Jazz-Parerga

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  • #69311  | PERMALINK

    clasjaz

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    Weiß nicht, wo ich diese Frage hinstecken soll unter den bestehenden Threads – darum die Jazz-Parerga für Bei-, Neben-und Abseitsfragen. Wie diese hier: Es gibt ja das Kalauerlied von Friedrich Hollaender, gesungen von der Dietrich im »Blauen Engel«, dessen zweite Strophe »Ich bin von Kopf bis Fuß usw.« Ich weiß nicht, wie oft im Jazz mir diese Intervalltreppe begegnet – da ich es kürzlich schon erwähnte, z. B. auch bei Hills »Strange Serenade«, letztes Stück. Eigentlich ist es aber nichts anderes als der Standard »Everything Happens To Me«, oder vielmehr umgekehrt, um die Entstehungszeiten nicht zu verwechseln. Ich meine nicht, dass dieser Standard von was weiß ich wem und wie oft gespielt wurde, und mich das nun erstaune – eher, dass er auch dann auftaucht, wenn er gar nicht im Titel oder Liner Notes »zum besseren Verständnis« genannt wird. Kann also sein, dass es sich da um ein echtes »Versatzstück« handelt, siehe Violinen-Thread. Ich finde »Everything« oder »Kopf bis Fuß« übrigens nicht sonderlich attraktiv, mich wundert es aber und manchmal nervt es auch schon, das ständig zu hören.

    Weiß also jemand – um die Frage aufzudröseln –, ob Matt Dennis in seinen Memoiren, sofern vorhanden, erzählt hat, er habe »Everything etc.« geschrieben, nachdem er den »Blauen Engel« gesehen habe? Und, ein bisschen rhetorisch gemeint: Gibt es das öfter? Fließt da irgendeine archetypische (nein, Jung ist nicht mein Fall, aber das Wort ist so hübsch plakativ, dass es immer wieder mal gebraucht werden will) Notenfolge in die Finger, als Anregung, vorläufige Selbstberuhigung, meinetwegen auch Meditation, wenn es das denn braucht, bevor es losgeht und sich entwickelt? Dann: Gibt es eine Formgeschichte des Jazz, also eine, die nur jazzmusikalische »Probleme« behandelt, und die Akteure nur dann zu Wort kommen lässt, wenn sie – zu einem »Problem«, einer Form – auch etwas zu sagen, spielen haben?

    --

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    #7612259  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Dennis ist mir v.a. dank „Angel Eyes“ ein Begriff – das Stück mag ich sehr, sehr gerne!

    Aber wo ist der Jazz-Prologomena-Thread, bittesehr? :lol:

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #133: Revivals in den 90ern und eine Neuheit aus der Romandie - 14.6., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #7: tba | No Problem Saloon, #29: tba
    #7612261  | PERMALINK

    clasjaz

    Registriert seit: 19.03.2010

    Beiträge: 2,003

    gypsy tail wind

    Aber wo ist der Jazz-Prologomena-Thread, bittesehr? :lol:

    … keine Ahnung – ich hab jedenfalls keine in der Schublade …;-)

    --

    #7612263  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
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    Registriert seit: 25.01.2010

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    Dann halt Jazz-Paralipomena? :-)

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #133: Revivals in den 90ern und eine Neuheit aus der Romandie - 14.6., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #7: tba | No Problem Saloon, #29: tba
    #7612265  | PERMALINK

    clasjaz

    Registriert seit: 19.03.2010

    Beiträge: 2,003

    gypsy tail windDann halt Jazz-Paralipomena? :-)

    Na, die habe ich erst recht nicht. :-)
    Die Fragen da oben waren übrigens ernst gemeint …

    --

    #7612267  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Registriert seit: 25.01.2010

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    clasjazNa, die habe ich erst recht nicht. :-)
    Die Fragen da oben waren übrigens ernst gemeint …

    Das weiss ich schon – habe aber leider ausser klugscheisserischen Bemerkungen nichts dazu beizutragen.

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #133: Revivals in den 90ern und eine Neuheit aus der Romandie - 14.6., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #7: tba | No Problem Saloon, #29: tba
    #7612269  | PERMALINK

    clasjaz

    Registriert seit: 19.03.2010

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    gypsy tail windDas weiss ich schon – habe aber leider ausser klugscheisserischen Bemerkungen nichts dazu beizutragen.

    Gaube ich nicht!:-)

    --

    #7612271  | PERMALINK

    clasjaz

    Registriert seit: 19.03.2010

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    Ernst gemeinte Frage:

    Ich entdecke gerade Andrew Hill, zuletzt endlich einmal in Ruhe gehört: Time Lines. Das letzte Stück (Soloversion von „Malachi“) ist reines (nicht nur solo, sondern auch rein) Klavier, also dessen mechanistische Tücken beiseite gesetzt. Mich macht das betroffen, wie da einer einen Ton anschlagen kann, und der schwingt – völlig stillos, das hat nichts mit irgendeiner Herkunft oder Kenntnissen des Jazz zu tun – noch weiter, obwohl schon die nächsten Töne gespielt werden.

