung. Durch sie lernte ich das wunderbare „My Girl“ kennen. Für das Original von The Temptations war ich entscheidende 2-3 Jahre zu jung. Und auch „It’s All Over Now, Baby Blue“ im Arrangement von Them hörte ich hier zum ersten Mal. Neben einer John Mayall Nummer und zwei Howlin’ Wolf Cover sind das dann aber auch schon alle Fremdkompositionen auf der Platte. Die anderen sieben der insgesamt zwölf Titel sind eigene Werke der Prager Band. Und was für welche! Komposition, Arrangement und Spieltechnik stehen den angloamerikanischen Zeitgenossen nicht nach. Und im Vergleich zu den deutschen Beat Bands der Sixties sind The Matadors ganz weit vorne. Der Opener „Get Down From The Tree“ ist eine großartige R&B Nummer, deren Sound man heute mit Freakbeat assoziiert. „Extraction“ ist ein fast avantgardistischen Instrumental von sechs Minuten, das an Soft Machine und The Doors zugleich denken lässt. In den Liner Notes der LP werden Them mit Van Morrison, Eric Clapton und Jimi Hendrix als Vorbilder genannt. Man hört das auch deutlich, ohne dass man je das Gefühl hat, hier wären reine Kopisten am Werk. Viktor Sodoma hat eine wirklich tolle, ausdrucksstarke Stimme. Und auch wenn er nicht immer völlig akzentfrei Englisch singt, so klingt seine Stimme doch erstaunlich nach so großen Vorbildern wie Stevie Winwood, Otis Redding oder Eric Burdon. Das Zusammenspiel von Piano, Orgel und Gitarren ist wirklich unglaublich auf dieser Platte. Eben noch ganz traditionell im Blues verhaftet, und im nächsten Moment experimentell aber auch poppig. Die trotzig melancholischen Balladen überwiegen auf der Platte. Und ihre „Baby Blue“ Version ist für mich die ultimative. Vielleicht weil ich Them erst danach kennen lernte. So sehr unterscheiden sich die beiden Versionen auch gar nicht. Bei The Matadors klingt das Ganze etwas weicher und versöhnlicher, nicht zuletzt durch ein dezentes Streicherarrangement, das zwar in der Them Version auch da ist, aber so dezent, dass es kaum auffällt. Was ich damals nicht wusste, als die LP 1969 in der DDR und anderswo außerhalb der CSSR erschien, existierte die Band, die das Album im Mai 1968 innerhalb einer Woche aufgenommen hatte, schon nicht mehr. Schließlich hatten die Bruderarmeen im August 1968 Prag besetzt. Das bedeutete auch für die Popmusik einen heftigen Einschnitt. Der größte Teil der Band lebte inzwischen in München und bildete das musikalische Rückgrat der deutschen Version des Musicals „Hair“. Um die Mitte der 1970er Jahre dann bereicherten sie unter dem Namen Emergency die bundesrepublikanische Jazz Rock Szene. Dass die Platte von The Matadors dennoch im Ostblock weite Verbreitung fand, gehört zu den vielen Widersprüchlichkeiten des dialektischen Materialismus. Die LP war für mich immer ein Meilenstein vor allem auch meiner ganz persönlichen musikalischen Entwicklung. Und wenn ich sie heute wieder höre, dann kommen nicht nur jede Menge Erinnerungen hoch, ich freue mich auch über die nuancenreiche und erfrischende Wirkung dieser Musik. Das spanische Label Munster Records hat nun eine Doppel-LP veröffentlicht, die neben der LP auch sämtliche Aufnahmen, die unter dem Namen The Matadors damals gemacht wurden, enthält. Alles wurde von den originalen analogen Bändern remastert. Allerdings wurden in zwei Fällen die besseren Mixe einer früheren EP den Album Versionen vorgezogen. Die zusätzlichen Tracks von verschiedenen Singles, EPs und Samplern bieten eine interessante Bereicherung und machen die Entwicklung der Band in den zwei Jahren ihres Bestehens gut deutlich. Ausführliche Liner Notes in englischer Sprache liefern die ganze Geschichte und Vorgeschichte der Band. Ich kann die Anschaffung dieser Doppel LP wirklich empfehlen, würde mich aber von der originalen LP trotzdem niemals trennen. Diese bekommt ****1/2

