Male Jazz Singers

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  • #61813  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Wir haben bereits einen Thread über Jazz-Sängerinnen, aber die männlichen Sänger passen bisher nirgends rein… ich hab gestern die beiden CDs mit Bill Hendersons kompletten Vee-Jay-Aufnahmen angehört und dachte, es ist jetzt endlich mal Zeit, einen eigenen Thread zu starten.

    Wiki hat eine wenig hilfreiche Liste mit einigen Sängern, von denen viele aber zugleich auch Instrumentalisten waren, etwa Louis Armstrong, Trummy Young, Chet Baker, Dizzy Gillespie, Red Allen, Kid Ory, Ray Nance, Lionel Hampton, Jonah Jones, Roy Eldridge oder Cootie Williams. Dass hier so viele Trompeter erscheinen, ist nicht weiter erstaunlich, denn am Anfang des Jazz-Gesanges (da sind für einmal die Damen eingeschlossen) steht Louis Armstrong, der wohl davon profitierte, dass er mit einigen der wichtigsten Blues-Sängerinnen des frühen 20. Jahrhunderts gearbeitet hat, darunter auch Bessie Smith.

    Joachim Ernst Berendt schreibt:

    Bevor es Jazz gab, gab es Blues und Shouts, Worksongs und Spirituals und en reichen Schatz der schwarzen und weissen gesungenen Volksmusik im Süden der USA; es gab, was Marshall Stearns den ‚archaischen Jazz‘ genannt hat. Aus dieser Musik ist der Jazz entstanden. Das heisst, er ist aus vokaler Musik entstanden. Vieles in der Jazztonbildung ist dadurch zu erklären, dass die Bläser auf ihren Instrumenten den Klang einer menschlichen Stimme nachahmen. Offensichtlich wird dies etwa bei den growl-Klänger von Trompete und Posaune im Orchester Duke Ellingtons oder beim Bassklarinettenspiel von Eric Dolphy. Andererseits ist der Jazz heute so ausschliesslich eine instrumentale Musik, dass seine Standards und Kriterien vom Instrumentalen her gefunden werden – auch die Standards des Jazzgesanges. Der Jazzvokalist behandelt seine Stimme ‚wie ein Instrument‘ – wie eine Trompeter oder wie ein Saxophon. Deshalb sind diejenigen Kriterien, die für die europäische Vokalmusik wichtig sind, für den Jazzgesang unerheblich: etwa die Reinheit der Stimme oder der Stimmumfang. Einige der wichtigsten Jazzsänger haben – nach ‚klassischen‘ Kriterien – ‚hässliche‘ Stimmen. Viele von ihnen haben einen Stimmbereich, der so begrenzt ist, dass er kaum über den Tonumfang eines Volksliedes hinausgeht.

    Das Dilemma des Jazzgesangs liegt in diesem Paradox. Der ganze Jazz kommt von gesungener Musik, aber der ganze Jazzgesang kommt von instrumentaler Musik her. Nicht umsonst sind einige der besten Sänger des Jazz Instrumentalisten – allen voran Louis Armstrong.

    ~ Joachim Ernst Berendt: Das Jazzbuch. Von New Orleans bis in die achtziger Jahre. Überarbeitet und fortgeführt von Günther Huesmann, Frankfurt am Main 1991 (Fischer TB der 1989er Ausgabe), S. 477.

    Jenseits dieses Dilemmas – das für Sängerinnen ebenso wie für Sänger gilt, aber es steht am Anfang des Kapitels über die Sänger, das dem über die Sängerinnen vorangestellt ist – lokalisiert Berendt den Bluesgesang und macht seinen Einstieg in den Überblick dannn auch aus dieser Richtung – und nennt zum Einstieg gleich Ray Charles, der die Welten verknüpfte, vom Blues her kam, aber von der ganzen Jazzwelt akzeptiert und anerkannt wurde.

