Literarische Begegnungen (Lesungen)

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  • #10320241  | PERMALINK

    ford-prefect
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    henne@ford-prefect:
    Vielen Dank für den schönen Text zur Lesung Robert Forsters mit Maik Brüggemeyer. Forster ist demnächst in meinem Wohnort zu Gast; nehme mir vor, hier auch etwas davon zu berichten

    Danke. Ja, gerne, dieser Thread steht natürlich jedem frei zur Verfügung. Da bin ich ja mal gespannt.

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    "The first German word I'v learned in Germany was 'verboten'. Signs everywhere with 'verboten'. Verboten, Verboten, Verboten. In Germany everything seems to be verboten." (Buzz Osborne / The Melvins, Zoom-Club, Frankfurt/Main, 6.10.2015)
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    #10320291  | PERMALINK

    henne

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    Ich habe Forster ein paar Mal Anfang der 1990er Jahre in seiner Regensburger Zeit getroffen; ein Bekannter von mir arbeitete seinerzeit in der Regensburger GOVI Filiale und war den Go-Betweens schon in den 80ern hinterhergereist, wenn sie auf Tour waren. Mein Bekannter war Leadsänger einer Band namens Baby you know ; bei ihm wohnte Forster dann auch einige Zeit und seine Frau, die ja aus der Gegend stammt, spielt, zusammen mit Forster, auch auf dem zweiten Baby you know –Album  Clear water. 

    Die Band probte einige Zeit lang auch in einem Raum über einer Kneipe in Regensburg und ich hockte mich hin und wieder gerne dazu.. insofern freut es mich besonders, Forster nach etlichen Jahren auf diese Weise nun mal wieder live zu sehen. Der frühe Tod Grant McLennans hat mich damals natürlich auch schwer getroffen…

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    #10320341  | PERMALINK

    ford-prefect
    Feeling all right in the noise and the light

    Registriert seit: 10.07.2002

    Beiträge: 5,065

    Ah, ein Insider, cool. ;-) Dann könntest du ja glatt zwischendurch mit auf die Bühne kommen und von Forsters Regensburger Zeit berichten, aus deiner Sicht.

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    #10320365  | PERMALINK

    thokei

    Registriert seit: 09.07.2002

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    henne Mein Bekannter war Leadsänger einer Band namens Baby you know ; bei ihm wohnte Forster dann auch einige Zeit und seine Frau, die ja aus der Gegend stammt, spielt, zusammen mit Forster, auch auf dem zweiten Baby you know –Album Clear water.

    Die Sängerin von „Baby you know“ ist seit diversen Jahren die Ehefrau von RF und beide leben in Brisbane btw…

    Habe die Lesung in Hamburg leider verpasst. War aber auch schon Wochen vorher ausverkauft und ich zu der Zeit dann leider krank. Lese momentan das Buch und es bereitet viel Freude.

    zuletzt geändert von thokei
    #10343185  | PERMALINK

    ford-prefect
    Feeling all right in the noise and the light

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    Dietmar Dath – Ernst-Bloch-Zentrum, Ludwigshafen/Rhein, 7.12.2017

    Vor mir gewährt eine riesige Glasplatte im Fußboden einen Blick in das ehemalige Arbeitszimmer des 1977 verstorbenen Philosophen Ernst Bloch. Im darunterliegenden Stockwerk. Eine wenig ergiebige Lesung dennoch. Was will Science-Fiction-Literatur? Sie unternimmt mannigfaltige Was-wäre-wenn?-Gedankenspiele in Bezug auf die bevorstehende Zukunft. Oder wie Gegenwart und Zukunft verlaufen könnten, wenn man die Vergangenheit manipuliert. Spekulative Literatur also. In seinem vor einem Jahr erschienenen Roman „Venus siegt“ berichtet Schriftsteller Dietmar Dath, der Filmredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist („Von Montag bis Freitag in der Redaktion, und sogar sonntags, am Montag wollen die Leute auch Zeitung lesen“), über eine sozialistische Diktatur auf dem Planeten Venus in ferner Zukunft. Wo Menschen, Roboter und Netzintelligenzen gleichberechtigt miteinander leben. Als Utopie oder Dystopie? Bei diesen beiden Begriffen möchte sich Autor Dietmar Dath, wie der 47-Jährige auf Nachfrage erklärt, nicht festlegen.