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    mikko
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    Psychotic Waltz – A Social Grace (DoLP, Century Media, www.psychoticwaltz.com)

    Die Bekanntschaft mit Psychotic Waltz aus Kalifornien verdanke ich dem Leserforum des deutschen Rolling Stone. Zwar war ich nie ein Fan von Heavy Metal, aber manche Randbereiche des Genres fand ich immer schon interessant und hörenswert. Und Psychotic Waltz sind auch keine typische Metal Band sondern nach eigener Einschätzung eine „progressive hippie metal band“. Nun, Hippie war ich vor langer Zeit auch mal. Und eine Ader für Progrock hatte ich in den frühen 1970er Jahren schon und in letzter Zeit wieder. „A Social Grace“ ist das Debütalbum der Band aus dem Jahr 1990. Unter dem Namen Aslan begann die Gruppe als High School Band in den 1980er Jahren im Südkalifornischen El Cajon bei San Diego. Da es bereits eine andere Band namens Aslan gab, nannte man sich ab der ersten offiziellen Veröffentlichung nun Psychotic Waltz. Eine Besonderheit der Band, der Leadgitarrist Brian McAlpin war infolge eines Autounfalls seit 1984 querschnittsgelähmt. Dennoch trat er regelmäßig mit der Band auf und war reguläres Bandmitglied bis zum Schluß 1997. Die Band hat sich dieses Jahr in ihrer Ur-Besetzung reformiert und wird live auftreten sowie wohl auch eine neue Platte machen. Aus diesem Anlass hat Century Media jetzt eine limitierte Box mit allen regulären LPs und den Aslan Demos veröffentlicht. Aber zurück zum Debüt. Die CD (kein Vinyl) erschien damals in Europa auf dem deutschen Label Rising Sun und erhielt positive Kritiken in einschlägigen Zeitschriften. Obwohl das Album also recht erfolgreich war, sah die Band außer einem Vorschuß kaum etwas von den Erlösen. Wie auch immer, reden wir über die Musik. Wie ich schon sagte bin ich kein Metal Fan und also auch kein Kenner des Genres. Was mir an dieser Platte gefällt, das ist ihre Vielschichtigkeit. Natürlich erinnert da Manches an die frühen 1970er Jahre. King Crimson fällt mir ein, Black Sabbath, Uriah Heep, sogar Jethro Tull. Aber andererseits sind einige Gitarrenriffs typisch Metal. Bei Iron Maiden oder auch bei den deutschen Helloween hab’ ich Ähnliches schon gehört. Dazu gesellt sich der typische Falsettgesang und hier und da auch eine unzweifelhaft an Jimi Hendrix geschulte Gitarre. Ich erinnere mich dunkel, dass diese Art Prog Metal vor gut 20 Jahren recht angesagt war. Damals habe ich ja schließlich neben Guns’n’Roses auch Mekong Delta und Celtic Frost Platten in meinem Laden verkauft. Seltsam, dass mir Psychotic Waltz nicht da schon untergekommen sind. Vermutlich lag es daran, dass es kein Vinyl gab. Nun ja, besser spät als nie. Diese Platte wächst mit jedem Hören. ***1/2

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    #5217929  | PERMALINK

    mikko
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    Caravan – In The Land Of Grey And Pink (LP, 1971)