    Ich lasse im folgenden Berendts Blues-Sänger mal weg, denn sie sollen hier nicht im Zentrum stehen (das geht bei ihm von Blind Lemon Jefferson über John Lee Hooker oder B.B. King bis hin zu Taj Mahal und Robert Cray).

    Am Übergang von Blues und Jazz:

    Jimmy Rushing
    Jimmy Witherspoon
    Big Miller
    Joe Williams
    Big Joe Turner

    Leon Thomas

    Olu Dara

    Der Übervater:

    Louis Armstrong

    … und seine Schüler:

    Henry „Red“ Allen
    Doc Cheatham
    Bunny Berigan
    Bill Coleman
    Roy Eldridge
    Jonah Jones
    Wingy Manone
    Ray Nance
    Hot Lips Page
    Louis Prima
    Cootie Williams

    Der Einzige, der Einzigartige, der Erfinder des „Singer-Songwriters“

    Hoagy Carmichael

    Frühe Jazzsänger & Swing-Ära:

    Fats Waller
    Jack Teagarden
    Freddy Johnson
    Bob Howard
    Pat Flowers
    Jimmy Grissom
    Al Hibbler
    Dick Haymes
    Tony Pastor
    Woody Herman
    Slim Gaillard
    Cab Calloway
    Dan Grissom
    Herb Jeffries

    Mills Brothers

    Die populären:
    Bing Crosby
    Russ Columbo
    Frank Sinatra
    Dean Martin
    Frankie Laine
    Perry Como
    Vic Damone
    Matt Dennis
    Bobby Darin
    Tony Bennett
    Sammy Davis Jr.

    Mel Tormé

    Nat King Cole

    Andere singende Instrumentalisten:

    Kid Ory
    Trummy Young
    Jay McShann
    Lionel Hampton
    Kenny Dorham
    Grady Tate
    Clark Terry
    Chet Baker
    Richard Boone
    George Adams
    Ku-umba Frank Lacy
    George Benson

    Bebop & Beyond:

    Billy Eckstine
    David Allyn
    Arthur Prysock

    Babs Gonzalez
    Earl Coleman
    Kenny „Pancho“ Hagood
    Frankie Passions
    Joe Carroll
    Dizzy Gillespie

    Jimmy Scott

    Jackie Paris
    Oscar Brown Jr.
    Johnny Hartman
    Johnnie Pace
    Bill Henderson
    Ernie Andrews
    Mark Murphy

    Vocalese:
    Eddie Jefferson
    King Pleasure
    Jon Hendricks
    Dave Lambert
    (Annie Ross – darf hier einfach nicht fehlen!)

    Mose Allison
    Ben Sidran

    Andy Bey
    Mark Murphy
    Bob Dorough
    Dave Frishberg
    Joe Lee Wilson
    Lou Rawls

    Gil Scott-Heron
    Robert Wyatt
    Tom Waits

    Die Brasilianer…

    Antonio Carlos Jobim
    João Gilberto
    Edu Lôbo
    Gilberto Gil
    Caetano Veloso
    Milton Nasimento

    … und ihre Schüler

    Pedro Aznar
    David Blamires
    Mark Ledford
    Delmar Brown
    Michael Gregory Jackson

    Die Akrobaten:

    Al Jarreau
    Bobby McFerrin

    Phil Minton
    Arto Lindsay
    David Moss
    Beñat Achiary

    Der jüngere Mainstream

    Freddy Cole
    Kurt Elling
    Kevin Mahogany
    John Pizzarelli
    Harry Connick Jr.
    José James

    David Linkx
    Daniel Yvinec



    Wie üblich ergänze ich die Liste gerne – aber nein Michael Bublé brauch ich nicht… es reicht, ein paar der „alten“ Sänger drinzuhaben, die zwischen Pop und Jazz standen… Tormé ist unter ihnen eine Ausnahme-Erscheinung, er hat besonders mit Marty Paich ganz hervorragende moderne Jazz-Aufnahmen gemacht. Und ja, natürlich war Sinatra ganz gross… aber ich hab zu seinen frühen Aufnahmen (vor den grossen Capitol-Jahren) noch keinen Zugang gefunden.

