Jazz in den 80er Jahren

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  • #9690505  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    #9690507  | PERMALINK

    vorgarten

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    lieber seelenpapst, ich weiß, dass ich deine worte ein bisschen verdrehe, aber mir ist deine argumentation halt – wie gesagt – zu sehr idealtypisch. ich habe vielleicht einen anderen begriff von jazz, aber ich finde jazzmusiker, die die musik der straße wissentlich ignorieren, weil sie lieber „jazz“ spielen wollen, blöd.

    und ich wiederum habe david murray in moers mit senegalesischen rappern über hiphop-beats spielen hören und das ziemlich euphorisch – fusion- und funkplatten gibt es von ihm auch und er ist ja durchaus auch mal bei steve coleman eingestiegen (bzw. hereingeplatzt, s. das paris-live-album der five elements). sein sohn ist – glaube ich – rapper (wenn ich die familienbilder auf facebook richtig deute), also der hört schon, was auf der straße gespielt wird, und spielt mit.

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    #9690509  | PERMALINK

    soulpope
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    gypsy tail wind

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      "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit" (K. Valentin)
    #9690511  | PERMALINK

    redbeansandrice

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    vorgarten

    ich will auf gypsys ursprungsidee hinaus, dass man irgendwann, als die tradition nicht mehr so nahtlos weiterverfolgt wurde, auch die grenzen zwischen us-jazz und europäischem auflösen konnte, dass komeda und – wasweißich – tolliver am selben punkt anfangen konnten (bei coltrane oder so).

    ich denke, Komeda/Tolliver ist zu früh um Sinn zu machen, so hatte gypsy die Zeit ja nicht gesetzt, sondern zehn Jahre später… und die Frage ist doch irgendwie, woran es liegt, dass dieses „Hauptstrom des Jazz“ Bild ab irgendwann nicht mehr funktioniert… Mein Gefühl ist, dass dieses irgendwann ca 1953 ist… vorher wurde mit Swing/Bop/Cool/R&B tendentiell künstlich eine größere stilistische Vielfalt herbeigeredet, als wirklich da war, und ab hier fing es alles an, sich auseinanderzuentwickeln… und das sieht man von Jahrzehnt stärker und stärker…

    da ich aber glaube, dass musikalische aussagen kontextabhängig sind und da also durchaus fragen wie rasse, gender, klasse, lokale traditionen, institutionelle anbindung, infrastruktur usw. eine rolle spielen, die gefahr oder chance relativ gering bleibt, dass ein kamasi washington und ein hayden chisholm das gleiche machen werden.

    wer macht schon das gleiche… ich würde eher fragen ob der Kontext von K. Washington dem Kontext von Thelonious Monk wirklich in einem greifbaren Sinne näher ist, als der Kontext von H. Chisholm… Es ist doch auch nicht so leicht, noch zu erklären, was eigentlich Tradition ist, wenn alles so kontextabhängig ist, oder?

    obwohl eben: so, wie washington und seine leute den jazz der 60er weiterschreiben wollen, könnte chisholm das natürlich auch tun. aber selbst wenn er es täte, würde es musikalisch etwas anderes bedeuten (oder wie gypsy sagt, wenn auch wertend: man würde es anders hören).

    die Embassadors find ich tatsächlich relativ interessant in dem Kontext, weil Chisholm hier „einfach mal“ ein Popalbum gemacht hat, das man aus Kontextgründen wohl anders lesen sollte, als andere, ähnliche Alben… bin mir nicht sicher ob mich das überzeugt – ich find das mit Mulatu Astatke ziemlich austauschbar, also, als Hörer…

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    #9690513  | PERMALINK

    redbeansandrice

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    vorgarten ich finde jazzmusiker, die die musik der straße wissentlich ignorieren, weil sie lieber „jazz“ spielen wollen, blöd.

    in der Sache will ich ja fast zustimmen, aber soo klar ist nun auch nicht, was „die Straße“ ist, was sie hört und wie sie klingt… und find ich wirklich den Schriftsteller am besten, der authentisch so schreibt, wie die Leute reden, die morgens mit mir im Bus sitzen? anders gesagt: ich hab irgendwann beschlossen, dass ich genauso zur Straße gehöre, wie alle anderen auch. Wenn Musik für mich funktioniert, dann ist sie auch „relevant“…