    Wenn ich diese LP heute höre, kann ich gar nicht verstehen, dass sie damals so völlig an mir vorbei gegangen ist. Von der Canterbury Szene hatte ich zwar mal gehört, aber ich kannte nur die Platten von Soft Machine, und die waren mir eher zu anstrengend. Caravan waren aber neben der Soft Machine die führende Band aus Canterbury. „In The Land Of Grey And Pink“ gilt heute als ihr Meisterwerk. Es ist ihre dritte LP und auch in meinen Ohren ihre beste. Auch wenn die LP aus heutiger Sicht als der Durchbruch der Band betrachtet wird, so war sie damals doch nur mäßig erfolgreich und konnte sich nicht in den britischen oder gar anderen Charts platzieren. Die LP entwickelte sich aber wohl über die Jahre zum Aushängeschild der Band, und sie war immer in print, also lieferbar. Das von Tolkiens Hobbit Geschichten inspirierte Cover fiel mir schon lange bevor ich die Musik kennen lernte auf. Und als ich dann endlich mal die LP erstand und auflegte, da merkte ich, dass ich mindestens zwei der Tracks längst kannte. Sowohl das „Golf Girl“ als auch den Titeltrack der LP hatte ich schon früher gehört. Ob im Radio oder bei Freunden, ich weiß es nicht mehr. Die erste LP Seite ist eigentlich recht poppig, die Melodien absolut eingängig und die Tracks relativ kurz. Nur „Winter Wine“ ist mit etwas über sieben Minuten und seinen schon leicht verschachtelten Mellotron Passagen ein zeittypischer Prog Titel. „Golf Girl“ dagegen ist zwar in gewisser Weise auch zeittypisch, aber doch locker und beschwingt und mit seinem seltsamen Aufbau fast so eine Art Kinderlied. Der Song hätte wohl auch von Syd Barrett sein können. Ähnlich „In The Land Of Grey And Pink“, das mit seinen fünf Minuten vielleicht für eine Radiosingle ein Quäntchen zu lang ist. Aber es hätte gut und gerne ein Radiohit sein können anno 1971. Da war so etwas durchaus möglich. „Love To Love You“ ist der dritte von vier Tracks auf der ersten LP Seite. Die Nummer wird von Progfans meist als zu poppig oder zu seicht abgelehnt. Dabei ist es ein wunderbarer Popsong, der vor Lust und guter Laune nur so strahlt! Überhaupt ist Caravan eher eine fröhliche und manchmal auch ironische Band, will mir scheinen. Selbst dem von besagten Progfans sehr geschätzten 23-minütigen Kernstück der LP „Nine Feet Underground“, das die gesamte zweite LP Seite einnimmt, fehlt der heilige Ernst und erst recht der Schwulst, der viele LPs beliebter Prog Bands auszeichnet. Vor allem David Sinclairs einfallsreiches Keyboardspiel sowie hier und da passende Einsprengsel von Saxophon und Flöte machen dieses locker dahinfließende Stück zu einem progressiven Meisterwerk. Es gibt zum 40. Jahrestag der Platte ein limitiertes Vinyl Doppelalbum mit Bonustracks und einem neuen Mix von „Nine Feet Underground“, den Steven Wilson (Porcupine Tree) hergestellt hat. Ob man das braucht, muss man selbst entscheiden. Mir reicht im Grunde die Original LP. ****1/2

    XTC – Skylarking (DoLP, 1986 / 2010)

    XTC gehören eigentlich seit ihrer ersten Single „Science Friction“ im Jahr 1977 zu meinen favorisierten britischen Bands der New Wave Ära und dann vor allem der 1980er Jahre. Die LP „Skylarking“ aus dem Jahr 1986 ist meiner Aufmerksamkeit damals dennoch entgangen. Lediglich die erste Single des Albums „Grass“ hatte es mir angetan mit ihrer sehr relaxten hippiesken Atmosphäre. Knüpfte die Band damit doch direkt an die ein Jahr zuvor unter dem Pseudonym The Dukes Of Stratosphear erschienene LP „25 O’Clock“ an. Die LP „Skylarking“ ist zwar vordergründig weit weniger psychedelisch und Sixties orientiert, aber Inspirationen und Einflüsse solcher Sixties Ikonen wie The Kinks, Beach Boys und The Beatles sind unverkennbar. „Skylarking“ ist gewissermaßen ein Konzeptalbum unter dem Motto „A Day In The Life“. Aufgenommen und produziert wurde die Platte von Todd Rundgren in seinem Studio in Woodstock nördlich von New York. Und Rundgren hat einen wohl nicht unwesentlichen Anteil an Sound und Arrangementideen. Er ist ja als genialer Studio Zauberer bekannt. Entstanden ist so eine zwar von Ansatz und den Songs her sehr britische Platte, aber die überbordenden Sunshine Pop Klänge, die Streichersätze, das ist wiederum sehr amerikanisch. Beach Boys eben. Wie zu Zeiten des mythischen „Smile“. Nachdem ich nun das ganze Album, so wie es ursprünglich von Andy Partridge intendiert war, gehört habe, muss ich sagen, es ist großartig. „Grass“ ist nicht mal der beste Track. Eine wundervoll entspannte Atmosphäre zeichnet die gesamte Platte aus. Doch gibt es auch immer wieder Momente der Überraschung, der Exaltiertheit. „Dear God“ ist einer der Höhepunkte der DoLP. Auf der Original LP fehlte der Titel, weil die Plattenfirma Proteste befürchtete. Handelt es sich doch um einen ziemlich kritischen Song, der Gott letztlich stark anzweifelt. Und ausgerechnet dieser Track wurde dann in den USA zur erfolgreichsten Single aus dem Album, weil die Radio DJs ihn von der B-Seite der Single „Grass“ pickten. Die im Jahr 2010 erschienene Doppel-LP ist die ultimative Version des Albums. Sie enthält nicht nur alle Tracks wie ursprünglich vorgesehen, sie hat auch zum ersten Mal die korrekte Sound Polarität der Aufnahmen, die beim ersten Mix im Jahr 1986 versehentlich vertauscht wurde. Und das Album Cover ist nun auch das ursprünglich von der Band intendierte, das Virgin damals ablehnte. ****