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    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #133: Revivals in den 90ern und eine Neuheit aus der Romandie - 14.6., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #7: tba | No Problem Saloon, #29: tba
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    #8058749  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Beiträge: 61,834

    Hier gibt’s knappe Infos zu den „30 Greatest Male Jazz Vocalists“, die vom Radio-Sender WAER im Frühling 2000 ermittelt wurden:
    http://waer.org/jazzmen.html

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    #8058751  | PERMALINK

    katharsis

    Registriert seit: 05.11.2005

    Beiträge: 1,737

    Mit männlichen Jazz-Vokalisten habe ich so manchmal meine Probleme, manchmal passen sie wunderbar zu einer entspannten Abendstimmung.
    Vorlieben habe ich keine, allerdings mag ich den Crooner-Stil sehr gerne, gerade in Form von Johnny Hartman und weniger in der etwas leiernden Variante eines Earl Coleman. Ich bin schon etwas länger auf der Suche nach dem Impulse-Album von Jackie Paris, das mich sehr interessiert.
    Vor kurzem habe ich das erste Mal Johnny Pace (der in obiger Liste fehlt) gehört und war sehr überrascht über seine weiche, aber sehr kräftige und enorm schmeichelnde Stimme. Ich werde mir mal das Album mit Baker besorgen, da er von der Klangfarbe sogar noch vor Hartman rutschen könnte.

    Baker selbst habe ich in letzter Zeit als Sänger immer mehr schätzen gelernt, wenngleich ich immer wieder über dessen „Backen-hängen-lassen-Gesang“ schmunzeln muss. Sympathisch finde ich ihn, weil bei ihm Coolness, Verletzlichkeit und harmonische Unsicherheiten so kongenial miteinander vermischt sind. Auch ist mir immer mehr aufgefallen, dass er seinen Stil sehr stark an das Trompetenspiel anlehnt und dadurch technisch einen ganz anderen Zugang zum Jazzgesang hat.

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    "There is a wealth of musical richness in the air if we will only pay attention." Grachan Moncur III
    #8058753  | PERMALINK

    alexischicke

    Registriert seit: 09.06.2010

    Beiträge: 1,776

    Sinatra und sonst niemand anders!

    Gebe aber zu,dass über den genauen Jazzgehalt dieser Sänger streiten kann.

    Freddy Cole und Tony Bennett habe ich beide gesehen.

    Gypsy Freddy Cole ist mittlerweile auch schon 80.

    --

    #8058755  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    alexischickeGypsy Freddy Cole ist mittlerweile auch schon 80.

    Ich weiss, aber er ist ein solcher Spätzünder, dass ich ihn in die Liste mit den jüngeren Sängern gepackt habe.
    Ich mag ihn gern, hab vier CDs von ihm.

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    #8058757  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 9,795

    ich werde ja mehr und mehr zum bob-dorough-fan, muss ich gestehen. und harry connick jr. ist sehr unterschätzt (das wiederum hat er sich selbst zuzuschreiben).

    witzig finde ich die erwähnung von kenny dorham – die gesangsplatte funktioniert doch – hand auf’s herz – überhaupt nicht, oder…? ;-)

    aktuell ergänzen muss man wohl jose james, mit dem mccoy tyner & chris potter gerade ein coltrane&hartman-cover präsentieren 8was auch immer man davon halten soll. das übliche gerede vom „erneuerer des jazzgesangs“ ist jedenfalls schon im umlauf…

    --

    #8058759  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 61,834

    Was meine Favoriten betrifft… da ist natürlich Louis Armstrong, von den älteren überdies Jimmy Rushing, Jimmy Witherspoon, Joe Williams (dessen Crooner-Album „A Man Ain’t Supposed to Cry“ solltest Du man anhören, katharsis!).