    Anders kann ich es nicht sagen, da ich die Musikwelten nicht trennen kann: Ich kenne diesen „Klavierverstand“ sonst eben nur aus der Klassik, und habe mir darum noch einmal die Hammerklavier-Sonate (106) aufgelegt, mit Gulda und Gould. Mir geht es da so: das ist pianistisch und kompositorisch eher über den Jazz hinaus, oder vielmehr: da ist er schon. Und dies noch: In irgendeinem Schunkelbuch über Cecil Taylor (ich habe den Namen des Herausgebers und Hauptschreibers vergessen, irgendein Ari …) wurde Taylor zitiert: „Wir könnten schon Bach spielen, aber wir wollen es nicht.“ Das ist klar und gut. Aber ich frage ich mich allmählich, ob sie es wirklich könnten? (Es ist mir ganz gleich, ob das ein Jazzmusiker nun kann oder nicht – da gibt es ja dann wieder Auseinandersetzungen, ich meine nur, warum diese Abgrenzung, und wozu?) Umgekehrt: Würde Gould – ich kenne die Jazz-Sachen von Gulda nicht – ganz gewiss nicht guten Jazz spielen. Also, was geht da vor sich?

    Musikhistorisch ist z.B. das modale Spiel keine Neuerung – das gab es in der Neuen Musik schon Jahrzehnte vor Davis und Coltrane (der Dr. Faustus von Mann z. B. ist so ein Typ, der keine Taktgrenzen mehr will, und woher hat es die Literatur wohl, wenn es ihr nicht zwei Jahrzehnte lang vorgesagt wird?).

    Also kurz einfach dies: An Hills „Malachi“ fügt sich prächtig Beethoven op. 106, 3. Satz (dann aber auch 4. Satz). Noch einmal anders gesagt: Ich kann mir gut ein Coltrane-Sax bei Beethoven denken, habe aber keine Ahnung, wie dass ohne Crossoverschunkelei tatsächlich gehen sollte. Aber denken tue ich es mir gern. ;-) Und finde traurig, dass es nicht geht.

    --

    #7612273  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Na, geht doch: >> :lol: <<

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    #7612275  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Also ernsthaft, die komplett banausenhafte Frage, versuche zu verstehen, was du schreibst: du sagst Hill grenzt die Töne ab in diesem Stück? Und das sei eine Art Klang- oder Anschlagkultur, wie man sie sonst im Jazz beinahe nie zu hören bekommt? Also das „reine“ ist der reine Ton, der NICHT mit dem nächsten zusammenfliesst? Das ist ev. gerade ein Punkt, weswegen Hills Solo-Musik für mich irgendwie noch immer ziemlich unzugänglich scheint, kann ich mir vorstellen.

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    #7612277  | PERMALINK

    clasjaz

    Registriert seit: 19.03.2010

    Beiträge: 2,003

    Jetzt hast Du mich kolportiert, und ich sehe schon, dass ich dazu auch die Vorlage geliefert habe. Aber: ich habe nicht gesagt, dass er Klavier spielen kann, weil er Töne abgrenzt, eher wollte ich darauf hinaus, wie er das macht mit dem Tönebegrenzen. Das ist für mich nicht nur Technik, sondern auch cosa mentale – schon klar, so, wie ich diese cosa nachvollziehen kann. Ich hatte aber wirklich ernst gefragt, und jetzt zum Teufel: Warum sind die Jazzer besser als die Klassiker? :sonne: Mir ging es ja so, dass ich die Klassiker – wer immer die sind – nur noch im Kopf und im Ohr habe, aber sie nicht mehr hören konnte. Jetzt endlich, nach Hill, höre ich sie mit Freude wieder. Also was ist das? Mich interessieren nicht so sehr Abgrenzungen (die sind so normalschnöd), sondern Grenzen. Wozu sie ziehen?

    Und ja aber: In Hills Solo-Alben, die ich kenne (Faces of Hope, Verona Rag), habe ich diese Abgrenzung der Töne noch nicht gehört. Da fiel es mir nicht so auf, außer in einem Ragtime-Pastiche, aber das lag am Ragtime, nicht am „Geist“ (aka Willen), wie in „Malachi“. Dieudings, der Hill wurde halt nicht gezwungen, klassischer Pianist zu werden und hat einen Ausweg gefunden, ist doch ganz gleich, und wer von uns weiß das schon, was er wollte.

    Also nochmals: wenn dem Jazz nichts besseres einfällt, als den Pop weiterzuentwickeln, der schon vor ihm gestorben war, und nicht die Klassik, na dann, ist es halt ein Spielchen, ein Popspielchen. Aber so ist es doch nicht. Oder doch? Na dann.