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    sonic-juice
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    Registriert seit: 14.09.2005

    Beiträge: 10,990

    Schöne Würdigung von PW, die ich jetzt erst sehe. Ich finde ja die beiden nachfolgenden Alben noch spannender und gelungener. Hast die auch schon erschlossen?

    Und XTC ist bei mir noch terra incognita. Bei „Skylarking“ dachte ich bisher immer nur an eine Reggae-LP gleichen Namens. Insofern Danke für einladende Vorstellung.

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    I like to move it, move it Ya like to (move it)
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    otis
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    Mikko

    Caravan – In The Land Of Grey And Pink (LP, 1971)

    Wenn ich diese LP heute höre, kann ich gar nicht verstehen, dass sie damals so völlig an mir vorbei gegangen ist.

    Mikko, zufällig habe ich in diese Platte vor einiger Zeit mal wieder reingehört, wollte sie eigentlich ganz hören. Nicht geschafft. Schöne Musik, zweifellos, aber mir war es dann doch zu ausufernd und gefällig verspielt. Aus dem Prog-Bereich sicher eine der angenehmeren Erscheinungen.
    Habe sie dann verkauft.

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    FAVOURITES
    #5217935  | PERMALINK

    norbert

    Registriert seit: 08.07.2002

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    Danke für die Rezension dieser zwei tollen LPs, die auch zu meinen Faves gehören, Mikko!
    Ich überlege noch, ob ich mir XTC – Skylarking auch noch als Doppel-LP zulege.

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    Blog: http://noirberts-artige-fotos.com Fotoalbum: Reggaekonzerte im Berlin der frühen 80er Jahre http://forum.rollingstone.de/album.php?albumid=755
    #5217937  | PERMALINK

    mikko
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    Moderator / Juontaja

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    @sonic

    Nein, ich bin immer noch nicht dazu gekommen, die anderen LPs von Psychotic Waltz in Ruhe zu hören.

    Ich glaube, ich muss mal für einige Zeit aufhören, Platten zu kaufen. Sonst komme ich nie nach mit dem Hören.

    @otis

    Schade, aber so ist das dann eben. Ich bin ja durchaus Prog affin, wie Du weißt. Doch auch mir gefällt Seite 1 der LP viel besser als Seite 2, die ich deshalb keineswegs schlecht finde. „gefällig verspielt“ trifft es ganz gut. Das mag ich ja gerade.