    Von den Armstrong-Eleven mag ich Bill Coleman und Jonah Jones ganz gerne, aber auch den früher Louis Prima.

    Und natürlich Jack Teagarden – einer meiner Lieblingssänger, neben Armstrong von den Sängern/Instrumentalisten sicher mein liebster!

    Von den Big Band Sängern (wen kann man da noch ergänzen, Alex? Die Liste oben ist eh schon mehr doppelt so lang wie jene bei Berendt, aber mit den Big Band Sängern kenn ich noch nicht so gut aus… Earle Warren kommt aber nicht rein – toller Lead-Altsaxer, abgrundtief=schlimmer Sänger) mag ich Woody Herman sehr gerne… aber bei ihm ist’s das Gesamtpaket, was zählt: Sax (stark Hodges-geprägt), Klarinette (immerhin hat er auch diese Stravinsky-Dinger gewagt), Bandleader (hat stets grossartige Leute um sich geschart, tolle Rhythmusgruppen gehabt, gute Arrangeure angestellt) und eben auch Sänger („Songs for Hip Lovers“ von 1957 auf Verve ist sehr schön, u.a. mit Ben Webster, Harry Edison, Charlie Shavers und Jimmy Rowles).
    Dan Grissom (mit Lunceford – auch das Gesangstrio Sy Oliver/Eddie Tompkins/Willie Smith hör ich nicht ungern) hör ich auch einigermassen gern, ebenfalls den einzigartigen Al Hibbler (Anspieltipp: „A Meeting of Times“, mit Roland Kirk).

    Dann liebe ich natürlich Nat King Cole – ein grossartiger Pianist und Sänger, der in seinen frühen Jahren eigentlich nichts falsch machen konnte, später leider nur noch selten Piano gespielt hat (etwa auf „After Midnight Sessions“, das es auf CD – Achtung: keine Graumarkt-Ausgaben sondern jene von Capitol kaufen! – in leicht erweiterter Form gibt… das Trio plus Lee Young an den Drums und vier Gäste, die alle nur einzeln auftauchen: Harry Edison, Willie Smith, Stuff Smith und Juan Tizol).

    Und dann ist da wie gesagt Mel Tormé – ein Sänger, der schon als Wunderkind auftrat, der auch Schlagzeug spielte und von ernormer Musikalität war. Das wichtigste Argument war aber immer seine samtene Stimme, die von ungewöhnlicher Geschmeidigkeit war – er kriegte denn auch den Übernamen „the velvet fog“. Zu seinen besten Aufnahmen gehört das 1956 mit dem Marty Paich Dek-Tette eingespielte Bethlehem Album („Lulu’s Back in Town“ – den Titelsong spielte übrigens auch Monk hie und da gerne, solo), dann der Verve-Klassiker von 1960, wieder mit mit Paich aber etwas grösserer Band, „Mel Tormé Swings Shubert Alley“, und auch er hat ein grossartiges Crooner-Album hinterlassen, 1955 für Bethlehem eingespielt: „It’s a Blue World“.

    Was dann Sinatra betrifft… ich hab ca. ein Dutzend seiner Capitol-Alben auf CD, am besten gefallen mir wohl „In the Wee Small Hours“ und „Songs for Swingin‘ Lovers“. Aber ich brauche für die meisten anderen noch etwas mehr Zeit. Die drei Alben mit Basie kommen an die beiden genannten für mich alle nicht heran, „Sinatra-Basie“ ist wohl das schönste, „It Might as Well Be Spring“ kenn ich noch nicht gut, „Sinatra at the Sands“ ist mir zu… inkohärent, da ist zuviel Gelaber mit drauf, zuviel Show, zuwenig Musik, zuwenig Platz für die tolle Band.
    Die erweiterte Neuausgabe von „Sinatra-Jobim“ brauch ich unbedingt noch.