    --

    #7612279  | PERMALINK

    clasjaz

    Registriert seit: 19.03.2010

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    gypsy tail wind

    Na, geht doch: >> :lol: << Nein. Unfug. :roll:

    --

    #7612281  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    Registriert seit: 25.01.2010

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    Tschuldigung, wollte nichts und niemanden kolportieren (aber „Zwartboek“ hat mir doch grossen Spass gemacht!). Ich verstehe von Klassik eben tatsächlich so wenig, dass ich mir nicht sicher war, in welche Richtung deine Aussage ging! Also vergib mir meine verkürzte und tentiöse Darstellung!

    Bin mir übrigens nicht sicher, ob der Pop vor dem Jazz verstarb – wann verstarb dann wer? Ich würde nicht behaupten, dass der Jazz quicklebendig ist und sich im grösseren Stil laufend selbst erneuert, aber doch, dass es gewisse sehr lebendige und spannende Inseln gibt… um Label wie Intakt, Hat Records, in der Bay Area, in Frankreich… vieles geht in disparate Richtungen, aber damit muss man wohl leben, ist ja eigentlich auch eine Bereicherung. Jazz ist wohl nicht tot, sondern eher in einer Art post-ideologischen Zeit angekommen, was ich übrigens sehr begrüssenswert finde. Allerdings sind unserer fetten westlichen Gesellschaft ja auch jegliche Utopien abhanden gekommen, was künstlerisches Arbeiten (vom intellektuellen ganz zu schweigen) natürlich erheblich erschwert.

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    #7612283  | PERMALINK

    redbeansandrice

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    clasjaz
    Also nochmals: wenn dem Jazz nichts besseres einfällt, als den Pop weiterzuentwickeln, der schon vor ihm gestorben war, und nicht die Klassik, na dann, ist es halt ein Spielchen, ein Popspielchen. Aber so ist es doch nicht. Oder doch? Na dann.

    die Frage wann der Pop verstarb können andere hier kompetenter beantworten als ich, würd aber tendentiell behaupten, dass der Jazz zuerst starb, denn um 1980 war er schon tot, der Pop nicht… und natürlich sterben so Kunstformen nicht von einem auf den anderen Tag völlig, da unterscheiden sie sich von Menschen…

    dass Andrew Hill so gut ist, wie er ist, besser als so gut wie jeder klassische Pianist, find ich jetzt nicht besonders überaschend, ich mein, das was der Jazz aus den Geburtenjahregängen 1915 bis 1935 an Talenten gezogen hat, grad auch aus der vergleichsweise alternativenlosen schwarzen Bevölkerung der USA – davon kann die Klassik im zwanzigsten Jahrhundert über ganz weite Strecken nur Träumen… Klassik ist halt ein Sport für höhere Töchter und asiatische Ehrgeizlinge geworden über sehr weite Strecken, dass da jetzt selbst die größten Künstler der Gegenwart nicht soooo toll sind, find ich erstmal nicht überaschend; dass ein Andrew Hill, der ja große Teile seiner Musik selbst entwickelt hat, und demnach einen viel besseren Grund hatte, seine Technik auf die eine oder andere Art zu entwickeln, und der auch einfach ein überragend talentierter Mensch war, am Ende mit einer großartigen Klaviertechnik dasteht, auch das kann ich nicht wirklich überaschend finden…

    die Idee, dass der Jazz die Klassik weiterentwickeln soll, war ja in den 50er Jahren eine große Sache (Third Stream…), und ich persönlich find das auch längst nicht so gescheitert, wie man gelegentlich liest… andererseits: wozu? wo der Jazz jetzt den Pop weiterentwickelt hätte, nach 1950, seh ich allerdings nicht so recht, meinst du Fusion? das ist eine Genre, das heute etwa genauso mausetot ist wie Third Stream, vielleicht noch mausetoter (beide gibt es ja durchaus noch, für letzteres kannst du mal nach Daniel Schnyder gucken, deezer hat nicht seine besten Sachen, der ist ganz gut…); ich hatte mal ein paar Monate Jazz-Klarinettenunterricht, mag nicht der konventionellste Ansatz gewesen sein, aber da hab ich fast nur Solostücke aus der neuen Musik zum üben gekriegt, Strawinsky, Jindrich Feld, Messiaen,… Jazzer mit Klassikhintergrund gibt es durchaus viele heute – aber das seh ich persönlich eher als Zeichen einer Degeneration (und das sie unaufhaltsam ist, warum soll man versuchen sie aufzuhalten)

    im übrigen: selbst wikipedia weiß, dass Andrew Hill als Jugendlicher Unterricht bei Paul Hindemith hatte…

    --

    .
    #7612285  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
    Moderator
    Biomasse

    Registriert seit: 25.01.2010

    Beiträge: 61,835

    redbeansandriceKlassik ist halt ein Sport für höhere Töchter und asiatische Ehrgeizlinge geworden

    :lol:

    --

    "Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' -- even if it take them fifteen, twenty years." (Thelonious Monk) | Meine Sendungen auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #133: Revivals in den 90ern und eine Neuheit aus der Romandie - 14.6., 22:00 | Slow Drive to South Africa, #7: tba | No Problem Saloon, #29: tba
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