    Zwischen 1998 und 2000 war Dath Chefredakteur der Spex. „Ich lese nicht aus dem Buch, sondern aus Voraussetzungen und Folgen zu diesem Buch“, schildert Publizist Dietmar Dath, der 50 Minuten lang Absätze, Vorträge und Zitate vorliest (darunter ein Essay von Deng Xiaoping mit dem Titel „Achtet Wissen, achtet Fachkräfte“), in einem Cut-up-Monolog, wobei abgelesene weiße Blätter neben ihm zu Boden sinken. Zu allem Überfluss sitzt in meiner Stuhlreihe links von mir mein alter Religionslehrer. Lose Textstücke aus den vergangenen 15 Jahren des Dath’schen Schaffens bekommen wir zu hören, die in „Venus siegt“ münden.

    Bisweilen sperrig und wenig zugänglich. Eigensinnig und assoziativ. „Es war keine Lesung, sondern eine Schreibung“, fasst Dath, dem wir den 2008 erschienenen Bestseller „Die Abschaffung der Arten“ verdanken, nach der Veranstaltung zusammen. Ringsherum unter den 18 Besuchern ernste bis wissende Gesichter. „Wenn einen Karl May anlügt, gibt es zumindest doch Amerika“, weiß Dath. Und holt aus: „Marx und Lenin reden dauernd über Fabrik, Hitler über Wölfe.“ Und ergänzt frei: „Erst durch die Arbeitsteilung werden wir Individuen. Zehn Personen auf zehn Inseln sind ja gleich: Da ist die Kokosnuss, der Unterstand und das Raubtier.“ Ah ja.

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    #10373985  | PERMALINK

    ford-prefect
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    Walter Sittler spielt Erich Kästner „Als ich ein kleiner Junge war“ – CongressForum, Frankenthal/Pfalz, 12.1.2018
    Szenische Lesung mit Musik

    Für den Schriftsteller Erich Kästner seien schön verfasste Vorworte in seinen Büchern „so hübsch wie der Vorgarten für ein Haus“ gewesen. „Ja, ich hab auch schon Bücher mit zwei und sogar mit drei Vorworten zustande gebracht! Und auch wenn es eine Unart sein sollte – ich werde mir’s nicht abgewöhnen können“, zitierte Schauspieler Walter Sittler, der von 1997 bis 2005 in der RTL-Arztserie „Nikola“ den Dr. Robert Schmidt gab, freistehend aus Kästners Kindheitserinnerungen „Als ich ein kleiner Junge war“. Nachdem Sittler seinen hellen Mantel samt schwarzen Regenschirm und Hut aufgehängt hatte.

    Mit einer Band bestehend aus Klavierspieler, Kontrabassist, Bläsern und Schlagzeuger erweckte Charakterdarsteller Walter Sittler die Kästner’sche Autobiographie, seine frühen Jahre, zu neuem Leben. Auf der Bühne im vollen Frankenthaler CongressForum, wo sonst das SWR-Fernsehen alljährlich die Große Fernsehprunksitzung der Vereinigung Badisch-Pfälzischer Karnevalvereine überträgt. Mit einer eindringlichen Intensität, wozu sicher nur ausgebildete Sprecherstimmen fähig sind. In seinem erstmals 1957 erschienenen Memoiren widmet Kästner seiner geliebten und aufopferungsvollen Mutter viele beschreibende Seiten. Fürsorglich bis zur Selbstaufgabe sei seine Mutter gewesen. Zur Welt kam Erich Kästner, als einziger Sohn der Eltern Emil und Ida Kästner, am 23. Februar 1899 in Dresden. Dort seien die Prager Straße und die Königsbrücker Straße seine Heimat gewesen. „Ich bin noch mit der Pferdebahn gefahren. Der Wagen lief schon auf Schienen, aber er wurde von einem Pferde gezogen, und der Schaffner war zugleich der Kutscher und knallte mit der Peitsche“, schilderte Schauspieler Walter Sittler. Völlig in seiner Rolle aufgehend. Als Heranwachsender war Erich Kästner froh über den Umstand gewesen, ein Einzelkind zu sein. Bloß an Weihnachten schmerzte es den späteren Weltautor, keine Geschwister zu haben.