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    mikko
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    Moderator / Juontaja

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    Blink 182 – Enema Of The State (LP, Mightier Than Sword, 1999/2009)

    „Enema Of The State“ war das dritte Album des kalifornischen Pop Punk Trios. Und nach meiner Meinung ist es das beste und das einzige Album der Band, das man haben oder mindestens kennen sollte. Zum 10-jährigen Jubiläum seiner Veröffentlichung erschien das Album 2009 erstmals als Vinyl LP. Zwölf mal voll auf die Zwölf. Zwölf grandiose kurze schnelle Punk Pop Hymnen. Drei Singles wurden damals aus der LP ausgekoppelt. Alle drei wurden Hits. Und alle drei haben noch mehr Pop Appeal und noch mehr Ohrwurmchacharakter als das ganze Album sowieso. Das ist schlichte aber effektive gute Laune Musik. Fast alle Tracks haben wie gesagt so ein leicht hymnisches Flair. Das liegt vor allem daran, dass Mark Hoppus in den Refrains die Vokale so schön dehnt. Dabei spielt die Band eigentlich durchgängig in einem unglaublichen Tempo. Buzzcocks und Undertones nennen die Jungs selbst als Einflüsse. Aber auch andere britische Bands der Punk Ära haben ihre Spuren hinterlassen wie z.B. The Boys oder The Members. Die Singles sind damals leider nicht als 7“45s erschienen. Lediglich in Italien gab es „What’s My Age Again“ und „All The Small Things“ als 12“ Singles mit 33 UpM. Die LP erschien limitiert auf blauem Vinyl, und sie ist inzwischen schon wieder relativ teuer. ****

    Madrugada – The Nightly Disease (DoLP, Virgin Records, 2001/2011)

    Meine erste Begegnung mit Madrugada war Ende 1999, als sie ihr Debütalbum live im Berliner Knaack Club vorstellten. Die Ausstrahlung, die Präsenz dieser Band und ihres Frontmanns und Sängers Sivert Hoyem war absolut überwältigend. Gänsehaut pur! Im Rahmen der Veröffentlichung ihres zweiten Albums „The Nightly Disease“ spielte die Band dann ein special Showcase im Planetarium am Insulaner in Berlin Steglitz. Auch das wieder ein großartiges Eindruck hinterlassendes Erlebnis! „The Nightly Disease“ beeindruckte mich schon damals noch stärker als das bereits phantastische Debüt „Industrial Silence“. Leider war die nur in Norwegen erschienene Vinylversion damals so schnell vergriffen, dass ich keine Chance hatte, ein Exemplar zu einem halbwegs erträglichen Preis zu ergattern. Letztes Jahr ist nun ein remastertes Reissue erschienen, das zudem noch zwei weitere LPs mit Bonustracks und Outtakes enthält. Eine vierfache LP also. Obwohl das Bonusmaterial durchaus hörenswert ist, beschränke ich mich hier bei der Beurteilung lediglich auf die ursprünglich veröffentlichten zwölf Tracks. Die Musik auf dieser LP wirkt vor allem durch ihre Spannung. Melancholie bis hin zu Verzweiflung, aber auch immer wieder Hoffnung, warme Geborgenheit. Das vermitteln sowohl die kraftvolle, angenehm dunkle Stimme Siverts, als auch die geheimnisvollen und zugleich vertrauten Gitarrenlicks gespielt vom inzwischen leider verstorbenen Robert Buras. Was der Mann mit seinem Instrument da anstellt, das ist für mich das Größte nach Jimi Hendrix und Hank Marvin. Eben noch leise mit viel Hall wie aus einer Gruft hervorklingend, im nächsten Moment aggressiv und mit Reverb und Distortion bis zum Anschlag, jedoch niemals unkontrolliert oder wüst ekstatisch. Gravitätisch klingen die Tracks, oft gehalten von einem exakten Rhythmus Gerüst aus präzisen Drums und mal treibendem mal sanft schwebendem Bass. Aber das phantastischste an dieser Platte – neben den wunderbaren Songs – sind und bleiben die Gitarren. Flirrend und sirrend hier, transzendierend an- und abschwellend dort. Siverts Gesang erinnert tatsächlich – wie man immer wieder lesen kann – bisweilen an Jim Morrisons. Und die Grundstimmung dieser Platte hat ja auch durchaus etwas, das man bei The Doors ebenso hören kann. Dennoch möchte ich da keinen Vergleich ziehen. Es sind Siverts – und Roberts – ganz eigene Erfahrungen, Gefühle und vermutlich auch Albträume, die hier zum Ausdruck gebracht werden. Für mich ist diese LP das Album des Jahres 2001 und bis heute eines der besten Alben des neuen Jahrtausends. *****

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    deleted_user

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    Mikko

    Blink 182 – Enema Of The State (LP, Mightier Than Sword, 1999/2009)

    Fünf Sterne Cover.