    --

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    #9690515  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

    Beiträge: 9,846

    redbeansandriceich denke, Komeda/Tolliver ist zu früh um Sinn zu machen, so hatte gypsy die Zeit ja nicht gesetzt, sondern zehn Jahre später… und die Frage ist doch irgendwie, woran es liegt, dass dieses „Hauptstrom des Jazz“ Bild ab irgendwann nicht mehr funktioniert… Mein Gefühl ist, dass dieses irgendwann ca 1953 ist… vorher wurde mit Swing/Bop/Cool/R&B tendentiell künstlich eine größere stilistische Vielfalt herbeigeredet, als wirklich da war, und ab hier fing es alles an, sich auseinanderzuentwickeln… und das sieht man von Jahrzehnt stärker und stärker…

    klingt plausibel, aber (das wisst ihr besser als ich): kann man wirklich davon ausgehen, dass ein freddie hubbard oder ein chicago native wie tony williams tatsächlich einen jazzbegriff bis zum spiritual hatten? ist „tradition“ nicht hier schon fiktion?

    redbeansandrice
    wer macht schon das gleiche… ich würde eher fragen ob der Kontext von K. Washington dem Kontext von Thelonious Monk wirklich in einem greifbaren Sinne näher ist, als der Kontext von H. Chisholm… Es ist doch auch nicht so leicht, noch zu erklären, was eigentlich Tradition ist, wenn alles so kontextabhängig ist, oder?

    darum geht es mir ja. davon abgesehen würde ich sagen, dass washington mit monk ein paar mehr kontexte teilt als chisholm.

    redbeansandricedie Embassadors find ich tatsächlich relativ interessant in dem Kontext, weil Chisholm hier „einfach mal“ ein Popalbum gemacht hat, das man aus Kontextgründen wohl anders lesen sollte, als andere, ähnliche Alben… bin mir nicht sicher ob mich das überzeugt – ich find das mit Mulatu Astatke ziemlich austauschbar, also, als Hörer…

    finde ich nicht, soll es wohl auch nicht sein. ich könnte es als etwas eigenes würdigen, ohne traditionen zusammenzuzimmern, in denen es mich dann überzeugen müsste.

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    #9690517  | PERMALINK

    vorgarten

    Registriert seit: 07.10.2007

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    redbeansandricein der Sache will ich ja fast zustimmen, aber soo klar ist nun auch nicht, was „die Straße“ ist, was sie hört und wie sie klingt… und find ich wirklich den Schriftsteller am besten, der authentisch so schreibt, wie die Leute reden, die morgens mit mir im Bus sitzen? anders gesagt: ich hab irgendwann beschlossen, dass ich genauso zur Straße gehöre, wie alle anderen auch. Wenn Musik für mich funktioniert, dann ist sie auch „relevant“…

    aber besteht nicht in der reaktionsleistung auf unmittelbare kontexte genau der unterschied zwischen jazzmusikern und schriftstellern (wenn sie nicht gerade spoken word artistry machen)?

    egal, streitet mal weiter, ich muss los. ;-) ganz toll übrigens, carla mit pfeife.

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    #9690519  | PERMALINK

    soulpope
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    vorgartenlieber seelenpapst, ich weiß, dass ich deine worte ein bisschen verdrehe, aber mir ist deine argumentation halt – wie gesagt – zu sehr idealtypisch. ich habe vielleicht einen anderen begriff von jazz, aber ich finde jazzmusiker, die die musik der straße wissentlich ignorieren, weil sie lieber „jazz“ spielen wollen, blöd.

    und ich wiederum habe david murray in moers mit senegalesischen rappern über hiphop-beats spielen hören und das ziemlich euphorisch – fusion- und funkplatten gibt es von ihm auch und er ist ja durchaus auch mal bei steve coleman eingestiegen (bzw. hereingeplatzt, s. das paris-live-album der five elements). sein sohn ist – glaube ich – rapper (wenn ich die familienbilder auf facebook richtig deute), also der hört schon, was auf der straße gespielt wird, und spielt mit.