    Wie ein aus der Zeit gefallenes Sittengemälde wirken die Kindheitserinnerungen „Als ich ein kleiner Junge war“ im Jahre 2018. Je mehr Geld man damals verdiente, umso tiefer zogen die Familien, Etage um Etage, im Mietshaus nach unten. Betuchte Leute wohnten im Erdgeschoss und mussten die Kohlen zum Heizen der Wohnung nicht die Treppe hinaufschleppen. Ärmere Menschen bewohnten ganz oben eine Mansarde unter dem Dach. „Damals gab es noch »höhere« Töchter! So nannte man Mädchen, deren Väter adlig waren oder eine Menge Geld verdienten […] An vornehmen Haustüren stand »Eingang nur für Herrschaften« […] Höhere Töchter und bessere Herrschaften gibt es allerdings auch heute noch. Sie heißen nur nicht mehr so. Es steht nicht mehr auf Schildern“, trug Schauspieler Walter Sittler vor. In Dresden befindet sich in der ehemaligen Villa des Onkels von Kästner mittlerweile ein Erich-Kästner-Museum.

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    #10382637  | PERMALINK

    ford-prefect
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    Georg Stefan Troller – Deutsch-Amerikanisches Institut, Heidelberg, 21.1.2018

    Wie viel Erfahrung, Erlebnis und Erkenntnis passen in ein einziges Leben? Während seines lebensprallen Werdegangs konnte TV-Journalist und Dokumentarfilmer Georg Stefan Troller, selbst Jahrgang 1921 und somit einer der letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges, fast 1500 Interviews führen. Darunter Gespräche mit Menschen wie Comic-Zeichner Robert Crumb, Boxsportler Muhammad Ali, Sex-Filmer Russ Meyer und Underground-Poet Charles Bukowski. Im Deutsch-Amerikanischen Institut in Heidelberg las Schriftsteller Georg Stefan Troller aus seinen drei Büchern „Mit meiner Schreibmaschine„, „Unterwegs auf vielen Straßen“ und aus dem reich mit Fotografien bebilderten „Ein Traum von Paris“ vor. Nicht zum ersten Mal war Troller im DAI zu Gast.

    Einen „Menschenforscher“ nannte ihn mal die Wochenzeitung Die Zeit. Vor allem ältere Generationen kennen ihn noch als Fernsehreporter der ARD-Sendung Pariser Journal. Oder von der TV-Sendung Personenbeschreibung her. Wenn sich Georg Stefan Troller daheim in die Rolle des Autors begibt, dann tippt der 96-Jährige, der erstaunlich klar und vital wirkt, auf seiner Schreibmaschine. In Gesellschaft seines Katers, wie Troller erzählte. In dem vorgetragenen Kapitel „Sprache in der Emigration“ verglich der gebürtige Wiener einen Heimatverlust mit Identitätsverlust. Kulturschaffende wie Thomas Mann gingen einst ins amerikanische Exil auf der Flucht vor dem Dritten Reich. „Durfte man weiterschreiben und dichten in der Sprache seiner Vertreiber, seiner Mörder? Genau mein Problem“, überlegte Gastredner Troller. „Die Sprache, an der man sich allzu oft mehr bedient als ihr zu dienen, beginnt sich an ihrem Dompteur zu rächen.“ Sprache sei „mehr als ein System von Zeichen“ zur Kommunikation: Nämlich geprägt von Sinnlichkeit, Musikalität und Subtext. Darüber hinaus erzählte Georg Stefan Troller, ein ehemaliger US-Soldat im Bereich „Gefangenen-Vernehmungen“ mit jüdischen Wurzeln, davon, wie der Filmemacher zur Zeit der deutschen Besatzung das nächtliche Paris erkundet habe. Mit schlechtem Schuhwerk. „Auf diese Weise lernte ich ein Paris kennen, das längst verblichen ist und lediglich noch in Andeutungen existiert“, kommentierte der 96-Jährige. Immer auf der Hut vor der damaligen Sperrstunde. „Wer nicht um Schlag zehn in seinen vier Wänden saß, konnte von der Streife gefasst werden“, schilderte Troller. Oder der Gestapo in ihren braunen Ledermänteln in die Hände fallen.

    Mit einer Stunde war die Lesung etwas kurz. Andererseits muss man auch Rücksicht auf das Alter des Gastredners nehmen.