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    #5217943  | PERMALINK

    mikko
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    Moderator / Juontaja

    Registriert seit: 15.02.2004

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    Mazzy Star – She Hangs Brightly (LP, Rough Trade, 1990)

    David Roback und Hope Sandoval sind Mazzy Star. Und “She Hangs Brightly” war ihr Debütalbum unter diesem Namen. David gründete Anfang der 80er mit seinem Bruder Steven und anderen die Band Rain Parade in San Francisco. Die Gruppe gehörte zum so genannten Paisley Underground und orientierte sich stark an Sixties Psychedelia. Nach dem zweiten Album stieg David aus, um mit anderen Musikern und Musikerinnen des Paisley Underground seine musikalischen Vorstellungen umzusetzen. Die neue Band hieß Clay Allison, wurde aber schon nach kurzer Zeit in Opal umbenannt. Als die Sängerin und Bassistin Kendra Smith 1989 die Gruppe verließ, holte Roback seine Freundin Hope Sandoval in die Band, die sich aber bald darauf ganz auflöste. Also machten die beiden als Duo unter dem neuen Namen Mazzy Star weiter. So weit der geschichtliche Hintergrund. Diese Debüt LP gilt als typisches Dreampop Album. Nun ja, mit diesen Schubladen ist das immer so eine Sache. Ich höre hier eigentlich nichts, was es nicht schon vorher gegeben hätte. Folkrock und Folkpop vor allem. Ein bisschen Psychedelia hat sich aus Rain Parade Zeiten erhalten. Hin und wieder gibt es Feedback Gitarren unter schönen Melodien, ganz wie bei The Jesus And Mary Chain. Aber auch eine Slide Gitarre ist gelegentlich zu hören, was dem Ganzen so ein wenig Country Feeling und Americana Touch verleiht. Vor allem aber ist es Hopes engelsgleiche Stimme, die der Platte ihren verträumten Charakter verleiht. Und weil die Musik zum Teil dann doch noch recht spröde oder sagen wir bluesig, ja sogar rockig erscheint, ist das meines Erachtens das beste Album der Band. Das Reissue auf Plain Recordings ist nicht schwer zu bekommen. ****

    Nirvana – Nevermind (LP, Geffen Records, 1991/2011)

    Letztes Jahr erschien eine Jubiläumsausgabe von Nirvanas „Nevermind“. Eine 4-fach LP-Box mit diversen Bonustracks und natürlich wie üblich remastert. Das Bonusmaterial ist m.E. vor allem für absolute Fans und vielleich auch für Archivare und Forscher interessant. Aber ich hab’ mal die Neuauflage mit der Originalpressung von 1991 verglichen. Und siehe da, selbst die remasterte Vinylversion klingt weniger transparent und insgesamt flacher als meine UK Pressung aus dem Jahr 1991. Ich meine auch damals war die Platte ja in Teilen ein ganz schönes Brett. Aber die Dynamik zwischen laut und leise bei Tracks wie „In Bloom“ oder „Lithium“ war und ist eine der Stärken dieser LP. Bei der neuen Version ist diese Dynamik zwar andeutungsweise noch erkennbar, aber man spürt sie nicht mehr auf die gleiche Weise, wenn man direkt im Schnittpunkt der rechten und linken Lautsprecherbox sitzt. Auch eine gewisse Wärme der Originalpressung von 1991 ist nun nicht mehr spürbar. Schon erstaunlich wie so ein guter Klang zunichte gemacht wird, ohne Not und ohne Sinn und Verstand. Ich hatte die LP in den letzten Jahren nicht mehr aufgelegt. Lediglich die Singles hatte ich ab und zu gespielt bzw. hab’ ich sie bei diversen Gelegenheiten im Radio oder anderswo gehört. Ich muss zugeben, die Hits habe ich mir inzwischen fast ein bisschen übergehört. Aber natürlich sind „Smells Like Teen Spirit“, Lithium“ oder „Come As You Are“ nach wie vor tolle Songs und großartige Tracks. Auch im Albumzusammenhang. Diese Unbedingtheit, das kompromisslose Leiden, das aus Kurts Stimme klingt, überzeugt mich nach wie vor. Über Nirvana und über diese LP ist eigentlich schon alles gesagt und geschrieben worden. Mich beeindruckt nach wie vor diese grandiose Mischung aus Punk und Pop. Diese in Teilen brachialen Gitarren, die LMAA Attitüde und der absolut präzise satte Drumsound auf der einen Seite, die immer wieder aufscheinende Popsensibilität und die fast schon zarte Intonation in den leiseren Passagen andererseits. Die Platte ist durchgängig gut, keine Frage. Sie hat ihre Bedeutung im Pop Kosmos sowieso. Dennoch hat sie in meiner persönlichen Wertschätzung ein wenig verloren. Eine zeitlang war ich geneigt, ihre Bedeutung zu überhöhen. Das ist unnötig. Ich mag diese LP immer noch. Und in der richtigen Stimmung gehört verschafft sie mir nach wie vor einen Kick, löst gar Gänsehaut aus. Aber es gibt doch eine ganze Reihe LPs, die mir deutlich mehr bedeuten. Die ***** erreicht Nevermind nur noch knapp.