    Was den Bebop betrifft… mit Billy Eckstine muss ich mich mal näher auseinandersetzen. Er war eine Schlüsselfigur (als Bandleader) des frühen Bebop, bis ihm irgendwelche Abzocker eingeredet haben, er solle besser Solo gehen, er brauche keine Band… sehr schade. Muss mir von ihm mal die Savoy-Aufnahmen besorgen.
    Babs Gonzales mag ich gerne, Earl Coleman ein Spur weniger, aber auch von ihnen brauch ich noch mehr.
    Wer sich für Bebop-Gesang interessiert, dem sei die Cool Whalin‘ CD auf dem englische Spotlite-Label empfohlen, da kriegt man die Sänger zu hören: Joe Carroll (aus den 70ern mit Howard McGhee), Pancho Hagood (1967 mit dem Joe Sample Trio), Babs Gonzales (1952), Eddie Jeffersons frühste Aufnahmen (1948/49), Frankie Passions (mit Thelonious Monk in den späten 50ern – Passions fehlt noch oben). Eine sehr eigenartige CD, die man kaum je ganz am Stück erträgt, auf der aber einige verborgene Schätze zu entdecken sind!

    Dann ist da Little Jimmy Scott… ich kenne noch viel zu wenig von ihm – einigen Mag seine kleinwüchsige Erscheinung und hohe Stimme aus „Twin Peaks“ vertraut sein, anderen von seinen darauf folgenden Comeback-Alben der 80er und 90er. In den 50ern hat er für Savoy aufgenommen, unter übelsten Bedingungen mit einem Knebelvertrag (Lubinsky hat zwar viel gute Musik veröffentlicht, war aber auch ein äusserst skrupelloser Geschäftsmann) – ich kenne davon erst weniges. Sein Meisterstück entstand 1962 für Ray Charles‘ Tangerine Label und wurde aus rechtlichen Gründen sofort wieder zurückgezogen, bis das Album – es heisst „Falling In Love Is Wonderful“ und auf dem Cover war ein grosser starker Afroamerikaner abgebildet… – vor einigen Jahren auf CD erschienen ist. Auch sein Atlantic-Album „The Source“ von 1970 ist sehr gut. Über die späten Aufnahmen habe ich noch keinen richtigen Überblick, aber „All the Way“ (Warner, rec. 1990) scheint mir sehr gut zu sein.

    Next… Oscar Brown Jr. – eine Ausnahmeerscheinung, ein überschwänglicher Sänger und ein wichtiger Texter (er war in dieser Funktion an Max Roachs „Freedom Now Suite“ beteiligt). Sein Debut-Album „Sin & Soul“ ist ein ganz grosser Klassiker, ein unglaublich mitreissendes Album. Darüberhinaus kenne ich bisher erst „Oscar Brown Jr. Goes to Washington“, eine Live-Aufnahme von 1964 mit einem Piano-Trio.

    Mit Johnny Hartman musste ich mich langsam anfreunden – der Einstieg war natürlich das Album mit Coltrane (auf dem mich der letzte Track, „Autumn Serenade“, immer und immer wieder verzaubert, aber das liegt auch am unglaublichen Coltrane-Solo und am tollen Beat, den Elvin draufhat). Mittlerweile gefällt mir wohl sein „I Just Dropped By to Say Hello“ von 1963 eine Spur besser, aber mit „Unforgettable“ konnte ich mich noch nicht recht anfreunden. Auch er hat zwei Bethlehem-Alben gemacht (neben Tormé und ihm kam da übrigens auch Herb Jeffries, der mit Ellington „Flamingo“ sang und damit einen Hit landete, in den Genuss eines Bethlehem Crooner-Albums), von denen mir „Songs from the Heart“ von 1955 (mit Howard McGhee und Ralph Sharon) ziemlich gut, „All of Me“ von 1956 etwas weniger gut gefällt.