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    #10392079  | PERMALINK

    ford-prefect
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    Sahra Wagenknecht – Kammgarn, Kaiserslautern, 1.2.2018

    Sicher stellt sich jeder Schriftsteller, der eine Lesung gestaltet, vorab diese Frage: Was lese ich dem Publikum vor? Welche Seiten und Kapitel aus einem Buch, damit die Zuhörer möglichst leicht in den Inhalt finden? „Ich lese immer das Vorwort vor. Das gibt einen schönen Überblick. Über die zentralen Thesen“, schilderte Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht im annähernd ausverkauften Saal des pfälzischen Kulturzentrums Kammgarn. Dort war die vielseitige 48-Jährige erschienen, um ihr kapitalismuskritisches Sachbuch Reichtum ohne Gier vorzustellen, das vor zwei Jahren im Campus-Verlag erschienen war.

    Dabei erwies sich die Wagenknecht, die Einstein, Theodore Roosevelt, Hamlet und Madame Pompadour zitierte und ihre Texte mit metaphernreichen Sätzen würzt, wieder als kluge und scharfsinnige Analytikerin, mit der ausgewachsenen Gabe, komplizierte Zusammenhänge, ob politische oder wirtschaftliche, verständlich auseinanderzunehmen. Unter anderem ging die in der ehemaligen DDR sozialisierte Publizistin, die früher der PDS angehört hat, auf die Bürgerkriege in Afrika ein, den globalen Ressourcen-Kampf zwischen den USA und Russland, die weltweite Flüchtlingsbewegung, die verwahrlosenden Wohnghettos in den Industrienationen und die ungleiche Vermögensverteilung in allen Gesellschaften. „Die Flut, die einst alle anheben sollte, trägt nur noch die Luxusyachten“, kritisierte die erfahrene Volkswirtin.

    Anschließend führte die Linkspolitikerin auf der Bühne ein Podiumsgespräch mit Moderator Dr. Fabian Lovisa, der Wagenknechts Menschenbild besser kennenlernen wollte: Ist der Mensch, hakte der Fragensteller nach, nicht „ein krummes Holz, das sich nicht geradebiegen lässt?“ Nach Ansicht von Wagenknecht vereine der Mensch mehrere Verhaltenseigenschaften in sich. „Das Finstere und das Barbarische“, drückte sich Sahra Wagenknecht aus. „Menschen können sich aber auch für andere Menschen einsetzen.“ Eine sozial orientierte Gesellschaft, die Sicherheiten biete, bringe automatisch positive Charakterseiten in Bürgern zum Vorschein. Später versetzte die in Jena geborene Promipolitikerin der Deutschen Bank einen Seitenhieb. „Die Deutsche Bank hat eine Gerichtsakte wie ein Mafia-Clan“, urteilte Wagenknecht im Hinblick auf Betrugsmaschen und Steueraffären riesiger Kreditinstitute. „Es gibt aber auch Milliardäre, die selbst nach einer Reichensteuer verlangen“, weiß die rote Wagenknecht. Am Ende äußerte die 48-Jährige ihren Wunsch nach mehr demokratischen Möglichkeiten zur politischen Mitgestaltung für die Bürger, also Volksabstimmungen zu Grundsatzfragen.

    Sahra Wagenknecht während der Lesung aus ihrem Sachbuch „Reichtum ohne Gier“ in Kaiserslautern

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    #10402017  | PERMALINK

    ford-prefect
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    Ijoma Mangold – Hausboot, Ludwigshafen/Rhein, 11.2.2018

    Bislang kannte man Ijoma Mangold überwiegend als Literaturkritiker, für die Feuilletons der Süddeutschen Zeitung und Die Zeit, sowie als Moderator der im Dezember 2010 eingestellten Literatursendung „Die Vorleser“ im ZDF. Nun wechselt Ijoma Mangold die Seiten – und veröffentlichte im vergangenen Spätsommer im Rowohlt-Verlag seine Autobiographie „Das deutsche Krokodil“. Im neuen Café Hausboot, das vor einem Jahr rechts neben dem Kulturzentrum „Das Haus“ in Ludwigshafen am Rhein eröffnet hat, las der humorbegabte 47-Jährige (in lachsfarbenen Dandy-Hosen) vor ausverkaufter Kulisse aus seinem Erstling einige Kapitel vor und stellte sich gut gelaunt den Fragen einer Moderatorin und aus dem Publikum. Da ich keinen Stuhl ergattern konnte, musste ich ganz hinten mit einer breiten Fensterbank als Sitzfläche vorliebnehmen. Somit konnte ich den Sprechenden zwar hören, aber nicht sehen.

