Joe Jackson in der Berliner Universal Hall 27. April 2003

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    raileigh

    Registriert seit: 11.05.2003

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    Auf den Kippen von Ulla

    „Kinder, wie die Zeit vergeht“ ist einer von jenen Sprüchen, die man sich als heranwachsender Knilch, respektive heranwachsender Knilchin gelegentlich aus den Mündern seiner Altvorderen in die Ohren flöten lassen musste, ohne zu wissen, was das bedeutete. Es zog einem nur die Augenbrauen auf Anschlag und ließ die Frage aufkeimen, ob man im Alter wirklich so seltsam wird, Allgemeinplätzchen zu backen und sie schmackhaft finden. Doch statt das zu vertiefen, tanzte man lieber ein bisschen Pogo, lief als junger Rebell zu Hochform auf, revolutionierte den Geschmack seiner gleichaltrigen Mitmenschen, ob sie das nun wollten oder nicht und lebte und liebte und tat all die Dinge, die man tun wollte, musste und konnte. Schließlich kehrte ein wenig Ruhe ein und Gedanken drängten sich auf, die denen seiner Altvorderen nicht unähnlich sind.

    So stelle ich, Ex-Pogotänzer, New-Wave-Jünger, Radikaldiskotheker und nächtlicher Ruhestörer an diesem schönen lauen Frühlingstag fest, dass ich mich in einer Konzerthalle befinde, in der ich stehen muss; waren die letzten Konzerte doch allesamt Kunstgenüsse, die sich in plüschigen Klappsitzen bequem ertragen ließen, selbst bei Joe Jackson, der zu kunstvollen klassikverwandten Tönen ins ICC einlud und mich heute nötigt in einer Stehbierhalle Luft einzuatmen, die andere nicht mehr wollen.

    Die Wichtigtuer von der Securityfirma geraten leicht in Panik, als sie einen festen Gegenstand in meiner Tasche finden, der sich als Taschentelefon enttarnt. Das Klappmesser, dass ich immer bei mir trage, um für die Meerschweine meiner Tochter Löwenzahn abzustechen, finden sie nicht. So ist das in den Zeiten erhöhter Aufmerksamkeit, denke ich und weiß, dass ich es vor meinem nächsten Flug unbedingt aus der Tasche nehmen muss.
    Ich weiß nicht, ob die Halle ein altes Wasserwerk ist, jedenfalls ist sie groß und geräumig, wird mäßig belüftet und riecht bereits eine halbe Stunde vor Konzertbeginn nach Rauch und ausgeschüttetem Bier. Ich erinnere mich so etwas mal ziemlich normal gefunden zu haben. Während des Vorprogramms, eine Frau aus New York spielt handgemachte Musik, die ganz ordentlich, aber nicht aufregend genug klingt, um sich ihren Namen zu merken, suche ich einen Ort, an dem ich etwas vom Konzert habe. Ich bin klein und werde den Eindruck nicht los immer kleiner zu werden. Ich war mal 1,68 groß und wog 68 Kilo. Beides stimmt nicht mehr, ich bin also ein Art Ex-Achtundsechziger und kann die Bühne entsprechend schlecht sehen. Das hat strenggenommen noch immer nichts mit Joe Jackson zutun, dem 68 so egal gewesen sein muss, wie mir. 68, das ist etwas für wirklich alte Säcke.

    Zurück zur viel zu ebenen Stehbierhalle.
    Nach vorn will ich nicht. Am Gitter hinter dem Mischpult reicht der Platz gerade aus, neben dieser rundlichen Frau in Schwarz, die beherzt für den Nebel im Saal sorgt indem sie Kette raucht. Schwarz tragen hier die meisten, sie sind alle Erwachsen und hören Radio1 und die Gespräche ranken sich um graue oder fehlende Haare und überstandene Operationen. Huch, denk ich, solange ist das doch noch nicht her, das Joe Jackson „Nineteen forever“ sang.
    Genau genommen ist das eine seiner jüngeren Nummern und Joe Jackson mag es diesmal etwas älter. Das fünfundzwanzigste Jubiläum seiner Band steht an und obwohl sich alle Musiker in der Zeit weiterentwickelt haben, eigene Wege gingen, ließen sie es sich nicht nehmen zurückzublicken und zu testen, ob die alte wilde Besessenheit der ausklingenden Ära von Punk und New Wave Anfang der Achtziger noch Spuren hinterlassen hat, Schäden oder ähnliches, Erinnerungen. Doch irgendwie hat er bei aller Jubliäumssäuseligkeit keine Lust auf Nostalgie. Dazu fehlt ihm das krankhafte „auf den Erfolgen ausruhen“. Jackson ist ein begnadeter Instrumentalist und musikalischer Querdenker. Musik muss sich entwickeln und Musiker auch. Einflüsse heißen Einflüsse, weil sie einfließen und während alte New Waver auf ihr Konto gucken und erschreckt feststellen, das sie alle sind, sich also zusammenreißen und über nostalgische Achtziger-Jahre-Revival-Festivals greisen, hat Jackson immer wieder neues aufzuweisen. Rückblicke sind für ihn auch Blicke nach vorn.