    Bill Henderson ist eine Entdeckung wert. Wie gesagt, die beiden CDs mit seinen Vee-Jay Aufnahmen haben mich dazu gebracht, diesen lang geplanten Thread entlich zu starten. Man hört ihn da mit dem Rameys Lewis Trio, mit einer Small Group um Booker Little, Yusef Lateef und Wynton Kelly (arr. Benny Golson), einem Kontingent Basie-ites (darunter Frank Wess, am Piano Gildo Mahones, arr. Wess), den MJT+3 (leider nur ein Stück), mit einer unbekannten Band unter Leitung von Jimmy Jones, einer unbekannten Combo, nochmal mit Basie-ites (diesmal dabei: Thad Jones, Nat Adderley, Elvin Jones), nochmal mit Orchester, vermutlich unter Leitung Jimmy Jones‘, und zum Abschluss mit einer Chicagoer Band (u.a. Paul Serrano, John Avent, Eddie Harris, Eddie Higgins und Joe Diorio, im CD-Booklet „D’Orio“ geschrieben – auf einem der Stücke spielen nur Harris, Diorio und Bassist Rail Wilson, auf zwei weiteren ist nur das Trio von Eddie Higgins zu hören). Die Stücke umfassen so tolle Songs wie „Sleepin‘ Bee“ (Arlen/Capote), „Am I Blue“, Percy Mayfields „Please Send Me Someone to Love“ (das ist das Stück mit Harris, Diorio und Wilson), „Skylark“, ein Nat Adderley/Curtis Lewis Stück mit dem Titel „Old Country“ und Bobby Bryants „Sleepy“. Ich hatte einige Mühe, die CDs zu finden, von Vol. 2 gab’s am Ende nur ein Promo-Exemplar… aber es lohnt sich sehr!

    Die Vocalese-Leute liebe ich auch, natürlich ganz besonders die Gruppe Lambert, Hendricks & Ross mit Jon Hendricks‘ aberwitzigen Lyrics. Ihr Basie-Album ist unglaublich!

    Dann ist da Mose Allisonyour mind is on vacation and your mouth is workin‘ overtime… seine ganz frühen Aufnahmen sind grossartig, auch was sein Piano-Spiel betrifft (Spuren von Herbie Nichols?), später ist es vor allem sein Gesang, der zu gefallen weiss, als Pianist verlor er leider etwas. Über ihn mach ich vielleicht eines Tages einen eigenen Thread… Anspieltipp vorerst: „Back Country Suite“ (Prestige, 1957), „Your Mind Is on Vacation“ (Atlantic, 1976) und das 3CD-Set „High Jinks“ (Sony), in dem die drei 1959-61er Columbia Alben „Transfiguration of Hiram Brown“, „I Love the Life I Live“ und „V-8 Ford Blues“ zu finden sind.

    Dann Bob Dorough – für viele wie der Klang von Fingernägeln auf einer Wandtafel, aber ich liebe ihn, schon nur für „Devil May Care“! So heisst auch das empfehlenswerte Bethlehem-Album des Sänger/Pianisten von 1956. Ebenfalls hörenswert ist die Definitive-CD, auf der seine Aufnahmen mit Sam Most zu hören sind.

    Joe Lee Wilson ist eben verstorben (obit aus dem Guardian), sein „Livin‘ High Off Nickels and Dimes“ ist ein verkannter Klassiker (besitze es leider nicht), er ist zudem u.a. mit Archie Shepp zu hören („Attica Blues“ und „The Cry of My People“, beide Impulse 1972, sowie „Attica Blues Big Band“, Marge 1979).

    Die Brasilianer lass ich jetzt mal weg, Gilberto und Jobim sind da meine liebsten, kenne aber von den anderen teils nichts, teils wenig – die stehen auch eher wegen ihres Einflusses in der Liste.