    Gastredner Ijoma Mangold stammt hier aus der Ecke, aus der Kurpfalz, als gebürtiger Heidelberger. In erster Linie habe sich Ijoma als Debüt für eine Autobiographie entschieden, um mehr über sich selbst nachzudenken und zu erfahren. „Das Spannendste ist ja, was wir nicht wissen. Was ich nicht über mich weiß. Täuschungen und Illusionen, denen ich mich hingab“, eröffnete der Schriftsteller. Deshalb habe sich seine Bio zu einem „Epochenportrait“ entwickelt. Aus der Sicht eines südländisch aussehenden Menschen, der Kindheit und Jugend in der BRD der 1970er und 1980er Jahre verbrachte. Bei der alleinerziehenden Mutter, eine Kinderpsychologin, in Dossenheim zwischen Mannheim und Heidelberg. In jüngeren Jahren sagten seine Mitmenschen oft zu ihm, Ähnlichkeit mit Diego Maradona und Obama zu haben. Ich dagegen finde – Mangold ähnelt dem toten Graffitikünstler Jean-Michel Basquiat (vor allem mit seiner neuen Frise).

    Im Laufe seines Lebens konnte Mangold folgende Beobachtung machen: Je höher man in der sozialen Schicht steigt, umso unbedeutender wird die ethnische Herkunft. Mit dem Begriff „Afrodeutscher“ konnte Mangold nichts anfangen. „Ich kannte keinen anderen, der so aussah wie ich“, erklärte der Autor. Obgleich er sich nicht als Ausländer definierte, sondern sich schon immer dem Deutschsein näher fühlte. Bis Ijoma in seiner Jugend den Heidelberger Szene-Musiker Kofi „Linguist“ Yakpo kennenlernte, ein Urmitglied von Advanced Chemistry, die legendäre deutschsprachige HipHop-Band, und mit ihm Freundschaft schloss. „Ich habe mich nie fremd in Deutschland gefühlt“, bekannte Mangold in Bezug auf den Song „Fremd im eigenen Land“ von AC, ein Hit aus dem Jahre 1992. Als seine weiteren Kumpels anfingen, Rock- und Popbands der Dekade zu hören, entdeckte Ijoma Mangold für sich Thomas Mann und Richard Wagner. „Der bekannteste Schwarze war für mich in den 1980er Jahren Eddie Murphy“, erzählte der literarische Besucher. Womit der junge Mangold einst ein kleines Problem hatte: „Jetzt denken alle, schwarze Menschen sind immer so alberne Leute“, habe Mangold befürchtet. Der übrigens, auf Nachfrage eines Besuchers, heute ganz gerne die Barenboim Staatskapelle hört.

    Ijoma Mangold während seiner Lesung in Ludwigshafen am Rhein

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    #10415433  | PERMALINK

    ford-prefect
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    Es geht wieder los: Seit Freitag gehen in der Alten Feuerwache in Mannheim wieder fast täglich hochkarätig besetzte Lesungen über die Bühne. Beim regionalen Literaturfest Lesen.Hören. Die Eröffnung gedachte mit einem Podium der 2017 verstorbenen Publizistin und Gender-Autorin Silvia Bovenschen. Was für eine abendliche Unterhaltungsveranstaltung doch streckenweise etwas wie ein sozialwissenschaftliches Seminar wirkte. Opernsänger Thomas Quasthoff musste leider krankheitsbedingt absagen (der wollte ursprünglich am 4.3., wie an gleicher Stelle Herbert Grönemeyer vor zwei Jahren, über seine Lieblingsbücher schwadronieren). In den nächsten Tagen kommen jedoch Simon Strauß, Denis Scheck, Katja Riemann, Muff-Potter-Nagel, Manuel Möglich, Hanns-Josef Ortheil und der ehemals politisch verfolgte Dogan Akhanli an die Kurpfalzbrücke. Bin gespannt.