    Drei Alben hat er damals mit der Joe Jackson Band eingespielt. Eigenwillig, heftig und gefühlvoll, ja heftig gefühlvoll, wenn ich an „If she really going out with him“ denke. Düsterbunt und schwarzschrill, wenn man mir diese Wortschöpfungen angesichts eines Albums, wie „Beat crazy“ erlauben mag. Drei Alben, die manche für revolutionär hielten, die aber eigentlich nicht revolutionär waren, sondern lediglich um ein vielfaches intelligenter und selbst damals schon reifer, als all die Nummern, die in den rotzigen New Wave Zeiten den Zorn der Eltern wecken sollten. Und weil er eben kein Nostalgiker ist, setzt er beinahe ein Vierteljahrhundert später noch eins drauf. „Volume IV“ heißt das neue Album, das vierte also, mit der Joe Jackson Band. Genauso zackig, genauso laut wie einst, nur neu und natürlich beeinflusst vom Lauf der Dinge und der Last der Schwerkraft, die einem die Jahre über am Boden hält. Ein bisschen schimmern sie durch, die schwermütigen Töne von „Blaze of glory“ und „Night and day II“, aber nur ein bisschen. Gerade deutlich genug, um keinen warmen Aufguss aus der Musik zu machen, die Joe Jackson 2003 auf der Bühne schwitzen lässt.
    Oh, ja. Geschwitzt hat er immer, denn Joe Jackson ist ein ehrlicher Arbeiter und weiß, was er seinen Fans, die größtenteils seit 1979 dabei sind und ihm nie untreu wurden, schuldig ist. Alle Wandlungen des Künstlers, alle Marotten trugen sie geduldig und mit Respekt, denn immer empfanden sie seine Musik als erhebend. Ob er sich beim Live-Einspiel seines für mich besten Albums „Big World“ jegliches Klatschen verbat oder einen swingende Soundtrack für den Coppolla-Film „Tucker“ schrieb, ob er symphonisch die „Sieben Todsünden“ bearbeitete oder der gelackten Popkultur bewies, dass man, wie mit „Steppin out“ auch intelligente Hits schreiben kann, immer tat er dies begleitet von einer nicht schwindenden festen Fangemeinde getragen, die schätzte, was er tat. Doch nun kehrt bei allem auch der Spaß zurück, der uns früher seltsame Tanzbewegungen vollführen ließ, die, wie das Konzert beweist auch heute noch machbar sind, selbst wenn die Haare nicht mehr durch die Gegend fliegen.
    Die Texte grölt die Masse fehlerfrei mit, bei den alten Songs genauso wie bei den neuen und als er endlich „If she really going out with him“ anstimmt, hält sich auch die rauchende Frau neben mir nicht mehr zurück. Laut singt sie mit, ich weiß nicht, ob das Original oder die deutsche Fassung, denn die kann sie auch, sie hat sie schließlich selbst getextet und gesungen. Ulla steht neben mir und freut sich und ich freue mich auch, denn sie ist mindestens solange Fan von Joe Jackson wie ich. Allerdings bin ich auch genauso lange Fan von ihr. Ich bin glücklich in diesem Moment und ich weiß, dass es nicht nur mir so geht. Sicher weiß das der Meister auf der Bühne ebenfalls.
    Selten habe ich einen Musiker gesehen, der so ausgeglichen, so zufrieden und mit sich im Reinen auf der Bühne agiert. Ruhig wirkt er und gesund, obwohl er auf den Plattencovern erscheint, wie jemand, der gerade sein letztes Album zu Lebzeiten produziert hat. Ruhig wirkt er, spielt dabei laute Musik, so laut, dass ich mich frage, ob ich mich mit Neunzehn gewagt hätte, solchen Krach zu machen, wie ich ihn an diesem Abend mit Freuden ertrage.

    Nach zwei Stunden bedankt sich Joe Jackson – abgekämpft, nass, aber nicht kaputt, zieht sich das Sakko über das weiße Hemd. Dann geht er winkend von der Bühne, der zufriedene Endvierziger, der mal beschwor, nie fünfunddreißig zu werden. Ich habe übrigens nicht nur gut gehört, sondern auch hervorragend gesehen, was nicht erstaunlich ist, denn ich stand auf den Kippen von Ulla.

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    #987887  | PERMALINK

    j-w
    Moderator
    maximum rhythm & blues

    Registriert seit: 09.07.2002

    Beiträge: 40,812

    Toller Beitrag Raileigh!
    In Köln war’s ganz ähnlich! Nur Ulla war nicht da, aber das machte nichts, denn ich war mit Aimee da! :)
    Hoffentlich gehen Dir noch weitere Beiträge von diesem Gehalt aus den Fingern! :twisted:

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    Staring at a grey sky, try to paint it blue - Teenage Blue
    #987889  | PERMALINK

    aimee
    Moderator

    Registriert seit: 12.07.2002

    Beiträge: 6,563

    (…ich lege allerdings Wert auf die Feststellung, dass ich während des Konzerts nicht geraucht habe.) ;-)

    Und herzlich Willkommen, Raileigh… wirklich ein großartiger Beitrag!

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    #987891  | PERMALINK

    anne-pohl

    Registriert seit: 12.07.2002

    Beiträge: 5,438

    Super! Herzlich willkommen, Raileigh! :) :) :)

    Du hast übrigens einen kleinen Fehler in Deiner Homepage-Adresse, auf der ich auch bereits mit Vergnügen gestöbert habe (Balzrituale in der Tapas-Bar, *kichkich*).

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