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    #5217945  | PERMALINK

    natsume

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    Mikko

    Mazzy Star – She Hangs Brightly (LP, Rough Trade, 1990)

    […]
    Und weil die Musik zum Teil dann doch noch recht spröde oder sagen wir bluesig, ja sogar rockig erscheint, ist das meines Erachtens das beste Album der Band. […]

    Genau aus diesem Gründen ist es für mich das schwächste
    Mazzy-Star-Album.

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    #5217947  | PERMALINK

    irrlicht
    Nihil

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    MikkoMadrugada – The Nightly Disease (DoLP, Virgin Records, 2001/2011)

    Eine sehr schöne, treffende Würdigung.

    Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass Madrugada, seit ich sie einst, vor etwa sieben Jahren, kennenlernte, zu meinen Lieblingsbands zählt – vieler der Gründe dafür hast Du bereits aufgeführt: Die Schwere und enorm intensive Gefühlsstärke ihrer Songs, der melodische Reichtum, der dennoch von peitschenden, sehr klar eingesetzten Anteilen geerdet wird, in denen sich die Band darauf besinnt, dem Schönklang den Atem zu nehmen – mal bleiben Songs über Minuten hinweg in der Schwebe, manchmal beginnen sie wie ein Lauffeuer zu brennen; den Tod Burås habe ich betrauert, denn der Mann war wahrlich ein Unikum und selbst wenn nach derartigen Schlägen mancher Song noch unterbewusst an Tiefe und Mehrdeutigkeit gewinnt, ist es schon erstaunlich, wie beeindruckend die Songs schon zur frühsten Bandphase klangen – das Verständnis war da, Akzente zu setzen, sehr markante und solche, die man nie vergessen wird, aber sich dennoch im Kontext nie in den Vordergrund zu stellen. Aber alles in allem war Madrugada eine brillant aufeinander eingespielte Band als solche, es ist gut, dass mit dem Tod auch in Norwegen die Sonne untergegangen ist und Hoyem seither seinen eigenen Projekten nachgeht.

    Eine wunderbare Band, bei der man praktisch jedes Album empfehlen kann, auch wenn „Grit“, wie ich finde, etwas abfällt. Danke Dir, Mikko, dass Du daran erinnerst; „The nightly disease“ war das letzte Werk, das ich kennenlernte, ich werde es direkt für die nächsten Tage wieder rauslegen.

    Und noch eine Frage an die, die meinen Präferenzen etwas einschätzen können: Wäre Mazzy Star was für mich? Die Beschreibung hat mich recht neugierig gemacht.

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    Hold on Magnolia to that great highway moon
    #5217949  | PERMALINK

    mikko
    Moderator
    Moderator / Juontaja

    Registriert seit: 15.02.2004

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    Freut mich, Irrlicht, dass ich auch Deinen Nerv getroffen habe.

    Mazzy Star ist definitiv auch was für Dich, vermutlich am ehesten das letzte Album „Among My Swan“.

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