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    #10425135  | PERMALINK

    ford-prefect
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    Felicitas Hoppe im Gespräch mit Denis Scheck – Lesen.Hören, Alte Feuerwache, Mannheim, 10.3.2018

    Im Westen was Neues, so lautete die Überschrift dieser Lesung. Für ihr neues Sachbuch „Prawda – Eine amerikanische Reise“ begab sich Autorin Felicitas Hoppe auf Rundreise durch die Vereinigten Staaten. Von Boston nach Los Angeles und wieder zurück nach Washington D.C. Auf der Bühne im ehemaligen Spritzenhaus der Quadratestadt stellte Moderator Denis Scheck, selbst ein intimer Kenner der amerikanischen Kultur und Unkultur (der Schwabe war mal Übersetzer von US-Comics), die Frage nach dem „Ich packe meinen Koffer“: Was die Schriftstellerin Felicitas Hoppe auf Reisen mitnehme. „Ein Schweizer Taschenmesser und ein Trostbuch, etwa von Marco Polo“, antwortete Hoppe. „Reisen ist anstrengend.“ Sei jedoch notwendig, um ihr „Schreiben motorisch in Bewegung zu bringen“. Auf der 10.000 Meilen langen Route, bei der Hoppe auf den Pfaden eines alten russischen Journalisten-Duos von 1935 wandelte, besichtigte die 57-Jährige die Henry-Ford-Autowerke und den legendären Zaun von Tom Sawyer – den man heute noch weiß streichen könne. Darüber hinaus recherchierte die Büchner-Preisträgerin in der Villa Aurora von Feuchtwanger.

    In modernen Zeiten von Navigationsgeräten und Smartphones verschwinde allmählich das Sichverfahren unterwegs. Und damit ein zufälliges Sichtreibenlassen und abenteuerliches Sich-verlieren. Umwege können manchmal die Ortskenntnis verbessern. Mit dem von Moderator Scheck zitierten Goethe-Satz „Man sieht nur, was man weiß“ kann Publizistin Felicitas Hoppe nicht d’accord gehen. Zwischendurch verriet Fragensteller Denis Scheck, dass er in den fernen USA hätte beruflich Fuß fassen und mehr verdienen können als hier in Deutschland. Jedoch habe ihn die Kulturlosigkeit der amerikanischen Durchschnittsbevölkerung ein wenig abgeschreckt: Als Auslandsstudent habe Scheck in Übersee regelmäßig die „Dallas Morning News“ gelesen – und zwischen Wirtschafts- und Politikteil nie ein Feuilleton finden können.

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    #10425181  | PERMALINK

    henne2

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    Danke für deine Bemerkungen zur Veranstaltung mit Hoppe und Scheck; alles , was du hier von und über Scheck schreibst, zementiert mein Bild, das ich spätestens seit seinen kreuzdummen Auslassungen in Bezug auf den Literaturnobelpreis für Dylan von ihm habe. Ein  intimer Kenner der amerikanischen Kultur …  ja, genau, als solcher hat er sich wahrhaftig bewiesen!

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    #10425289  | PERMALINK

    ford-prefect
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    henne2Danke für deine Bemerkungen zur Veranstaltung mit Hoppe und Scheck; alles , was du hier von und über Scheck schreibst, zementiert mein Bild, das ich spätestens seit seinen kreuzdummen Auslassungen in Bezug auf den Literaturnobelpreis für Dylan von ihm habe. Ein intimer Kenner der amerikanischen Kultur … ja, genau, als solcher hat er sich wahrhaftig bewiesen!

    Was hat er denn über Dylan gesagt und was missfiel dir daran? Ich bin immer wieder überrascht, was und wie viel Scheck weiß. Meiner Meinung nach ist Scheck der einzige dt. TV-Journalist, der wirklich Ahnung von Literatur hat.

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    #10425693  | PERMALINK

    ford-prefect
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    Über die Autorin ist jüngst der Dokumentarfilm „Felicitas Hoppe sagt“ erschienen, der nachmittags im Mannheimer Schuhschachtelkino Atlantis lief, vor der abendlichen Lesung in der Feuerwache. Konnte man sich ein Kombiticket für diesen Doppelevent kaufen. Am 22. März wird Hoppe diesen Film zusammen mit den Filmemachern und Gundula Gause im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt vorstellen.

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