    Das war’s dann wohl mit meinem Schnelldurchgang… von den Sängern, von jenen, die in den letzten Jahren aktiv waren, ist Freddy Cole wohl einer meiner liebsten, wie Alex sagt ist er ein älteres Semester, wir aber immer der kleine Bruder bleiben.

    Von Leuten wie Beñat Achiarry, Phil Minton und David Moss bin ich immer mal wieder beeindruckt, kann aber – wie auch von Bobby McFerrin und erst recht Al Jarreau – nur wenig am Stück ertragen. Ein ähnlicher Stimm-Akrobat ist überdies der Schweizer Bruno Amstad, der u.a. mit Christy Doran gearbeitet hat und auch (mit Loops und Samplern) solo auftritt.

    Und – als sei’s sein Schicksal, er fehlt schon bei Berendt – ich hab Andy Bey fast vergessen. Auch das ein Pianist/Sänger, einer der ganz grossen, absolut unverkennbaren. Als Sideman hat er mit so ziemlich allen gearbeitet: Max Roach, Howard McGhee, Horace Silver, Duke Pearson… als Leader hat er in den vergangenen Jahren schöne Solo- und Trio-Alben eingespielt, und in den 50ern war er mit „Andy & The Bey Sisters“ unterwegs, mit seinen Schwestern Geraldine und Salomey Bey. Die beiden Prestige-Alben „Now! Hear!“ und „Round Midnight“ von 1964 bzw. 1965 gab’s auf einem CD-Twofer von Fantasy, das zweite auf einzeln in der RVG Remasters Reihe. Eine kleine rare Perle gibt’s zudem auf einer Various Artists CD in der Jazz in Paris Reihe (Harold Nicholas / June Richmond / Andy & The Bey Sisters), eine kurze Sessions (Resultat war eine Single) mit Barney Wilen, Kenny Dorham, Paul Rovère und Kenny Clarke.

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    #8058761  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Registriert seit: 25.01.2010

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    vorgartenich werde ja mehr und mehr zum bob-dorough-fan, muss ich gestehen.

    Dann bin ich da wenigstens nicht ganz allein – schön! :sonne:

    vorgartenwitzig finde ich die erwähnung von kenny dorham – die gesangsplatte funktioniert doch – hand auf’s herz – überhaupt nicht, oder…? ;-)

    Ich kenn sie noch kaum… muss sie mal hervorsuchen.

    Und ich hab Deinen Post zerschnipselt, sorry:

    vorgartenund harry connick jr. ist sehr unterschätzt (das wiederum hat er sich selbst zuzuschreiben).

    aktuell ergänzen muss man wohl jose james, mit dem mccoy tyner & chris potter gerade ein coltrane&hartman-cover präsentieren 8was auch immer man davon halten soll. das übliche gerede vom „erneuerer des jazzgesangs“ ist jedenfalls schon im umlauf…

    Potter? Hm… okay, der junge kann spielen (und ist so jung auch nicht mehr), eine zeitlang bin ich dem Potter-Hype auch aufgesessen. Tyner würde sowas doch besser mit Bartz machen – das Altsax gäbe dem ganzen einen eigenen Touch und Bartz hat hundertmal mehr credibility als Potter. Aber egal, sowas entscheiden ja wohl produzenten… ich hoffe bloss, die mussten nicht eins zu eins dieselbe Trackliste durchspielen, das wär ja armselig. José James kenn ich nicht, nur Bob James, aber das hat wohl keinen Zusammenhang… hab José James und Harry Connick Jr. (ok, Du machst mich neugierig… Anspieltipp? Kurzbeschreibung?) oben ergänzt (ebenso Frankie Passions).

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    #8058763  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Registriert seit: 25.01.2010

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    Ach ja, ein wunderbarer Moment von Bobby McFerrin ist auf dem Titelstück des Filmsoundtracks zu Bertrand Taverniers ‚Round Midnight zu hören… wie er da mit seiner Stimme quasi Trompete spielt ist schon sehr, sehr eindrücklich. Den Film kenn ich übrigens immer noch nicht, hab ich in den letzten zehn Jahren bestimmt schon fünfmal im Kino verpasst, hélas!