    Nun mit dem Ansatz, daß wir einerseits von unseren Jazzheroen klar identifizierbare Individualität erwarten und diese gleichzeitig auch jeden „Beat der Strasse“ auflesen sollen …. das kommt (zumindest bei mir) nicht ganz zusammen ….

    Und unsere beiden Erlebnisse mit Murray, ja es ist (trotzdem oder deswegen) der idente Mensch und Künstler …. ich hörte in diesem Konzert damals (erlebte ihn noch einge Male mit 8ktet und vor allem dem WSQ) den – so hiess das damals – „Loft Jazzer“ …. er war zwar kein NoName mehr aber noch unbekannt genug um Projekte – so sich diese boten – kompromisslos sagen wir mal auszuleben …. einige Jahre später hatte er schon einen „Namen“ und bekam einen lukrativen Plattenvertrag von den jazzverrückten Japanern bei DIW ….. die Aufnahmen wurden dort mehr „mellow“, so auch die Quartettaufnahmen für Black Saint …. was ich sagen will er kam in einer Etage an wo er nicht mehr in den wenigen Möglickkeiten sein Allerwichtigstes mitteilen konnte/musste, sonder er konnte viele Unterschiedliche Plattformen bespielen bzw Botschaften verteilen ….auch „die aktuellen Beats der Strasse“ ….

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    #9690521  | PERMALINK

    gypsy-tail-wind
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    vorgartenklingt plausibel, aber (das wisst ihr besser als ich): kann man wirklich davon ausgehen, dass ein freddie hubbard oder ein chicago native wie tony williams tatsächlich einen jazzbegriff bis zum spiritual hatten? ist „tradition“ nicht hier schon fiktion?

    Dang! Natürlich ist Tradition Fiktion (man könnte von Narrativ oder sowas reden). Ein Gefühl für das Bewusstsein der (eigenen) Tradition und des eigenen Platzes darin kann man wohl z.B. an den Interviews ablesen, die Art Taylor für sein Buch geführt hat – Tony Williams ist da auch drin, gelesen habe ich das aber noch nicht. Wie weit wer zurück geht, müsste man im Einzelfall herauszukriegen versuchen (und ich glaub denen ja bekanntlich auch nicht immer alles, was sie in Interviews so von sich geben ;-)) – keine einfache Sache, aber es ist jedenfalls klar, dass z.B. die Generation von Randy Weston oder Art Blakey bis an die Anfänge zurück geht, ist gewiss so (und man vergisst es sehr leicht, wenn man mit dem Jazz, der vor der Bebop-Ära gespielt wurde, nichts am Hut hat – ich will hier niemandem was unterstellen, spreche nur von mir selbst). Ich gehe auch schwer davon aus, dass Musiker wie Weston, Blakey (und andere, die immer wieder jüngere Leute in ihre Bands holten: Roy Haynes oder Louis Hayes sind zwei weitere) das auch weitervermittelt haben.

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    #9690523  | PERMALINK

    redbeansandrice

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    vorgarten
    darum geht es mir ja. davon abgesehen würde ich sagen, dass washington mit monk ein paar mehr kontexte teilt als chisholm.

    aber so geteilte Kontexte sind extrem schwer zu zählen und abuwiegen, und irgendwie (aus Sicht des jüngeren) auch ziemlich subjektiv… plus: Monk und Bud Powell waren sich in Sachen geteilte Kontexte sehr ähnlich – und doch sind sie als Einflüsse auf spätere Musikergenerationen in vieler Hinsicht total verschieden

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    #9690525  | PERMALINK

    soulpope
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    Registriert seit: 02.12.2013

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    Anlässlich des 60sten Geburtstages des österreichischen Jazzers Wolfgang Puschnig ist heute ein Artikel im „Online Standard“ und im dazugehörigen Thread habe ich folgendes Zitat gefunden :

    Was immer ich spiele, in meinem Kopf höre ich auch unaufhörlich die Tradition mitsummen.„“
    Arthur Blythe

    Kann das englischsprachige Originalzitat im Netzt allerdings nicht finden ….

    --

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