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    #8058765  | PERMALINK

    katharsis

    Registriert seit: 05.11.2005

    Beiträge: 1,737

    gypsy tail windJoe Williams (dessen Crooner-Album „A Man Ain’t Supposed to Cry“ solltest Du man anhören, katharsis!).

    Bill Henderson ist eine Entdeckung wert.

    Und – als sei’s sein Schicksal, er fehlt schon bei Berendt – ich hab Andy Bey fast vergessen.

    Über „A man ain’t supposed to cry“ haben wir uns schon unterhalten, großartiges Album. Mir gefallen die wunderbaren Arrangements sehr gut, die sich von jeglichem Schmalz fernhalten und sich zuweilen – gerade beim Titelstück die Brass-Section – in den Gehörgang fräsen. Williams selbst bringt wieder diesen maskulinen Gesangsstil, der aber trotzdem ruhige Zwischentöne kennt.

    Bill Henderson hört sich sehr gut an und ich kenne, glaube ich, tatsächlich nichts von ihm.

    Und Andy Bey hätte ich auch vergessen, dabei sind die beiden Prestige-Alben eigentlich wirklich gut, nicht nur was das gesangliche, sondern auch das musikalische angeht. Die Band mit Kenny Burrell, Milt Hinton und Osie Johnson ist auch von einem besonderen Kaliber für diese Musik. Gerade die bekannteren Stücke wie „Round Midnight“ oder „Solitude“ verwehren sich jeglichem Kitsch und geben den Stücken eine besondere Note. Gefällt mir immer sehr gut, wenn ich sie mal auspacke.

    --

    "There is a wealth of musical richness in the air if we will only pay attention." Grachan Moncur III
    #8058767  | PERMALINK

    alexischicke

    Registriert seit: 09.06.2010

    Beiträge: 1,776

    Man könnte List noch erweitern auf Vic Damone.

    Dann gab es als Big Band Sänger Dick haymes hat bei Dorsey und Harry James gesungen,hat in seinen letzten Lebensjahren noch zwei Jazzalben aufgenommen.

    Perry Como hat auch als Big Band Sänger beinflusst und war zumindestens doch von Jazz beinflusst.

    Tony Pastor war Sänger bei der Artie Shaw Big Band.

    Von den heute lebenden Sänger gefällt mir Tony Bennett am besten,der tritt mit 85 noch mit einem Jazzquartett auf.Sein Rhytmusgefühl ist wunderbar und das mit 85!

    Zu Sinatra habe ich ja schon viel geschrieben,Gypsy. Dean Martin kann man da auch noch nennen.

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    #8058769  | PERMALINK

    katharsis

    Registriert seit: 05.11.2005

    Beiträge: 1,737

    gypsy tail windEine kleine rare Perle gibt’s zudem auf einer Various Artists CD in der Jazz in Paris Reihe (Harold Nicholas / June Richmond / Andy & The Bey Sisters), eine kurze Sessions (Resultat war eine Single) mit Barney Wilen, Kenny Dorham, Paul Rovère und Kenny Clarke.

    Dazu passt übrigens dieser nette < Clip>
    Darüber hinaus gibt es noch einen Clip von Andy Bey samt Schwestern, zu <
    Love>

    --

    "There is a wealth of musical richness in the air if we will only pay attention." Grachan Moncur III

    gypsy-tail-wind
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    Danke Alex, Haymes, Pastor, Damone und Martin hab ich ergänzt, Como ist schon in der Liste. Haymes und Pastor hab ich bestimmt irgendwo, kann aber nicht grad behaupten, mich an sie zu erinnern.

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    #8058773  | PERMALINK

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    #8058775  | PERMALINK

    redbeansandrice

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    was ja irgendwie auffällt, ist das fast komplette Fehlen von Europäern in dieser Liste…

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